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StartseiteEssay und DiskursDie russische Seele und die Lust am Leiden31.07.2011

Die russische Seele und die Lust am Leiden

Hintergründe einer Mentalität

Dem russischen Volk wird gern eine Neigung zur Schwermut attestiert. Als Grund dafür wird eine Folge von Erschütterungen und Katastrophen seit den Anfängen des Landes genannt. Denn die russische Geschichte ist von vielen Gräueln geprägt worden - vom Mongolesturm, dem Tatarenjoch, dem Petersburger Blutsonntag bis zu den barbarischen Ausprägungen im Stalinismus seit der Oktoberrevolution. Dabei haben die Schrecken der nationalen Geschichte dazu geführt, dass die Menschen sich intensiv in ihre Leidensfähigkeit vertieften.

Von Michaela Fridrich

Warum sind die Russen so traurig? (Stock.XCHNG / Monika Leon)
Warum sind die Russen so traurig? (Stock.XCHNG / Monika Leon)

Hören Sie dazu den Essay von Michaela Fridrich. Die Autorin ist Hörfunkjournalistin beim Bayerischen Rundfunk.

Die russische Seele und die Lust am Leiden
Hintergründe einer Mentalität

Von Michaela Fridrich

Wie das Aufstöhnen eines tief Verzweifelten mutet der Beginn der 6. Sinfonie von Pjotr Iljitsch Tschaikowski an. Das Werk wurde 1893 nur wenige Tage vor dem plötzlichen Tod des Komponisten unter dessen eigener Leitung uraufgeführt. Zahlreiche Spekulationen und Verschwörungstheorien ranken sich um den Tod Tschaikowskis: Von einer Cholera-Infektion bis hin zum Selbstmord scheint Vieles möglich. Seine unter dem Beinamen "Pathétique" berühmt gewordene letzte Sinfonie endet so düster, wie sie beginnt, und verleiht dem Ende Tschaikowskis eine tragische Note.

Schon das Leben des Russen wird meist als unglücklich beschrieben. Das von den Eltern durchgesetzte Jura-Studium, die freudlose Tätigkeit im Staatsdienst zählen als Ursachen, dazu seine in materieller wie in künstlerischer Hinsicht schwierigen Anfänge als Komponist, vor allem aber seine Homosexualität, die er im Russland seiner Zeit strengstens geheim halten musste. Verglichen mit anderen Künstlerbiografien des 19. Jahrhunderts erscheint das Elend Tschaikowskis allerdings nicht übergroß. Immerhin wuchs er in einer gut situierten, behüteten Umgebung auf und fand auf seinem Lebensweg immer wieder Menschen, die gewillt und imstande waren ihn zu unterstützen. Seine Musik trägt dennoch jenen schwermütigen Wesenszug, der die russische Kultur allgemein prägt.

"Ich glaube, das wichtigste, das wesentlichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis, immer und unaufhörlich, überall und in allem zu leiden. Mit diesem Lechzen nach Leid scheint es von jeher infiziert zu sein. Der Strom der Leiden fließt durch seine ganze Geschichte; er kommt nicht nur von äußeren Schicksalsschlägen, sondern entspringt der Tiefe des Volksherzens. Das russische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss."

Kein Geringerer als Fjodor Dostojewski brachte 1873 in seinem "Tagebuch eines Schriftstellers" diese merkwürdige Charaktereigenschaft seiner Landsleute auf den Punkt. Die Lust der Russen am Unglücklichsein hat er immer wieder zum Thema seiner Romane gemacht. Auch andere Landsleute Dostojewskis thematisierten die russische Schwermut in ihren Texten. So bekannte der Dichter Wladimir Majakowski, der sich 1930 im Alter von 36 Jahren das Leben nahm, zwar viele reichere und schönere Länder gesehen zu haben, niemals aber eines mit vergleichbarer Leidenskraft.

