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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Grenzen der Planbarkeit19.09.2013

Die Grenzen der Planbarkeit

Warum Großprojekte scheitern

Bis in die 60er-Jahre war die Idee verbreitet, die Zukunft sei fast grenzenlos planbar. Die gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhänge erwiesen sich jedoch oftmals als zu komplex. Heute wird das Unplanbare akzeptiert und in die Planung integriert.

Von Ingeborg Breuer

Die Baustelle des Flughafens Berlin Brandenburg BER ist zum Symbol für Probleme bei der Planung geworden.  (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Die Baustelle des Flughafens Berlin Brandenburg BER ist zum Symbol für Probleme bei der Planung geworden. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)

"Wir müssen umgehen damit, dass die Idee im Raum steht, das Klima zu beeinflussen."

Der Politikwissenschaftler Nils Matzner von der TH Aachen über das sogenannte
"Geo-Engineering".

"Es gibt Feldexperimente, es gab einen Einsatz vor der kanadischen Küste, wo 100 Tonnen Eisen in das Meer geschüttet wurden, was die Algenblüte anregt, was CO2 bindet. Der wurde stark diskutiert. Und es gab die Vorbereitung eines Tests in Großbritannien bezüglich der Ärosole in der Stratosphäre."

Natürlich gibt es sie auch heute, die ganz großen Pläne zur Rettung der Welt. Wenn man die globalen CO2-Emissionen schon nicht senken kann, warum soll man nicht das Wetter manipulieren? Mit Technologien, die die Erde künstlich abkühlen! Vor allem in England und den USA wird daran geforscht. Die meisten Wissenschaftler allerdings stehen dem Geo-Engineering kritisch gegenüber.

"Große Risiken und Unsicherheiten, die in den Naturwissenschaften festgestellt werden, sprechen stark dagegen. Das wird oft auch in den Medien so dargestellt, dass es Hybris ist. Aktuell gibt es so viele Unsicherheiten, dass wenn man das politisch entscheiden würde, man von einer Selbstüberschätzung sprechen müsste."

Von einer solchen Selbstüberschätzung allerdings war das Planungsdenken bis weit in die 1960er-Jahre geprägt. Nicht zuletzt die verbesserten Möglichkeiten der Datenspeicherung führten zu einer regelrechten Planungseuphorie. Da gab es gar, wie der Historiker Prof. Dirk van Laak beschreibt, Visionen von einem "Regierungscomputer", der lediglich mit den erforderlichen Daten gespeist werden müsse, um "sachgerechte Entscheidungen" vorzubereiten. Optimistisch ging man davon aus, dass man durch qualifizierte Steuerung nahezu alle sozialen und ökonomischen Probleme lösen könne. Die 60er-Jahre, so Mitveranstalter Christian Köhler, Medienwissenschaftler an der Universität Paderborn, waren geprägt von der Idee:

"Dass Zukunft fast grenzenlos planbar ist und die Politik kann dann Politiker hervorbringen, die eine Vision haben."

Seit den 1970er-Jahren machte sich Ernüchterung breit. Die Idee einer möglichst zentralen Erfassung aller für die Planung wichtigen Informationen und einer Programmierbarkeit der Zukunft brach sich zunehmend an der Komplexität gesellschaftlicher, ökologischer und auch ökonomischer Zusammenhänge. Prof. Holger Rust, emeritierter Sozialwissenschaftler:

"Seit den 40er-Jahren gibt es die mathematischen Versuche zu berechnen, was in der Zukunft industriell, politisch eintreten wird. Das ist misslungen. Die Rechnerei führte dazu, dass wir die Grenzen des Berechenbaren versuchen zu erreichen, um zu sehen, wieweit Planbarkeit überhaupt in bestimmten Feldern auszudehnen ist."

Selbst da, wo zum Beispiel demografische Entwicklungen empirisch genau vorausberechnet werden können, entzieht sich der Statistik, welche Konsequenzen sich daraus letztlich ergeben werden.

