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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im Juli 201519.08.2015

Die »lyrix«-Gewinner im Juli 2015

Im Juli haben wir euch zu einem „Perspektivwechsel“ aufgerufen. Inspiriert von der „Nicht orientierbaren Fläche“ aus dem HfG-Archiv des Ulmer Museums und von Tom Bresemanns Gedicht „brunnengasse“, habt ihr euch neuen Blickwinkeln geöffnet.

Nicht orientierbare Fläche (Gipsarbeit, 1957), Dozent: Tomás Maldonado, Student: Ulrich Burandt (HfG-Archiv / Ulmer Museum)
Nicht orientierbare Fläche (Gipsarbeit. 1957), Dozent: Tomás Maldonado, Student: Ulrich Burandt (HfG-Archiv / Ulmer Museum)

Die eigene Perspektive zu wechseln und sich auf eine neue einzulassen, erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Weltbild. Dazu gehört Mut.
Doch ihr habt gezeigt, dass ein Perspektivwechsel gut tut und oft notwendig ist, um wieder klar sehen zu können. Es ist eine Chance, das Leben neu wahrzunehmen und eine Erkenntnis über sich selbst und die Gesellschaft zu gewinnen.
Wer den Mut zum "Perspektive / wechseln [...] Richtung / ändern [...] Augen / Öffnen [... und] Aus der Reihe / tanzen" hat, entdeckt die Leichtigkeit des Lebens, hinterfragt Autoritäten und Systeme, "um festzustellen, wie kostbar diese Welt ist / wie schön und beschützenswert".

Vielen Dank für alle Gedichte und herzlichen Glückwunsch an die Gewinner im Juli!

Die Monatsgewinner im Juli 2015:

Von oben betrachtet

Wenn jeder Weg
ausweglos zu sein scheint.
Wenn jede Möglichkeit
keine Wirklichkeit ist.
Wenn du aufhörst zu leben,
Und anfängst, nur noch zu sein.

Dann musst du nur deine
Perspektive
wechseln.

Wenn das Grau auf dir lastet
Wie schwerer Zement.
Als würde das gesamte Universum
Sein Gewicht auf deine Schultern legen
Und dich immer weiter
auf den Boden drücken

Dann musst du nur deine
Richtung
ändern.

Wenn du Angst hast zu ersticken
In all den "Du sollst, musst, darfst nicht" - Schreien Dann woll, leb und kann doch einfach mal.
Und wenn du in deinem Kopf
Blockiert von all den Dingen
Nicht mehr klar sehen kannst

Dann musst du nur deine
Augen
Öffnen.

Und wenn du das
Große Ganze
erkennen würdest,
Würdest du sehen,
Wie schön die Welt doch ist.

Wenn du nicht
Mit dem Strom schwimmen willst,
Sondern dagegen,
Wenn du den Takt nicht mehr findest,
Und du nicht nur die Antwort,
Sondern auch die Frage nicht mehr weißt

Dann musst du nur
Aus der Reihe
tanzen.

Wenn du befürchtest,
dass alles gleich zu sein scheint
Und du vergessen hast, wer du bist,
Weil du zu viele auf einmal warst.
Wenn du nur noch aus
Strichen und Zahlen bestehst

Dann musst du nur
Chaos
In deine Ordnung bringen

Und wenn sich doch alles
so bedeutend,
So unglaublich
schrecklich wichtig
anfühlt.

Dann denk immer dran:

Von oben betrachtet
Sind wir alle winzig klein.
Kleiner als ein
.

Du wirst schon sehen.

Vivian Knopf, Jahrgang 1999

 

Anna

Tu dies
Tu das
Warum?
Mama sagt und sagt
Ich nicke

Am Arbeitsplatz:
Können Sie bitte
Morgen, ein Termin
Ganz wichtig
Dürfen Sie nicht vergessen
Unter keinen Umständen!
Warum?

Die Antwort: Geld
Sagt Anna
Alle wollen Geld
Auch du
Kleine Schwester
Warum?

Kaffee oder Tee?
Ich schüttle den Kopf
Als ob es darauf
Eine einfache Antwort
Gibt

Anna verzieht das
Gesicht
Du wirst es schwer haben
Kleine Schwester
Das habe ich dir
Schon immer gesagt
Warum?

Ich bin ein Teil
Von Gesellschaft
Die sich Gesellschaft schimpft
Ein System
Das funktioniert
Wenn alle mitspielen
Ein Glied tanzt aus
der Reihe – ausgestoßen

Ich lasse Anna stehen
Mit ihrem Kaffee
Und ihrem Tee
Gesellschaft
Kann auch ohne mich
Jedenfalls
Für diesen Moment.

