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StartseiteEssay und DiskursDie Renaissance ist nicht zu Ende07.10.2007

Die Renaissance ist nicht zu Ende

Ein Gespenst geht um in der Welt: die "Renaissance der Religionen". Da ist der Islamismus mit seiner Kritik des gottlosen, materialistischen, dekadenten Westens. Da ist der Fundamentalismus in den USA, der Inseln der Gemeinschaft gegen die Moderne bauen möchte - ohne an den Motor dieser Moderne, den Kapitalismus, zu rühren. In Lateinamerika und Afrika versprechen die evangelikalen Kirchen Halt in altem und neuem Elend.

Von Mathias Greffrath

Und auch bei uns, im säkularen Mitteleuropa, wird von der "Renaissance der Religion" geredet, zumindest im Feuilleton und bei den Trendforschern. Der Fortschrittsglaube habe uns hochmütig gemacht, die Überhebungen des Humanismus den Individualismus gezüchtet, der Verlust der Transzendenz die Werte zerrieben - so lautet die Litanei der postaufklärerischen Neureligiösen. Aber nicht nur sie zitieren die "Dialektik der Aufklärung", sondern auch der Papst, der den geistigen Alleinvertretungsanspruch des katholischen Christentums auf die Synthese von Vernunft, Glauben und Leben neu belebt.

Es ist ja richtig: Der Glaube der kapitalistischen Moderne an einen kontinuierlichen Fortschritt zerfällt rasant - in dem Maße, in die ganze Welt kapitalistisch wird. Weltweit zerbröseln unter dem Druck der Finanzimperien die Institutionen, die ein paar Jahrhunderte lang den Zusammenhalt der Gesellschaften gesichert haben: die Familie, die Arbeitsgesellschaft, der Nationalstaat, die traditionalen Kulturen. Am Rande und inmitten der OECD-Welt wachsen Analphabetismus, Degeneration und Gewalt. Armutswanderungen und Kriege ums Wasser drohen - schon jetzt heizen sich viele dieser Konflikte mit religiösen Formeln auf. Und die Dramatik dieser Entwicklung spitzt sich zu, zur Krise aller Krisen: das Öl, der Treibstoff der Moderne, wird rar; seine Verbrennung gefährdet die Grundlagen unserer Lebensweise.

Es scheint, wir nähern uns dem Punkt, den der große Soziologe Max Weber prophetisch voraussah: Die "Satansmühle" des fossilen Kapitalismus, so schrieb er l903, "bestimmt den Lebensstil aller Einzelnen, die in dieses Triebwerk hineingeboren werden, mit überwältigendem Zwang - und wird ihn bestimmen, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. (...) Dann wird es zu neuen Propheten kommen oder zu einer mächtigen Wiedergeburt alter Gedanken, oder - wenn beides nicht - zu mechanisierter Erstarrung."

Eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken - das ist eine Renaissance. Aber eine "Renaissance der Religion"? Haben nur die alten Glaubenssysteme die Kraft, die Verwerfungen und Krisen der Moderne zu heilen?

Vielleicht gibt es noch eine andere Lesart, die ich hier vorschlagen möchte: eine "Renaissance der Renaissance". Eine Neubelebung dessen, was Europa in den letzten Jahrhunderten formte, und von Europa aus in die Welt ausstrahlte: die windungsreiche Ablösung von religiösen Weltdeutungen und unlegitimierter Herrschaft durch Wissenschaft und Technik, durch Aufklärung und Demokratie, durch Humanismus und Sozialismus. Ein Prozess, den wir nur korrigieren können, indem wir ihn radikal zu Ende führen - in einer Zweiten Renaissance.

Wieder einmal erweitert sich der Radius der Welt, die uns bestimmt, rasant. Die politischen Gleichgewichte verschieben, das Tempo des Lebens beschleunigt sich durch neue Technologien. Die Zukunft ist weniger gewiss als noch kürzlich, und der feste Glaube der Vergangenheit - die Fortschrittsreligion - ist erschüttert.

