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StartseiteCorsoDie Hoffnung und Zuversicht der malischen Frauen13.09.2013

Die Hoffnung und Zuversicht der malischen Frauen

Ousmane Ag Mossa, Bandleader der Tuareg Band Tamikrest, im Corso-Gespräch

Tamikrest hat gerade die CD Chatma herausgebracht. Die junge Tuareg-Band setzt sich dabei mit den Problemen der Frauen in Mali auseinander. Für Künstler ist die Situation in dem von Anschlägen terrorisierten Land schwer.

mit Luigi Lauer

Bewohner aus Malis Hauptstadt Bamako (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Bewohner aus Malis Hauptstadt Bamako (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Luigi Lauer: Ousmane Ag Mossa, das neue Album von Tamikrest heißt Chatma, das bedeutet in ihrer Sprache Schwestern. Worum geht es in dem Album?

Ousmane Ag Mossa: Wir leben in Tizideh und Tamanrasset, unweit der Wüste im Norden Malis. Es geht in den Texten um die Marginalisierung der Tuareg in der Gesellschaft Malis und dabei insbesondere um die Frauen und Kinder. Die Situation ist äußerst schwierig, es wächst da eine ganze Konfliktgeneration heran. Gleichzeitig handelt es von den Frauen in der ganzen Welt, die ähnliche Schwierigkeiten durchstehen müssen. Es ist eine Hommage an alle Frauen der Welt.

Lauer: Der Konflikt wirkt sich ja auf alle aus. Welche besondere Rolle spielen da die Frauen?

Ag Mossa: Frauen sind in unserer Gesellschaft ein Symbol der Freiheit, traditionell sind sie bei uns Königinnen. Es gab bereits viele Rebellionen zur Verteidigung unserer Freiheit und die der Frauen, an denen diese maßgeblich beteiligt waren. Sie nehmen einen sehr wichtigen Platz ein, auch, weil sie den Erhalt unserer Sprache Tamashek sichern. Es gibt nicht nur seit Jahrzehnten Probleme mit der Regierung Malis, sondern auch mit den Terroristen. Das ist die besondere Situation in diesem Moment.

Lauer: Das erste Lied auf Chatma fängt schon gleich mit einem von einer Frau gesprochenen Text an. Was sagt sie?

Ag Mossa: Sie sagt: "Wir hatten gestern Probleme, wir hatten vorgestern welche, wir hatten generell früher Probleme." – Pardon, ich kann das nur grob wiedergeben, das lässt sich nicht so leicht ins Französische übertragen. – "Wir hatten also vorher schon genug Schwierigkeiten, jetzt haben wir noch mehr. Wir werden morgen daran zu arbeiten haben, wir werden auch übermorgen noch damit beschäftigt sein, bis zu dem Tag, an dem die Frauen die Freiheit erlangt haben." Es berührt mich einfach außerordentlich, wenn ich sehe, in welcher Lage sich die Frauen befinden. Darum habe ich ihnen dieses ganze Album gewidmet. Es ist unglaublich, wie sie trotz aller Probleme mit großer Zuversicht und Hoffnung leben und mit welch großer Kraft sie die Widerstände meistern.

Lauer: Hat die militärische Intervention die Lage nicht beruhigt?

Ag Mossa: Sicher sieht es für Außenstehende im Moment ruhig aus, doch für mich und für alle anderen vor Ort ist das lediglich ein Stand-by. Die Tatsache, dass wir im Moment keine Terroristencamps in der Wüste sehen, bedeutet ja nicht, dass keine mehr da sind. Das Wort Terrorist kommt von Terror. Und der kann von vielen verschiedenen Gruppierungen ausgehen, zum Beispiel auch von der Regierung Malis und deren Soldaten, die Tuareg-Orte aufsuchen und terrorisieren. Die Strategie ist dieselbe, wie zurzeit der Unabhängigkeit Malis zwischen 1958 oder 1963. Man muss nur auf Facebook nachschauen, jeden Tag demonstrieren Tausende Frauen und Kinder in den Straßen von Kidal gegen die Regierung Malis. Sie haben kein Vertrauen mehr in die Regierung und deren Versprechungen.

Lauer: Die Islamisten wollen in Mali einen Gottesstaat errichten, die Tuareg kämpfen für eine autonome Republik Nord-Mali. Zumindest eine kurze Zeit lang sah es nach einer Kollaboration der Tuareg mit den Islamisten aus.

