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StartseiteBüchermarktDie Macht der Sprache10.11.2008

Die Macht der Sprache

Miguel de Cervantes: "Don Quijote von der Mancha", Carl Hanser Verlag

Er ist ein Klassiker der Weltliteratur: Der Roman "Don Quijote" von Miguel de Cervantes aus dem 17. Jahrhundert. Unzählige Male wurde dieser spezielle Ritterroman aus dem Spanischen in alle möglichen Sprachen der Welt übersetzt. Auf Deutsch erscheint er nun in einem neuen Licht. Susanne Lange legt in zwei Bänden eine völlig neue Übersetzung vor.

Von Klaus Englert

Schauspieler John Lithgow als Don Quijote in der gleichnamigen Verfilmung aus dem Jahr 2000. Neben ihm reitet Bob Hoskins als sein Knappe Sancho Panza. (AP Archiv)
Schauspieler John Lithgow als Don Quijote in der gleichnamigen Verfilmung aus dem Jahr 2000. Neben ihm reitet Bob Hoskins als sein Knappe Sancho Panza. (AP Archiv)

Wer sich an eine Neuübersetzung des Don Quijote macht, muss wohl ähnlich wahnsinnig sein wie Miguel de Cervantes’ "Ritter der traurigen Gestalt". Gilt es doch, ein umfangreiches Werk der Weltliteratur zu übertragen, das sein Autor zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einem sublimen und barocken Spanisch geschrieben hatte. In einer Sprache, die selbst den heute lebenden Spaniern nicht mehr geläufig ist.

Susanne Lange, die bereits Werke von Luis Cernuda, José Manuel Prieto und Fernando del Paso übersetzt hatte, wagte sich an die herkulische Arbeit. Dabei gelang ihr eine Übersetzung, die akribisch die Bedeutungsnuancen von Cervantes’ Sprachwelt aufspürt. Nun, nach fünfjähriger Übersetzungsarbeit, liegt Cervantes’ "Don Quijote" in einem gut lesbaren, lebendigen Deutsch vor. Die Frage bleibt aber: Was fasziniert die Übersetzerin am Nationalepos der Spanier?

"Was mich fasziniert an dem "Don Quijote", ist seine Vielschichtigkeit. Dass man auch über Don Quijote selbst eigentlich gar nichts erfährt. Wie es oft ist, dass ein allwissender Erzähler irgendetwas erzählt oder dass Don Quijote selber in einem inneren Monolog erzählt, was ihn bewegt, warum er denn jetzt das Rittertum wiederbeleben will oder wie er die Reaktionen der anderen sieht, ob er wirklich daran glaubt, was er tut, ist er im Wahn oder macht er das bewusst und kalkuliert die Folgen mit ein, ist es eine bewusste Entscheidung oder wirklich Verblendung? All das weiß man nicht, weil die Figuren nichts über sich preisgeben."

Die Welt von Cervantes ist nicht mehr die von Philipp II. Ausgestorben sind die Ritter, denen aufgetragen wurde, eine katholische Universalmonarchie zu errichten, das Christentum in den neuen Kolonien zu verkünden und aufständische Provinzen zu unterwerfen. Ausgestorben sind auch die berühmten Leser der Ritterromane - Karl V. und die Heilige Teresa. In Cervantes’ Zeit um 1600 war die Welt der großen Ritterromane endgültig besiegelt.

Der Autor des "Don Quijote" konnte nur noch einen ironischen und parodistischen Blick auf die vergangenen Epen richten, in denen die Ritter noch richtige Helden waren. Für Miguel de Cervantes, dem Teilnehmer an der legendären Seeschlacht von Lepanto, konnte das nur heißen, den Ritterroman völlig neu zu erfinden:

"Das ist eines der modernsten Bücher der Weltliteratur, würde ich sagen. Das sieht man ja auch, dass die Figuren bis heute eigentlich immer noch in aller Munde sind, auch wenn man eigentlich gar nicht so genau weiß, was sich hinter ihnen verbirgt und was Cervantes eigentlich in diesen Roman gepackt hat. Zum einen ist er modern durch die Universalität der Figuren, aber zum anderen auch durch den ganzen Aufbau: Ein Roman, in dem die Figuren im zweiten Teil den ersten Teil gelesen haben und über ihr Dasein als Romanfiguren reden können - das ist ja ein ungeheuer modernes Prinzip.

Es geht ja sogar noch weiter, indem Don Quijote im zweiten Teil auf Leute trifft, die einen apokryphen zweiten Teil gelesen haben, der gar nicht von Cervantes stammt und über den sich Cervantes so geärgert hat, dass er alle bezeugen lässt, dass dieser falsche Don Quijote eben wirklich der falsche ist. Das ist so ein Spiel mit den Romanfiguren, die eine bestimmte Autonomie erreichen, die so modern ist - dass man das Ganze noch gar nicht mal ausgedacht hat und immer noch neue literarische Theorien daran knüpfen könnte."

