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StartseiteBüchermarktDie Insel, das Land. Geschichten über Spanien31.03.2003

Die Insel, das Land. Geschichten über Spanien

Suhrkamp, 119 S., EUR 16,90

Es ist der Tag nach Mittsommernacht. Cees Nooteboom ist zurückgekehrt auf die Insel, auf der er seit vielen Jahren den Sommer verbringt. Es ist heiß. Es ist still. Die herrenlose Katze findet sich wieder ein. Die Palmen sind einen kleinen Zentimeter gewachsen. Sonst ist alles wie im vorhergehenden Jahr und wie im vorvorhergehenden.

Simone Hamm

Der Insel Menorca, dem Land Spanien, das er seit fast fünfzig Jahren bereist, hat Cees Nooteboom sein neues Buch gewidmet: Die Insel, das Land. Geschichten über Spanien. Schon vor zehn Jahren hat er in Der Weg nach Santiago eine Textsammlung mit Eindrücken von Spanien veröffentlicht. Und es ist ein außerordentlich erfolgreiches Buch geworden.

In Die Insel, das Land beschäftigt Nooteboom sich in acht Essays mit Kunst und Kultur, Literatur und Politik Spaniens. In dem Aufsatz "Post" führt er Don Miguel ein, den lautlosen, spindeldürren 87-jährigen Briefträger, der die Insel, über die er jeden Tag viele Kilometer läuft, um die Briefe zu bringen, nie verlassen hat. Nooteboom sinnt über ein Foto nach, das ein junger Mann in einem Dorf in Galizien gemacht hat, ein Foto von dreschenden Bauern:

Man könnte selbst nicht mehr so leben, und die Leute hier scheinen dieses Leben so schnell wie möglich gegen den Treibschaum eintauschen zu wollen, in dem wir uns bereits befinden, der Fortschritt lutscht und sabbert daran, für jeden geflochtenen Korb gibt es eine Plastiktüte, für jede Seele einen Strauß erdachter Seelen, aus dem man sich eine aussuchen kann.

Sieben der Aufsätze sind bereits 1987 entstanden. Der letzte entstand im März und April 2001 auf Anfrage der spanischen Zeitung El Pais und er erklärt auch, warum die anderen Essays jetzt veröffentlicht werden, denn darin sollte die Frage beantwortet werden, was sich denn in Spanien in den letzten 25 Jahren verändert habe. Nooteboom findet die Antworten darauf, indem er sich auf eine Reise durch Spanien begibt und eben diese Frage wieder und wieder stellt. Zurückgehende Geburtenraten, Autonomiebewegungen, Abkehr von der Kirche, Mangel an historischem Bewußtsein bei der Jugend wird im geantwortet.

Ein Chor vieldeutiger Stimmen mit vielleicht doch diesem einen Grundton: dass die artikulierte Vielstimmigkeit für immer einen Platz in der Gesellschaft gefunden hat.

Nootebooms Spanien Essays leben von dem Widerspruch Niederlande-Spanien. So beschreibt er den Geruch der Zeitungen, der spanischen, der niederländischen. Er bezeichnet sich als einen Gärtner der Zeitungsausschnitte. Er sammelt Artikel, Fotos, Fotos von Politikern, entlarvende Fotos. Während ein Gewerkschaftsführer die Hand zur Faust ballt und in die Höhe streckt, presst der daneben stehende damalige Ministerpräsident Felipe Gonzalez seine Hände fest zusammen, will er doch wählbar bleiben auch für die Nicht - Linken. Lange Abhandlungen gelten den Autonomiebewegungen, dem Terrorismus. Diese klugen Gedanken sind heute so aktuell wie vor 25 Jahren. Nooteboom zufolge suggerierten die Zeitungen eine zusammenhangende Welt und gleichzeitig enthüllten sie eine fundamentale Zusammenhanglosigkeit. Damit beschreibt er das Dilemma der modernen Informationsgesellschaft.

Geisel und Terrorist leben in ein und derselben Welt. Die Zeitung, die diese Welt beschreibt, gibt ihr, und sei es nur durch ihre erkennbare Form, einen Zusammenhang. Doch woran die Geisel, der Terrorist oder beide sterben, ist gerade das Fehlen eines Zusammenhangs, die Explosion die stattfindet, wenn zwei Arten geistiger Zeit einander beruhren.i Der Passagier im supermodernen Flugzeug stirbt nicht an der Kugel des 20.Jahrhunderts aus der Pistole des Terroristen, sondern an der Tatsache, daß er sich an einem Zeitpunkt befindet, an dem seine Anwesenheit keine Verbindung mit derjenigen eines schiitischen Fundamentalisten auf Kamikazemission herstellen kann... Für viele Menschen muß die Welt z u sein. Zu, absolut, geschlossen. Baskisch, schiitisch, korsisch oder arisch zu.

Manche Menschen können die Offenheit, die Verwirrung nicht mehr ertragen und schaffen sich geschlossene Systeme. Zuweilen versucht Cees Nooteboom dieser von ihm so präzise beschriebenen, verwirrenden Vielstimmigkeit zu entkommen. Nooteboom, der von Franziskanern und Augustinern erzogen wurde, "genehmigt sich" ein Kloster, genießt die Ruhe, die Abgeschiedenheit, den Stillstand der Zeit.

Geistreiche Reflexionen über Spanien und über Spanien hinaus enthält Die Insel, das Land , dazu viele Fotos, die der Gärtner der Zeitungen gefunden und interpretiert hat. Lektüre nicht nur für Spanienliebhaber.

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