Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteBüchermarktDie Grundlagen guter Lyrik19.05.2013

Die Grundlagen guter Lyrik

Das Buch der Woche: Ezra Pound: "ABC des Lesens." Arche Verlag

1934 verfasste Ezra Pound ein Buch, in dem er das Lesen von Lyrik vermitteln wollte. Und gleichzeitig nannte er Regeln für das gute Schreiben. Das macht er oftmals in ironische Form.

Von Sacha Verna

Der amerikanische Dichter Ezra Pound (1885-1972), schrieb eine Anleitung fürs Lesen und Schreiben. (picture alliance / dpa / UPI)
Der amerikanische Dichter Ezra Pound (1885-1972), schrieb eine Anleitung fürs Lesen und Schreiben. (picture alliance / dpa / UPI)

140: So viele Zeichen hat ein Tweet. 515.811: So viele Zeichen hat Homers "Odyssee" im griechischen Original. 120.343 Zeichen umfasst das "ABC des Lesens" von Ezra Pound in Eva Hesses deutscher Übersetzung.

Das "ABC des Lesens" ist:

"Ein Handbuch, dessen Lektüre auch jenen 'zu Genuss und Nutzen gleicherweise' dient, die ihre Ausbildung abgeschossen haben; jenen, die nie eine Ausbildung hatten; jenen endlich, die in ihren Universitätstagen erduldeten, was die meisten meiner Generation erdulden mussten."

Das "ABC des Lesens" ist ein Tritt ans Schienbein der Literaturvermittler und einer in den Popo der Literaturproduzenten. Es ist eine Anleitung zum Lesen und damit, zumindest für die, die es nicht lassen können, eine Anleitung zum Schreiben. Auf die "Odyssee" wird darin mehrfach verwiesen. Und zwar als Pflichtlektüre für jeden, der lesen lernen möchte. Oder eben schreiben. Tweets kommen nicht darin vor. Natürlich nicht.

Das "ABC des Lesens" erschien 1934. Es ist die Erweiterung eines polemischen Essays, den Ezra Pound 1929 unter dem Titel "How to Read" veröffentlicht hatte. Haikus hingegen spielen im ABC sehr wohl eine Rolle. Oder besser, Ezra Pounds Bewunderung für diese Bouillonwürfel aus Sinn und Sprache. Immerhin ist Pound selber der Schöpfer eines der berühmtesten Haikus der westlichen Literatur:

In einer Station der Metro
Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge:
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.


Literatur sei Sprache, die mit Sinn geladen ist. So lautet Ezra Pounds Definition.

"Große Literatur ist einfach Sprache, die bis zur Grenze des Möglichen mit Sinn geladen ist."

Deshalb ist "In der Station der Metro" Literatur und ein Tweet von Justin Bieber aus einer Metrostation eher nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn Ezra Pound bezieht sich in seinem Ratgeber nicht auf das Lesen von Texten im Allgemeinen, sondern auf das von Dichtung im Besonderen.

"Ich fange mit Dichtung an, weil sie die konzentrierteste Form des sprachlichen Ausdrucks ist. "Dichten" ist das deutsche Verbum, das dem Substantiv "Dichtung", nämlich Poesie, entspricht. Und das Wörterbuch gibt es durch das italienische Verbum für "kondensieren" wieder."

Die Dichtung ist die sinnvollste Form der Literatur, im wahrsten, im ezra-poundesten Sinn des Wortes.

"Man kann auf 45 Seiten nicht alles bringen. Aber auch, wenn ich 450 Seiten zur Verfügung gehabt hätte, hätte ich mich nicht an eine Abhandlung über die große Form im Roman gewagt. Ich habe keinen guten Roman geschrieben. Ich habe überhaupt keinen Roman geschrieben. Ich rechne nicht damit, dass ich jemals Romane schreiben werde, und werde niemandem erzählen, wie es gemacht wird, eh ich das getan habe."

Ezra Pound geht methodisch vor. Ja, das Erarbeiten einer Methode des richtigen Lesens ist eines der Ziele dieses ABC's. Die rechte Methode für die Untersuchung von Dichtkunst und guter Literatur ist die des modernen Biologen: sorgsame Prüfung des Gegenstandes aus erster Hand und ständiges vergleichen der "Abstriche" oder Proben.