Ein ähnliches tektonisches Beben erschütterte Europa in der ersten Renaissance, dem "Langen Jahrhundert" zwischen 1450 und 1640. "Es ist eine Lust zu leben" - das war der fröhliche Ruf der Humanisten, die in den Folianten der Antike den "neuen Menschen" entdeckten. Und eine Lust war es auch für die Großunternehmer des Neuen: die Eroberer, die Erfinder, die Fugger, die Medici, die es von Bankern zu Päpsten brachten. Von der Mehrzahl der Zeitgenossen aber dürfte dieses Jahrhundert nicht als Aufbruch, sondern als Unordnung, als Auflösung alter Bindungen und Gewissheiten erlitten worden sein. Die feudale Herrschaftsordnung zerfiel, und der neuzeitliche Staat war noch nicht in Sicht. Die alte Kirche war dekadent und korrupt und suchte sich mit kriegerischer Gewalt zu behaupten. Städte wurden frei, Bauern revoltierten - und wurden schlimmer als zuvor unters Joch gezwungen. Christliche Söldner zogen in die Neue Welt, und die Edelmetalle, die sie zurückschickten, ruinierten die alten Währungen. Alles bewegt sich gleichzeitig - diagnostizierte der "Entdecker des neuzeitlichen Ich", Michel de Montaigne. Endzeithysterie grassierte.

Aber in den Freiräumen einer sich zersetzenden Welt wurde das Neue sichtbar. Unordnung erschreckt - und sie macht unbefangen und neugierig. Die Menschen wurden nicht mehr vom Auge Gottes angeschaut - sie waren nun gezwungen, sich selbst und die Welt neu anzusehen. Mit einem Blick von außen, der nicht länger durch die Brille des Dogmatismus gefiltert war. "Ich lehre nicht, ich beobachte", sagte Montaigne. Das Sehen, das Beobachten - es wurde zum Organ der Aufklärung.

Mit dem Fernrohr des Galilei konnte man nun sehen, was die Griechen ahnten, was Kopernikus berechnet hatte. Mochten die Priester noch so lange die Bibel zitieren: der Himmel war leer. Das war eine Erschütterung, die heute kaum noch vorstellbar ist. Unter der Evidenz der astronomischen Entdeckungen zersplitterten die Sphären des Firmaments, über denen ein gerechter und gütiger Gott wohnte.

Der Dichter John Donne klagte über die neue Bodenlosigkeit: "Die Menschen rufen auf den Plätzen: Die Welt ist nun erschöpft / da in Planetenfernen und am Firmament / so viele neue Welten neu entstehen; sie sehen unsere Erde / in atomarer Vielfalt sich verkrümeln. / Das All in Scherben, nirgendwo ist Halt."

Viel Neues wurde sichtbar in dieser Epoche: erschreckend und befreiend, verwirrend und anstiftend zur Tat.

Die Bibelübersetzungen der Reformation machten die Heilige Schrift für alle sichtbar: Gegen die Theologen der Herrschaftskirche beriefen sich Laientheologen auf urchristliche Motive.- und lieferten Bauern und Handwerkern Motive zur Revolte.

Die neue Kunst befreite sich von der Bindung an den Kultus, die imaginären Welten von Bibel und Mythologie. Sie wurde, mit neuen Techniken, zu einem Spiegel, der das Schöne und das Hässliche, das Erhabene und das Niedrige zeigte, die Oberfläche der Körper und das Spiel des Unsichtbaren, Unbewussten in ihnen.

Der Buchdruck mit beweglichen Lettern machte alles Wissen für alle lesbar, schnell und global zirkulierbar. Eine Wissensexplosion war die Folge.

Die Seefahrer hatten "anderen Welten" und Völker gesehen, die an andere Götter glauben, nach anderen Regeln leben.