Pia Kostinek, Jahrgang 1997

 

verdichtung

donnerstag. am himmel
licht aus
angestauter luftspannung fast
in stille zerreißend
durch
das hohle fenster knistert
heißer strom. vor dem glas
bewegungslosigkeit flach
und trocken ausgedorrter erdensand
im garten verschwommen sehe
ich draußen das
kind auf grüne bäume klettern
die nicht mehr sind. -
tote gräser nur
ich in der gesellschaft einer unter vielen
elende sandkörner
einen sonnenliegeplatz formend
für den braungebranntesten dessen
sonnenbrille vor den augen strahlen reflektiert
zurückgeworfen. -
am fenster
den ersten regentropfen der
sich lösen würde in
die tiefe stelle ich mir vor
hinter den vorbeiziehenden gewitterwolken
von sandkörnern umgeben verdunstend oder
der anfang einer flut aus tropfen vertont
von donnernden paukenschlägen und
lichtblitze erhellen den himmel
wetterumschwung vielleicht damit
bäume früchte tragen und
kinder klettern können
donnerstag. am himmel
schwalbenflug - die sanduhr tickt

Aaron Schmidt-Riese, Jahrgang 1995

 

Man müsste mal

Man müsste mal
die Perspektive wechseln
auf sich und diese Welt
denn das was ist
ist nicht immer das
wofür wir es halten
wir sind nicht immer
wer wir behaupten zu sein
und auch wenn es nie wirklich objektiv wird
der Mensch ist ein Mensch und keine Kamera
man müsste mal
die Perspektive wechseln

Man sollte mal
die Perspektive wechseln
und nicht immer nur so tun
als sei man selbst der größte
oder als sei ein anderer Mensch der Größte
letztendlich sind wir doch alle klein
auch wenn wir die Welt und den Zufall und das Universum
zu beherrschen meinen
sind wir doch nichts
und die Wolkenkratzer nur Türme zu Babel
und ein kläglicher Versuch so zu tun
als wären wir mehr
als ein mittelgroßes Nichts
das sich um die Sonne dreht
Man sollte mal
die Perspektive wechseln

Man könnte mal
die Perspektive wechseln
und nur einen Augenblick so tun
als wäre man der Mann im Mond
und schon ist die längste Mauer nicht mehr als ein Haar
und der mächtigste Herrscher nicht mehr als ein Staubkorn
ein kleiner Haufen von noch viel kleineren Atomen
und plötzlich wären so viele Probleme die wir hätten
so nichtig und die Unterschiede so klein
zwischen den Menschen

Du kannst
die Perspektive wechseln
und nur im Traum einmal den Mond betreten
Schau dir die Erde an, wie klein ist sie
und zierlich, wie zerbrechlich- und doch wie schön
ein kleiner Fleck Leben in der Dunkelheit des Universums
ein kleiner Fleck der alles ist, was wir haben
und auch wir sind nichts, als noch kleinere Wesen
die sich einbilden die größten zu sein.

Wechsel die Perspektive
einmal nur, wie im Traum,
um festzustellen, wie kostbar diese Welt ist
wie schön und wie beschützenswert.

Manchmal muss man die Perspektive wechseln
um festzustellen, wie klein wir sind,
wie klein diese Welt ist
und wie schön es trotzdem ist
ein kleines bisschen zu sein
in der Unendlichkeit des Universums.

Anne Magdalena Wejwer, Jahrgang 1997

Perspektivwechsel

Auf einer Bank
Saß der Pessimist
Mit hängendem Kopf
Und seufzte
dem Boden entgegen
"Ach ... wäre ich nur ...

Glücklich ...
Ich bin
Ganz unten angelangt
Was kümmert mich, dass ich
Mein Leben in meiner Hand
Vergeude und spüren kann
Dass ich keine Zeit
Mehr haben werde irgendwann
Weiß, dass ich keine Sorge
Dem Vergessen preisgegeben
So Vieles
Höre ich gern
Des Lebens Lachen
aber ist unbegründet
Der Zweifel an mir
Wird immer in mir sein
Was mir einmal wichtig war
Vergesse ich
Die trüben Gedanken
Halten meine Seele
Hoffnungen für Morgen
Habe ich nie
Freude als trübes Leid empfunden
In allen Lebensjahren
Lasse ich mir
Die kleinen Glücksmomente ...?

Unter der Bank
Grinste ihm der Optimist
nach oben entgegen
"Lies doch mal,
Was du geschrieben,
Aus meiner Perspektive!"

___________________________________________________________________________________________________
[Anmerkung der Autorin: Der "Perspektivwechsel" wird nicht nur inhaltlich vollzogen, sondern auch formal - das Gedicht kann vorwärts und rückwärts gelesen werden]

Christine Zeides, Jahrgang 1995

Und hier ein Beitrag "außer Konkurrenz":
(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)

so oder so

wäre ich ein vogel
sähe ich die welt von oben
alles klein und winzig

wäre ich eine ameise
sähe mich fast keiner
klein und winzig wäre – ich

die angst der dunklen nacht
verliert am hellen tag die macht

manchmal brauchen wir
den imaginären till eulenspiegel
der uns in seinen spiegel schauen lässt

selbsterkenntnis

welche perspektive
hätte johanna von orleans
in unserer zeit?
psychatrie?
ihre visionen – ein fall
für dr. feelgood und
happy pills?

jedes leben hat seine zeit
zeit will verstanden werden
zeit braucht zeit

kausalität
verschlingt perspektiven
kausalität
erschließt perspektiven

zukunft braucht vergangenheit

Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen, Jahrgang 2000

 

 

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