Montag, 18.12.2017
StartseiteBüchermarktDie roten Flüsse27.10.2003

Die roten Flüsse

Barbara Vine über Blut als Leidenschaft

Von Blut ist die Rede in Barbara Vines neuem Roman: Blut in metaphysischem Sinne als Bewahrer eines ererbten Titels, Blut als Übermittler von Erbkrankheiten. In ''Königliche Krankheit'' entschließt sich Martin Nanther – der vierte Lord Nanther, Mitglied des britischen Oberhauses und ein erfahrener Biograph -, die Lebensbeschreibung seines Urgroßvaters zu verfassen. Blut war dessen Leidenschaft: Gutes Blut, schlechtes Blut, blaues Blut, das Blut der Toten, das Barbara Vines Roman mit seinem süßen Duft durchzieht.

Thomas David

Coverausschnitt des besprochenen Titels (AP)
Coverausschnitt des besprochenen Titels (AP)

Blutsverwandte, Fleisch und Blut: Eigentlich ist Martin Nanther kein Chronist der eigenen Familie; Wunschkandidat für seine neue Biographie war vielmehr Lorenzo da Ponte, Mozarts Librettist, an dem Nanther alles interessierte – abgesehen, leider, von der Musik. Als seine Schwester ihm den nachgelassenen Brief einer Großtante schickt, in dem diese ihren Vater, Nanthers Urgroßvater, diffamiert, ist seine Neugier geweckt und er gerät in den Bann einer Vergangenheit, die letztlich auch seine eigene ist. Henry Nanther genoss im 19. Jahrhundert einen tadellosen Ruf; er war ein bedeutender Mediziner, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Blutkrankheiten; er war ein Bekannter Charles Darwins, der Leibarzt von Königin Victoria und wurde in Anerkennung seiner Dienste von dieser mit jener Baronswürde belohnt, die drei Generationen später auf Martin Nanther überging. Welche «ungeheuerlichen und grauenvoller Dinge», wie Großtante Clara in ihrem Brief schrieb, hat sich der ehrenwerte Lord Nanther – eine Stütze der Gesellschaft, so scheint es – zu Schulden kommen lassen? Wo liegen die Ursprünge seiner blutigen Passion ? Schlechtes Blut, böses Blut, kalten Blutes, mit Blut geschrieben – die Liste der Redensarten ist endlos. Wo liegen die Ursprünge von Barbara Vine Passion?

Sie interessiere sich schon seit vielen Jahren für Hämophilie, sagt Barbara Vine alias Ruth Rendell. In ihrem Haus im Londoner Stadtteil Maida Vale sitzt sie auf dem Sofa. «Hämophilie», sagt sie, «ist eine Erbkrankheit. Vererbung ist die einzige Möglichkeit der Übertragung.» Sie habe gewusst, dass sie eines Tages über diese sogenannte «Bluterkrankheit» schreiben würde, aber erst nach ihrem Einzug ins House of Lords, wo die Schriftstellerin seit 1997 als Baroness Rendell of Babergh auf den Bänken der Labour Party sitzt, habe sie einen geeigneten Kontext dafür gefunden.

In Königliche Krankheit kombiniert Barbara Vine Martin Nanthers historische Recherchen, die allmähliche Enträtselung der Vergangenheit, die Demaskierung eines scheinbar vorbildlichen Lebens, auf raffinierte Weise mit der Reform des britischen Oberhauses, an der die Autorin vor wenigen Jahren selbst beteiligt war. Als Erblord – als Peer, dessen Titel nicht auf persönliches Verdienst, sondern auf verwandtschaftliche Verhältnisse zurückzuführen ist – stimmt Nanther schließlich für die eigene Abschaffung. Das House of Lords, der Londoner Westminster-Palast in seiner monströsen neogotischen Pracht, ist dabei einer von zahlreichen Schauplätzen, die die Autorin mit Liebe zum Detail beschreibt und die ihrer zum Teil sehr ausschweifenden Erzählung unter dem weiten Bogen der Jahrhunderte soliden Raum verschaffen. Weil sie ihre Notizen aufbewahrt habe, sagt die Schriftstellerin, sei ihr die Darstellung der Oberhausreform, nach der lediglich 92 der ursprünglich 750 Erblords im Haus belassen wurden, in all ihren politischen wie menschlichen Aspekten verhältnismäßig leicht gefallen. Das Oberhaus, sagt sie, erweise sich im übrigen immer wieder als großartige Informationsquelle, weil es sich bei den Life Peers gewöhnlich um die fachkundigsten Experten ihrer Disziplin handele und man jeden einzelnen jederzeit um Rat fragen könne.

In Königliche Krankheit liest sich Martin Nanther durch die Tagebücher seines Urgroßvaters, der mit unerschöpflichem Eifer am eigenen Nachruhm gearbeitet zu haben scheint; er kommt dem Mord an Henrys Nanthers Verlobter auf die Spur, dem Tod des geliebten Sohnes; er spekuliert über den Einzelheiten seines Stammbaums und rätselt über mysteriöse Todesfälle, welche die Geschichte seiner Familie seit Generationen durchzieht.

Als Martin Nanther schließlich von London nach Tenna reist, jenem entlegenen Dorf in den Bergen unweit von Chur, deckt er eine Vergangenheit auf, die er am Ende nur noch verabscheut und dennoch nicht mehr verleugnen kann. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stattete auch Henry Nanther dem kleinen Ort in den Bergen von Graubünden einen geheimnisumwitterten Besuch ab. Wegen der großen Zahl an «Bluterfamilien», sagt Barbara Vine alias Ruth Rendell, habe Tenna in Fachkreisen einen äußerst zweifelhaften Ruhm genossen. Die Reise nach Tenna, die Rendell im Rahmen ihrer akribischen Recherchen für «Königliche Krankheit» selbst unternommen hat, sei auch für sie der Schlüssel zum Geheimnis ihres Romans gewesen. In Tenna, sagt sie, habe sie die Grabsteine studiert.

Königliche Krankheit ist der elfte Barbara-Vine-Roman der inzwischen 73-jährigen Ruth Rendell. Er ist in seinem Handlungsverlauf weniger überraschend als «Die im Dunkeln sieht man doch» von 1986 und dem ein Jahr darauf erschienenen «Es scheint die Sonne noch so schön», die ersten beiden unter Rendells Pseudonym veröffentlichten Romane, die der Kriminalschriftsteller und Kritiker Julian Symons zu den «unvergesslichsten und originellsten Kriminalromanen des Jahrhunderts» zählte. «Königliche Krankheit» ist in der Inszenierung psycho-pathologischer Perfidie weniger zwingend als «Der schwarze Falter», Barbara Vines spätes Meisterwerk aus dem Jahr 1998. Dennoch gelingt es der Autorin auch in ihrem neuen Roman hervorragend, wie in früheren Büchern mit souveräner Hand die Zeitebenen zu wechseln, das viktorianische Zeitalter im Bewusstsein ihres Protagonisten aufleben zu lassen: In «Königliche Krankheit» erweist sich Barbara Vine als Autorin eines schicksalhaft pulsierenden Notturnos, das von einer Vergangenheit erzählt, die in Gestalt des skrupellosen «Blut-Arztes» Henry Nanther unbarmherzig in die Zukunft greift.

Königliche Krankheit
Diogenes, 586 S., EUR 23, 90

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk