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StartseiteForschung aktuellDie Blutmacher29.09.2011

Die Blutmacher

Beim Blood Farming wird künstliches Blut für die Medizin hergestellt

Blut ist für den Menschen ein besonders wichtiger Stoff, vor allem nach Operationen mit hohem Blutverlust. Doch immer wieder kommt es zu Engpässen, weil mehr Blut gebraucht als gespendet wird. Künstlich hergestelltes Blut könnte ein Ausweg sein.

Von Michael Engel

Engpässe bei Blutkonserven kommen immer wieder vor. (AP)
Engpässe bei Blutkonserven kommen immer wieder vor. (AP)

Es sind vor allem die Leukämiepatienten, die nach einer Stammzelltherapie mit Knochenmark über Wochen mit Thrombozyten-Konzentraten versorgt werden müssen, weil ihre Blutgerinnung mangelhaft ist. Bei einigen Betroffenen aber reagiert dann das Immunsystem, bildet Antikörper gegen die gespendeten Blutplättchen, die dann zerstört werden. Professor Rainer Blasczyk von der Medizinischen Hochschule Hannover:

"Diese Patienten sind sehr schwer zu versorgen. Es kommt also nicht mehr zum Anstieg der Blutplättchen nach Transfusion. Es gibt nicht so viele Behandlungsoptionen und Patienten erleiden Blutungen in diesen Situationen, die auch tödlich sein können."

Grund für die überschießende Immunreaktion sind die sogenannten HLA-Merkmale auf der Oberfläche des Spenderblutes. Stimmen die Merkmale nicht 100prozentig überein, kann es in seltenen Fällen zu Immunreaktionen kommen. Warum also nicht Thrombozyten in der Retorte herstellen, bei denen die HLA-Merkmale ausgeschaltet sind? Rainer Blasczyk, der die Idee dazu hatte, spricht von "Designer-Thrombozyten", die er aus den Blutstammzellen eines fremden Spenders gewinnt.

"Das haben wir durch einen gentechnischen Trick erreicht, indem wir nämlich die Stammzellen, aus denen wir diese Thrombozyten herstellen, gentechnisch so verändert haben, dass diese Gene ausgeschaltet werden. Und nachdem wir die Gene ausgeschaltet haben, differenzieren wir diese Stammzellen zu Thrombozyten, die wunderbar funktionieren, genauso gut funktionieren wie alle anderen Thrombozyten auch, aber ihnen fehlen diese Antigene, gegen die der Patient Antikörper bilden kann."

Die Vorteile des Designer Blutes sind vielfältig. Blutplättchen ohne kritische HLA-Merkmale wären für alle Patienten verträglich. Es gäbe kein Infektionsrisiko zum Beispiel durch unerkannte Tropen-Krankheiten beim Spender. Außerdem stünde das Designerblut in beliebiger Menge zur Verfügung, wenn es den Forschern auch noch gelingt, die Blutplättchen aus beliebig vermehrungsfähigen embryonalen bzw. induzierten pluripotenten Stammzellen zu gewinnen. Noch aber steckt das Projekt in der Grundlagenforschung, sagt Rainer Blasczyk:

"Wir stehen jetzt kurz vor dem Mausversuch. Die Thrombozyten haben wir in vitro untersucht, und die funktionieren wunderbar, erfüllen alle Vorgaben, die man Thrombozyten stellt. Wir werden sehen, davon gehe ich aus, dass diese Thrombozyten auch in vivo voll funktionsfähig sind. Und dann geht es darum, so schnell wie möglich die Produktion hochzufahren, um an Mengen zu kommen, die auch für einen Menschen geeignet sind."

Neben Designerblut ist Blood Farming ein wichtiges Thema in der Forschung. Vor wenigen Tagen wurden in Frankreich künstlich hergestellte rote Blutkörperchen erstmals einer Versuchsperson erfolgreich injiziert: Das Blut wurde gut vertragen. Ausgangspunkt waren induzierte pluripotente Stammzellen aus der Haut des Empfängers. In einem komplizierten Verfahren mit einem Cocktail verschiedenster Wachstumsfaktoren entstanden daraus zwei Milliliter fast fertiges Kunstblut. Professor Axel Seltsam, Leiter der Forschung und Entwicklung beim DRK-Blutspendedienst Springe, sieht hier allerdings noch viel Forschungsbedarf:

"Was in vielen Studien bislang noch nicht optimal gelungen ist, sozusagen diesen letzten Ausreifungsschritt zu machen. Viele Protokolle enden dabei, dass man sozusagen im vorletzten Zelltyp hängen bleibt, und dann nur noch ein geringer Prozentsatz den wirklich ausgereiften Zustand erreicht. Da ist - denke ich - auch noch ein bisschen Forschungsarbeit notwendig, um auch zu verstehen, was ist denn notwendig, um das im großen Maße hinzubekommen."

Nicht zu vergessen die Kosten. Die Herstellung eines Designer-Thrombozyten-Konzentrates kostet heute noch mehrere zehntausend Euro. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim Blood Farming der roten Blutkörperchen. Demgegenüber ist eine Blutkonserve von einem menschlichen Blutspender gerade mal für 80 Euro zu haben. Solange das noch so ist, muss sich das Deutsche Rote Kreuz vor der Konkurrenz aus der Retorte wohl nicht fürchten.

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