All dieses neue Weltwissen schoss zusammen in den Staatsromanen der Renaissance, der Sonnenstadt Campanellas, dem Neuen Atlantis Bacons und der Insel Utopia des Thomas Morus. Technischer und pädagogischer Optimismus grundierte die Visionen von Gemeinwesen ohne Mangel, ohne Willkür und Ungleichheit. Die Naturvölker zeigten: es gibt Gesellschaften ohne Geld und Gewalt. Aus den politischen Utopien destillierten die Aufklärer ihre Umbaupläne, die Philosophen die rationalen Normen des Naturrechts. Und ganz am Ende standen zwei Revolutionen: die politische, die Freiheit, Gleichheit und Solidarität immerhin zur universellen Norm erhob, und die Industrielle Revolution , die versprach, das Elend durch allgemeinen Wohlstand zu überwinden .

Die Renaissance, das war eine Geburt, die 300 Jahre dauerte. Die europäische Moderne ist ihr Kind - und dieses Kind ist jetzt in der Adoleszenzkrise.

Die technischen Utopien sind Wirklichkeit geworden, von Leonardos Fluggerät bis Bacons künstlichen Pflanzen - und weit darüber hinaus. Die materiellen Voraussetzungen, Elend, Unwissenheit und Mangel auf der Erde abzuschaffen, sind in zwölf Generationen erarbeitet worden, wenn auch ein paar Jahrhunderte lang mit Raub und Ausbeutung in den anderen Teilen der Welt - die sich jetzt emanzipiert haben und auf dem Weltmarkt revanchieren.

Um das politische Programm steht es nicht ganz so gut: Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts ist die Demokratie zur universell anerkannten Staatsform geworden - mit der schweren Einschränkung: nur im Prinzip. Hier gibt es noch große Umsetzungsprobleme.

Und riesige in der dritten Dimension: der Abschaffung sozialer Ungleichheit. Der westliche Wohlstand gibt heute global die Meßlatte ab für das, was als "gutes Leben" gilt - aber die Nachzügler haben noch einen langen Weg vor sich. Einen langen Weg und zwei hohe Barrieren.

Die eine ist die neue Freiheit des Kapitals auf dem deregulierten Weltmarkt. Zwei Jahrzehnte Globalisierung haben gezeigt, dass die unsichtbare Hand des Marktes - wie schon immer - Monopole fördert, Ungleichheit vergrößert und ganze Weltregionen abhängt.

Die zweite, und scheinbar unüberwindliche Barriere: die Klimakrise. Eine globale Modernisierung nach dem Modell des Westens ist nur als Katastrophe vorstellbar.

Wir sind am tipping point der Ölförderung, sagen die Geologen, wir sind am tipping point des Weltklimas, sagen die Klimaforscher - und daraus folgt nicht weniger als dies: Wir müssen die Weltgesellschaft neu erfinden, und das in ein paar Jahrzehnten. Eine industrialisierte Erdbevölkerung von 7 Milliarden Menschen darf nicht mehr CO2 ausstoßen als 500 Millionen in der agrarischen Welt vor dreihundert Jahren. Eine Dritte Technische Revolution muss eingeleitet werden: solare Energieversorgung in planetarischem Umfang, Umbau der Städte; eine Wiedergeburt regionaler Wirtschaftskreisläufe; und nicht zuletzt: ein gewaltiger Reichtumsausgleich zwischen Nord- und Süd.

Das sind Projekte für politische Titanen. Man stelle sich nur vor, wie Angela Merkels Vorstoß, den zulässigen CO2-Ausstoß in Zukunft egalitär pro Kopf der Weltbevölkerung zu bemessen, durchgesetzt werden soll - dann wird die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe ermessbar. "Merkel träumt", schrieb die Wirtschaftspresse. Aber die Alternative sind Alpträume: nicht endende Kriege um Energie, Wasser, Rohstoffe, Lebenschancen.

Dutzende von Weltverfassungen und globale Ethiken sind in den letzten Jahrzehnten entworfen worden, von Philosophen, Theologen, Aktivisten. Wir brauchen ein globales Regelwerk zur Eindämmung der zerstörerischen Dynamik der Moderne, darin waren sich auch der Vernunftphilosoph Habermas und Kardinal Ratzinger vor einigen Jahren einig. Vor allem aber darüber, dass die religiöse Aufheizung eines solchen Ethos in Terrorismus und Kriege führen würde.