Pounds Gegenstand ist die Sprache. Er vergleicht gesprochene und geschriebene Sprache, Hieroglyphen und Zeichen, die für Laute stehen. Dabei erweist er den chinesischen Ideogrammen die Referenz, weil diese Darstellungen der Dinge an sich in idealer Weise symbolisieren, was er mit seiner Methode anstrebt, nämlich eine Rückkehr zum Konkreten:

"Es kommt heutigentags nicht so sehr darauf an, wo man die Untersuchung eines Gegenstandes aufgreift, solange man nur fortfährt, bis man zu seinem Ansatzpunkt zurückkommt. So, als nähme man sich einen Würfel oder eine Kugel vor. Man muss fortfahren, bis man ihn oder sie von allen Seiten gesehen hat. Oder, wenn man sich seinen Gegenstand als Stuhl oder Tisch denkt, muss man fortfahren, bis er drei Beine hat und steht oder vier und nicht zu leicht umkippt."

Es graut Ezra Pound vor Abstraktionen und vor der Verwässerung von Definitionen:

"Wenn man in Europa einen Menschen auffordert, etwas zu definieren, entfernt sich seine Definition immer mehr von den einfachen, ihm vertrauten Dingen. Sie entweicht in eine unbekannte Region, in eine Region abgelegener und immer weiter abgelegener Abstraktion."

Also weg von den definierenden Abstraktionen und zurück zu dem, wofür die Sprache steht:

"Die Sprache ist offensichtlich zur Mitteilung geschaffen und wird dazu gebraucht."

Die Dichtung, dieses Sprachkondensats muss jedoch, das versteht sich von selbst, über die bloße Mitteilung hinausgehen:

"Literatur ist Neues, das bleibt."

Zur literarischen Innovation bieten sich Ezra Pound gemäß drei Verfahren an. Das erste nennt er Phanopoeia:

"Man benutzt ein Wort, um Bilder auf die imaginäre Netzhaut des Lesers zu projizieren."

Das zweite ist die Melopoeia:

"Man lädt das Wort durch Klang auf."

Und die dritte die Logopoeia:

"Man benutzt eine Folge von Worten dazu."

Bilderreiche Suggestion, prosodische Stimulation und Verführung durch Assoziation – sie bilden die Mittel, mit denen ein Dichter Neues schafft. Nun haben sich nur wenige dieser Mittel so erschöpfend bedient, wie Ezra Pound selber in seinen Cantos. Dieses lyrische Lebenswerk, dieser epische Singsang, der den Leser durch Jahrhunderte und Kulturen, über Bedeutungsebenen und in stilistische Abenteuer lotst, zeichnet Pound als Künstler aus, der praktizierte, was er predigte. Gehört Ezra Pound zu den Erfindern?

"Menschen, die ein neues Verfahren erfanden oder deren vorhandenes Werk uns, soviel wir wissen, das erste Muster eines Verfahrens liefert."

Oder zählt Ezra Pound zu den Meistern?

"Menschen, die eine Reihe solcher Verfahren verbanden und sie ebenso gut anwandten wie die Erfinder, oder besser."

Sicher ist, dass Ezra Pound den Erfindern und Meistern, die vor ihm kamen, verpflichtet ist, wie es sich die kreativen Revoluzzer von heute wohl kaum mehr vorstellen können. Die Belesenheit, die Pound in seinem ABC an den Tag legt, ist beeindruckend. Fast schon bedrückend ist die Tatsache, dass er seine Kenntnis der griechischen und römischen Dichter, der provenzalischen Troubadoure und Cavalcantis, von Chaucer und Shakespeare, Pope und Walt Whitman, dass also Pound ein monumentales Wissen um die abendländische Literatur, sowie, ganz nebenbei, auch um die fernöstliche, als Minimum dessen voraussetzt, was jemand gelesen haben sollte, bevor er zu lesen beginnt. Bedrückend ist das, weil man sich fragt: Wo beginnen? Genau da will Ezra Pound helfen.

"Das ABC des Lesens" richtet sich an kritische Leser beziehungsweise an jene, die zu kritischen Lesern werden möchten.

"Krinein, selber heraussuchen, wählen."

Das ist die griechische Wurzel des Wortes Kritiker, Kritik, kritisieren, und die Fähigkeit, das Gute zu wählen, möchte Pound seinen Lesern anerziehen. Mündige Menschen wissen zu unterscheiden, und zwar auch zwischen U und E, oder bei Pound, A und B:

"A – Bücher, die der Mensch liest, um seine Fähigkeiten zu entwickeln: um mehr zu wissen, mehr wahrzunehmen und das mit größerer Gewandtheit, als vor der Lektüre. Und B – Bücher, die zur Muße, als Narkotikum, Schlafmittel und seelische Bettstatt dienen und gedacht sind. Weshalb müssen die Menschen unentwegt die gleichen kritischen Maßstäbe an Werke legen, die in ihrem Vorhaben und in ihrer Wirkung so grundverschieden sind, wie eine Nähmaschine und ein Sofakissen?"