Auch westliche Autoren empfanden eine starke Faszination für die rätselhafte Melancholie der Russen. So zeigte sich Rainer Maria Rilke von der Leidensfähigkeit der slawischen Seele tief beeindruckt und legte aus Bewunderung für das russische Wesen zeitweilig sogar russische Tracht an. Doch es gab auch kritische Stimmen. Ziemlich verächtlich äußerte sich unlängst der amerikanische Slawist Daniel Rancour-Laferriere. In seinem 1995 erschienenen Buch brandmarkt er die russische Seele als Sklavenseele und bringt den Kult des Leidens mit moralischem Masochismus in Zusammenhang. In Rancour-Laferrieres Kritik spiegelt sich die amerikanische Geisteshaltung wider, die das aktive eigenverantwortliche Streben nach individuellem Lebensglück als selbstverständlich ansieht.

Unbegreiflich erscheint aus dieser Perspektive der Fall des ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowski. Der einstmals reichste Mann Russlands hatte es unterlassen, sich der wahrscheinlichen Strafverfolgung durch Ausreise in den Westen zu entziehen.

2004 ist Chodorkowski, der mit seinen politischen Aktivitäten bei der Regierung zunehmend angeeckt war, verhaftet und wegen angeblicher Steuerhinterziehung verurteilt worden. Nach nunmehr acht Jahren aufreibender Haft und einer neuerlichen Verurteilung Ende 2010 muss der Regimekritiker Chodorkowski voraussichtlich weitere sechs Jahre im Gefängnis bleiben. Dennoch hat er in Interviews beteuert, seine Entscheidung in Russland zu bleiben, niemals bereut zu haben. Wie erklärt sich das Bekenntnis zu einem solchen Leidensweg? Es erscheint typisch russisch. In der langen Vergangenheit Russlands hatte die Bevölkerung zahlreiche Gelegenheiten, sich in Leidensfähigkeit zu üben:

"Das historische Los des russischen Volkes war unglücklich und reich an Leiden. Seine Geschichte ist erfüllt von Erschütterungen, Katastrophen und plötzlichen Wandlungen im Grundcharakter der dem Land eigenen Zivilisation."

Der russische Philosoph Nikolai Berdjajew hat sich in seinen Schriften intensiv mit der Geisteshaltung seiner Landsleute auseinandergesetzt. Ihre Neigung zu Schwermut ist für ihn Folge der historischen Ereignisse seit den Anfängen Russlands. Schon solche Schlagworte wie "Mongolensturm", "Tatarenjoch" , "Iwan der Schreckliche" oder "Petersburger Blutsonntag" lassen die Grausamkeiten der russischen Vergangenheit erahnen.

Tatsächlich findet man in den Geschichtsbüchern anderer Länder selten eine solche Anhäufung von Gräueln: Angefangen mit der brutalen Unterjochung durch die Tataren im Mittelalter über den erbarmungslosen Despotismus der Kirche und die Autokratie des Zarentums bis hin zur lähmenden Atmosphäre der geistigen Unterdrückung im 19. Jahrhundert, die sich 1917 in der blutigen Oktoberrevolution entlud. Durch sie wurde das traurige Schicksal der Menschen in Russland auf weitere Jahrzehnte hinaus besiegelt. Was auch immer die Schrecken der nationalen Geschichte jeweils verursacht haben mag, stets haben sich die russischen Literaten mit den Ärmsten und Elendsten des Landes solidarisiert. Vielen wurde ihr sozialpolitisches Engagement zum Verhängnis.

"Tag für Tag wird schauriger und dichter / Rings die taube starre Todesnacht. / Pesthauch löscht die Leben aus wie Lichter, / Hilfe, Schrei und Ruf bleibt ohne Macht. / Dunkles Los des, der in Russland dichtet: / Unergründlich das Verhängnis bleibt, / das auf Puschkin die Pistole richtet, / Dostojewski auf den Richtplatz treibt. / Sollte ich ein gleiches Los auch ziehn, / Russland - bittre Kindesmörderin, / Und in deinen Kellern untergehn, / Schlüg' ich auch in blut'ger Pfütze hin - / Will ich doch dein Golgatha nicht fliehn / Und nicht leugnen deiner Gräber Sinn. / Ob mich Hass, ob Hunger niedermähen - / Wählt' ich doch kein andres Schicksal mir: / Sterb' ich, will ich sterben nur mit dir, / Und mit dir, wie Lazarus, erstehen."

