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Die Schattenseiten des Erfolgs

US-Profis werden zu Helden hochgejubelt, sind aber längst keine Vorbilder

Von Jürgen Kalwa

Ein Angeklagter in Handschellen.
Ein Angeklagter in Handschellen. (AP)

Schusswaffen, Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt – immer mehr Spitzensportler vor allem den USA geraten mit alltäglichen gesellschaftlichen Normen in Konflikt. Ein New Yorker Psychotherapeut hat Top-Athleten behandelt, das Phänomen untersucht, ein Buch darüber geschrieben und nennt die Gründe.

Ein bisschen Lust am Spiel mit der Kamera und mit dem Spiel mit den Erwartungen anderer hatte sie schon immer. Weshalb die amerikanische Mittelstrecklerin Suzy Favor Hamilton vor ein paar Jahren nichts dagegen hatte, in einem Werbespot aufzutreten, in dem eine Frau – unter der Dusche – von einem maskierten Mörder mit einer Kettensäge überrascht wird. Eine Frau, die heil davonkommt, weil sie die Laufschuhe von der richtigen Firma trägt.

Der kurze Film ist in Amerika übrigens damals nicht gut angekommen. Weil er sehr unpopuläre Klischees bedient. Nicht nur das von der attraktiven blonden Frau als Opfer.

Suzy Favor Hamilton war dreimal für die USA bei Olympischen Spielen am Start und fand nach ihrer Karriere eine einträgliche neue Rolle – als Sprecherin von Firmen, die sich als Aushängeschild erfolgreiche Sportler leisten. Diese solide Welt, mit Ehemann, Kind und großem Haus im Grünen brach im Dezember allerdings komplett zusammen.

Da wurde sie von einem Journalisten geoutet, der sich für eine ganz andere Seite ihres Privatlebens interessierte: Ihrer Tätigkeit als Edelprostituierten. Einer Frau, die mit provokativen Fotos auf der Webseite einer Vermittlerfirma in Las Vegas Männern signalisiert hatte: Ich bin zu haben. Für 600 Dollar die Stunde.

Als sie der Reporter um eine Erklärung bat, gestattete Favor Hamilton einen kurzen Einblick in die Beschaffenheit der klassischen Sportler-Psyche. Sie wies auf Tiger Woods und seinen Sexskandal hin: "Er hat offensichtlich auch nicht gedacht, dass er jemals erwischt wird.”

Was Favor Hamilton und Woods angeht, so gehören sie gewiss zu den harmloseren Fällen. Weshalb der Golfprofi nach einer öffentlichen Entschuldigung zwar Sponsoren verlor, aber weiter seinem Sport nachging.

""I want to say to each of you, simply, and directly, I am deeply sorry for my irresponsible and selfish behavior I engaged in.”"

"Unverantwortlich und egoistisch.” Da waren die Ausfälle eines Mike Tyson schon ganz anderer Natur. Der Boxer landete wegen Vergewaltigung im Gefängnis und brachte es – nach seiner Rückkehr in den Ring – fertig, seinem Gegner ein Stück Ohr abzubeißen.

""He did it again. He did it again. Mike Tyson has bitten Evander Holyfield for the second time. It is an all-out war.”"

Man kann diese ungezügelten Verhaltensweisen ziemlich gut erklären, sagt der New Yorker Psychotherapeut Dr. Stanley Teitelbaum, der das definitive Buch zum Thema geschrieben hat: "Athletes Who Indulge their Dark Side” ("Athleten, die ihrer dunklen Seite nachhängen”).

In den USA mitverantwortlich ist das Milieu, in dem sich Top-Talente entwickeln und von klein auf gepusht werden von den Medien und sich hierbei zu Figuren mit übergroßen narzisstischen Charaktereigenschaften entwickeln. Zu Personen mit einem total verzerrten Bild von sich selbst. Teitelbaum:

""Ein Bild, für das wir, die Öffentlichkeit, die Voraussetzungen geschaffen haben. So dass sie glauben, sie seien der Mittelpunkt des Universums. Und dass sie tun und lassen können, was sie wollen. und sich über die Konsequenzen keine Sorgen machen müssen.”"

Teitelbaum hat im Laufe seiner Karriere eine ganze Reihe von Profisportlern behandelt. Und dabei hat er die Untiefen des Problems aus unmittelbarer Nähe ausloten können.
Die wichtigsten Stichworte lauten:

""Spielleidenschaft, sexuelle Übergriffe, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt gegen Frauen und selbst Mord. Was bringt Star-Athleten dazu, die Grenze zu überschreiten und ihre Karriere und ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Ich habe einen Begriff geprägt: das vergiftete Sportlerprofil. Es besteht vor allem aus drei Persönlichkeitsmerkmalen: der Glaube an die eigene Attraktivität, Arroganz und Anspruchsdenken. Dieses Dreieck steuert die Psyche und bringt sie auf Abwegen, gewöhnlich abseits vom Sportplatz.”"

Für Frauen kommt womöglich noch eine weitere Facette hinzu. Das deutete Suzy Favor Hamilton mit ein paar Twitter-Meldungen an, ehe sie sich aus der Öffentlichkeit zurückzog: "Ich erwarte nicht, dass man mich versteht, aber die Gründe hatten viel mit Depression zu tun.” Die Prostitution gab ihr eine Fluchtmöglichkeit, schrieb sie: …"heraus aus dem Leben, in dem ich Schwierigkeiten hatte.”

Der Psychotherapeut Stan Teitelbaum hat dafür Verständnis. Aber auch für die öffentliche Reaktion. Die Ächtung. Und die etwaigen Strafen.

""Man hat eine gewisse Verantwortung, wenn man zur öffentlichen Person geworden ist. Egal ob man das mag oder nicht. Man ist Vorbild. Ein Held zu sein, bedeutet Verantwortung zeigen. Besonders gegenüber den Kindern in unserer Gesellschaft.”"

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