Ja, weshalb? Ezra Pound jedenfalls bringt es fertig, Sappho in seinem ABC beinahe ebenso oft zu erwähnen, wie den englischen Krimischreiber Edgar Wallace. Beinahe.

Die Ansprüche Pounds an den kritischen Leser hören bei Sappho und Edgar Wallace freilich keineswegs auf. Pound zieht Vergleiche aus der Malerei und der Musik herbei. Aus der Malerei, weil der Maler und der Betrachter eines Bildes zum genauen Hinschauen gezwungen ist - wie der Dichter bei der Wahl seiner Worte für ein bestimmtes Motiv und der Leser, der im Wort das Motiv sucht. Die Musik zwingt zum Hinhören – was für den Dichter so entscheidend ist ,wie für den Leser, der einen Canto von Ezra Pound nur laut vorgetragen wirklich erfassen kann:

"Höre darauf, wie es klingt."

Ezra Pound betrachtet die Sprache als höchstes Gut einer Gesellschaft. Er glaubt an die Existenz einer reinen Sprache und daran, dass es alles daran zu setzen gilt, die Reinheit dieser Sprache zu bewahren.

"Ein Volk, das sich an einen schlampigen Stil gewöhnt, ist ein Volk, das im Begriff steht, seinen inneren Halt und die Gewalt über sein Reich zu verlieren."

Das "ABC des Lesens" ist durchsetzt von Postulaten über den Wert einer absoluten Sprache und über die Gefahren, die die Laxheit im Umgang damit in sich birgt.

"Rom stieg auf mit der Sprache Caesars, Ovids und Tacitus'; es ging zugrunde in einem Wirrsal von Rhetorik, der Diplomatensprache "zur Verschleierung der Gedanken" und was dergleichen mehr ist."

Die Reinheit ist ein gefährliches Konzept. Erst recht, verbunden mit der Vorstellung von großen Nationen. Dass ausgerechnet Ezra Pound, dieser Sprachpedant und Jünger des Wortes, die faschistische Rhetorik nicht durchschaute oder nicht durchschauen wollte, ist dennoch rätselhaft. Und tragisch, wenn man wie Pound die Schriftsteller für die Hüter der Sprache hält:

"Eure Sprache steht in der Obhut eurer Schriftsteller."

Und:

"Gute Schriftsteller sind solche, die die Sprache wirksam erhalten."

Das "ABC des Lesens" ist ein Streitschrift zur Verteidigung der Sprache als Präzisionswerkzeug. Wenig verabscheut Ezra Pound mehr als verbalen Überfluss:

"Was ist die denkbar einfachste Fassung?"

Diese Frage hat sich ein Dichter zu stellen, bevor er ein Wort schreibt, und ein Leser, der das Wort liest. Da Pound sich in seinem ABC durchaus praxisorientiert gibt, formuliert er einige Aufgaben für die angehenden Leser:

"1 - Die Schüler sollen ihre Aufsätze austauschen und nachsehen, wie viele und was für unnötige Worte benutzt wurden – Worte, die nicht Neues besagen.
2- Wie viele Worte, die den Sinn trüben."


Und:

"1- Der Schüler beschreibe einen Baum.
2 - Einen Baum, ohne den Namen des Baumes zu nennen, derart, dass der Leser es nicht für die Beschreibung irgendeiner anderen Baumsorte halten kann."


Präzision und Verdichtung: Das sind die Imperative von Ezra Pounds Sprachideal und Poetik.

Justin Biebers Tweet aus der Metrostation ist kein Pound'scher Haiku, gewiss. Das "ABC des Lesens", diese Zurschaustellung von und dieses Beharren auf klassischer Bildung als unabdingbar für jede Form der Erkenntnis wirkt anachronistischer denn je in einer Zeit, in der Wissen dabei ist, durch permanent abrufbare Information ersetzt zu werden. Wikipedia statt Vergil, Daten statt Dante. Über die Twitterisierung des Lesens und die Digitalisierung des Geisteslebens haben schon manche geklagt. Doch das Problem ist nicht, dass heute weniger gelesen wird als früher oder weniger geschrieben. Im Gegenteil, es wird mehr gelesen und geschrieben als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Das Problem ist, dass uns die Instrumente zum Umgang mit diesen Textmassen fehlen.

