Markt und Medien / Archiv /

 

Die Aufregungsspirale

Sarrazins Thesen und das Versagen des Journalismus

Von Brigitte Baetz

"So viel Hype schaffen sonst nur noch die deutsche Fußballnationalmannschaft oder Lena"
"So viel Hype schaffen sonst nur noch die deutsche Fußballnationalmannschaft oder Lena" (AP)

Hat Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin in der vergangenen Woche zu viel mediale Aufmerksamkeit erhalten? Der sprichwörtliche "Blick aufs Wesentliche" wird in so mancher blitzartig geborenen Debatte schnell verstellt.

Vielleicht war sie ja schon immer naiv - diese Annahme, Journalisten hätten die Aufgabe, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Sie wären dafür da, eine Schneise zu schlagen in das Unterholz der Informationen, die täglich, stündlich, ja inzwischen sogar im Sekundentakt aus dem Boden schießen, um uns Allen den Blick auf die wesentlichen Dinge zu verstellen. Der Gedanke hinter dieser Annahme: für eine funktionierende Demokratie braucht es einen Ort, an dem die wichtigen Anliegen einer Gesellschaft sachlich diskutiert werden, damit der Bürger sich eine Meinung bilden kann.

In Wirklichkeit, das zeigen die vergangenen Tage, sind Journalisten jedoch nicht die Vermittler von Fakten und begründeten Meinungen, sondern die Veranstalter eines großen Kasperletheaters. Der Vorteil für das Publikum: Es kann selbst entscheiden, welchen Mitspieler es für den Räuber, den Polizisten oder gar das Kasperle hält.

Wir erinnern uns: die Vorstellung begann damit, dass "Bild" und "Spiegel" zeitgleich den Vorabdruck eines neuen Buches brachten. Eine Ehre, die sonst nur Staatschefs oder gewesenen Sportgrößen zuteil wird. Das Kalkül: die Aufregung wird groß sein, die Auflage aller Beteiligten wird steigen. Das Werk schoss, noch nicht veröffentlicht, auf Platz eins der Amazon-Verkaufsrangliste.

Mehr als 250 Journalisten standen Schlange, um dabei zu sein, als Thilo Sarrazin dann endlich unter minutenlangem Blitzlichtgewitter sein Buch in die Kameras hielt und für die Leser freigab. So viel Hype schaffen sonst nur noch die deutsche Fußballnationalmannschaft oder Lena. Und seitdem ist kein Halten mehr. Sarrazin auf allen Kanälen, in allen Zeitungen. Selbst dort, wo er nicht persönlich dabei sein kann oder dabei sein darf, wird nur noch über ihn gesprochen – über den Mann und seine Wortwahl. Natürlich wäre es jetzt auch viel zu spät, "Halt!" zu rufen, jedes Medium, das da nicht mitmacht, würde sich selbst kastrieren.

Es ist ja auch zu schön. Hier kann jeder mitreden. Gesundheitsreform, Verseuchung des Golfs von Mexiko, Pakistans Elend und das Erstarken des Islamismus dort – das ist doch alles so kompliziert oder so wenig beeinflussbar oder doch so weit weg. Ein paar einfache, provokante Thesen jedoch bringen Auflage und Quote. Man muss sich noch nicht einmal mit ihnen auseinandersetzen. Wer provoziert, bekommt in unserer Mediengesellschaft zwar die meiste Aufmerksamkeit, doch er erstickt auch jede vernünftige Auseinandersetzung. Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen angewidert. Mehr will kaum einer wissen.

Der "Spiegel", der Sarrazin mit einem Vorabdruck adelte, hat sich in der nächsten Ausgabe sofort von ihm distanziert. Manche nennen das Heuchelei. Man kann es auch journalistisches Versagen nennen, denn es hätte keines neuen Buches bedurft, um kritische Fragen zur Integrationspolitik zu stellen. Spätestens, wenn Thilo Sarrazin kein wichtiges Amt mehr innehat, wird es im medialen Kasperletheater heißen: der Vorhang zu und alle Fragen offen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Markt und Medien

Der Journalist Dagobert Lindlau "Ich würde nicht wieder Reporter werden"

Der Journalist Dagobert Lindlau im Jahr 2012

Er war Chefreporter der ARD und Korrespondent für Südosteuropa. Er moderierte den Weltspiegel und diverse Talkshows. Er hat Bücher geschrieben, Filmdialoge verfasst und amerikanische Theaterstücke übersetzt. Er bekam drei Mal den Grimme-Preis und noch häufiger Ärger: Dagobert Lindlau hat das Fernsehen von seinen Anfängen an begleitet.

BundespressekonferenzEine Polit-Institution wird 65

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) vor der Bundespressekonferenz.

Die Bundespressekonferenz ist seit mehr als 60 Jahren eine wichtige Informations- und Bilderquelle für die Medien. Noch immer nehmen Politiker, Vertreter von Gewerkschaften oder NGOs hier Platz - aber diese Institution kämpft heute immer mehr um die Aufmerksamkeit im schnellen Medienrummel.

Akten des Auswärtigen Amts Von Außenminister Genscher zu Genschman