Interview / Archiv /

 

DGB: Nicht die Menschen wie Zitronen auspressen

Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat auch viele negative Seiten

Fragen von Peter Kapern an Annelie Buntenbach

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied
Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied (AP)

Wochenendarbeit, Überstunden, befristete Verträge: Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen eine dramatische Situation, sagt Annelie Buntenbach vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Um gegenzusteuern müsse vor allem bei Leiharbeit und Bezahlung nachjustiert werden.

Peter Kapern: Heute hat das Bundesamt für Statistik mit Daten und Fakten belegt, was viele Arbeitnehmer ohnehin vermutet haben dürften: die Deutschen arbeiten immer häufiger Nachts und am Wochenende. Auch in anderer Hinsicht wird ihnen immer mehr Flexibilität abverlangt, den Einstieg in den Beruf finden junge Menschen zunehmend über befristete Verträge.
Mitgehört hat Annelie Buntenbach, Mitglied im Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Guten Tag!

Annelie Buntenbach: Ja guten Tag, Herr Kapern.

Kapern: Frau Buntenbach, wie bewerten Sie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes von heute?

Buntenbach: Die zeigen wirklich eine dramatische Situation, und das, was das Statistische Bundesamt da an Zahlen vorlegt, das deckt sich ja mit den Befunden der Krankenkassen, mit dem, was wir auch als DGB in den Beschäftigtenbefragungen immer wieder herausfinden. Der Druck hat irrsinnig zugenommen. Viele sind überlastet, auch weil die Beschäftigungsverhältnisse immer unsicherer geworden sind, viele sind gestresst, die Arbeit schwappt ins Wochenende und in den Urlaub rein, die Zahl der psychischen Erkrankungen hat eklatant zugenommen.

Kapern: Aber kann man denn tatsächlich zunehmende Wochenendarbeit, zunehmende Nachtarbeit automatisch gleichsetzen mit steigendem Druck? Es kann ja dem einen oder anderen auch ganz recht sein, mal am Wochenende zu arbeiten und dafür mal einen Montag oder Mittwoch freizuhaben.

Buntenbach: Wenn man hier Vereinbarungen trifft, die an einer anderen Stelle wieder eine Entlastung bedeuten, dann ist das sicherlich möglich. Aber was bei den Beschäftigtenbefragungen des DGB-Index unser Ergebnis war, dass die Beschäftigten selber gesagt haben, dass der Stress am Arbeitsplatz für mehr als die Hälfte inzwischen der Alltag ist. Jeder Fünfte macht mehr als zehn Überstunden die Woche und zwei Drittel haben gesagt, dass sie immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen und das Gefühl haben, dass sie irrsinnig unter Druck kommen, und das ist ja noch mal was anderes, als wenn man dann Arbeitszeiten auch tauschen kann und da vielleicht flexibler herangehen kann.

Kapern: Was steckt denn Ihrer Meinung nach hinter dieser Entwicklung?

Buntenbach: Ich glaube, dass hier die Arbeitsverdichtung einfach irrsinnig zugenommen hat und der Druck auf die Beschäftigten, und gleichzeitig haben natürlich auch unsichere Beschäftigungsverhältnisse zugenommen, die Leiharbeit zum Beispiel oder Befristungen, und gerade Jüngere haben große Schwierigkeiten, überhaupt nach ihrer Ausbildung oder nach ihrem Studium irgendwo fest in den Beruf zu kommen. Und wer fürchtet, dann gleich wieder auf der Straße zu stehen, für den ist der Druck natürlich auch irrsinnig hoch.

Kapern: Nun könnte man aber auch zu dem Ergebnis kommen, Frau Buntenbach, dass diese Flexibilisierung der Arbeitnehmer, über die wir da sprechen, durchaus einen Beitrag zum deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland geleistet hat.

Buntenbach: Ich glaube, dass wenn die Leute so massiv unter Druck stehen und deswegen so viele Überstunden leisten – und mehr als zehn Überstunden die Woche, das ist ja schon wirklich eine ganze Menge -, dass dann das nicht ein Beitrag ist zum Abbau von Arbeitslosigkeit, sondern dass der Beitrag zum Abbau von Arbeitslosigkeit wäre, wenn Leute wirklich die Arbeit in der Zeit nicht schaffen können, wie sie in ihrem Arbeitsvertrag steht oder wie es eigentlich vorgesehen ist, dass dann, wenn das für einen zu viel ist, es wirklich auch dann zwei tun müssten. Und diese Arbeitsverdichtung, die in den letzten Jahren so zugenommen hat, eben auch wieder dahin verändert werden muss, dass statt die Leute auszupressen wie Zitronen wir entsprechend dann auch mehr Stellen da schaffen müssen, wo die Leute es nicht hinbekommen können.

