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StartseiteForschung aktuell''Die giftige Wahrheit über Zucker''02.02.2012

''Die giftige Wahrheit über Zucker''

US-Forscher warnen in ''Nature'' vor Fruktose

Medizin. - Ein Kommentar im Fachjournal "Nature" ist mit "Die giftige Wahrheit über Zucker" überschrieben. Die provokante Zeile meinen die Autoren allerdings sehr ernst. Sie machen die immer größeren Mengen von Zucker in der Nahrung für die epidemieartige Steigerung von Fettleibigkeit und Stoffwechselerkrankungen verantwortlich.

Von Volker Mrasek

Der Anteil der Übergewichtigen in den westlichen Gesellschaften steigt dramatisch. (AP)
Der Anteil der Übergewichtigen in den westlichen Gesellschaften steigt dramatisch. (AP)

"Es geht hier um den Zucker, den die Lebensmittelindustrie ihren Produkten bewusst zusetzt. Vorgeblich, damit sie besser schmecken. Tatsächlich aber, damit sie sich besser verkaufen. Hier liegt das Problem."

Innerhalb der letzten 50 Jahre habe sich der Konsum von Zucker weltweit verdreifacht. Robert Lustig und seine beiden Ko-Autorinnen schreiben das einem Trend zu, der weiter anhält: Immer mehr Fertiglebensmittel werden gesüsst. Die Industrie reichert sie mit sogenanntem fruktosereichen Kornsirup an oder auch mit Saccharose. Beide Zusätze enthalten Fruchtzucker, Fruktose. Claire Brindis, Professorin und Gesundheitswissenschaftlerin an der Universitätskinderklinik in San Francisco:

"Wenn ich mir zum Beispiel Brot in den USA anschaue, dann ist unter den Zutaten in zunehmendem Maße Zucker. Saucen, Ketchup und viele andere Lebensmittel waren immer frei davon – heute aber steckt auch in ihnen Zucker. Es sind nicht nur Softdrinks und Limonaden, die gesüsst werden. Das trifft auf eine Vielzahl von Lebensmitteln zu, die übermäßig stark verarbeitet sind."

Die Wissenschaftler bringen das alles in Verbindung mit einem anderen - globalen - Trend. Brindis:

"Für Gesundheitsexperten ist es ein Alarmzeichen, wenn die Vereinten Nationen feststellen: Heute sind mehr Menschen auf dieser Welt fettleibig als unterernährt. Für mich ist das ein Zeichen dafür, daß die USA viel zu viel Erfolg damit haben, eine ihrer schlechtesten Gewohnheiten zu exportieren."

Damit meint die Gesundheitswissenschaftlerin den westlichen Ernährungsstil samt der vielen gezuckerten Fertiglebensmittel. Wobei auch Robert Lustig etwas klarstellen möchte. Es geht hier nicht um den Fruchtzucker in Obst.

"Wenn Sie Obst essen, dann nehmen Sie den Fruchtzucker immer zusammen mit pflanzlichen Fasern auf. Diese Ballaststoffe sorgen dafür, daß nicht so viel Zucker verstoffwechselt wird und ins Blut übergeht. Die Fasern sind wie ein Antidot: Sie verhindern eine Überdosierung von Fruktose im Körper. Wir haben sehr spezifische Daten, die zeigen: Wenn man Zucker zusammen mit Ballaststoffen einnimmt, dann ist das nicht schädlich."

Die Industrie aber setzt Fruktose Lebensmitteln pur zu, ohne regulierende Pflanzenfasern. In dieser Form, und im Übermaß genossen, sei kalorienreicher Fruchtzucker ein großes Risiko für die Gesundheit, sagt der US-Kinderarzt:

"Fruktose wird völlig anders im Körper umgesetzt als zum Beispiel Traubenzucker, nämlich eher wie Alkohol. Fruktose kann deshalb auch die gleichen Erkrankungen verursachen wie Alkohol. Das sind zum Beispiel Leber- oder Herz- und Kreislaufschäden. Fruchtzucker geht direkt in die Leber und kann sie überladen und vergiften. Wenn das passiert, kommt es zu verschiedensten Stoffwechsel-Störungen. Am Ende steht dann eine Erkrankung, die wir Metabolisches Syndrom nennen."

Unter diesem Begriff fasst man eine Reihe von Leiden zusammen, die häufig mit falscher Ernährung zu tun haben – angefangen von Fettleibigkeit über Diabetes bis hin zu ernsten Herzerkrankungen. Lustig:

"Hier in den USA fließen inzwischen Dreiviertel des Gesundheits-Budgets in die Behandlung nicht-übertragbarer Krankheiten wie Fettsucht, Diabetes, Herzleiden und Krebs."

Die Forscher machen dafür vor allem den Zusatzstoff Fruktose verantwortlich. Man müsse ihn daher auf eine Stufe mit Tabak und Alkohol stellen. Fruchtzucker mache zwar nicht abhängig. Er sei aber allgegenwärtig in Fertiglebensmitteln, sein Konsum praktisch unvermeidbar. Ein erster Schritt könne sein, das Süßungsmittel von der Liste der als sicher angesehenen Zutaten zu streichen. Dann dürfte die Industrie ihren Produkten nicht mehr beliebige Mengen Fruktose zusetzen. Das, so die Forscher, wäre auch ein starkes Signal an die Behörden in Europa, wo Fettsucht und Diabetes ebenfalls epidemieartig zugenommen haben.

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