Selbst der 1877 geborene Dichter Maximilian Woloschin, der nie durch politisches Engagement in ernste Schwierigkeiten geraten war, kannte die Gefahren seines Berufes. Puschkin und Dostojewski waren die prominentesten Opfer der russischen Verhältnisse: Dabei hatte es Puschkin seinen Beziehungen zum Zarenhof immerhin zu verdanken, dass er seine Verbannungsstrafe wegen liberaler Umtriebe nicht im Straflager, sondern auf dem elterlichen Gut antreten durfte. Fjodor Dostojewski traf es hingegen hart: Als Mitglied einer revolutionären Bewegung wurde er 1849 zum Tode verurteilt, auf dem Hinrichtungsplatz begnadigt, um dann nach vier Jahren Straflager in Sibirien als Soldat zwangsverpflichtet zu werden.

Wie wenig oftmals genügte, um sich als Schriftsteller grausamer Verfolgung auszusetzen, zeigt das Beispiel von Michail Lermontow: Weil er ein Gedicht auf den Tod Puschkins veröffentlicht hatte, wurde er zum Militär in den Kaukasus strafversetzt. Der Lyriker Ossip Mandelstam, der 1938 in einem russischen Straflager den Tod fand, fasste die Situation der russischen Literaten überaus treffend zusammen, als er bemerkte, dass man in Russland die Dichtung gerade deshalb achte, weil man dafür erschossen werde.

Die persönlichen Schicksale der russischen Autoren schlugen sich in ihrem Schaffen nieder. So ging aus dem Leiden der Literaten eine Literatur des Leidens hervor. Zudem identifizierte sich die geistige Elite des Landes im 19. Jahrhundert immer stärker mit der einfachen Bevölkerung und machte sich zu deren Sprachrohr. Die russische Literatur betonte allerdings auch schon früher die dunklen, bedrückenden Seiten des russischen Lebens wie das mittelalterliche Igorlied. Dort entfaltet die schmerzvolle Klage der Fürstin Jaroslawna, die sich in verzweifelter Sorge um ihren Gatten Igor verzehrt, eine beeindruckende Intensität. Ein schwermütiger Tonfall prägt auch die russische Musik und offenbart so die Leidensaffinität der russischen Mentalität.

"Der Wagen saust mit mir dahin. Mein Kutscher singt ein Lied, eine jener vielen wehmütigen Weisen. Wer die russischen Volkslieder kennt, muss zugeben, dass sie alle auf Herzeleid hindeuten. Fast alle Weisen dieser Lieder erklingen in weicher Tonart. Nach jener musikalischen Eigenheit des Volksgehörs sollte sich die Regierungsweise richten. Hier zeigt sich doch, wie die Seele unseres Volkes beschaffen ist."

Auf seinen Reisen durch Russland Ende des 18. Jahrhunderts fiel dem Aufklärer Alexander Radistschew die Traurigkeit der Gesänge der Bevölkerung auf. Außerdem bemerkte er die außerordentliche Rohheit der allgemeinen Umgangsformen: Schlägereien, zügellose Gewalt, Barbarei standen auf der Tagesordnung. Auch Leo Tolstoi empörte sich noch über diesen Wesenszug seiner Landsleute, nachdem er 1857 von einer längeren Auslandsreise nach Russland zurückgekehrt war. Er beschrieb, wie schwer es ihm gefallen sei, sich wieder an all die Schrecknisse zu gewöhnen, die das russische Leben prägten. Mit eigenen Augen hatte er gesehen, wie sich Menschen wegen Nichtigkeiten gegenseitig demütigten, quälten und fast zu Tode schlugen.

Radistschew und Tolstoi beklagten nicht als Einzige die Barbarei und Brutalität der Russen. Es gibt kaum einen russischen Schriftsteller, dem diese Wesensart der Menschen in seinem Land entgangen wäre. Nicht nur die Lust am eigenen, sondern auch die Lust am fremden Leiden scheint die russische Mentalität zu charakterisieren. Diese seltsame Ambivalenz stellte der Schriftsteller Wassili Grossman auch im Charakter der russischen Revolutionäre fest.

