Andruck - Das Magazin für Politische Literatur / Archiv /

 

Die Möglichkeit zu einer gerechten Welt erhalten

Dem Land geht es schlecht: Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit

Von Christiane Florin

das literarische Vermächtnis des britischen Historikers Tony Judt ist auf Deutsch erschienen.
das literarische Vermächtnis des britischen Historikers Tony Judt ist auf Deutsch erschienen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der britische Historiker Tony Judt saß zwischen allen Stühlen. Als Sohn eines säkulären Juden legte er sich sowohl mit Israel als auch mit dem amerikanischen Juden an. Als er sterbenskrank war, diktierte er seinen Texte. Heute erscheint sein Buch auf Deutsch.

Diese knapp 200 Seiten sind eine Wucht, eine Weltverbesserungswucht. Geschrieben von einem, der wusste, dass er nicht mehr lange von dieser Welt sein würde. Der britische Historiker Tony Judt litt an einer unheilbaren Nervenerkrankung, seine Vorträge hielt er im Rollstuhl. Gut sichtbar arbeitete, während er sprach, ein Beatmungsgerät. Aus seiner letzten New Yorker Vorlesung zur Frage "Was ist heute Sozialdemokratie?" entstand dieses Buch. Aber was heißt schon Buch? "Dem Land geht es schlecht" ist weder Fach- noch Sachbuch, es ist ein Traktat, da übertreibt der Untertitel nicht. Hier appelliert ein Todgeweihter an die Lebenden, hier ruft er jungen Leuten mit Wut und Wehmut zu: Ihr müsst euer Denken ändern, ihr müsst euer Handeln ändern, ihr müsst euer Leben ändern. So geht es nicht weiter. Schon im ersten Satz donnert Judt:

Irgendetwas ist grundfalsch an der Art und Weise, wie wir heutzutage leben. Seit dreißig Jahren verherrlichen wir eigennütziges Gewinnstreben. Wenn unsere Gesellschaft überhaupt ein Ziel hat, dann ist es diese Jagd nach dem Profit. Wir wissen, was die Dinge kosten, aber wir wissen nicht, was sie wert sind.

Und erledigt ist der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär! Wir brauchen andere Träume, fordert der Traktatverfasser. Wir müssen lernen, eine gerechte Welt für möglich zu halten. Das klingt naiv, fast so, als sollten sich die jungen Leser mit der Gitarre auf die Wall Street setzen und "Die Internationale" anstimmen. Doch Judts letztes Gefecht hat eine kompliziertere Schlachtordnung. Er kämpft nicht gegen den Kapitalismus, er kämpft für einen starken Staat, für eine Renaissance des Öffentlichen wider den Privatisierungskult. Dafür müssen vor allem die angelsächsischen Länder lernen, dass neben der Freiheit auch Gleichheit und Brüderlichkeit erstrebenswert sind:

Amerikaner und Engländer sind in den dreißig Jahren wachsender Ungleichheit zur der Ansicht gelangt, dass dies ein natürlicher Zustand sei, an dem sie wenig ändern können. Und wenn überhaupt die Rede davon ist, soziale Missstände etwas zu mildern, so wird angenommen, dass dafür das Wirtschaftswachstum schon ausreiche.

Eine solche Politik huldigt dem Privatvermögen und wertet Armut als Strafe für privates Unvermögen. Es ist wenig überraschend, dass Tony Judt als Pionierin des Privatisierungswahns Margaret Thatcher nennt. Und wer sich noch mit Beatmungsgerät im Rücken vornimmt, den Wohlfahrtsstaat zu reanimieren, landet - ebenso wenig überraschend - bei Keynes. Schon Judts glänzendes Buch zur Geschichte Europas nach 1945 hat gezeigt, dass den Historiker alte ideologische Schlachten langweilen. Das gilt auch für seine Kapitalismuskritik. Er macht eben nicht nur die üblichen konservativen Verdächtigen aus, Tiraden gegen gierige Finanzmanager wären ihm zu billig. Im Kapitel über das "eigentümliche Vermächtnis der Achtundsechziger" stellt Judt die Schuldenbilanz linker Revoluzzer auf:

Ihnen ging es nicht um soziale Gerechtigkeit. Sie interessierten sich nicht für das Wohl der Allgemeinheit, sondern für die Bedürfnisse und Rechte des Einzelnen. Sein Ding machen, alles rauslassen, Liebe statt Krieg machen - keine schlechten Ziele, aber es sind eben private und keine gesellschaftlichen Dinge.