Worauf also können wir dann setzen?

Auf das Licht der Renaissance.

Zuförderst auf die Wissenschaft. Ihre Erkenntnisse , so schrieb kürzlich der Schriftsteller Ian McEwan, nach einer Expedition zu den abbrechenden Eisbergen, geben uns eine "neue Metaphysik. Eine Weltanschauung, die die Welt ehrfurchtgebietend, großartig und wunderbar findet", die Gefühle wie "Freude, Mitleid, ozeanische Gefühle" hervorruft, "die unendlich viel komplexer ist als die christliche oder islamische, und die überdies noch den Vorzug hat, wahr zu sein. (...) Es war immer ein falscher Anspruch der Religionen, zu behaupten, ohne sie gäbe es keine Moral."

Aber Moral ist nicht nur vernünftige Einsicht. Das Handeln bestimmt sie nur, wenn sie von starken Gefühlen getragen wird. Können die der Wissenschaft, der Erkenntnis entspringen? Kann sie unserer Seele Bilder geben?

Am Ende der Moderne, am Ende all der Rationalisierungen, all der Entzauberungen, so schrieb es der Kulturhistoriker Egon Friedell zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, wird ein "Licht vom anderen Ende" sichtbar. Es ist ein Licht, das nicht mehr Religion ist, und mehr als bloßes Wissen - und ganz von dieser Welt.

Ich will drei Beispiele für dieses "Sichtbarwerden" geben. Drei Beispiele aus Wissenschaften, die in unserer Epoche riesige Erkenntnissprünge gemacht haben:

"Das Eisen in meinem Körper ist Staub erloschener Sterne. Das Erbe von Riesensternen, die plötzlich in sich stürzten und ihre Elemente weit ins tiefe Universums schleuderten wo sie mit kosmischer Materie neue Sterne zeugten - und auch die Erde.

Dank dieser weitgereisten Sternenasche verbrennt das Kraftwerk unserer Zellen die Nahrung und schenkt uns Energie. In uns glimmern Abermilliarden winziger Flammen - Abglanz längst verloschener Sternenfeuer aus den Weiten des Universums. In uns, den Gliedern einer kosmischen Kette, in der nicht nur für Sterne, sondern auch für uns jedes Ende ein Anfang ist."

Kein Poet des New Age redet hier, und keines dieser Worte des Biochemikers Gottfried Schatz ist Metapher, auch dann nicht wenn er beschreibt, wie die Hochzeit von zwei Bakterienarten vor anderthalb Milliarden Jahren die ersten atmenden Zellen bildete, deren direkte Erben unsere Lungenzellen sind. Oder wie Botenstoffe die Schwingungen unserer Zellen takten, exakt im Rhythmus der Erdumdrehung.

Wir tragen die Geschichte der Evolution und den Rhythmus der Erde in uns - das ist nicht Poesie, das ist "Fakt" - und es ist die Aufhebung der Grenze zwischen Poesie und Wissenschaft, eine Erkenntnis, die ans Herz rührt - sichtbar gemacht von kalten Apparaten, die nach dem cartesianischen Programm gebaut worden.

Gut. In uns lebt also das Erbe der Evolution - und das ganz metaphernfrei. Aber verpflichtet uns dieses Erbe zu irgendetwas? Man kann ein Erbe ja auch ausschlagen. Bringt diese schöne Einsicht uns dazu, von den Herren und Meistern der Natur zu den Gärtnern der Erde zu werden? Hilft sie uns in der Situation, in der wir drauf und dran sind, den Planeten zu ruinieren?

"Wir können die Natur nicht umbringen", schreibt die Biologin Lynn Margulis. "Nur uns. Wir Menschen sind wie unsere planetarischen Mitbewohner. Bakterienstämme, Heuschreckenschwärme, Schaben, Mäuse und Gräser, deren Wachstum außer Kontrolle gerät, kollabieren. Ihr eigener Abfall nimmt auf widerliche Weise überhand, und ernsthafte Mangelperioden folgen."

