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Die Genauigkeit der Wahlprognosen

Hans Mathias Kepplinger

<strong> Heuer: </strong> Forsa, Emnid, Infratest Dima, Allensbach und die Forschungsgruppe Wahlen. TV-Duelle zwischen Kanzlern und solchen, die es werden wollen, Streitgespräche mit den Fachpolitikern der Parteien und Sommerinterviews in Hülle und Fülle. Je näher die Bundestagswahl rückt desto umfangreicher und genauer werden wir Wähler über unsere eigenen Stimmungen, über politische Programme und mehr oder weniger erfolgreiche Medienauftritte der Kandidaten ins Bild gesetzt. An Informationen mangelt es wirklich nicht, doch wem nützt das alles? Was bewirkt es? Haben Sie sich zum Beispiel für eine andere Partei entschieden, weil die neuesten Umfragen der Meinungsforschungsinstitute nunmehr für ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und Union sprechen? Und wie verlässlich sind die Meinungserhebungen vor der Bundestagswahl eigentlich? Fragen, die uns nun hoffentlich Hans Matthias Kepplinger beantwortet. Er ist Professor für Publizistik an der Universität Mainz. Guten Morgen, Professor Kepplinger.

Kepplinger: Guten Morgen.

Heuer: Nur noch 16 Tage sind es bis zur Bundestagswahl. Die neuesten Umfrageergebnisse liegen vor. Bleibt es denn jetzt im wesentlichen dabei oder ändert sich noch etwas?

Kepplinger: Das hängt natürlich davon ab, ob dramatische Dinge geschehen. Wenn nichts Wesentliches, nichts Dramatisches geschieht, dann wird das wohl im Wesentlichen so bleiben, wie wir es im Moment haben.

Heuer: Das heißt, es gibt eine Kopf-an-Kopf-Rennen?

Kepplinger: Ja gut, da sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Instituten ja sehr groß: Während Allensbach relativ starke Unterschiede zwischen SPD und CDU sieht, sehen die anderen das nicht. Wenn man das beurteilen will, muss man sich fragen: Wer hat in der Vergangenheit besser gelegen? Bei der letzten Bundestagswahl lag Allensbach doch deutlich näher an dem Endergebnis als die anderen. Deshalb müsste man sagen, dass zunächst mal wohl das Allensbacher Ergebnis das richtige ist.

Heuer: Wenn das stimmt, dann kann sich die FDP freuen, denn in den Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach liegt die FDP regelmäßig sehr gut, schneidet sehr gut ab. Bis zu drei Prozent Unterschied zu anderen Meinungsumfragen sind es im Moment. Wie kann es zu einer dermaßen großen Abweichung kommen?

Kepplinger: Sie sagen es mit Recht: Das ist in der Regel so bei Allensbach, und der Grund liegt in der Abfrage-Methode. Allensbach fragt nicht direkt, welche Partei die Befragten wählen wollen. Allensbach fragt zunächst, ob den Befragten bekannt ist, dass wir eine Erst- und Zweitstimme haben. Diejenigen, die sagen, dass ihnen das bekannt ist, werden dann zunächst gefragt, wem sie die Erststimme geben wollen und dann werden sie gesondert gefragt, wem sie die Zweitstimme geben wollen. Und aufgrund dieses sehr komplexen Abfrage-Modells wird den Befragten sozusagen die Entscheidungssituation in der Wahlkabine vor Augen gestellt, bewusst gemacht, und auf diese Weise werden die oft taktischen Wähler der FDP besser gegriffen, als dass bei den anderen Instituten zumindest in der Vergangenheit war.

Heuer: Und das Ergebnis dieser Methode ist genauer und stichhaltiger als das anderer Institute?

Kepplinger: Zumindest in der Vergangenheit hat sich das gezeigt. Das kann man natürlich für die Zukunft nie mit Sicherheit sagen, aber bisher war es so.

Heuer: Wieso machen das andere Institute dann nicht genauso?

Kepplinger: Der Grund liegt im Erhebungsverfahren. Alle anderen Institute machen Telefonumfragen. Allensbach macht persönliche Interviews. Bei persönlichen Interviews kann man eher solche komplexen Dinge in den Fragebogen einbauen als bei den telefonischen Interviews. Der Aufwand ist erheblich größer. Das geht am Telefon wesentlich schlechter, ist auch teuer, muss man dazu sagen.

