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StartseiteBüchermarktDie Kosmonauten19.08.2003

Die Kosmonauten

Kiepenheuer & Witsch, 383 S., EUR 22,90

Rosalie und Georg lernen sich beim Straßenbahnfahren kennen, verlieben sich ineinander und fahren buchstäblich aus ihrem alten Leben heraus. Von romantischen Gefühlen überwältigt und im jeweils anderen einen hoffnungsvollen Garant für eine neue Zukunft erkennend, trennen sich Rosalie und Georg von ihren bisherigen Lebenspartnern. Georg schmeißt seinen verhassten Job hin, Rosalie bricht ihr Studium ab und beide ziehen im Winter 1990 nach Berlin, in die 'offene Stadt', ohne Mauer. Der idealste unter den idealen Orten. Precht:

Claudia Cosmo

Georg und Rosalie gehen nach Berlin, und haben fast ein halbes Jahr, wo sie nicht arbeiten müssen, weil sie etwas Geld gespart haben. Und das gibt ihnen natürlich die Möglichkeit, wie Flaneure zu leben. Berlin war nach der Zeit der Vereinigung besonders interessant, weil besonders der Osten für westliche Jugendliche unentdecktes Terrain war... da wuchs natürlich was zusammen, was nicht zusammen gehört. Denn es wuchs etwas zusammen, was ganz fremd und bizarr war. Das war dann furchtbar hip, das zu erkunden... Und jetzt bringe ich zwei Dinge zusammen: Die historische Situation, dass Deutschland glaubt, sich neu erfinden zu können und die persönliche Situation und das Alter, in dem sich die Helden befinden, die auch glauben, sich neu erfinden zu können.

Auf den ersten Blick ist Richard David Prechts Buch in verspäteter Berlin-Roman, eine typische 'Wessi kommt in den Osten'-Geschichte, deren Helden nicht genau wissen, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen und ihren inneren Stillstand mit urbanem Abenteuer betäuben. Also, aus dem Osten, nichts Neues? Aber der 1964 in Solingen geborene Autor Precht macht aus Berlin einen unentdeckten Planeten, lässt seine beiden Protagonisten staunend durch Ostberlin laufen und verbindet Georgs und Rosalies Liebesgeschichte mit dem wahren Schicksal des russischen Kosmonauten Sergeij Krikaljow. Krikaljow war der letzte Kosmonaut der damaligen UDSSR. Er gehörte zur Besatzung der Raumstation MIR, die er bis zum Zerfall der Sowjetunion im Herbst '91 zwangsweise ein Jahr lang alleine bewohnte.

Wenn ich Berlin mit dem Kosmos vergleiche, dann ist es immer der Osten Berlins, weil der Osten Berlins aus der Sicht der Kinder des Westens, meist aus besserverdienenden Familien, die nach dem Mauerfall in großen Scharen nach Mitte oder dem Prenzlauer Berg strömten, eine Mondlandschaft war. Für die war das eine Gegend, die man nicht kannte, die ganz bizarre Rituale hatte, Häuser hatte, die man nicht kannte. Es gibt ja auch das Haus des Fliegers im Osten Berlins mit dem Kosmonautenrelief da dran. Die Kosmonauten waren ja die Heiligen, die Heroen des Ostens. Und so war das Thema 'Kosmonauten' allgegenwärtig. Wenn man aus dem Westen kam, viel einem das auf...und das andere ist, dass es natürlich eine Mondlandschaft war, dass es ein kultureller Raum war, den man so nicht kannte. Man könnte sagen, die DDR war die erdabgewandte Seite des Mondes aus der Sicht des Westens vorher gewesen.

Prechts monumentale Analogien zwischen Ostberlin und dem Kosmos ziehen sich durch das ganze Buch. Genauso wie der russische Kosmonaut im All schwebt, treibt das Liebespaar im Sog der unbekannten Stadt. So ist die Bekanntschaft mit dem Ostberliner Leonard ist für Rosalie und Georg wie die Begegnung mit der dritten Art. Rosalie ist von Leonards Ortskundigkeit fasziniert und hofft, von ihm in die Ostberliner Underground- Szene eingeführt zu werden. Georg dagegen fühlt sich von Leonards 'Ich mache was ich will'-Einstellung angezogen.