Die Erde als einen "Symbiotic Planet", einen Planeten der Mitbewohner zu betrachten, als einen Gesamtorganismus von Organismen - das ist die Gaia-Hypothese. Lynn Margulis brachte sie zusammen mit dem britischen Biologen James Lovelock vor dreißig Jahren zur Welt. GAIA, das ist der Name der griechischen Erdgöttin, und die Gaia-Hypothese heißt, kurz gefasst: Die Tendenz aller Lebewesen, ein Gleichgewicht zu bewahren, dass ihr Weiterleben sichert, gilt auch für die Erde als Ganze. Nicht, weil der Planet ein Lebewesen mit Subjektivität ist, und schon gar nicht eine mystische Mutter. Sondern weil die Atmosphäre der Erde auf dem Stoffwechsel lebendiger Materie beruht, zuvörderst auf der Jahrmilliarden währenden Produktion von Sauerstoff durch Bakterien. Weil auch nach Krisen und Katastrophen neue ökologische Gleichgewichte sich immer wieder herstellen, durch die wechselseitige Abhängigkeit der Lebewesen voneinander, durch ihre Anpassungsleistungen, ihre Wanderungen, ihre Symbiosen. Und durch die Dezimierung von Populationen, die zu schnell wachsen. So wie wir Menschen.

Die Gaia-Hypothese wurde zunächst von der Wissenschaftler-Gemeinschaft abgelehnt, weil sie zu sehr nach Esoterik klang. Inzwischen ist Gaia salonfähig geworden - unter dem Namen Biosphärenwissenschaft, die die Wechselwirkungen von Erdklima, Organismen, Mineralien und menschlicher Aktivität erkundet.

Die Erde ist keine Göttin, aber sie hat ein Gehirn bekommen. In uns. Wir haben sie mit einem technischen und kulturellen Nervensystem überzogen, überwachen sie mit Satelliten und Kameras, wissen, wann ein Heuschreckenschwarm in Nigeria oder eine Rakete in Nevada startet. Wir können sehen, wie wir mit der Erde umgehen. Wir sehen die Rauchschwaden. Wir sehen das Ozonloch, die Wärmeströme der Ozeane. Wir sehen vierdimensional: die Filme im Zeitraffer zeigen uns die Schmelze auf dem Gipfel des Kilimandscharo, auf der Zugspitze. Und die Grafiken zeigen uns das Verschwinden des Kabeljaus. Die Zweite Renaissance, das ist das Sichtbarmachen der Wirklichkeit, die wir gemacht haben.

Der Blick durch Galileis Fernrohr warf das mittelalterliche Weltbild um. Die Satelliten, die uns das Schrumpfen des Eises zeigen, werfen den Glauben an unendliches Wachstum um. Sie sind die Werkzeuge der zweiten Renaissance. Die erste entließ die Menschen aus den Bindungen des Glaubens und der Herrschaft: ein paar Jahrhunderte lang griffen wir aus und gestalteten die Welt um - tendenziell unendlich, wie wir glaubten. Die zweite Renaissance wendet den Blick zurück auf unsere Vorgeschichte, unser Erbe, auf die Folgen unserer Taten. Sie macht die unsichtbaren Gefahren sichtbar, auf die wir zusteuern.

Gaia hat also ein Bewusstsein. Die Frage ist, was sie damit macht. Oder irdischer gesagt: Was wir damit machen. Denn wir sind ja kein Organismus, sondern eine Gattung aus sechseinhalb Milliarden Individuen. Individuen mit konfligierenden Interessen, deren bewusstes Handeln sein Maß an der Spanne ihres kurzen Lebens findet.