Ezra Pound hat das "ABC des Lesens" für Leser und Schreiber von Dichtung verfasst. Und für Lehrer, obgleich Pound Ausübende dieses Berufszweigs für ziemlich hoffnungslose Fälle hält:

"Der Dozent ist eine Gefahr. Der Dozent ist einer, der eine Stunde lang reden muss."

Obwohl Ezra Pound in das "ABC des Lesens" also eine bestimmte Form der Sprache - die Dichtung – behandelt, wäre interessant zu erfahren, wie dieser Sinnsucher und kompromisslose Komprimierer den Sprachfluten der Gegenwart begegnen würde. Würde er das, was gebloggt und gesimst und internettiert wird, was ununterbrochen an Wortwust produziert wird, einfach ignorieren? Wie er Edgar Wallace und andere literarische Narkotika ignoriert und aufs Sofa zu den Kissen schiebt? Oder würde er eine kritische Untersuchung auch, ja gerade dieses Sprachmaterials für nötig erachten? Und wenn ja: Wie sähe seine Sezierung des Untersuchungsgegenstandes aus?

"Die Sprache ist offensichtlich zur Mitteilung geschaffen und wird dazu gebraucht."

Erstens. Zweitens:

"Große Literatur ist einfach Sprache, die bis zur Grenze des Möglichen mit Sinn geladen ist."

Noch einmal: Man soll nicht Sofakissen mit Nähmaschinen vergleichen. Es geht nicht um Literatur. Aber handelt es sich beim Sprachmeer, in dem wir baden gehen, überhaupt noch um Mitteilungen? Um Inhalte? Um etwas, das in Teilen von wie auch immer winzigen Minderheiten tatsächlich gebraucht wird? Falls nein: In welche Kategorie gehört dann dieses Sprachmaterial und was bedeutet sein rasendes Anschwellen für eine Gesellschaft?

Autophagie: So nennt man in der Krebsmedizin das Verdauen des Körpers zelleigener Organellen. Vielleicht verdaut sich unser Sprachkörper gerade selber. Unserer Sprache ist der Sinn abhandengekommen, als man sie auf ihre Mitteilungsfunktion reduzierte. Und alles andere hat sie verloren, als man sie auch der Mitteilung beraubte. Konsequenterweise müsste Ezra Pound hier den Zerfall einer Zivilisation diagnostizieren.

Das tut er nicht. Er würde es vielleicht auch nicht tun. Er hat uns nur 120.343 Zeichen in einem schmalen Buch hinterlassen, in dem er uns dazu ermuntert, uns unter anderem mit den 515.811 Zeichen von Homers "Odyssee" zu beschäftigen. Und überraschenderweise gelingt ihm das sogar ganz gut. Geoffrey Chaucer lobt Pound derart hoch in den Himmel, dass man sich wünscht, mit dem Müller, dem Landvogt und dem Koch aus den "Canterbury Tales" per Du zu sein.

Gelegentlich ist Ezra Pound ungeduldig. Als würde er sagen: Liebe Leute, ich versuche, es euch nicht schwer zu machen, aber Aufklärung gibt es nun mal nicht zum Sonderpreis im Supermarkt. Besonders gilt dies, wo es um das Interesse geht, das Leser seiner Ansicht nach für fremdsprachige Werke aufbringen sollten:

"Für diejenigen, die nur Englisch lesen, habe ich getan, was ich konnte. Ich habe Ta Hio übersetzt, auf dass sie lernen, wovon man bei denen ausgeht. Und ich habe den Seafarer übersetzt, damit sie mehr oder minder sehen können, wo der Ausgangspunkt der englischen Dichtung liegt."

"Ta Hio" ist eines der vier Bücher des Konfuzianismus und der "Seafarer" ein altangelsächsisches Erzähllied aus dem siebten Jahrhundert. Ezra Pound hat noch eine Menge anderes übersetzt, darunter Schriften aus dem Provenzalischen und aus dem Italienischen, weil er von einem überzeugt war:

"Die Summe der menschlichen Weisheit ist nicht in einer einzelnen Sprache erhalten. Und für sich ist keine Sprache fähig, alle Formen und Abstufungen des menschlichen Fassungsvermögens auszudrücken."

