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StartseiteKultur heuteDie Melancholie der Nacht20.01.2008

Die Melancholie der Nacht

Wong Kar-Wai erzählt in "My Blueberry Nights" von den USA

Der Regisseur Wong Kar-Wai hat sich vor drei Jahren von seiner Heimat Hongkong verabschiedet. Er brach auf, um Orte zu finden, die ihn inspirieren könnten, und diese Suche führte den Filmemacher kreuz und quer durch die USA. Dabei entstand der Film "My Blueberry Nights" - der erste englischsprachige Film des Regisseurs, eine Romanze und ein Roadmovie zugleich. Es geht um ein Mädchen, das auch durch Amerika reist, allerdings auf der Suche nach der großen Liebe.

Von Josef Schnelle

Der Filmregisseur Wong Kar-Wai (AP Archiv)
Der Filmregisseur Wong Kar-Wai (AP Archiv)

Eine Schlüsselszene im wahrsten Sinne des Wortes. Barbesitzer Jeremy erklärt Elizabeth was es mit der großen Glasschüssel auf seinem Tresen auf sich hat. Bald wird auch ihr Schlüssel zum Liebesnest mit einem verheirateten Mann dort landen. Wenn sie diese unglückliche Liebe noch einmal aufleben lassen wollte. Es würde wenigstens nicht am Schlüssel scheitern, denkt sie und schnappt sich das letzte Stück Blaubeerkuchen über dessen Genuss sie auf der Stelle einschläft.

So geht der erste US-Film des Hongkong-Kultregisseurs Wong Kar-Wai los. Schon am nächsten Tag macht sich Elizabeth auf einen Abenteuertrip durch Amerika, während Jeremy, daheim in New York die Sehnsucht entdeckt. Um sich durchzuschlagen, fürs Alltagsleben, nimmt sie immer neue Kellnerinnenjobs an und wird zu unserer vertrauten Beobachterin anderer Liebesgeschichten. Zum Beispiel der eines liebeskranken Polizisten der seine längst verlassene Frau nicht vergessen kann. Und dann begegnet Elizabeth einer begnadeten Spielerin mit spannendem Familienhintergrund mit der sie einen Trip ins Spielerparadies Las Vegas unternimmt. Diese neuen Bildwelten waren nach seinen bisherigen Filmen, die meist in der ehemaligen Kronkolonie Hongkong spielen, für Wong Kar- Wai eine besondere Herausforderung.

"Natürlich ist der Film mit meinen früheren Werken verbunden. Aber er ist auch verschieden. Wenn da zum Beispiel Jude seine Ex-Freundin trifft, dann hat das Ähnlichkeiten mit meinen früheren Filmen, aber die ganze Art und Weise sich auszudrücken und wie wir es gedreht haben ist eben die von Leuten aus dem Westen, Amerikanern oder Briten. Es ist eine andere Art das zu sehen, auch wenn es sich um die gleichen Situationen handelt."

Puristische Verehrer des Meisterregisseurs hatten sich schon bei der Nachricht verabschiedet, Wong Kar Wai drehe nun mit Amerikanern in Amerika und mit Hauptdarstellern wie Jude Law, Nathalie Portman und der Sängerin Norah Jones. Kein Wort Mandarin im Film, keine schöne chinesische Schauspielerin und dann auch noch weite amerikanische Landschaften in einem Film des Regisseurs, der bisher mit einer einzigen Ausnahme den Großstadtdschungel Hongkongs abgebildet hat.

Wong Kar Wai verwendet in seinem ersten amerikanischen Film ungewöhnliche Perspektiven, lässt die Gesichter seiner Figuren spiegeln, verwischt sie oder montiert Barschriftzüge hinzu. Der Blaubeerkuchen zerschmilzt auf Vanilleeis, eine visuelle Zauberwelt entsteht, die nur als romantische Liebesgeschichte aufgelöst werden kann. Wong Kar Wai arbeitete diesmal nicht mit seinem ständigen Kameramann Christopher Doyle zusammen, sondern verpflichtete den iranischen Bildermacher Darius Khondji der Wong Kar Wais neue Bilder kongenial umsetzte.

Ein Glücksgriff ist auch die Hauptdarstellerin Norah Jones. Sie ist eine bekannte Jazzsängerin, die zum ersten Mal vor der Kamera gestanden hat. Natürlich ist auch ihre Musik zu hören. Eine Selbstverständlichkeit für einen Film des Musikliebhabers Wong Kar Wai, der für seine Filme immer grandiose Filmmusiken verwendet hat.

"My Blueberry Nights” ist ein für sich stehendes äußerst betörendes Kunstwerk in der Tradition der "Nouvelle Vague”. Man verlässt diesen Film mit dem dringenden Bedürfnis sich ganz schnell unsterblich zu verlieben. Aber diese Liebe zur Liebe und damit zum Kino hat ja schon immer zu den Konstanten des Werks von Wong Kar-Wai - und auch zu dem der Autoren der französischen Neuen Welle um Godard und Truffaut gehört. Dort reiht sich Wong Kar Wai jetzt ein und auch an Wim Wenders Amerikabilder mag man denken. Ein schön verträumter Film über die Liebe und das Leben als stetige Romantikproduktion. Wenn das den grauen Januar nicht erstrahlen lässt? Am Ende gibt's wieder Blaubeerkuchen und das erste echte Happy-End in einem Wong Kar-Wai-Film.

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