Wie kann sich ein Weltgewissen, eine globale Moral in Milliarden Individuen pflanzen, ein - wie Kant schrieb - "Interesse am Weltbesten...auch wenn es nicht unser eigener Gewinn ist"? Ein Interesse am Weltbesten - sind wir damit nicht überfordert - wir Individuen? "What has posterity done for me?" fragt der Tankwart. Was bindet uns an die Welt nach unserem Tod? Was bindet überhaupt unsere Seelen an die Welt?

Auch hier wird etwas Neues sichtbar in unserer Epoche. Und wieder ist es der Blick von außen, sind es neue Werkzeuge, Kernspintomographen und chemische Analyseapparaturen, die den letzten Bereich ausleuchten, in dem die metaphysische Spekulation und der religiöse Glaube sich noch behaupten.

Die Scans aus der Gehirnforschung zeigen uns, Schicht um Schicht, das Netzwerk von Milliarden von Nervenzellen mit Billionen möglicher Verbindungen. Zeigen, wie sich unsere innere Welt zusammensetzt: aus unseren Erfahrungen, aus rationalen Erwägungen, aus animalischen Antrieben und moralischen Impulsen. Sie alle verhandeln miteinander, bewusst und unbewusst und ständig, bevor wir handeln. Erkenntnis, Erfahrung, Erinnerung; die Anteile unserer Tiernatur, unserer kulturellen Prägung und unserer individuellen Erfahrungen, sind, so sagen es die Resultate der Gehirnforscher: "absolut untrennbar".

Was wir sind - unser Ich, unsere Seele - das ist die unauflösbare Verschmelzung von Bildern und Gefühlen, von Erfahrungen, die wir gemacht, Berührungen, die wir erfahren haben - und den Bildern, die wir bei Petrarca oder in der Zeitung, auf der Leinwand von Caspar David Friedrich oder Otto Dix oder auf den Glanzphotos der Magazine oder in den virtuellen Dramen der Computerspiele gesehen haben. Das Ich, das ist ein Spiegelkabinett, in dem sich alle diese Bilder aufeinander projizieren. Da fängt es erst an: in diesem unendlichen Raum reden alle die Stimmen, die jemals in uns drangen, miteinander und kommentieren die neuen Bilder. Und dieses Stimmenwirrwahr wiederum taucht in den Dschungel der Gerüche ein, die wir aufgenommen haben. Und jede neue Wahrnehmung, jede neue Handlung, jede reaktivierte Erinnerung verändert die Tönung dieser inneren Welt.

Auf den Diagrammen der Messinstrumente werden die so genannten Spiegelneuronen sichtbar: Wenn mein Gegenüber von einer Nadel gestochen wird, belebt das meine Schmerzmelder und ich zucke mit ihm zusammen. Wenn meine Augen ihn leiden sehen, enerviert das meine Erinnerungen an eigenes Leid. Wenn meine Freundin lacht, steckt mich das an - keine Metapher, auch dies nicht, sondern ein biologischer Vorgang. Die Schaltkreise meines Gegenüber verlaufen durch mich und meine durch ihn; ein Teil von uns wirkt ständig auf die Welt, und ein Teil der Welt auf uns. Einfühlung, Mitgefühl ist ein biologischer, ein physiologischer Vorgang.

Jeder kommt mit der Fähigkeit dazu zur Welt. Man muss es nicht lernen. Aber man kann es verlernen. Kinder kommunizieren mit allem Lebenden, sogar mit Steinen. Kinder, mit denen wir nicht kommunizieren, werden zu Steinen. Vor allem unter Stress. Wenn die Angst, wenn die sanktionierte Norm, wenn die Gewalt regieren, werden die subtilen Spiegelmechanismen - auch das kann man messen - die Offenheit für den Anderen abgeschaltet, dann regieren die "kurzen Bahnen" im Gehirn, dann kappen wir die Beziehungen zur Welt und zum anderen. Dann werden wir, wie es so übel heißt, zum Tier, das nur noch Seines sieht und greift. Dann wird das Bild der Welt in uns schmal. Niemand kommt mit der Seele eines Kindersoldaten auf die Welt, aber es braucht diese Welt, um die Seele eines Kindersoldaten zu formen - auch das ist, beim gegenwärtigen Stand der Forschung, keine Metapher.

