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StartseiteBüchermarktDie Politik der Macht06.03.2002

Die Politik der Macht

Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Matthias Fienbork, Ilse Lange-Henckel, Ursel Schäfer, Wolfram Ströle und Reinhard Tiffert

Was ist ein PAP? Nein, keine britische Kaschemme mit Sperrstunde kurz vor Mitternacht, denn englisch ausgesprochen - die Fährte trügt nicht - muß man wohl "Pi Ei Pi" sagen. Ein Akronym für "Project Affected Persons", zu deutsch: Betroffene. Allerdings bezieht sich ihre Betroffenheit nicht bloß auf allgemeine Unbilden des Lebens, sondern auf von Menschenhand geschaffene Tatsachen. PAP's entstehen immer dort, wo sich ungebremster Ingenieursgeist mit schrecklichem Bürokratendenken zu einem megalomanen Weltgestaltungsprojekt vereinen. Dass der Fortschritt seinen Preis hat, mögen seine Apologeten gar nicht abstreiten, aber den bezahlen andere, eben die PAP's. "Project affected" legt sprachlich einen euphemistischen Schleier über die wahren Ausmaße der Katastrophe im Leben dieser Menschen. Ihre Heimat verschwindet unter Schlamm- und Wasserfluten, die Entschädigung für Haus und Hof reicht nicht für eine neue Existenz, und so strömen sie, die PAP's, zu Hunderttausenden in die Slums indischer Großstädte. Wofür das alles? Zum höheren Ruhme einer Nation, die Staudämme und Atombomben bauen kann, wie sie will, aber ihre sozialen Probleme nicht in den Griff bekommt: Indien, stolzes, armes Indien.

Florian Felix Weyh

Arundhati Roy nimmt ein seltsames Mandat wahr. Weder gewählt noch berufen, repräsentiert sie doch eine zornige, große Opposition. So zornig und so groß, dass ihre Gegner aus Politik und Wirtschaft die zierliche Frau mit Prozessen überhäufen. Dabei tut die zur Autorin gereifte Architektin nichts weiter, als ihren Unmut zu artikulieren. In einem Land mit Millionen Analphabeten muß man zur demokratischen Legitimation mehr wohl nicht aufbringen. Denn diejenigen, die lesen und schreiben können, erheben im allgemeinen ihre Stimme nicht für jene, die es nicht können. Seltener Fall, dass im Herzen einer Eliteangehörigen die Flamme der Gerechtigkeit lodert. Und sie lodert so hell und heftig, dass man hierzulande bei der Lektüre von Arundhati Roys engagierten Pamphleten von einer wehmütigen Anwandlung ergriffen wird: So zielgenau und trennscharf sah die politische Publizistik auch bei uns in vordemokratischen Zeiten aus. Der Gegner war klar bestimmbar und die eigene Gegnerschaft moralisch über jeden Zweifel erhaben.

Eine korrupte politische Klasse mit messerscharfen Worten zur Strecke zu bringen, adelt jeden Schreibenden. "Die Forderung Indiens nach dem Status einer Supermacht", heißt es da gallig, "ist so lächerlich wie die Forderung nach Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft, nur weil wir einen Ball haben." Zwar hinkt der Vergleich - wer Atombomben baut, ist kraft seines Zerstörungspotentials so oder so eine Supermacht -, doch an den unlauteren Motiven ändert das nichts. Mit den Augen der unterprivilegierten Bevölkerung betrachtet, lassen sich wenig lautere Motive in der indischen Politik ausmachen. Ob sie beim Staudammbau die Verelendung von Millionen billigend in Kauf nimmt, oder ob sie amerikanischen Konzernen den roten Teppich ausrollt, obwohl jeder denkende Mensch erkennen kann, dass die abgeschlossenen Verträge einseitig zu Lasten des Schwellenlandes gehen - die Elite behandelt den ihr anvertrauten Staat wie ein abzuwickelndes Beutestück. Böse Pointe am Rande: Jener amerikanische Konzern, den Arundhati Roy in einem Aufsatz des Jahres 2000 anprangerte, trägt den Namen "Enron", und seine aktuelle Pleite erspart dem indischen Volk möglicherweise zig Millionen politisch erpreßter Dollarschulden.

Vor diesem Hintergrund erstaunt die Kälte nicht, mit der diese indische Jeanne d'Arc den 11. September 2001 kommentierte und dafür weltweit Prügel bezog. Der eigentliche Affront lag allerdings nicht in der eher allegorischen Gleichsetzung von Bin Laden mit George Bush, sondern im gern überlesenen Satz vom "Nichtüberraschsein" der Dritten Welt, dass "jede Saat irgendwann auch aufgeht". Ob die USA weltweit Terror gesät haben oder nicht, bleibt dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass die Erste Welt zur Kenntnis nehmen sollte, was in den Schwellen- und Armutsländern unseres Planeten gedacht wird. Die vor Zorn bebenden Schriften Arundhati Roys gehören zur unbedingten Pflichtlektüre für jeden Globalisierungsdenker, denn bei allem Furor sind sie nicht einseitig. Die einheimischen Eliten kommen genauso schlecht weg wie die Weltbank, internationale Konzerne und die US-amerikanische Wirtschaftspolitik. Alle Vergröberungen der Pamphlete abgezogen, bleibt am Ende ein wunderbarer Imperativ in ganzen vier Worten übrig: "Kraft achten, nie Macht." Im Hinduismus könnte das als Mantra durchgehen.

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