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StartseiteMarkt und MedienDie Googleisierung in den Redaktionen28.06.2008

Die Googleisierung in den Redaktionen

Studie: Die Hälfte aller Journalisten verlässt sich auf reine Internetrecherche

Fast die Hälfte der deutschen Journalisten verlässt sich auf die reine Internetrecherche über Suchmaschinen wie Google, etwa 40 Prozent nutzen Nachrichtenagenturen. Und nur ein Bruchteil – jeder Zehnte, nutzt noch das klassische Recherchetelefonat. Das ist das Ergebnis der Studie "Journalistische Recherche im Internet" - im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Mehr als 600 Journalisten in 34 Medien wurden bundesweit schriftlich befragt und 235 bei der Arbeit beobachtet.

Von David Goeßmann

Google: Erster Rechercheansatz vieler Journalisten (AP)
Google: Erster Rechercheansatz vieler Journalisten (AP)

"Das Internet ist immer Ausgangspunkt meiner Recherchen. Von da aus gehts dann weiter. Ein schlechter Beitrag wirds dann, wenn es nur bei dem Internet bleibt."

Doch das scheint bei vielen Journalisten das Problem zu sein. Man verläßt sich zu sehr auf das Internet. Gerade an der sensiblen Stelle der Recherche, wenn es gilt Zusatzquellen als Ergänzung zu Pressemitteilungen zu finden, verließen sich Journalisten auf Suchmaschinen wie Google. Journalistik-Professor Marcel Machill von der Universität Leipzig, Leiter der Studie.

"Die können dort ihre besondere Kanalisierungswirkung entfalten. Wer nämlich dann als Experte vorne gelistet ist bei der Suchmaschine, der hat anschließend größere Chancen wiederum von Journalisten interviewt zu werden. Kanalisierung kann eine gewisse Gefahr bedeuten, wenn sich Journalisten tatsächlich immer wieder darauf verlassen. Und leider deuten unsere Zahlen darauf hin."

Außerdem fördere das Internet das Abschreiben von Kollegen. Denn Journalisten gehen bei ihren Recherchen nicht auf die Seiten von politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Einrichtungen. Oben auf der Klickliste stehen neben den Suchmaschinen die Homepages von Zeitung und Rundfunk.

""Journalisten müssen Rückrat haben, selbstbewußt sein. Nicht nur auf das schauen, was Spiegel Online gemacht hat, was tagesschau.de gemacht hat, sondern müssen bei Themen eigene Ansätze finden. Auch mal mutig sein, andere Experten interviewen und mal querdenke. Das werden auf lange Sicht auch die Leser und Hörer goutieren.”"

Insbesondere die Online-Medien verließen sich zu sehr auf das journalistische Cyberspace. Mit den entsprechenden Nebenwirkungen. Als Spiegel Online zum Beispiel "Eklat bei Wahl Tillichs zum sächsischen Ministerpräsidenten"titelte, zogen die anderen Medien willig nach. Doch tatsächlich gab es gar keinen Eklat. Die Mutmaßung, Abgeordnete von SPD, CDU oder Grünen hätten für den NPD-Gegenkandidaten gestimmt, war schlicht aus der Luft gegriffen und hätte mit ein wenig Recherche widerlegt werden können. Der Chef von tagesschau.de, Jörg Sadrozinski, gibt sich durchaus selbstkritisch:

" "Auch wir von tageschau.de sind mitgezogen. Diese Entwicklung ist fatal, dass man nicht überprüft, welche Hintergründe das hatte”". Laut Studie finden Quellenchecks fast kaum noch statt. Zudem stellten die Forscher bei einem Recherchetest mit Journalisten fest, dass deren Online-Recherchekompetenzen nur mittelmäßig sind.
Für Thomas Leif von netzwerk recherche sind die Ergebnisse der Studie alarmierend. Er fordert eine Zuspitzung der Debatte.

" "Journalisten beziehen sich immer mehr auf bereits von anderen Journalisten hergestelltes Material. Sie bearbeiten Informationen, die von außen zu ihnen gehen. Aber sie organisieren immer weniger eigene Geschichten, eigene Stories, und vor allem orginelle eigenwertige Recherchen. So dass es die Tendenz gibt, dass recycelt wird und man sich immer mehr aufeinander bezieht und nicht auf das was wirklich ist.”"

Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, hält die Studie demgegenüber für überzogen. Dass durch den Rückgriff auf das Internet der Gegencheck seltener stattfinde, hält Maroldt für nicht bewiesen.

" "Früher ohne Online hats das genauso gegeben. Wurde genauso Quellen geglaubt. Vielleicht wurde sogar Quellen noch eher direkt geglaubt. Und durch die Möglichkeit über Google einen schnellen Gegencheck zu machen, ist man vielleicht eher in der Lage schnell zu überprüfen, ist das denn plausibel, was mir da einer erzählt. Ich glaube, dass Problem wird da von der falschen Seite beschrieben.”"

Um gegen die Googleisierung anzugehen, schlägt die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen vor, eine unabhängige Suchmaschine einrichten. Diesen Vorschlag hielten die versammelten Journalisten bei der Vorstellung der Studie allerdings nicht zuletzt aus Kostengründen für kaum durchsetzbar.

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