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StartseiteBüchermarktDie Anfänge von Radio und Fernsehen in Deutschland01.05.2006

Die Anfänge von Radio und Fernsehen in Deutschland

Clas Dammann: "Stimme aus dem Äther- Fenster zur Welt"

Der Titel von Dammanns Studie zitiert einen Werbespruch der Firma Telefunken. Die Auffrischung des Slogans von "Stimme aus dem Äther", noch angelehnt an die Kosmologie der Alten, in "Fenster zur Welt" nimmt die mediale Vielfalt unserer Gegenwart vorweg. Microsoft sollte sich später dieses Slogans bedienen. Per Satellitenschüssel kann sich jeder, lebte er auch am Ende der Welt, einklinken ins aktuelle Tagesgeschehen per Television.

Den recht mühseligen Weg bis dahin, also der selbstverständlichen Medien-Nutzung überall, zeichnet Dammann akribisch nach. Der Autor möchte einen "Beitrag zu einer Literatur- und Diskursgeschichte des medialen Wandels" leisten, bezogen auf die Anfänge des Rundfunks, 1923-1932, sowie des Fernsehens, 1952-1963, in Deutschland. Die nationale Besonderheit gilt es insofern hervorzuheben, als in den USA zum Beispiel das Broadcasting keine Einrichtung war, die staatlicher Kontrolle unterstand. Hierzulande gilt diese selbst für private Sender bis heute.

Wohl jede technologische Innovation stieß nicht auf einhellige Begeisterung. Teils fragte man sich, welchen Nutzen denn Buchdruck, Telefonie oder Rundfunk haben könnten, teils fürchtete man um die psychische Stabilität angesichts der neuen Medien, die imstande waren, gleich Einbrechern und noch dazu unsichtbar ins beschützte Heim, den abgeschirmten Mikrokosmos des Bewußtseins einzufallen.

Sicher trifft es zu, dass der Rundfunk "das Leit- und Symbolmedium" der Weimarer Zeit war, nur bedenkt hier Dammann nicht, dass sich der Sprung von 10 000 Teilnehmern 1923 auf 4 Millionen im Jahr 1932 der subventionierten Radios verdankt, nicht etwa der Faszination der ausgestrahlten Programme. Die Nationalsozialisten schließlich legten Wert darauf, möglichst jeden Haushalt der Volksgenossen radiophonisch erreichen zu können: die Geburtsstunde des "Volksempfängers".

Dammanns Interesse gilt primär den kritischen Reaktionen der Rezipienten, sprich: Empfänger des jeweils neuen Mediums. Diese konfrontiert er mit dem Anspruch, ja der Euphorie der ersten Macher, die gar von "Welle Erdball" vor dem Mikrophon tönten.

Beim Rundfunk stellte zunächst die "Körperlosigkeit" der Akteure ein Problem dar. Im Gegensatz zur Bühne waren Stimme und Körper getrennt. Andere Vorbehalte, geäußert u.a. von Bert Brecht, bezogen sich auf das Monologische des Rundfunks, die einseitige Kommunikation, die den Hörer zur Passivität verurteilt. Da der Zuschauer im Theater oder Kino über kaum mehr Interaktivität verfügte, verwundert dieser Einwand. Bei Schallplatte und Stummfilm war die Trennung von Körper und Stimme der Normalfall, so dass sich die Frage stellt, was sich die Empfänger vom Rundfunk an Wundern erwarteten.

