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StartseiteBüchermarktDie Erfindung der Phantasie30.12.2010

Die Erfindung der Phantasie

Arthur Krasilnikoff: "Das Auge des Wals". Verlag Martin Wallimann

Arthur Krasilnikoff ist trotz seines russischen Namens ein dänischer Autor und ursprünglich Filmregisseur – wie etliche seiner dänischen Schriftstellerkollegen. Bekannt wurde er aber durch seine fabulierend-realistischen Romane und Erzählungen.

Von Peter Urban-Halle

Die Flosse eines Pottwals. (Stock.XCHNG / René te Witt)
Die Flosse eines Pottwals. (Stock.XCHNG / René te Witt)

Sein jetzt erschienenes Buch "Das Auge des Wals" erinnert an seine Heimat, die Färöer, wo er als Kind im Alter von vier bis neun Jahren gelebt hat.

Einen "Roman in 111 Stücken" nennt der dänische Schriftsteller Arthur Krasilnikoff seine Erinnerungen an die Färöer, wo er in seiner Kindheit fast fünf Jahre verbrachte, die für seine weitere Entwicklung von großer Bedeutung waren. Gelegentlich taucht die Inselgruppe in seinen literarischen Arbeiten auf, was aber wichtiger ist: Hier lernte er das Sehen und das Erfinden.

Der kleine Astur – wie Arthur auf den Färöern genannt wird – kommt im Alter von vier Jahren nach Torshavn, sein Vater soll hier als Apotheker arbeiten, es ist 1945, der Krieg eben zu Ende. Hier entdeckt Astur, fast wie die Surrealisten, eine "wunderbare neue Welt", die nicht nur auf den wirklichen Gegebenheiten beruht. Sie entspringt in erster Linie seiner ungezügelten Fantasie. Dabei spielt das Auge eine gewichtige Rolle. Krasilnikoff nennt diese Miniaturen aus seiner Kindheit "Das Auge des Wals".

Er war gerade vier Jahre alt, da sah er seinen ersten Wal. Seinen schreibe ich, Unsinn, er hatte kaum eine Ahnung, was er selbst und was der Wal war. Es fiel ihm leichter, das Auge des Tiers zu entdecken, als dessen Körper zu überschauen. Durch dieses Auge waren sie verbunden ... Dieses Auge, das muntere Walauge, trägt er mit sich für den Rest seiner Tage.

Was das Auge sieht, ist zunächst nichts weiter als die "Illusion Realität", wie Aragon es in seiner "Rede der Phantasie" nennt. Aber bei Krasilnikoff ist das sehende Auge keine schlichte Kamera mehr, welche die Bilder aufnimmt und wiedergibt, sondern das Tor zu einem Geist, in dem die Bilder nicht nur verwandelt werden, sondern zu ihrem eigentlichen Leben finden. Es ist ein schöpferisches Auge.

Ein solches Auge erscheint ihm auch in der beinahe geistlichen Übung, der sich Astur mit seiner älteren Schwester Darja allabendlich unterzieht. Nicht von ungefähr erinnert die Übung an die katholischen Exerzitien, immerhin hat sich die Familie im Untergeschoss des katholischen Pfarrhauses eingemietet. Es ist eine Übung mit psychedelischen Folgen:

"Jahrelang hatten Astur und Darja die Gewohnheit, vor dem Einschlafen im Bett niederzuknien und den Kopf auf das Kissen zu legen. Dann pressten sie ihre geballten Fäuste auf die geschlossenen Lider und drückten die Knöchel der Zeigefinger kräftig gegen die Augäpfel. Das tat weh, doch je stärker man presste, umso mehr phantastische Figuren und Farben kamen zum Vorschein: silberne Rosen auf hellrotem Grund, flammende Sonnen in einem dunkelroten Himmel ... Irgendwann bemerkte Astur [darin] ein Auge, das ihn wiederzuerkennen schien."

Was ist das für ein Auge, das ihn da anschaut? Entweder sein Eigenes – das vermutet jedenfalls die Schwester –, oder das Auge des Wals, das ihn "wiedererkennt". So oder so, es hat einen schöpferischen Blick: Es erschafft etwas, in diesem Falle erschafft es ihn, Astur. In dieser Art Trance ereignet sich Asturs eigentliche Geburt.

Damit entdeckt er – oder erfindet sogar – die Phantasie, eine Phantasie, die ihm auch die Schule nicht austreibt, obwohl sie von Franziskanerinnen geleitet wird; aber es ist eine gute Schule, die für ihre Disziplin, aber auch Toleranz bekannt ist. Und dass seine "wunderbare neue Welt" nur im Kopf ist – aber das reicht ja, um poetisch zu sein –, weiß der patente Astur ganz genau. Wenn er die Regenpfeile beobachtet, die an die Fensterscheibe prasseln – ein Regen, gegen den auch das Klavierspiel der Mutter nicht ankommt –, sieht er Folgendes:

"Heere bekämpfen sich und treiben einander erbarmungslos über die Scheibe bis in den Tod. Seine Ohren hören das Kriegsgetümmel, Gebrüll und Geschrei von Soldaten ... Fragst du Astur, was er da sieht, wird er bloß antworten:
– Das ist Regen, ist doch wohl klar."


Die Färöer sind ein karges Archipel, das nicht viele natürliche Reize bietet. Dafür gibt es überall Gestalten, Figuren, Gesichter, wohin der Blick auch fällt. Die Dörrfische, die zum Trocknen aushängen, gleichen Schauspielermasken, unwillkürlich denkt man an das japanische No-Spiel. Sogar Stimmen und Schreie hört Astur dann, so laut, dass er sich die Ohren zuhalten muss. Ja, eigentlich existieren die Dinge erst durch den Blick des Jungen. Auch der verwirrende Reiz des weiblichen Geschlechts ruft fast surreale Bilder hervor: Die Worte einer kleinen Nachbarin "sprangen wie atmende Tierchen über sein Gesicht". Naturmächte wie der Wind werden zu Lebewesen und zeigen Gefühle, ja, manchmal bekommen auch die Dinge ein Leben, ein spannendes sogar. Was bei Krasilnikoff eine Holzkiste durchmacht – von ihrer stolzen Aufgabe am Anfang bis zu ihrem schmählichen Tod am Ende –, lesen wir sonst nur bei Hans Christian Andersen.

In Arthur Krasilnikoffs Afrika-Roman "Die Geierkrieger" steht der Satz "Wir verändern die Welt, indem wir von ihr erzählen". Für seine bezaubernden, klugen und ungemein witzigen Kindheitserinnerungen gilt die Erkenntnis: Wir verändern die Welt, indem wir sie sehen.

Arthur Krasilnikoff: Das Auge des Wals
Ein Roman in 111 Stücken
Aus dem Dänischen von Gisela Perlet
Verlag Martin Wallimann, Alpnach/Schweiz 2010
240 Seiten, 20 Euro

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