"Im Laufe der Geschichte der russischen revolutionären Bewegung haben die Züge der Hinwendung zum Volk - Sanftmut und Bereitschaft, Leiden auf sich zu nehmen ... - sich mit den unmittelbar entgegengesetzten ... Zügen vermischt - mit Verachtung und Unerbittlichkeit gegenüber menschlichem Leiden. Die sektiererische Zielstrebigkeit, die Bereitschaft, lebendige, gegenwärtige Freiheit um einer imaginären Freiheit willen zu unterdrücken, die bekannten Prinzipien der Moral um zukünftiger Prinzipien willen zu brechen machten sich bemerkbar."

Wassili Grossman, der sich als junger Mann noch für die Ideen der Oktoberrevolution begeistert hatte, rechnete in seinem Roman "Alles fließt" aus dem Jahr 1961 mit der russischen revolutionären Bewegung und mit Lenin, dem Helden seiner Jugend, ab. Grossmans Ansicht nach war es nicht nur die immer wieder beteuerte Liebe zum Volk, die die Russen zu Revolutionären machte. Einen Grund für die Unbarmherzigkeit der Aufstände sah er in der tausendjährigen Vergangenheit Russlands, die von einer fortwährenden unerbittlichen Unterdrückung geprägt gewesen sei.

Tatsächlich zeichnen zahlreiche Berichte europäischer Russlandreisender seit dem 16. Jahrhundert ein beklemmendes Bild des großen Landes: Despotie und Barbarei sind darin häufige Themen.

So bereiste der Franzose Astolphe de Custine 1839 das Land und verwies anschließend die westlichen Vorstellungen von der Fortschrittsorientierung Russlands seit Zar Peter dem Großen ins Reich der Mythen. Stattdessen entwarf er ein düsteres Russlandbild und prangerte sowohl die allgemeine Rückständigkeit als auch die barbarischen Umgangsformen an. Erstaunlich fand de Custine aber auch, mit welchem Fatalismus das Volk seine beklagenswerten Lebensumstände ertrug. Noch ein knappes Jahrhundert nach de Custine wunderte sich sein Landsmann der französische Diplomat Maurice Paléologue über die Duldsamkeit der Russen:

"Einer der moralischen Charakterzüge, die ich bei den Russen immer wieder beobachte, ist ihre Neigung zur raschen Ergebung, ihre Fügsamkeit, sich vor dem Unglück zu beugen. Oft warten sie nicht einmal darauf, dass die Schicksalsentscheidung gefallen sei: Es genügt ihnen, sie vorauszusehen, um ihr gleich zu folgen. Sie unterwerfen sich ihr und passen sich ihr sozusagen im Vorhinein schon an."

Das russische Leiden ist passiv und leistet keinen Widerstand. Der deutsche Neurologe und Psychotherapeut Hamid Peseschkian, der in den 1990er-Jahren längere Zeit in Russland praktizierte, stellte dabei fest, dass russische Patienten viel eher als andere ein schwieriges Schicksal akzeptieren sowie seltener zur Lösung ihrer Probleme aktiv werden. Russland hat das Dulden im Verlauf seiner Geschichte kultiviert. Auch Leo Tolstois radikale Forderung, sich dem Bösen nicht mit Gewalt zu widersetzen, hat hier seinen Ursprung. Bei Iwan Gontscharows berühmtem Romanhelden Oblomow gipfelt die russische Schicksalsergebenheit in völliger Lethargie. Oblomows Passivität und Trägheit hindern ihn, seine Träume und Ideale zu verwirklichen.

Das russische Phlegma, dem Gontscharow in seinem Roman den Spiegel vorhielt, erscheint wie die Flucht vor der Verantwortung des eigenen Handelns. So erklärte es jedenfalls Nikolai Berdjajew, der den Russen die Einsicht absprach, dass der Mensch seines eigenen Glückes Schmied sei. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die russische Sprache, die den Verbrecher auch als "Unglücklichen" bezeichnet, ihm so die Verantwortung für seine Taten abnimmt und sie den äußeren Umständen anlastet.