Kapern: Warum haben die Gewerkschaften diese Entwicklung nicht verhindert?

Buntenbach: Wir haben eine Menge an Arbeitsbedingungen im Betrieb auch verbessert und verbessern können, denn da, wo Betriebsräte, wo Personalräte, Personalrätinnen sind, sind das ja diejenigen, die die Interessen der Beschäftigten, auch die Klagen der Beschäftigten aufnehmen und versuchen, Betriebsvereinbarungen darüber zu treffen, wie man denn auch Arbeitsbedingungen verbessert. Aber natürlich ist es für uns als Gewerkschaften auch da schwer, wo Leiharbeit so zunimmt, wo zum Beispiel Beschäftigungsverhältnisse zweiter Klasse dann im Betrieb stattfinden. Da brauchen wir erst mal die Mitbestimmungsmöglichkeiten durch die Betriebsräte, die haben wir im Moment so nicht, und wir brauchen gleichen Lohn für gleiche Arbeit, das heißt rechtliche Regelungen, die den Rahmen, in dem die Menschen arbeiten, auf einer besseren Grundlage sicherstellen.

Kapern: Annelie Buntenbach, Mitglied im Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Frau Buntenbach, vielen Dank, dass Sie heute Mittag Zeit für uns hatten.

Buntenbach: Gerne!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Ukraine-Gespräche"Ein Durchbruch ist das nicht"

Ein ukrainischer Soldat sitzt neben einem Panzer im Osten der Ukraine.

Nach der Einigung zwischen Kiew und den Separatisten warnt Gerhard Simon vor zu großen Erwartungen. Die beschlossene waffenfreie Pufferzone sei schwer umsetzbar, sagte der Osteuropaexperte im DLF. Sie könne aber den brüchigen Waffenstillstand stärken - und genau daran sei Moskau interessiert.

Asylrecht"Wir hätten hart bleiben müssen"

Die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Simone Peter, spricht am 17.01.2014 in der Bundespressekonferenz in Berlin bei der Vorstellung eines Eckpunktepapiers für die Energiewende.

Die Parteivorsitzende der Grünen, Simone Peter, ist unzufrieden mit dem Auftreten ihrer Partei bei der Abstimmung über Änderungen im Asylrecht im Bundesrat. "Ich hätte mir eine einheitliche Linie gewünscht", sagte sie im Deutschlandfunk.

SPD-Konvent zum TTIP"Im Zweifel Verhandlungen absagen"

Hilde Mattheis, SPD

Das transatlantische Handelsabkommen sorgt für Streit in der SPD. Mehr Transparenz fordern Kritiker der aktuellen TTIP-Verhandlungen wie Hilde Mattheis. Würde die Öffentlichkeit nicht mehr einbezogen, verstoße dies gegen ein Grundprinzip der SPD, sagte die Parteilinke im DLF.

 

Interview der Woche

Bayerns Finanzminister Söder"Der Länderfinanzausgleich belohnt das Nichtstun"

Der bayerische Finanz- und Heimatminister Markus Söder (CSU), aufgenommen am 05.12.2013 auf einer Pressekonferenz in München.

Ähnlich wie für Griechenland in der Eurokrise müsse es für schwache Bundesländer in Deutschland Anreize und Druck geben, ihren Haushalt in Ordnung zu bringen und Strukturreformen anzustoßen, forderte Bayerns Finanzminister Markus Söder im Interview der Woche des DLF. Das bisherige System schädige starke wie schwache Länder.

McAllister über Schottland-Referendum"Das ist eine sehr emotionale Debatte"

David McAllister, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

Der CDU-Europaabgeordnete David McAllister ist Sohn eines schottischen Vaters. Das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum habe in der schottischen Gesellschaft zu tiefen Rissen geführt, sagte McAllister im DLF. Nach der Abstimmung sei es enorm wichtig, wieder Brücken zwischen den Lagern zu bauen.

EZB"Die niedrigen Zinsen sind gerechtfertigt"

Sabine Lautenschläger, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank.

Der Leitzins in der Eurozone ist auf einem neuen Rekordtief - und das zurecht, meint Sabine Lautenschläger im Interview der Woche im Deutschlandfunk. Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank verwies auf die langfristige Verantwortung der EZB. Die Bank wolle keine Sparer ärgern, sondern die Wirtschaft ankurbeln.