Und das Resultat: Das Wesen des Menschen ist das Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse; und seine Seele ist seine Reaktion darauf. Was als Naturwissenschaft vom Gehirn begonnen hat - entpuppt sich als Sozialwissenschaft, als "objektive" Bestätigung dessen, was der Renaissancedichter John Donne einst so fasste:

"Kein Mensch ist eine Insel und gründet in sich selbst.
Jeder Mensch ist Teil eines Kontinents
Ein Teil des Ganzen".

Das Wissen von unserer Herkunft, das Wissen von der Erde als "Planeten der Mitbewohner", das Wissen vom Gewebe aus Welt und Seele - sie verändern unser Weltbild nachhaltig. Aber kann ein solches Wissen die Religion verdrängen? Kann ein solches Weltbild dem Ich, diesem dünnen Schleier über einer Welt von Erfahrungen, die Angst nehmen, die die Religion dämpfte?

Denn da bleibt ein bitterer Rest. Und der heißt: ICH muss sterben. Es ist dieser Schmerz , aus dem der metaphysische Hunger der westlichen Neuzeit wuchs. Die Heilsgewissheit des naiven Glaubens ließ sich gegen den Materialismus der Wissenschaft nicht länger halten, auch wenn die Kirchen mit dem Versprechen des ewigen Lebens und eines gütigen Gottes noch ein paar Jahrhunderte wuchern konnten. Aber neben dieses Versprechen trat eine neue, mächtigere Verheißung für die Individuen: Du kannst dem Tod nicht entkommen, sagt sie, aber Du kannst nun - um ihn zu vergessen - so viel Welt wie möglich konsumieren - zwei Wohnungen, drei Ehen, vier Fernreisen jedes Jahr, Kirschen zu jeder Jahreszeit und ein Schnäppchen jeden Tag. Und Du kannst das Mittel akkumulieren, das Dir diesen Konsum ermöglicht: Geld - den Stoff, der Dir alle Optionen erschließt.

Der Zweikomponenten-Treibstoff, der den Kapitalismus anfeuert: Er besteht aus dieser Verheißung einer tendenziell unendlichen Vervielfältigung der materiellen Genüsse, die den Tod verdrängen lässt und die Angst vertreibt; und, komplementär dazu, der zweiten Komponente: Dem vampirhaften Spiritismus des Kapitals, das sich nur vermehren kann, indem es Kontinente erobert, gestaltet, verzehrt und erneut in finanzielle Energie verwandelt. Dieser Exzess des Weltverschleißes aber, das wird nun sichtbar, bringt Katastrophen hervor: ökologische, soziale, seelische.

Die Unruhe, die sich aus dieser Erkenntnis ausbreitet, mag in empfindsamen Seelen das "metaphysische Bedürfnis" wieder stärker werden lassen, aber die alte Gewissheit der Unsterblichkeit gibt ihnen kein heutiger Theologe zurück. So bleibt nur die individuelle Regression in die Magie der alten Religionen - oder eine profane Variante der biblischen Lösung für ausweglose Situationen: der Exodus aus dem System des beschleunigten Weltverzehrs.

Am Anfang dieses Exodus müsste der Abschied von ein paar mittelalterlichen Resten stehen, die wir in den Jahrhunderten der Moderne noch mitgeschleppt haben:

Zum einen die feudale Illusion, wir könnten zu "Herren" der Natur werden. Sie wird aufgelöst durch die Erkenntnis, dass wir Mitbewohner dieses Planeten sind, neben anderen Lebewesen und auf sie angewiesen, wie sie auf uns - dass wir nicht immer weiter Neuland zu erobern, sondern "einen Garten zu bestellen" haben.