Wenn aber der Verbrecher als Unglücklicher gilt, welche Rolle fällt dann dem Opfer, dem Leidtragenden eines Verbrechens zu? - Im ambivalenten russischen Wertesystem umgibt ihn die Aura des Märtyrers: zumal dann, wenn er sich seinem Unglück widerstandslos ergibt. Die Kunst des Duldens hat in der russischen Geschichte ein Vorbild in Petrow Awwakum. Der Protopope und Führer der russischen Altgläubigen wurde als Gegner des Moskauer Patriarchen Nikon grausam verfolgt, nach Sibirien verbannt und 1682 schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Seine Memoiren sind ein Zeugnis des außergewöhnlichen Leidensweges und seiner Bereitwilligkeit ihn bis zum Ende zu gehen:

"Mögen die Erbarmenswertesten um Christi willen leiden! Mag es unter dem Beistand Gottes geschehen! So ist es ja bestimmt: Um des Christenglaubens willen müssen wir wieder und wieder leiden. Hast du, Protopope, einst den Umgang mit großen Herren gesucht, so drücke dich jetzt auch nicht vor dem Leiden und halte aus bis zum Ende. Denn es steht ja geschrieben: Nicht der Anfang ist selig, sondern das Ende."

Die Worte Awwakums beruhen auf einer Weltanschauung, die das Leiden als bewusste Hinwendung zum Jenseits und einen Weg der Läuterung darstellt. Tatsächlich ist diese Interpretation des menschlichen Leidens in der russischen Kultur bis heute weit verbreitet.

Dem entspricht auch die Haltung des inhaftierten Unternehmers und Regimekritikers Michail Chodorkowski, der in Interviews seinen Leidensweg als ein notwendiges Opfer auf dem Weg Russlands zu Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit darstellt. Im Plädoyer vor seiner zweiter Verurteilung Ende 2010 bekräftigte er seine Bereitschaft, notfalls im Gefängnis zu sterben.

Eine solche Beharrlichkeit zeichnete auch Awwakum aus. Die beiden an sich ganz unterschiedlichen Beispiele Awwakum und Chodorkowski offenbaren zwei wesentliche Aspekte der russischen Leidensbereitschaft: Zum einen wird sie niemals als sinnlos empfunden, im Gegenteil: Erst das Leiden vermag Sinn zu erzeugen. Andererseits zeigt sich ein überraschender Zusammenhang mit radikalen Geisteshaltungen. Das unschuldige standhafte Erdulden von Leid gilt in Russland als eine Möglichkeit, Ideale und Utopien zu verwirklichen. Jemandem, der Schmerz und Qual klaglos erträgt, wird generell moralische Überlegenheit bescheinigt. Deshalb tritt das Märtyrertum sogar im russischen Atheismus in Erscheinung.

"Der russische Atheismus und die russischen Jesuiten gehen ja nicht nur aus schlechten, eitlen Gefühlen hervor, sondern auch aus seelischem Schmerz, aus geistigem Durst ...! Ein Russe kann so leicht Atheist werden, leichter als alle anderen Völker auf der ganzen Welt! Und wir werden auch nicht einfach Atheisten, sondern glauben fest an den Atheismus wie an eine neue Religion, ohne irgendwie zu bemerken, dass er eine Null ist. So groß ist unser Durst."

Fjodor Dostojewski, der im Verlauf seines Lebens seinen ursprünglichen Atheismus zugunsten des christlichen Glaubens überwunden hatte, fand in seinem Roman "Der Idiot" zur überraschenden Erkenntnis, dass der russische Atheismus - ähnlich wie der Glaube - zuweilen fanatische Züge annahm. Diese Tendenz offenbaren in Russland auch andere Weltanschauungen. Den Literaten wurde ihre Tendenz zum Radikalismus immer wieder vorgehalten.

