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StartseiteInterview"Die Not ist unermesslich"12.08.2010

"Die Not ist unermesslich"

Arzt der Hilfsorganisation "humedica" berichtet aus den Flutgebieten Pakistans

Wasser, Essen, Kleidung - es fehlt an allem in Pakistan. Mindestens sechs Millionen Menschen leiden schier unvorstellbare Not, Toni Großhauser spricht von einer Überschwemmung gigantischen Ausmaßes.

Die Flutopfer sind auf die Verteilung von Nahrungsmitteln angewiesen (AP)
Die Flutopfer sind auf die Verteilung von Nahrungsmitteln angewiesen (AP)
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Hochwasser, Brände und Erdrutsche

Gerwald Herter: Auch wenn es glücklicherweise weniger Tote gibt als bei anderen großen Katastrophen, als beim Tsunami oder dem Erdbeben in Haiti, vom Hochwasser in Pakistan sind weitaus mehr Menschen betroffen. Viele Millionen brauchen dringend Hilfe. Das sagen die Vereinten Nationen. Wasser, Lebensmittel, medizinische Versorgung, alles wird gebraucht.
Nun bin ich mit dem Arzt Toni Großhauser verbunden, der viele Jahre für die Allgäuer Hilfsorganisation "Humedica" in Pakistan war und nun wieder dort ist. Guten Morgen, Herr Großhauser.

Toni Großhauser: Guten Morgen, Herr Herter.

Herter: Sie kennen Pakistan sehr gut. Lässt sich diese Katastrophe mit irgendeiner anderen in den letzten Jahren in Pakistan vergleichen?

Großhauser: Pakistan hatte ja als letzte Katastrophe das Erdbeben. Das ist ganz anders natürlich abgelaufen mit den vielen Todesfällen. Das hier ist eine flächendeckende Katastrophe, die sich über das ganze Land von Norden nach Süden erstreckt, und das macht dieses furchtbare Ausmaß dieser Katastrophe aus.

Herter: Die Vereinten Nationen warnen vor einer zweiten Welle von Toten, die jetzt an Krankheiten und Unterernährung sterben könnten. Sehen Sie das auch so?

Großhauser: Das ist natürlich die große Gefahr bei so einer Katastrophe und die Angst ist da, dass es in der Tat zu diesen Krankheiten kommt. Wir haben das noch nicht feststellen können, aber Tag für Tag wird das natürlich gemonitort, und die große Befürchtung ist, dass es zum Ausbruch kommen könnte. Bislang eben noch nicht und dafür sei gedankt.

Herter: Was wird jetzt am nötigsten gebraucht?

Großhauser: Die erste Not sind natürlich Unterkünfte. Die Leute sind entweder noch im Wasser unterwegs, oder hier bei uns oben in der Khyber-Pass-Tundra notdürftig unter Zeltplanen. Wenn man auf dem Motorway hier fährt, also der Autobahn, ist der Mittelstreifen streckenweise bedeckt mit notdürftigen Zeltunterkünften und die Leute haben einfach kein zu Hause. – Nummer eins.
Nummer zwei ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Sehr viele haben sehr wenig zu essen, sind zum Teil tagelang ohne Essensversorgung geblieben, oder kommen mit einer Ration am Tag aus. Das ist sicherlich eine Hauptnot. Und dann die Versorgung mit anderen Dingen wie Kleidung und Utensilien. Das ist ja alles verloren gegangen in den Fluten und das sind wirkliche Nöte.
Dann kommen die Krankheiten, die die Leute jetzt mittragen, Infektionen und so weiter. Die Not ist unermesslich.

Herter: Die Infrastruktur ist stark zerstört. Lassen sich Hilfsgüter überhaupt in die am meisten betroffenen Gebiete bringen?

Großhauser: In den überfluteten Gebieten ist es natürlich äußerst schwierig. Da ist kein Zugang mehr da. Hier oben, wo wir operieren, wir können über die Straße zu unseren Patienten kommen und den Einsatzgebieten, aber flächendeckend ist es eine extreme Herausforderung, Hilfsgüter und Versorgung an den Mann zu bringen.

Herter: Was halten Sie von der Arbeit der pakistanischen Regierung - die wird kritisiert – und auch der Arbeit der Behörden in dieser Katastrophe?

Großhauser: Die Kritik, die nehmen wir wahr. Wir sind hier aber auch in diesen Koordinationsmeetings und wir haben den Eindruck, dass jedenfalls in unserem Bereich alles getan wird, der Katastrophe gerecht zu werden. Es sind natürlich alle überfordert, wie das bei Katastrophen eigentlich immer der Fall ist, aber in diesem Fall stellen wir fest, dass die Abteilungen, die dafür zuständig sind, also die Katastrophenabteilung der Provinzialregierung, die Führung übernommen hat in der Koordination und wirklich bemüht ist, möglichst schnell Hilfe zu bringen.

Herter: Unsere Reporter und Korrespondenten berichten, dass Islamisten oftmals rascher und effektiver Hilfe anbieten als offizielle Stellen. Können Sie das bestätigen, erleben Sie das?

Großhauser: Ich kann es bestätigen aus Berichten, aber wir erleben es nicht. Wir operieren hier oben eigentlich parallel zu anderen Organisationen und haben nicht wahrgenommen, dass islamistische Gruppen in unseren Bereich irgendwie vorstoßen würden. Nun ist das aber auch ein beschränkter Bereich, angesichts dieser großen Katastrophe, und insgesamt scheint das der Fall zu sein, wenn man den Berichten aus Zeitungen und Radio folgt.

Herter: Können Sie überhaupt schon den Umfang dieser Katastrophe absehen? Die Vereinten Nationen sprechen von sechs Millionen Menschen, die betroffen sein sollen. Da dürfte es sich bisher noch um grobe Schätzungen handeln, oder?

Großhauser: Das ist noch eine sehr konservative Zahl. Ich habe die Zahl von knapp 14 Millionen schon gelesen, die betroffen sein sollen durch die Katastrophe. Also das sind schon fast unvorstellbare Ausmaße und verständlich, wenn man sich vorstellt, dass der ganze Punjab und jetzt auch Sinth überflutet sind. Ich bin auf dem Weg hierher über Karachi geflogen und habe dieses Ausmaß von oben zum Teil gesehen. Das ist also gigantisch, was an Land unter Wasser steht. Heute Morgen waren Meldungen, dass einige Stadtteile in Karachi evakuiert werden sollen, weil sie Überflutungen erwarten, jetzt wo sich die Flutwelle nach unten drückt. Also das kann durchaus wirklich mehr sein als diese sechs Millionen, die Sie nennen, und sich auf diese größere Zahl zubewegen.

Herter: Das war der Arzt Toni Großhauser, der für die Allgäuer Hilfsorganisation "Humedica" in Pakistan arbeitet. Spendenkontonummern finden Sie auf unserer Website www.dradio.de. Herr Großhauser, vielen Dank und alles Gute.

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