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StartseiteBüchermarktDie Krimikolumne17.06.2005

Die Krimikolumne

Die Krimikolumne im Büchermarkt mit der eigenartigsten Sexszene der gesamten Literaturgeschichte, dem merkwürdigsten Autorenpaar der Kriminalgeschichte und außerdem mit der Lieblingsamerikanerin der Deutschen.

Von Andreas Ammer

Donna Leon, die Lieblingsamerikanerin der Deutschen. (AP Archiv)
Donna Leon, die Lieblingsamerikanerin der Deutschen. (AP Archiv)

Es ist endlich Sommer,
Die Rosenblüten sind aufgeplatzt.
Die Stare haben Junge bekommen.
Die Menschen planen ihre Ferien.
Und in den Büchern sterben die Leut.


Zeit für die Krimikolumne ...

... mit der eigenartigsten Sexszene der gesamten Literaturgeschichte
... und dem eigenartigsten Autorenpaar der Kriminalgeschichte
... außerdem mit der Lieblingsamerikanerin der Deutschen.
... und leider auch mit unserem Rezensenten. Der empfiehlt:

Das Absurde zuerst!

Absurd ist die Beliebtheit und die Existenz von Donna Leon!
Sie ist seit 13 Jahren und ebenso vielen Commissario-Brunetti-Fällen die beliebteste Krimiautorin der Deutschen. Sie ist– Absurdheit Nummer eins - nicht verheiratet und vermag doch so herzerfrischend über das Familienleben ihres Commissarios zu schreiben, dass der deutsche Leser allzu gern Angehöriger der Familie Brunetti wäre.

Die Leon kann – Absurdheit Nummer zwei - als gebürtige Amerikanerin, die als Fremde in Venedig lebt, auf das Überzeugendste davon schreiben, wie schön es ist, als gebürtiger Venezianer auf all die Fremden in der Stadt herabzusehen.

Und– Absurdheit Nummer drei - Donna Leon hat wahrscheinlich die Mordrate in Venedig drastisch gesteigert.

Auf telefonische Anfrage weigert sich die venezianische Polizei über die wirkliche Anzahl der Morde in Venedig Auskunft zu geben: da müsse man erst den Vorgesetzten fragen, der befohlen hätte, man dürfe am Telefon keine Auskunft mehr erteilen

... das hingegen klingt dann schon wieder sehr nach dem Leben in Venedig wie wir es von Donna Leon her kennen. Wir sind in Venedig gewesen, wir haben Donna Leon gelesen. Wir wissen: in Venedig hat es in den letzten 13 Jahren 13 Mordfälle gegeben.

Donna Leon, "Beweise, dass es böse ist", erschienen im Diogenes-Verlag ist in dreizehn Jahren der dreizehnte Fall für Comissario Brunetti.

Vor gut 12 Jahren, damals im zweiten Fall "Endstation Venedig".durfte Brunetti noch darüber räsonieren, dass die Venezianer nicht allzu oft einen Mord erleben

"Venedig hatte seinen Bürgern nur wenige Ereignisse dieser Art zu bieten" ... hieß es da.

Aber seitdem veröffentlicht Donna Leon wie ein Serienmörder ihre Krimis, die mit zunehmenden Erfolg immer schlechter wurden. Eigentlich war sie mit der Zeit berechenbar und langweilig geworden. Ihre Krimis liefen nach ähnlichen Muster mit den immer gleichen Bausteinen ab. Eine Erwähnung in dieser dem Verblüffenden gewidmeten Kolumne würde sich da eigentlich verbieten.

Allerdings: In "Beweise, dass es böse ist", dem neuesten Donna Leon-Fall, wird der gewaltsame Tod einer alten Schreckschraube von der Polizei gleich zu Beginn als gelöst betrachtet. Der Mörder war die Haushälterin, eine rumänische Schwarzarbeiterin. Sie wird sofort des Mordes verdächtig und kommt auf der panischen Flucht vor der Polizei ums Leben, das Geld in der Tasche. Der Fall gelöst ...

... bis Brunetti aus dem Urlaub kommt, um

– klar –

... sofort seine Zweifel zu haben.

Klar, dass im Kommissariat fast alle gegen ihn sind.

Klar, dass die schöne Signorina Elettra im Internet jeden verräterischen Bankauszug sofort findet.

Das ist ganz klar.

Klar auch, dass Brunettis Frau währenddessen daheim wunderbare Gerichte kocht und weise und verführerisch über das Leben und die Literatur und über die sieben Todsünden räsonieret.

Trotzdem ist der dreizehnte Brunetti lesenswerter als etwa der achte oder der ganz missratene zwölfte. Diesmal braucht die Leon keine Weltverschwörung anzuzetteln, um zu fesseln. Sondern sie spinnt einen geradezu skandalös nichtigen Fall so leicht vor uns auf, daß man ihr alle Achtung zollen dafür muss, mit wie wenig Action ein guter Kriminalautor auskommen kann, wenn er wie die Leon sein Metier beherrscht.

"Beweise, dass es böse ist" ist – mit auf dem Titelblatt zur Schau gestellter, alter Rechtschreibung - im Diogenes-Verlag erschienen. Und unser Rezensent darf jetzt ausnahmsweise gar nichts, außer still und zustimmend nicken.

Das ist absurd ...

Kein "Aber" ... Musik!

Es fehlt etwas geistiger Zuspruch. Jetzt wo der Papst ein Deutscher ist, muß auch in der Krimiszene etwas Besinnung einkehren. Und so gibt es plötzlich einen Moraltheologen, der den Kommissar spielt und von zwei Autoren erdacht worden ist , die zuvor mit ästhetischen Grusel-Schockern wie "Karpfen und Kultur in Franken" oder "Der Kunigundenweg zwischen Bamberg und Aub" auf sich aufmerksam gemacht haben.

Die Rede ist von dem Bambergern Stefan Fröhling und Andreas Reuß, die sich auf dem Cover ihres Erstlingskrimis "Der zerrissene Rosenkranz" geschickt und schwarz gewandet als Theologen präsentieren, während sie in Wirklichkeit ganz profan als Lehrer – Nebenfach Religion - und als Journalist ihren Lebensunterhalt verdienen.

Na und? Ist Journalismus ein Verbrechen? Oder etwa Bamberg?

Eine gewisse Franziska Ruhland ist vor einen Lastwagen gefallen, ein Rosenkranz liegt neben ihr, jemand stand hinter ihr und der Moraltheologe Philipp Laubmann wurde in die Welt gesetzt, dieses Rätsel zu lösen. Franziska war die Geliebte von Professor und Priester Erich Konrad, der den ebendiesen Moraltheologenkollegen Laubmann um Hilfe bittet, weil er selbst als Priester ja schlecht sein Verhältnis offenbaren kann, weil er dann bekanntlich seinen Job und so weiter ...

Ein sympathischer Krimi ... ein netter Fall ... aber leider ...

Ja leider Gottes!

... sind die Dialoge noch hölzerner geschrieben als die in dieser Krimikolumne.

Und das will etwas heißen!

Das nervt gewaltig, was wiederum den Rezensenten gewaltig nervt, der den Moraltheologen Laubmann, der sich aus weltlichen Gründen seit Jahren nicht ganz dazu durchringen kann, Priester zu werden, gerne genussvoller auf seinen Wegen durch den Sumpf des Verbrechens begleitet hätte.

... das wäre mal etwas anderes als all die abgewrackten oder ewig melancholischen Detektive, die sonst so als Ermittler von der Leine gelassen werden. Eine geistliche Erneuerung des Genres sozusagen ... aber nein.

Wir als gemeine Leser sind hin und her gerissen. Wir brauchen ein höheres Wesen! Wir rufen nach unserem Rezensenten, auf das er uns die Frage beantworten soll, ob "Der zerrissene Rosenkranz" von Fröhling & Reuß, erschienen im Verlag Josef Knecht, hier in der Krimikolumne empfohlen werden soll oder nicht.

Sprechen sie zu uns Herr Rezensent.

Hmm

Sprechen Sie, Sie weise dunkle Stimme aus dem Äther!

Ähem. Ich weiß es nicht. Ich mag den Helden, aber nicht den Stil der Autoren.

Ein verzwickter Fall. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal. Der zweite Fall für ihren Moraltheologen Laubmann sollen Fröhling & Reuß schon fertig haben.

Ich gebe den schulmeisterlichen Rat, weniger schulmeisterlich zu sein.

Vom höchsten Wesen hinab zu den Niederungen der Lust

Vom höchsten Wesen hinab zu den Niederungen der Lust und zu einem Autoren, der wirklich schreiben kann ... vielleicht sogar ein wenig zu gut.

Heinrich Steinfest heißt dieser Wunderknabe und er schreibt derzeit mit Abstand die wunderlichsten Krimis im deutschen Sprachraum.

"Der Umfang der Hölle" heißt der neueste, als Taschenbuch bei Piper erschienene Krimi von Heinrich Steinfest.

Ein Fest! Ein Heinrich! Ein Steinfest! Ein Fest der Gedanken und Sprache!

... urteilt vorschnell unser Rezensent. Die Argumente folgen nach:

Erstens: Literarisch betrachtet findet sich auf den Seiten 86 bis 108 die merkwürdigste Beschreibung eines Sexualaktes derer sich unser viel belesener Rezensent erinnern kann.

Zweitens: Phänomenologisch haben wir es mit dem exzentrischsten Helden seit Dorian Gray und Jesus Christus zu tun: Leo Reisinger, eine graue Angestelltenmaus und begeisterter Lottospieler, hat gerade seinen Lottoschein mit dem millionenschweren Jackpot-Gewinn verbrannt, da rettet er aus Übermut die hübsche Frau eines reichen Agressionsforschers vor einer Horde aggressiver Hooligans.

Drittens: Der Hooligan will Reisinger aufschlitzen, da killt

... viertens: die Schöne den Hooligan und ihr Ehemann läd Reisinger auf sein Schloss um ihn da fünftens, sechstens und siebentens fast umzubringen ... oder so.

Wobei achtens und wie oft bei Steinfest es weniger die Handlung ist, sondern die von skurrilen Reflexionen überwucherte Erzählweise, die beim Lesen das allergrößte Vergnügen bereitet. Philosophischer und zugleich trivialer war selten ein Buch. Mit schwäbisch-österreichischer Bedächtigkeit und satirischer Gründlichkeit erzählt sich Steinfest räsonierend durch seinen Fall ... ein Wunderwerk der experimentellen Literatur, wäre es nicht ein handfester Krimi.

Fazit: Steinfels ist der neue Wolf Haas.

Und Wolf Haas schreibt keine Krimis mehr

... meint unser Rezensent zu "Der Umfang der Hölle" von Heinrich Steinfest, erschienen als Piper-Taschenbuch.

Zwei Daumen hoch!

Das macht allein hier im Studio schon sechs.

Mit erhobenen Daumen und zum Abschluss noch eine weitere Folge unserer ergreifenden Reihe über Kommissare, die von uns gingen, weil sie ihren Autoren eine last wurden.

Südstaatler

Nachdem in der letzten Kolumne der Abgang von Kinky Friedmans Helden Kinky Friedman zu beklagen war, hat es diesmal einen anderen Südstaatler getroffen: Tabor Süden den verzweifelten Kommissar vom Münchner Vermisstendezernat, erfunden von Friedrich Ani.

Vor drei Jahren hat uns Friedrich Ani in seinem Großmut zusammen mit dem Knaur-Verlag die billigen Bände um Tabor Süden geschenkt . Von Anfang an war Ani klar, das diese Reihe auf 10 Bände angelegt sein sollte. Daß er die zehn Bände in nur 3 Jahren vorlegen sollte, hätte damals keiner gedacht. Um so bedauerlicher, dass es so schnell ging und nunschon soweit ist.

Kinky Friedman hört mit den Krimis auf, weil er Gouverneur von Texas werden will.

Nur Friedrich Ani will wohl leider nicht bayrischer Ministerpräsident werden. Das ist der Unterschied.

Könnt ihr wenigstens noch schnell den Titel verraten?

Friedrich Ani, "Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel", erschienen als wohlfeiles Taschenbuch bei Knaur für 7 lumpige Euro neunzig. Ein billiger Juwel.

Uns bleibt nur, Tabor Süden das hinterher zu rufen, was Ratso, Kinkys Friedmans Kumpan , am Ende von "Ten Little New Yorkers", dem letzten Kinky Band soeben über Kinky sagte. "He was a great friend! He was a great detective!"

Kinky und Tabor, wir werden Euch vermissen und immer wieder lesen!

Absolute Pflichtlektüre!

Wer diese beiden Krimis nicht gelesen hat, hat es nicht verdient, weiter diese Krimikolumne hören zu dürfen ... Aus und Ende ... und falls der eine oder andere Hörer das unserem Rezensenten nicht glauben will, so gilt auch dieses Mal das alte Spiel:


Die vorgestellten Bücher:

  • Donna Leon: Beweise, dass es böse ist
  • Stefan Fröhling und Andreas Reuß: Der zerrissene Rosenkranz
  • Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle
  • Friedrich Ani: Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel

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