Ag Mossa: Nein, nein, eine Zusammenarbeit mit den Terroristen hat es nicht gegeben. Wenn, dann mit einigen Politikern Malis. Und so weit ich weiß, auch mit solchen aus benachbarten Staaten. Vor rund zehn Jahren haben die Terroristen die Wüste für sich entdeckt und begannen mit dem Entführen von Leuten, vornehmlich Touristen. Weil das in der Wüste geschah, wurden natürlich erst einmal die Tuareg damit in Verbindung gebracht. Doch das war falsch. Der eine oder andere aus Regierung und Armee in Mali hat davon profitiert, große Summe Geld sind geflossen, während unsere gesamte Ökonomie zusammenbrach. Unsere Handelsrouten waren blockiert, während sie von anderen für den Drogentransport genutzt wurden. Zudem blieben irgendwann die Hilfsorganisationen aus, die uns vorher mit dem Bau einfacher Schulen, technischer Hilfestellung beim Brunnenbau oder kleinen Hospitalen unterstützt haben. Sie wurden regelrecht erpresst, aber uns stellt man gerne als Terroristen der Wüste dar. Es gab sogar Geld aus Europa und den USA, als man denen sagte, wir haben hier ein Problem mit Terroristen und brauchen etwas Geld, um sie zu bekämpfen. Aber dieses Geld ist in irgendwelchen Taschen verschwunden. Das war es.

Lauer: Haben sie nach der Regierung Malis und den Islamisten jetzt mit Frankreich einen dritten Feind in dem vornehmlich von Tuareg besiedelten Teil Malis?

Ag Mossa: Ich glaube nicht, dass wir Frankreich immer noch als Feind betrachten müssen. Noch vor zehn Jahren wusste die Welt nichts darüber, was hier in der Wüste vor sich geht. Wir waren ein leerer Fleck auf der Karte und für die meisten Medien überhaupt kein Thema. Jetzt ist die französische Armee hier und sieht mit eigenen Augen, was los ist. Wir hoffen auch, dass mehr Politiker kommen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Ich bin ein Künstler, der ihnen erzählt, was in meinem Land los ist. Aber das reicht nicht. Vielleicht wird man mir nicht glauben, darum müssen wir das auch belegen. Ich kann noch nicht abschließend sagen, ob die Anwesenheit der Franzosen positiv oder negativ ist. Ich hoffe nur, dass das nicht nach hinten losgeht.

Lauer: Wie stellt sich die Situation für Künstler in Mali dar?

Ag Mossa: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Dabei habe ich nicht mich selbst im Blick. Was mir persönlich in Mali widerfährt, privat oder als Künstler, ist nicht relevant, sondern die Bedingungen, unter denen mein ganzes Volk leidet. Würde es den Tuareg besser gehen, wenn ich meine Gitarre weglege, ich würde sie nie wieder anfassen.

Lauer: Das muss sich doch sehr verschärft haben, nachdem die Islamisten den Norden Malis unter ihre Kontrolle gebracht haben?

Ag Mossa: Was die Musik anbetrifft, muss man die Situation vor Augen haben, bevor die Islamisten kamen. Mit ihnen war Musik generell verboten. Für die Regierung Malis war unsere Musik aber auch schon illegal. Insofern war vorher oder nachher für uns beinahe dasselbe. Ich mache ganz sicher keinen Unterschied zwischen schwarz und weiß, meine Musik ist für die ganze Menschheit da. Unsere Musik richtet sich auch nicht gegen Malier oder bestimmte Bevölkerungsgruppen. Vielleicht gegen die Politik Malis, das schon, aber nicht gegen die Bevölkerung. Wir haben einmal in Kidal in der Maison du Luxembourg einen Videoclip aufgenommen, sie haben dort ein Studio dafür. Ein französischer Freund hat den Clip gemacht. Das Video haben wir an das staatliche Fernsehen geschickt. Sie haben geantwortet, solange wir nicht wissen, was ihr da singt, können wir das nicht senden. Wir haben ihnen dann die Textübersetzung geschickt, es war bloß ein Liebeslied. Dann wollten sie die Biografie der Band haben, die haben wir ihnen dann auch geschickt. Und dann teilten sie uns mit, dass sie das Video gar nicht mehr hätten. Da war mir klar, was ich auch mache, ich bin in ihren Medien nicht willkommen.

Lauer: Gibt es denn Solidarität zwischen Tuareg-Musikern und anderen malischen Bands?