Die Modernität des "Don Quijote" ist unbestritten. Aber warum ist es notwendig, den Roman neu zu übersetzen? Immerhin gibt es im deutschen Sprachraum bereits über ein Dutzend Übersetzungen von Cervantes’ Meisterwerk. 1648 legte Joachim Caesar, der weder über eine spanische Grammatik noch über ein geeignetes Wörterbuch verfügte, die erste Übertragung unter dem Titel vor: "Don Kichote de la Mantzscha, das ist Junker Harnisch im Fleckenland". Susanne Lange schränkt ein, dass diese Übersetzung des "Don Quijote" sehr einseitig war. Ähnliches gilt auch für die späteren Übertragungen:

"Früher war es eigentlich so, dass viele den 'Don Quijote' als Symbol für bestimmte Anschauungen genommen haben. Sie haben also übersetzt mit einer bestimmten Vorgabe, der Barockübersetzer wollte eben das als Satire übersetzen und vor allem beweisen, dass die deutsche Sprache auf der Höhe der spanischen ist. Die Barockschriftsteller haben es als moralisches Buch gesehen, in dem eben Don Quijote der verblendete Narr ist. Die Romantiker unter Tieck haben Don Quijote zum Idealisten gemacht und haben das eben auch als Vorgabe für die Übersetzung genommen. Ende des 19. Jahrhunderts: Braunfels hat das als realistischen Roman genommen mit naturalistischen Beschreibungen.

Also jeder Übersetzer hatte eigentlich eine Vorgabe, wie er es übersetzen sollte und hat sich nicht dem Stil von Cervantes anvertraut. Und das habe eben ich versucht, dass ich in diese ganze Stilbreite einsteige und das eben wiedergebe ohne eine bestimmte Interpretationsvorgabe, sondern zu versuchen, die ganze Bandbreite, dessen was Cervantes an Sprachmaterial bietet, eben auch im Deutschen wiederzugeben."

Susanne Lange meint, die früheren Übersetzer hätten sich damit abgemüht, die Romanfiguren als eigenwillige Charaktere zu zeichnen. Genau das sei ihr Fehler gewesen. Und dabei sei ihnen das Wesentliche des Romans entgangen:

"Ich hatte das ganz starke Gefühl, dass die dritte Hauptperson dieses Romans im Grunde die Sprache ist. Dass Cervantes seine ganzen Figuren vor allem über die Sprache entwickelt. Und das ist natürlich für die Übersetzung besonders interessant: Und er kann die verschiedensten Schichten, die verschiedensten Einstellungen der Personen, die Stimmungsschwankungen - und wie zum Beispiel Don Quijote von seinem Ritterwahn wieder in eine realistische Anschauung verfällt, das Verhältnis auch zwischen den verschiedenen Personen - alles definiert sich über die Sprache."

Susanne Lange verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Originaldialoge zwischen Don Quijote und Sancho Panza genau wiederzugeben. Ihre Übersetzungsstrategie macht sie am Streit der beiden Helden klar. Don Quijote, der seine über alles verehrte Dulcinea von seinem Knappen Sancho beleidigt sah, entgegnete ihm wutentbrannt:

"Pensáis - le dijo a cabo de rato -, villano ruin, que ha de haber lugar siempre para ponerme la mano en la horcajadura y que todo ha de ser errar vos y perdonaros yo? Pues no lo penséis, ballaco descomulgado, que sin duda lo estás, pues ha puesto lengua en la sin par Dulcinea."

Ludwig Tieck übersetzte um 1800 diese Textstelle:

"'Denkst du', rief er endlich aus, 'du gemeiner Schlingel, daß dergleichen immerwährend statthaben soll und dass ich immer die Hände in den Schoß lege? daß es immer deine Rolle sein soll, mich zu beleidigen, wie die meinige, dir zu verzeihen? Sei ja von diesem Gedanken fern, verfluchter heidnischer Halunke: denn der bist du wahrhaftiglich, da du mit deiner Zunge die unvergleichliche Dulcinea verwundest."

Und wie übertrug Ende des 19. Jahrhunderts Ludwig Braunfels diese Schmährede?

'Denkt Er', sagte er zu ihm nach einer kleinen Weile, 'Er Bauernflegel, es soll immer so gehen, dass ich die Hände in die Hosen stecke, und es soll stets alles damit abgetan sein, daß Er sündigt und ich Ihm verzeihe? Oh, das bilde Er sich nicht ein, verfluchter Schurke; denn das bist du jedenfalls, sintemal deine Zunge die unvergleichliche Dulcinea anzutasten gewagt hat."

Susanne Langes Übersetzung hebt sich deutlich von diesen Varianten ab:

'Denkt er etwa, eingemachter Kerl', sagte er schließlich, 'er kann mir immer so unflätig plump an den Karren fahren, denkt er etwa, er hat die Patzer gepachtet und ich die Nachsicht? Falsch gedacht, gottloser Lump, der du wahrlich bist und der du deine Lästerzunge an der ohnvergleichlichen Dulcinea wetzt.'"

Eine flüssige und genaue Übersetzung des "Don Quijote" war seit langem überfällig. Susanne Lange ist sie gelungen. Deutsche Leser haben jetzt sogar einen Vorteil gegenüber den Spaniern: Die Übersetzung liest sich leichter als für Muttersprachler das Original.

Miguel de Cervantes Saavedra: Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha
Zwei Bände, herausgegeben und übersetzt von Susanne Lange,
Carl Hanser Verlag, München 2008,
696 und 791 Seiten, 68,00 Euro

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