"Wir können natürlich sagen, dass bis 2050 bei einer bestimmten Geburtenziffer, einem gewissen Wanderungssaldo, einer Sterbeziffer soundso viel Leute in der BRD leben werden. Was das kulturell bedeutet, lässt sich zum Beispiel nicht errechnen. Ob wir eine Gesellschaft haben, in der die Alten Altenpflege machen, wie die Medikamente wirken, die bis dahin entwickelt werden. Dann gibt es Horizonte, die überhaupt nicht zu berechnen sind. Wohin führt diese Automobilität, führt sie zu einer Massenarbeitslosigkeit, wenn wir den Sprung in eine absolute Ökologie machen würden? Andererseits könnte es in eine ökologische Katastrophe führen, wenn die Entwicklung so weiter läuft. Die Berechnungen sind nicht möglich."

Heute tastet sich Planung deshalb eher vorsichtig in die Zukunft. In der Stadtplanung etwa, führte die Stadtforscherin Christa Kamleithner aus, gebe es statt dem einen großen Entwurf ein Denken in "Projekten", ein Gestalten von "Leuchttürmen". Architekten planen Gebäude, die - offen und flexibel entworfen - unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten vorsehen. In den Ingenieurswissenschaften versucht man, die Unplanbarkeit von Innovationsprozessen zu organisieren, – und damit wiederum – planbar zu machen. Anders gesagt: Das Unplanbare selbst wird akzeptiert und in die Planung integriert. Mathias Koch, Mitveranstalter der Paderborner Tagung:

"Insofern geht es nicht darum zu sagen, Planung als solche ist obsolet. Sondern es ändert sich etwas im Horizont der Prognosemöglichkeiten. Das heißt von langfristigen Prognosemöglichkeiten im Hinblick auf Planungseuphorie wird umgestellt auf die Betrachtung lokaler Aushandlungen. Das ist eine pragmatischere Perspektive, die nicht so stark mit Utopien verknüpft ist."

Ein besonderes Augenmerk richteten die Veranstalter auf neue Formen von sozusagen "ungeplanter Organisation", wie sie sich im Zeitalter des Web 2.0 und der sozialen Netzwerke entwickeln. Christian Köhler:

"Zum Beispiel die Entstehung von Protestbewegungen, im Gegensatz zu früher, als das zentral organisiert wurde. Und bei neueren Protestbewegungen, die dann sehr auf soziale Medien setzen, kann man beobachten, dass man eine dezentrale Organisation von diesen Bewegungen hat, dass im Rücken der Beteiligten kaskadenartig Widerstand entsteht."

Nun sind Protestbewegungen oder gar Revolutionen wohl nie "von Oben" durchgeplant worden, auch wenn Facebook, Twitter und Co. Volkserhebungen wie in Tunesien oder Ägypten eine andere Dynamik geben. Richtig ist aber dennoch, dass durch das Web 2.0 intelligente Problemlösungen entstehen, die sich durch klassische – zentrale - Planung nicht erreichen ließen.

Etwa wenn ohne klassische Redaktionsstruktur Wikipedia, die mittlerweile größte Enzyklopädie der Welt entstand. Oder auch, wenn Doktorarbeiten im Netz als Plagiat entlarvt werden, weil jeder, der Lust hat, an der Enthüllung des Betrugs mitarbeiten kann.

"Es gibt verschiedene wissenschaftliche Projekte, wo eine Zielvorstellung vorgegeben ist, aber der Weg dahin nicht geplant ist. Es gibt eine Plattform für Austausch und ganz verschiedene Wissenschaftler arbeiten daran mit, mit der Hoffnung, dass dieses zu komplexe Problem für eine klassische Planung gelöst wird."

Auch bei Großbauprojekten wie der Elbphilharmonie oder dem Flughafen Berlin Brandenburg scheint herkömmliche Planung an ihre Grenzen zu stoßen. Und in der Finanz- und Eurokrise wurde deutlich, dass in Zeiten einer global vernetzten Ökonomie Steuerung und Kontrolle mehr und mehr unbeherrschbar werden. Insofern stellt sich die Frage, ob die "Visionslosigkeit" und das "Fahren auf Sicht", was Politikern heute gern vorgeworfen wird, nicht Ausdruck dessen ist, so Christian Köhler, dass …

"… die aktuelle Politikergeneration eben nicht mehr den großen Plan formulieren kann, weil sie in dem Bewusstsein lebt, dass er scheitern muss und deshalb Möglichkeiten finden muss, eher zu reagieren und eher zu kontrollieren, Und das unterscheidet sich von dieser planenden visionären Struktur der 60er- und 70er-Jahre."

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