Sergej Bulgakow, Philosoph und orthodoxer Theologe, bescheinigte gar der gesamten russischen Intelligenz eine Neigung zur religiösen Emphase. Kein Wunder: Hatte er, der mit Leo Tolstoi befreundet war, das Musterbeispiel seiner Beobachtung direkt vor Augen. Tolstoi vertrat seine persönlichen Überzeugungen mit einer Beharrlichkeit, die geradezu an Sturheit grenzte. Mit seinen rigorosen moralischen Glaubenssätzen zog er eine Schar von Anhängern in seinen Bann, die sich immer mehr zu einer sektenähnlichen Gemeinschaft formierte.

Nach dem Tod des Schriftstellers verbreitete diese Gruppe die Weltanschauung ihres Idols unter der Bezeichnung Tolstoiismus weiter. Der Schriftsteller Dmitrij Mereschkowski, den Thomas Mann einmal als den genialsten Kritiker und Weltpsychologen seit Nietzsche bezeichnet hatte, setzte sich in seiner Arbeit intensiv mit den kulturellen Unterschieden zwischen Ost und West auseinander. Dabei stellte er eine Besonderheit des russischen Geistes fest:

"In dieser schrecklichen Freiheit des Geistes, in dieser Fähigkeit, sich überraschend vom Boden, vom Alltag, von der Geschichte loszureißen, all seine Schiffe zu verbrennen, im Namen einer unbekannten Zukunft mit seiner Vergangenheit zu brechen - in dieser willkürlichen Entwurzelung besteht eine der tiefsten Besonderheiten des russischen Geistes. Wir sind sehr schwer in Bewegung zu setzen; wenn wir uns aber in Bewegung gesetzt haben, gehen wir bei allem, bei Gut und Böse, bei Wahrheit und Lüge, bei Weisheit und Wahnsinn bis zum Äußersten."

Dmitrij Mereschkowskis Erklärungsmodell des russischen Geistes versöhnt den Widerspruch, der die Schicksalsergebenheit der Russen von ihrer Tendenz zum Fanatismus zu trennen scheint. Mereschkowski übte in seiner Arbeit allerdings keine Kritik an seinen Landsleuten. Ganz im Gegenteil: Der Schriftsteller lehnte den westlichen Intellektualismus ab und hielt den russischen Geist für überlegen, der sich auf das östlich mystische Denken bezog.

Der Dualismus von Seele und Verstand spielte für die russische Kultur und Mentalität immer eine große Rolle. Dabei haftete dem Bild von der russischen Seele allzeit etwas Rätselhaftes an. Bekannt ist der Ausspruch Winston Churchills, Russland sei ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium. Heinrich Böll wiederum beteuerte die Existenz einer russischen Seele, wollte sich jedoch ob ihrer Widersprüchlichkeit nicht anmaßen, sie zu ergründen. Den Russen schenkte ihre rätselhafte, leidensbereite Seele ein Gefühl von Überlegenheit - so waren sie dem fortschrittlichen Westen wenigstens in diesem Bereich voraus.

Selbst die geistige Elite des Landes lehnte den Rationalismus westlicher Prägung größtenteils ab. Der Lyriker Fjodor Tjutschew fand, sein Land sei mit dem Verstand nicht zu fassen, man könne nur daran glauben. So wurde dem Glauben eine höhere Erkenntnisfähigkeit zugesprochen als dem Verstand. Seit Tjutschew wird dieses Motiv von russischen Schriftstellern wie ein Mantra repetiert und vielfach variiert. Die Rätselhaftigkeit der Seele trägt dazu bei, Leiden noch geduldiger zu ertragen und an ihren höheren Sinn zu glauben. Der Verstand wäre dieser Gabe eindeutig im Weg. Die heilsbringende Kraft des Glaubens und der geheimnisvollen Seele wird seit dem 20. Jahrhundert allerdings manchmal auch infrage gestellt:

"Ist die russische Seele immer noch rätselhaft? Nein, es gibt kein Rätsel. Gab es eins? Was ist rätselhaft am Sklaventum? Ist etwa das russische Entwicklungsgesetz wirklich nur ein russisches? Ist es der russischen Seele und wirklich nur ihr bestimmt, sich nicht mit wachsender Freiheit, sondern mit wachsendem Sklaventum zu entwickeln? Zeigt sich wirklich hierin das Fatum der russischen Seele? ... Es wird Zeit, dass die Enträtsler Russlands begreifen - nur das tausendjährige Sklaventum hat die Mystik der russischen Seele geschaffen."