Jedoch bleiben Prechts Figuren schablonenhaft, werden zu weltanschaulichen Platzhaltern: Rosalie verkörpert die rational und realistisch Denkende, die mit der Zeit immer mehr Ansprüche stellt, und Georg den genügsam- Passiven, der immer bescheidener wird.

Das Buch ist primär kein psychologisches Buch, sondern das Buch ist primär ein 'Eastern', als Gegenbegriff zum Western. Das Buch spielt ja im Osten. Aber die Kolonialisierung des wilden Westens und die Kolonialisierung des wilden Ostens haben etwas gemeinsam. Als erstes kommen die Abenteurer, die Goldsucher und vertreiben die Urbevölkerung. Das waren die Kinder besserer Leute, die aus dem Westen rüber kamen und die Wohnungen besetzten am Prenzlauer Berg und Mitte. Stück für Stück zogen die Ossis aus diesen Wohngegenden aus...und in solch einer Geschichte, die diese mythische Überhöhung hat, die auch der Western hat, diese promised-land- Ideologie, habe ich ein bißchen verarbeitet. Eine solche Geschichte kann zu psychologisierte Helden nicht vertragen. Bezeichnenderweise hat der Western das eben auch nicht, sondern Archetypen.

In essayistischen Passagen werden die Figuren in eine Form gebracht und zu Ideenträgern gemacht. Stellenweise hat man als Leser den Eindruck, als könne sich der Autor nicht klar genug zwischen der Form des Romans und der eines Essays entscheiden.

Es ist natürlich wichtig, dass wenn man ein halbwegs erfolgreiches Buch schreiben will, es so schreibt, dass der Leser seinen Spaß hat, auch ohne jede Anspielung des Autors zu verstehen... gleichwohl ist es ein Buch, das wenn man es zum zweiten Mal liest, eine ganze Reihe von Bezügen entdeckt, die darüber hinaus noch bestehen... und die meiste Literatur, die mich sehr beeindruckt, die aus dem 20er Jahren, die haben gerade mit essayistischen Einschüben gearbeitet. Heute ist das ziemlich selten geworden, weil sich die Lesegewohnheit der des Films und des TVs angepaßt hat...Da gibt es keinen Platz für essayistische Ruhebänke... und deshalb erscheint das heute vielleicht etwas ungewöhnlich...

Allmählich kehrt auch bei Rosalie und Georg der Alltag ein. Ihr Geld ist aufgebraucht und beide suchen sich einen Job. Rosalie beginnt in einer Agentur und Georg in einem Tierpark zu arbeiten. Und hier spiegelt sich Richard Prechts Natur-Interesse, innerhalb dessen die Fauna zur Methaphern-Quelle wird. Während einer nächtlichen Aktion versuchen Georg und Leonard eine seltene Antilope aus dem maroden Tierpark zu befreien. In dieser turbulenten Befreiungsaktion spiegelt Precht den Fall der Mauer wider.

An der ganz etablierten Vorstellung von der großen deutschen Geschichte, die sich ereignet hat, bin ich sehr weit entfernt... und deshalb wird die Vereinigung bei mir auch relativiert nicht durch die Individualgeschichte der Helden, sondern auch durch die Naturgeschichte...Marx sagte einmal, Hegel habe einmal gesagt, dass Napoleon einmal gesagt hätte: Alle großen Dinge ereignen sich zweimal: Einmal als Tragödie und einmal als lumpige Farce...die Naturgeschichte hilft immer dazu, die Weltgeschichte zu relativieren. Und wenn ich dieses Monumentale dieses gesamten Projektes haben möchte, dann brauche ich diese Spiegelbilder, indem ich Individualgeschichte in Weltgeschichte und Weltgeschichte in Naturgeschichte breche.

Die Kosmonauten ist ein Roman, dem man die Konstruktion anmerken soll, was manchmal als zu penetrant erscheint. Ohne das geschickt geknüpfte Methaphernnetz oder die humorvollen Anspielungen auf die deutsch-deutsche Geschichte würde Rosalies und Georgs ostberliner Liebesgeschichte alleine nicht ausreichen.

Mehr noch als dies hat Richard David Precht vielmehr ein Buch über die Vergänglichkeit geschrieben. Ideale Orte wie Städte oder wie das All werden zu Flüchen und Helden streben einsam oder geraten in Vergessenheit.

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