Ezra Pound verweist auf die Leistungen Arthur Goldings als Übersetzer von Ovids "Metamorphosen". Auf Christopher Marlowes Übertragung der "Amores" und auf den Bischof Gavin Douglas, der, so Pound, aus Vergils "Äneis" etwas gemacht habe, das ihm besser gefällt als das Original. Die dichterischen Erzeugnisse der Deutschen kommen bei ihm allerdings nicht allzu gut weg:

"Die Deutschen behaupten, die deutsche Dichtung habe sich seit dem Mittelalter entwickelt. Ich selber glaube, dass Goethe und Stefan George, auch, wo sie in der Lyrik ihr bestes geben, nichts leisten, was nicht bereits besser oder ebenso gut gemacht worden war. Im Verlauf von sieben Jahrhunderten wurde eine Menge Inhaltliches in die deutsche Dichtung gestopft, die nicht sonderlich gekonnt ist. Ich wüsste nicht, wozu ein ausländischer Autor sie studieren sollte."

Dennoch wird Ezra Pound nicht müde, zu betonen, wie sehr die Kenntnis anderer Sprachen und, sollte es daran mangeln, wenigstens die Lektüre von Übersetzungen aus anderen Sprachen die eigene Sprache bereichert.

Ohne Eva Hesse würde Ezra Pound auf Deutsch nicht existieren. Jedenfalls nicht in der Form, in der wir ihn kennen, und nicht mit seinem "ABC des Lesens", das Eva Hesse bereits 1957 erstmals ins Deutsche übertragen hat. Eva Hesse, die mit Ezra Pounds Werk nach Jahrzehnten der Arbeit besser vertraut ist als die meisten anderen Erdenmenschen, trifft Pounds Ton in den Cantos so genau wie in seiner Prosa. Der Autor, der sich in diesem ABC präsentiert, ist ein Muhamed Ali der apodiktischen Meinungsäußerungen. Das "ABC des Lesens" steckt voller Sätze, die wie fürs Zitieren geschaffen sind:

"Künstler sind die Füllhörner der Menschheit."

Oder:

"In der ersten Phase des Schreibens sieht man den Schriftsteller stets etwas "wie" etwas anderes machen, das er gehört oder gelesen hat. Die meisten Schriftsteller kommen nie über diese Stufe hinaus."

Und:

"Ein Meister erfindet einen Dreh oder ein Verfahren, das einen besonderen Zweck oder eine begrenzte Reihe von Funktionen erfüllt. Dann kommt der Flachkopf von Pädagoge oder Theoretiker und erklärt das Verfahren zum Gesetz oder zur Regel."

Ezra Pound hat keine Geduld mit Kleingeistern, die gelegentlich in der Gestalt eines gewissen Mr. Buggins auftreten lässt, benannt nach einer Figur in einem Roman von Anthony Trollope. Intellektuelle Trägheit hält Pound für eine Geißel der Menschheit, für das Armutszeugnis einer Spezies, die es versäumt, sich vom Tier zu unterscheiden.

Ezra Pound hat nicht viel Geduld, aber er hat Humor. Er illustriert seine Argumente gerne mit Anekdoten, etwa jener, wie Gustave Flaubert Guy de Maupassant das Schreiben beibrachte, oder einer über Jack Dempsey, der als gebildeter Boxer galt. Ironie durchzieht diesen Text – was jedoch der Ernsthaftigkeit, mit der Ezra Pound sein Anliegen vorbringt, keinen Abbruch tut. Und sein Anliegen ist eigentlich ein einfaches: Lest! Er wirft einem Catull an den Kopf und François Villon, den "Brief des Verbannten" von Li T'ai Pe und den spanischen "Cid" und Arthur Rimbaud. Er traktiert einen mit Metrik und pocht auf die Wichtigkeit des Rhythmus. Das alles tut Ezra Pound, damit man aufwacht und sieht, was für Schätze einen umgeben.

Das "ABC des Lesens" ist Pfeffer in den Gebetsmühlen der Gelehrsamkeit. Es ist eine Apotheose der Sprache und eine Leseliste. Ein Buch mit Anregungen, über die man sich aufregen kann. Und ein literarischer Kanon, der Ezra Pound ganz alleine singt. Es ist ein Köcher voller Giftpfeile für bornierte Akademiker und Allgemeinbesserwisser. Und es ist eine Liebeserklärung an die Literatur.

Lest! – beschwört einen Ezra Pound. Lest genau, hört zu und lernt schätzen, was ihr an Sprache habt.

Buchinfos:
Ezra Pound: "ABC des Lesens." Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Eva Hesse. Arche Verlag, Hamburg 2013, 140 Seiten, Preis: 14,95 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk