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Seit 20:00 Uhr Nachrichten
StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im Dezember 201215.02.2013

Die »lyrix«-Gewinner im Dezember 2012

<strong>Wo trefft ihr eure Freunde? Gibt es besondere Orte der Freundschaft, zu denen ihr immer wieder zurückkehrt? Was passiert, wenn aus Freundschaft Liebe wird, aber nur einer so empfindet? Kann eine Freundschaft wirklich alles überstehen?</strong>

Sechs Hände greifen in die Luft. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Sechs Hände greifen in die Luft. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Im Dezember war "lyrix" mit dem Monatsthema "Freundschaft" zu Gast im Gleimhaus in Halberstadt. Dort hatte sich der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim zu seinen Lebzeiten ein literarisches und soziales Netzwerk aufgebaut. Das nach ihm benannte Museum war damals sein Wohnsitz, den er auch liebevoll "Tempel der Freundschaft und der Musen" nannte.
Eine sehr innige Freundschaft verband ihn mit der Dichterin Anna Louisa Karsch, deren Porträt im Gleimhaus zu sehen ist. Anna Louisa Karsch widmete ihm zahlreiche Gedichte und brachte ihm starke Gefühle entgegen, die Gleim jedoch nur platonisch erwidern konnte.

Das Gleimhaus inspirierte euch im Dezember 2012 gleich mit zwei Aspekten des Themas Freundschaft zu eigenen Gedichten.

Ihr schreibt über unerwiderte Gefühle und verlorene Freunde. Aber auch über Freundschaften, die stärker sind als eine enttäuschte Liebe und diese überstehen.
In einem seid ihr euch alle einig: Freunde sind unverzichtbar!


Mit freundschaftlichen Grüßen präsentieren wir die letzten fünf Monatsgewinner 2012. In den kommenden Wochen wird die Jahresjury die zwölf Preisträger des Jahres 2012 auswählen.


taiwanese rain

im scheitel nisten die jahre.

wo wir anfingen nach innen zu atmen,
kleine paläste am ausgang der dörfer,
tanzschritte über den winter.

wir hatten den bus verpasst - zu wenig haut
für die unruhigen körper. um jedes gespräch
streunte melancholie, dieses ferne massiv
aus der kindheit.

stelzen ins schlaflose. befremdliche gesten
als erste pension - unsre haare wuchsen zusammen.

lieder glasierten das schmale stück luft,
das zwischen uns aufstieg.

dann rückten die städte näher ans haus.
jede weitere teilung wurde zähe tektonik. kontinente
rieben uns wund.

manchmal frieren wir noch. lösen die hymnen
aus dem schwülen archiv.

- hangeln uns menschen entlang.


(Christiane Heidrich, aus Vaihingen/Enz, Friedrich-Abel-Gymnasium, Klasse 12, Muttersprache Deutsch)


GLOCKENSPIEL

Plötzlich war da dieser Moment. Du schautest mich an,
und irgendetwas war anders. Es war etwas in deinem Blick,
das mich irritierte. Ich legte mich auf die Lauer, wie ein hungriger Tiger und wartete.
Darauf. Auf dieses seltsam melancholische Sehnen in deinem Blick. Das ein Fremdkörper war zwischen uns.
Eine Störung, die aufzufangen, weder du, noch ich, im Stande waren.
Ein Etwas, das deine Alarmglocken in rosarot und meine in Giftgrün schrillen ließ.
Du nahmst einen Holzstock in die Hand. Schlugst verzweifelt einen Ton auf dem Glockenspiel an, das irgendetwas in mir gefährlich zum Flirren brachte. Chromatisch und dissonant.
Du nahmst meine Hand, bevor ich sie wegzog.
Du flüstertest: "Sag doch irgendetwas"
Der Tiger in mir sagte nichts.
Stumm betrachtete er wie der Scherbenhaufen unserer Freundschaft in der Sonne glitzerte. Wie einzelne Scherben das Licht reflektierten und brachen. Wie Licht gebrochen über die Trümmer kroch und sich schnitt an der Schärfe der Scherben.
Gierig leckte er sich das Maul, sein Fleischatem lähmte dich.
Mit peitschendem Schwanz
schritt er
über den roten Teppich davon.


(Helena Kieß, aus Dresden, Evangelisches Kruzgymnasium Dresden, Klasse 11, Muttersprache Deutsch)


Wenn wir reden

Im Gesicht des anderen lesen
Weil die Sonne die Hülle gesprengt
Und der Regen unsere Ängste weggeschwemmt hat
Dann reicht alles nicht mehr aus also
Stürzen sich die Worte todesmutig
Von unseren Lippen
Wir lassen ihnen Flügel wachsen
Lachend, voller Zuversicht
Sie schmiegen sich ins Ohr um sich
Einzunisten und dann in
Kopf und Seele Wurzeln zu schlagen
Wir haben Post bekommen
Einen Teil vom Gegenüber erhalten, unverpackt
Betreff: Gedanken

(Lena Kleist, aus Wermelskirchen, Städtisches Gymnasium Wermelskirchen, Klasse 13, Muttersprache Deutsch)


Kohärenz

Ich sehe dich, ich seh' dich nich',
und doch, tief in mir, fühle ich,
mein Wellenfreund, die Schwingung gleicht,
nicht immer, aber doch, es reicht.
Die Dunkelheit entwich.

Ich fühl' dich nicht, ich fühl' dich doch.
Zu zweit getrotzt dem schwarzen Loch.
Ein Quäntchen Glück, dass ich dich fand,
nicht mehr das Möbius' sche Band.
Weißt du das noch?
Ich kenn' dich gut, ich kenn' dich kaum,
ein Pfad mit dir, am Rand ein Baum,
du bist, der mich am besten kennt,
trotz Ungleichheit äquivalent.
Freundschaft - nicht nur ein Traum.

Ich war alleine, bin es nicht,
der Laserstrahl die Sichtwand bricht.
Bedenkt, wie schön das Leben ist,
wenn Ihr die Kraft der Freundschaft wisst.
Du, mein Photon, bringst Licht.

(Magdalena Wejwer, aus Umkirch, Wentzinger Gymnasium, Klasse 11, Muttersprache Deutsch)


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jeden Tag nach der Schule
erzählen, tratschen wir
über ein virtuelles Fenster.

wir fühlen uns in diesen Momenten
so nah
doch schreibe ich währenddessen
mit 4 anderen Fremden, die genauso zu meinen Freunden zählen
wie du.

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offline.

(Michelle Schmidtke, aus Blankenburg, Gymnasium "Am Thie" Blankenburg, Klasse 6, Muttersprache Deutsch)

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