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StartseiteBüchermarktDie Helden sind müde05.06.2007

Die Helden sind müde

Davide Longos Roman "Der Steingänger"

Die Alpen gehören nicht gerade zu den geläufigen poetischen Orten der italienischen Literatur. Der 1971 bei Turin geborene Davide Longo hat sich in seinem zweiten Roman dorthin vorgewagt: in eine unwirtliche Gegend einsamer, schneebedeckter Täler mit ebenso schweigsamen wie einander verschworenen Bewohnern an der hochalpinen Grenze zu Frankreich, dem Mont-Blanc-Massiv.

Von Wolfram Schütte

Davide Longo lockt den Leser in die schneebedeckten Alpen. (AP)
Davide Longo lockt den Leser in die schneebedeckten Alpen. (AP)

Longos schmaler Roman, den der Wagenbach-Verlag nun unter dem Titel "Der Steingänger" vorlegt, wurde denn auch gebührend in Italien gefeiert. Aber nicht nur deshalb. Der Autor hat an Alessandro Bariccos Literaturinstitut in Turin studiert, war zuerst lokal als Filmmacher hervorgetreten, hat auch Bücher über die Grappa-Herstellung geschrieben und ist offenbar ein Einzelgänger - wie jetzt seine Roman-Helden Cesare und Sergio, deren Weg in den Tod oder in die Freiheit er einbettet in eine kinematographisch gesehene und kontinuierlich beschworene winterliche Hochgebirgslandschaft. Die visualisierenden Qualitäten von Davide Longos Prosa - das Ostenuto von Mond und Sonne, Himmel und Schnee, Wind und Kälte - sind erstaunlich, seine erzählerische Montage von parallelen Handlungsmomenten ist bestechend, seine Porträts von Personen und die pointierten atmosphärischen Skizzen von Orten und Tageszeiten sind brillant. Kurz & cineastisch gesagt: "Setting" & "Timing" sind perfekt: dem Leser läuft ein spannender Film vor staunenden Augen ab, ein italienischer Western, dem die schneebedeckten Alpen und ihre Pässe gleichviel bedeuten wie dem amerikanischen Regisseur Anthony Mann die Rocky Mountains am Übergang nach Kanada. Es sind natürliche Grenz-Zonen für Grenz-Überschreitungen unter extremen Bedingungen. Die Ideal- & Symbollandschaft für ein existenzielles, nein: für ein existenzialistisches Drama. Unter Männern - im scharf konturierten Gegenlicht von Treue und Verrat, Einsamkeit und Solidarität, Gier und Menschlichkeit, Vergangenheit und Gegenwart.

Mit einem Ermordeten beginnt der Roman. Cesare findet die in einem Bachbecken verwesende Leiche Faustos, seines Nachfolgers als Schleuser für Flüchtlinge auf dem illegalen Weg von Italien nach Frankreich. Der zwielichtige Fausto, ein verhasster Frauenheld der Täler, dem Cesare die Freundschaft gekündigt hatte, weil er nicht mehr nur Menschen, sondern auch Drogen schmuggelt, ist erschossen worden. Von wem und warum? Und mit einem Mord an Cesare, der apathisch den Killer der Mafia erwartet, die er an die Polizei verraten hat, endet das Buch. Es wird keinen Schleuser mehr geben, ist Cesares letzter Gedanke; schon gar keine mehr wie ihn, den Anarchisten.

Dazwischen aber setzt Davide Longo Stück für Stück ein Erzählmosaik zusammen, das erst zum Schluss sich zu einem Bild fügt, von dem aus der lesend zurückgelegte Weg überschaubar wird. Ein Weg mit vielen Umwegen und Irrgängen, wie sie ein Kriminalfall provoziert, in dessen verschlungenem Verlauf aber Longos Roman zu mehr gelangt, als des Rätsels Lösung, die überraschend ist, weil eine Person die Ormetá, das allseitige Schweigegebot der Gebirgstäler, zuletzt bricht.

Die literarische Ambition des 35jährigen Schriftstellers richtet sich auf eine mythische Verdichtung von Landschaft, Geschichte, Politik und Lebensweise: eine heroische alpine Elegie auf das "alte Italien", wie sie Lampedusa in seinem historischen "Leoparden" für Sizilien geschrieben hatte. In Longos poetisch-geschliffener Prosa ist kein Wort zuviel, viele Wörter aber tragen schwer an der Last, über sich hinaus auf die beschwiegenen Vorgeschichten des Romans und bis in das historische Vorgelände im 19. und 20. Jahrhundert zurückzuverweisen. Das Menschenschleusen über die Grenze hatte hier einst eine anarchistische Tradition; Faschismus, Zweiter Weltkrieg, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Drogenschmuggel hat aber auch diese natürliche Randzone erreicht und das Ethos korrumpiert, dem Cesare und seine Vorfahren verpflichtet waren. Ein paar mal zu oft verschweigt uns Davide Longos allwissender Erzähler sein Wissen, um aus durchsichtigen Gründen die Spannung zu halten. Da fühlt man sich als aufmerksamer Leser geleimt, wenn man auch gefesselt bleibt von Longos erzählerischem Kunststück.

Davide Longo: Der Steingänger. Roman
Aus dem Italienischen von Suse Vetterlein
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007
176 Seiten, 17.50 Euro

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