Heuer: Gibt es auch Meinungsforschungsinstitute, die sie als parteiisch kennzeichnen würden?

Kepplinger: Die gibt es, die werde ich aber nicht nennen.

Heuer: Wieso denn das nicht? Das ist doch interessant.

Kepplinger: Also, parteiisch - wissen Sie, ich würde das für alle etablierten Institute zunächst einmal ausschließen, und zwar deshalb weil diese Institute die größte Menge ihres Geldes ja nicht mit diesen Wahlumfragen verdienen, sondern die verdienen ihr Geld mit Aufträgen aus der Industrie. Und diese Aufträge kommen aufgrund des Renommees, das die Institute haben. Das Renommee ist im Sinne: Sie machen gute Umfragen. Und die können sich gar nicht leisten, einfach wegen einer Partei eine Umfrage in eine bestimmte Richtung zu drücken. Das würde ich für Infratest, für Emnid und für Allensbach sagen. Da sind die Interessenslagen der Institute schon davor. Das gilt vielleicht nicht für alle in gleichem Maße, auch die Nichtgenannten.

Heuer: Wie ehrlich sind denn eigentlich die Befragten in diesen Meinungsumfragen?

Kepplinger: Es gibt natürlich immer wieder Befragte, die schwindeln. Allerdings ist der Anteil der Schwindler sehr gering. Man kann das testen durch sogenannte Lügenfragen. Also, es gibt zum Beispiel Fragen, die danach zielen, Prominente zu nennen, die man kennt und von denen man gehört hat, und in solche Listen werden dann Phantasienamen eingeschleust, und die Frage ist, wie viele Personen solche Phantasienamen nennen, um sich einfach wichtig zu machen. Der Anteil ist außerordentlich gering. Es gibt vergleichbare Testfragen mit anderen Themen. Also, normalerweise sagen die Leute schon die Wahrheit. Es gibt natürlich Problemfälle, wo sie nicht in dem gleichen Maße bereit sind, die Wahrheit zu sagen, also etwa, wenn es um psychische Erkrankungen, um sexuelle Verhaltensweisen geht.

Heuer: Aber wir sind jetzt kurz vor der Wahl und fragen mal nach der Sonntagsfrage: Es gibt auch das Stichwort Spirale des Schweigens, das heißt zum Beispiel, dass sich Möllemann-Fans nach der Antisemitismus-Debatte auch in Meinungsumfragen nicht mehr outen, dann aber doch die FDP wählen. Ist vor diesem Hintergrund mit großen Abweichungen zwischen Umfragen und Wahlausgang zu rechnen?

Kepplinger: Bei der FDP bin ich mir da unsicher, aber es gibt dieses Problem bei den links- und vor allem bei den rechtsradikalen Parteien. Das ist der Grund, weshalb in vielen Umfragen die NPD oder andere rechtsradikale Parteien zu niedrig eingeschätzt wurden. Die Leute sind nicht bereit, im Interview ihre wahre Wahlabsicht zu äußern und dann sind die Ergebnisse am Ende höher als man denkt. Das Problem gibt es, ja.

Heuer: Glauben Sie, dass das bei dieser bevorstehenden Bundestagswahl der Fall sein wird?

Kepplinger: Das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass das irgendwo ein nennenswerte Rolle spielt.

Heuer: Anderes Beispiel: PDS-Wähler bewegen sich angeblich mit Vorliebe in der Spirale des Schweigens. Heißt das, dass die PDS doch nicht um ihren Wiedereinzug in den Bundestag bangen muss?

Kepplinger: Ich sehe nicht, dass die PDS sich in dieser Spirale des Schweigens bewegt. Die PDS hat ja in der Öffentlichkeit, in der Publizistik, bei weitem nicht so viel Gegenwind, wie meinetwegen die Republikaner und die NPD. Auch in den neuen Ländern nicht oder schon gar nicht in den neuen Ländern. Also, das kann ich nicht erkennen. Die PDS hat nicht weniger oder nicht mehr Schweigedruck als die SPD oder die FDP im Moment.

Heuer: Hans Mathias Kepplinger war das, Professor für Publizistik an der Universität Mainz. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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