Die Inhaltsdebatte stand, damals wie heute, im Brennpunkt. Sollte sich das junge Massenmedium Bildung oder vielmehr Unterhaltung zur Aufgabe und zum Ziel machen? "Quasselfunk", so der polemische Werbespruch eines Privatsenders, oder "Dudelsender" werden – mit Nonstop Musikberieselung und Werbung? Der Autor verknüpft nun die generelle Kritik am drahtlosen Medium mit detaillierten Analysen erster Hörspiele der 30iger Jahre. Auch hier wurde gehöhnt, dass es sich um eine Art "Schauspiel für Blinde" handele. Gleichwohl versuchten sich Autoren wie Bronnen, Brecht oder Kästner im neuen Genre. Walter Ruttmanns "Film ohne Worte", Weekend, markiert schließlich den "Abschied vom 'Wort-Kunstwerk'", kostatiert Dammann. Ruttmann, der vom Film kam, setzte systematisch das Prinzip der Montage ein, das Schriftsteller wie Carl Einstein praktiziert hatten. Dabei sind Geräusche nicht nur Beiwerk, sondern die einzigen Bestandteile dieses Klang-Raums. Die technische Voraussetzung für die avancierte Nutzung des Mediums Radio stellte der Tonfilm dar, denn Aufzeichnungen auf Magnetband gehörten erst ab 1941 zum Standard.

Die nächste mediale Revolution vollzog sich hierzulande 1952 mit dem Fernsehen. Zwar wäre es technisch schon in den 30iger Jahren möglich gewesen, nur erschien den NS-Machthabern das Bildformat als schlichtweg zu klein, um es für propagandistische Zwecke attraktiv zu finden. Auch hier ist das Teilnehmerwachstum rasant, obwohl die Geräte im Vergleich zu heute relativ kostspielig waren. Innerhalb von zehn Jahren gibt es einen Sprung von 5000 Geräten zu 7 Millionen im Jahre 1963. Auch hier gleichen die kritischen Stimmen denjenigen, die bei der Einführung des Radios laut wurden, eine Spur zugespitzter sogar.

Angesichts eines einzigen Programms, dass im Gründungsjahr gerade einmal 2 Stunden lang abends sendete, konstatierten Feingeister bereits Bilderflut und Übersättigung, warnten vor der Gefahr der Verdummung durch die Mattscheibe. Unheimlich wirkte auf die Zuschauer der ersten Jahre zumal die virtuelle Aufhebung der Distanz wie auch die Gleichzeitigkeit, so dass man eine "Veränderung der Sinne und Nerven" befürchtete, die sprichwörtliche "Reizüberflutung". Zu den prominentesten Fernsehkritikern jener Zeit zählten Theodor W Adorno sowie Günter Anders Sie gingen vom unmündigen Fernseher aus, dem die Wirklichkeit abhanden kommt, weil er sie, gleichsam hypnotisiert, nicht mehr von der medial vermittelten Realität unterscheiden kann. Dieser wesentliche Einspruch ist – leider – alles andere als antiquiert, er nimmt sogar vorweg, was Jean Baudrillard die Ära der Simulation taufen sollte. Zwar mussten selbst Skeptiker der Television zugestehen, dass diese authentischer war, zumindest den Eindruck erweckte, als Zuschauer "live" dabei zu sein. Aber um den Preis der möglichen "Atomisierung", der "kollektiven Einsamkeit". Bei der Kontroverse standen sich Aufklärungs-, Informationsanspruch auf der einen Seite, und zu befürchtende Gleichschaltung, Betäubung durch Amüsement auf der anderen gegenüber.

Die Fernsehpraxis der Adenauer-Zeit, die in Dammanns Untersuchung anhand von ausgewählten Beispielen dargestellt wird, war selten mehr als "fotografiertes Theater" bzw. Schwarz-Weiß-Film im Zwergenformat. Für eigenständige TV-Formate, wie das Fernsehspiel, bedurfte es nicht allein der Autoren, sondern der entsprechenden Technik: Anfangs konnte ausschließlich live gesendet werden.

Da das Medium TV mit für heutige Maßstäbe nicht gerade aufregenden Produktionen an den Start ging, überrascht sein ungebrochener Siegeszug umso mehr. Aber schon vor 50 Jahren war das Unterhaltsame, die leichte Muse quotenträchtig.

Dammanns Buch entfaltet schlüssig die Diskrepanz zwischen Anspruch und Resultat von Radio und Fernsehen in deren Anfangsjahren. Dies betrifft sowohl inhaltliche als auch ästhetische Aspekte.

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