Und dann: die religiöse Illusion der Unsterblichkeit, deren Verlust so groß war, dass wir ihn nur verdrängen konnten, so wie wir die Friedhöfe aus unseren Städten verdrängt haben. Ein Verlust, den wir jeden Tag verleugnen, an dem wir so leben, als lebten wir ewig, und das kostbarste, was wir haben - unsere Lebenszeit - eintauschen gegen schnellen Verschleiß.

Das Verlassen unhaltbarer Illusionen, die Bewusstseinsumkehr aber ist erst der Anfang der Zweiten Renaissance. "Eine andere Welt ist möglich", rufen die Demonstranten in aller Welt, und auch auf der anderen Seite der Zäune fehlt es nicht an Master-Plänen. Eine globale Wirtschaft braucht eine globale politische Ordnung - das ist inzwischen ein Gemeinplatz, der in vielen Memoranden raschelt: Reform der internationalen Finanz- und Handelsordnung, globale Steuern zur Entwicklung des "Südens", vor allem: eine Solare Revolution. All das sind bis heute - kraftlose Postulate vor den Glaspalästen und in ihren Büros.

Die erste Renaissance wird datiert vom Ende der Pest 1450 bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts: der Entstehung des säkularen Nationalstaats, der Akademien, der Manufakturen. Eine spannende Zeit für den, der sie studiert, eine unordentliche, anstrengende Zeit für die, die in ihr lebten. Auf die Poesie des Anfangs, das Lob des Irdischen, die Befreiungsschläge der Reformation, die Humanistischen Parolen über die "Lust, zu leben" folgten zwei Jahrhunderte Religionskriege, Ketzerverbrennungen, Gesinnungsterror, Unsicherheit auf den Strassen, Dekadenz an den Höfen, Höllenvisionen in der Kunst, Massenexekutionen von Arbeitslosen und Genozid. Eine Zeit der Kriege, der Entdeckungen, der Machtverschiebungen. Aber in den Rissen dieser Verwerfungen wurde der Rohstoff des Neuen von Wissenschaftlern, Unternehmern und Politikern geschmiedet, aber auch von Ketzern, Freibeutern des Geistes und Migranten. Und die Bastille fiel erst ganz zum Schluss.

Revolutionen gehen von Inseln aus - auch das können wir aus der ersten Renaissance lernen: von utopischen Inseln, von freien Städten, von Laboratorien, in denen neues Wissen entsteht, von Universitäten, in denen kühn gedacht wird. Die Inseln der Zweiten Renaissance in unserer Epoche: das sind die Fabriken, in denen die Techniken des Solarzeitalters entwickelt werden; die Buden der Computer-Freaks, in denen Netzwerke konstruiert werden, in denen das Wissen der Welt keine Ware ist; die Genossenschaften, die Mehrgenerationenhäuser bauen und alte Anbaumethoden modernisieren; die Subkulturen der aufgeklärten Askese. Und global: tausende von NGOs, die für fairen Handel und gegen die Patentierung des geistigen und natürlichen Erbes aller Menschen kämpfen; die schwimmenden Inseln von Greenpeace, die bewehrten Enklaven der Landlosen im Agrar-Oligarchen-Reich, die Abteilung "regenerative Energie" in der chinesischen Regierung, einige Unterorganisationen der UN und einige Kommissariate der EU.

"Unsere Gegenwart", schrieb ein Beobachter langer Zeiträume, "ist eine zivilisierte, keine kultivierte Zeit. (…) Man kann das bedauern und dies Bedauern in eine pessimistische Philosophie und Lyrik kleiden, aber man wird es nicht ändern. (...) Wenn unter dem Eindruck (dieser Erkenntnis) sich Menschen der neuen Generation der Technik statt der Lyrik (...) der Politik statt der Erkenntniskritik zuwenden (...) kann man ihnen nichts besseres wünschen." Der Autor war Oswalt Spengler, aber der Satz ist nicht schlecht - und das Abendland, wenn es klug wird, muss nicht untergehen, es könnte ja erwachsen werden, zum Partner in einer Weltgesellschaft. Mit Wissenschaft, mit Weltfrömmigkeit, oder, sei's drum: mit Gottes Hilfe.

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