Wassili Grossman ging in seinem 1961 geschriebenen Roman "Alles fließt" mit der russischen Seele hart ins Gericht und gab ihr die Hauptschuld an der leidvollen Geschichte seines Landes. Vor Grossman stellte auch schon der Philosoph Nikolaj Berdjajew fest, dass Russlands Affinität zu Mystik und Transzendenz für das Land nachteilig war. Sie machte die Russen für gesellschaftlich-politische Ideologien verführbar. Von der Autokratie der orthodoxen Kirche und des Zarentums bis hin zur Autokratie des kommunistischen Regimes - das Land hatte immer eine unbegreifliche Ausdauer darin, Systeme mitzutragen, die das Volk unterdrückten, ohne die versprochenen Segnungen jemals zu verwirklichen.

Russische Autoren haben zwar wiederholt an ihre Landsleute appelliert, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen und das nationale Elend gemeinsam zu überwinden. Andererseits haben sie in ihren Texten die Rätselhaftigkeit des russischen Wesens und seine Abneigung gegen die Macht des Verstandes immer wieder idealisiert. So konnte es ihnen kaum gelingen, die Trägheit des Volkes durch aktivierende Appelle zu brechen. Vielleicht ahnten sie auch, dass die Leidensbereitschaft ihrer Landsleute für die Besonderheit der russischen Seele unerlässlich war - wie es der Russland-Bewunderer Rainer Maria Rilke ebenfalls bemerkt hatte:

"Es gibt da für die slawische Seele wenigstens einen Grad der Unterwerfung, der so vollkommen genannt zu werden verdient, dass er ihr, selbst unter dem aufliegendsten und beschwerendsten Drucke, etwas wie einen heimlichen Spielraum schafft, eine vierte Dimension ihres Daseins, in der nun, mögen die Zustände noch so bedrängend werden, eine neue, endlose und wahrhaft unabhängige Freiheit für sie beginnt."

Die wahre Freiheit der Seele stellt sich erst durch totale Unterwerfung ein: Rilke nennt das die vierte Dimension des seelischen Daseins. Tatsächlich gibt es eine russische Furcht vor dem Glücklichsein, das jener Freiheit der Seele entgegensteht. In seinem Roman "Väter und Söhne" lässt Iwan Turgenjew seine Heldin Anna Odinzowa mit der Unfähigkeit, glückliche Momente zu genießen, hadern: Alles Schöne und Angenehme erscheine als bloße Andeutung eines unbekannten Glückes, meint sie.

Auf diese typisch russische Abwehrhaltung gegen jedweden glücksverheißenden Aspekt im Leben trifft man auch in den Komödien Anton Tschechows. Deren Humor offenbart die grausame Realität meist erbarmungsloser, als es die Klage je könnte. Die Traurigkeit von Tschechows Figuren trägt allerdings oftmals die Hoffnung auf ein künftiges Glück in sich.

Das Prinzip Hoffnung ist jene vierte Dimension der Seele, die Rilke beschrieb. Und so überrascht es kaum, dass auch Michail Chodorkowski in seinem Plädoyer vor seiner neuerlichen Verurteilung viel von Hoffnung sprach: der enttäuschten und der neuen Hoffnung, der Hoffnung als Triebkraft sowie der Hoffnung auf ein besseres Morgen. In Russland verleiht die Hoffnung dem Leiden einen Sinn: Es ist nicht umsonst, Schmerz und Kummer können überwunden werden.

Dafür muss aber jetzt gelitten werden, denn nur in der Hingabe an das Leiden liegt die Möglichkeit zu dessen Überwindung. Tatsächlich hört auf diese Weise das Leiden jedoch niemals auf - die glückliche Zukunft beginnt ja immer erst morgen. Im Elend des gerade durchlebten Augenblicks keimt das Bewusstsein des künftigen Seelenheils mehr wie eine süße Illusion als wie ein Versprechen.

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