Diejenigen, die am häufigsten von der Gesellschaft redeten, verloren das Soziale aus dem Blick. Politik degenerierte für die jungen Selbstverwirklicher zum Investmentfonds für eigene Talente. Trotz gewaltiger ideologischer Gräben, ähnelten sich Linke und Rechte in ihrem Denken über den Staat. Für beide war der Staat nicht die Lösung, sondern das Problem. Judt warnt davor, dem neoliberalen Mantra vom schlanken Staat zu glauben. Wer schlank sagt, meint schlapp. Ein gut durchtrainierter Staat dagegen traut sich zu, wichtige Aufgaben besser zu erfüllen als Privatunternehmen. Und mehr als das: Politiker müssten wieder lernen, selbstbewusst zu behaupten: Das kann nur der Staat. Judts Traktat sagt übermächtigen Ökonomen den Kampf an. Der Geschichtsprofessor watscht die Kollegen von den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ab:

Hinter jedem zynischen (oder bloß unfähigen) Bankmanager und Spekulanten steht ein Ökonom, der ihm (und uns) aus einer Position unangefochtener intellektueller Autorität versichert, dass ihr Handeln der Gesellschaft nütze und vom Staat nicht beaufsichtigt werden dürfe.

So selbstbewusst kann Geisteswissenschaft sein. Aus deutscher Sicht hat der kraftvolle Text dennoch Schwächen. Judt schwärmt von der Sozialdemokratie, ihre deutsche Ausprägung kennt er wohl nur aus der Ferne. Ist die SPD wirklich in der Lage, jene frische Sprache für das Bewährte zu finden, die der feine Formulierer einfordert? Das Traktat hätte inmitten all der "Warum-wir-verblöden-verarmen-verkommen-Traktätchen" einen Platz auf der deutschen Bestsellerliste verdient. Leider passt der Titel "Dem Land geht es schlecht" ganz schlecht zu den aktuellen Wirtschaftsdaten made in Germany. Judts Tiefenanalyse hängt zwar nicht von der Konjunktur ab, dennoch ist der Carl Hanser Verlag mit seiner deutschen Übersetzung sehr spät dran. Ein Kapitel dürfte den hiesigen Lesern besonders zu Herzen gehen: das über die Eisenbahn. Tony Judt wollte dem Thema eigentlich ein ganzes Buch widmen, doch dazu reichte die Zeit nicht mehr. Die Privatisierung der Bahnen ist ihm ein Graus. Denn private Unternehmen reduzieren das Schienennetz auf rentable Strecken, der Rentner im Eifeldörfchen ist ihnen gleichgültig. Und Gleichgültigkeit ist das Gegenteil von Gleichwertigkeit. Wenn jeder an sich denkt, ist eben nicht an alle gedacht. Im schönsten Traktatton schreibt Judt:

Die Eisenbahn ist notwendiges und selbstverständliches Element der Bürgergesellschaft. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt zum Vorteil des Einzelnen. Wenn wir die Bahnhöfe wegwerfen, werfen wir unsere Erinnerungen an das Leben einer zuversichtlichen Bürgergesellschaft weg.

Das dürften die Stuttgart-21-Gegner gern lesen. Wer Politik macht, muss Bahnhof verstehen.

Tony Judt:
Dem Land geht es schlecht: Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit
Hanser Verlag, 192 Seiten, EUR 18,90
ISBN 978-3-446-23651-6

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