Ag Mossa: Ich habe Freunde unter den Bambara, den Arabern, den Songhai. Letzten Januar, zur Zeit des beginnenden Konfliktes, haben wir noch eine Tournee gemacht mit anderen malischen Künstlern wie Bassekou Kouyate, Sidi Toure oder Habib Koite. Wir haben untereinander überhaupt keine Probleme, wir respektieren uns als Künstler, auch als Freunde. Aber normalerweise reden die Menschen in Mali nicht über Politik. Man kann ihnen keine Vorwürfe machen. Sie glauben, was die Medien und die Politiker ihnen erzählen. Deshalb ist es wichtig, sie mit der Realität zu konfrontieren. Viele aus dem Süden Malis sind in ihrem Leben nie im Norden gewesen, der ist für sie ein fremdes Land. Wenn wir in Bamako spielen, kommen nur Tuareg oder zufällige Touristen oder ein paar Freunde. Das liegt aber nicht an den Leuten, es ist ein institutionelles Problem. Das Fernsehen berichtet nicht, das Radio nicht, die Zeitungen auch nicht. Wie sollen die Leute zu unseren Konzerten kommen, wenn sie nichts darüber wissen und uns gar nicht kennen.

Lauer: Sprechen sie auch solche Themen auf dem Album Chatma an?

Ag Mossa: Ich rede nicht direkt oder im Detail über unsere Situation. Wenn ich ein Problem mit diesem Tisch hier habe, spreche ich nicht über den Tisch. Ich frage, wo das Problem herkommt und wie es sich lösen lässt.

Lauer: Jahrelang waren Tinariwen die einzige Tuareg-Band, die im Westen bekannt war. Wie wichtig war oder ist diese Band für Tamikrest?

Ag Mossa: Tinariwen hatten einen großen, nein, sehr großen Einfluss auf uns. Aber inzwischen kann ich wohl sagen, dass wir eine eigenständige Band geworden sind, Tamikrest sind Tamikrest. Bei allem, was ähnlich sein mag: Wir sind eine andere Generation, wir haben andere Erfahrungen gemacht, haben andere Denkweisen. Und natürlich sind wir unterschiedliche musikalische Persönlichkeiten. Was die Perkussion und den Gesang betrifft, greifen wir allerdings auf dieselben Traditionen zurück. Dieses Album war sehr schwierig zu machen. Als wir von einer Tournee zurückkamen in die Wüste, war die Infrastruktur teilweise verschwunden. Wir konnten wegen der Unruhen nirgendwo mehr proben außer in Kidal. Wir leben aber meistens in Tamanrasset, das ist sehr weit weg, 1.000 Kilometer. Hinzu kam noch ein neuer Musiker, der aber in Frankreich lebt und nicht immer hier bei uns ist. Wir haben sogar versucht, über das Internet mit ihm zu arbeiten.

Lauer: Musik spielte eine nicht unwesentliche Rolle bei den Revolutionen in Nordafrika. Wie schätzen sie die Situation dort ein? Viele Tuareg sind ja in den 90-ern vor den Truppen Malis nach Libyen geflüchtet, wo Tausende in Gaddafis Trainingslagern waren.

Ag Mossa: Das müssen Politik und Diplomatie beantworten. Ich bin weder Politiker noch Diplomat, ich bin nur Musiker. Aber ich habe meine Meinung. Ich sehe positive wie negative Aspekte in dem Ganzen, sehr negative Aspekte. Ich finde es schrecklich, was in Libyen passiert ist und was in Syrien bevorsteht. Unter einer Diktatur zu leben, ist sicherlich furchtbar, wenn einige wenige Leute über Millionen von Leuten herrschen. Für mich ist das komplett verrückt. Wenn man sich Libyen mit dem Diktator Gaddafi anschaut, ich bin sicher nicht für ihn. Aber: Seit er weg ist, sind Tausende von Menschen gestorben. Und ich frage mich, warum. Warum hat die libysche Gemeinschaft ihre einzige Lösung im Bürgerkrieg gefunden? Warum wurde Hass geschürt unter Brüdern? Ich fand es gut, als die Revolution losging, getragen von dem Wunsch, in einer Demokratie leben zu können. Aber nachdem ich gesehehabe, was da vor sich geht, war ich schockiert. In Syrien ist es jetzt dasselbe.

Bandinfos:
Erst vor vier Jahren erschien das Debütalbum der Tuareg-Band Tamikrest - und doch ist die Gruppe bereits auf den Festivalbühnen dieser Welt zu Hause. Die Band kommt aus Mali in Westafrika am Rande der Sahara. Schon seit Jahrzehnten kämpfen die Tuareg hier in teils blutigen Auseinandersetzungen für mehr Rechte. Aktuell beherrscht der Konflikt mit islamistischen Terroristen das Land, Frankreich entsandte deshalb Militär. Und mittendrin eben diese junge Band, Tamikrest, was soviel wie Knotenpunkt oder Bündnis bedeutet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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