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StartseiteBüchermarktDie Spiegel-Bestsellerliste Belletristik24.02.2012

Die Spiegel-Bestsellerliste Belletristik

Der literarische Menschenversuch im Deutschlandfunk

Zeit für den literarischen Menschenversuch im Deutschlandfunk: Was geschieht mit einem Gehirn, das Monat für Monat abwechselnd die zehn in Deutschland meistverkauften Romane und Sachbücher von der ersten bis zur letzten Seite tatsächlich liest?

Von Denis Scheck

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)

Dieses Gehirn fragt sich, warum Zeitreisen gerade so ein großes Thema in den Bestsellern sind und wieso alle in die Vergangenheit und niemand mehr in die Zukunft reisen möchte. Hat sich unser Horizont so verfinstert, dass früher wirklich alles besser scheint?

Die aktuelle Spiegel-Bestseller-Liste Belletristik:

Diesmal mit Neuem von einem lebenden Untoten der Literatur, dem Graf Dracula des Schunds, einem Meisterwerk eines amerikanischen Altmeisters, der Konstituierung eines neuen Literaturgenres, der SM-Prosam, jeder Menge Deutschdämlichem und Dänischdurchschnittlichem sowie einem kleinen Exkurs über Spannungskurven in Science-Fiction- und Fantasytrilogien.

In diesem Monat bringen die zehn meistgelesenen Romane der Deutschen rekordträchtige 6327 Gramm auf die Waage: zusammen 5185 Seiten.


Platz 10: Kerstin Gier: "Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner" (Bastei Lübbe, 288 Seiten, 12,99 Euro)

Die Heldin dieses Liebesromans wird nach fünf Jahren Partnerschaft durch einen Straßenbahnunfall in die Vergangenheit geschleudert und fragt sich nun, ob sie sich wirklich noch einmal auf ihren Mann einlassen soll. Böte sich mir eine solche Gelegenheit, etwas anders zu machen: Eines machte ich in meinem Leben sicher anders: Diese Schmonzette läse ich gewiss nicht noch einmal.

Platz 9: Ally Condie: "Cassia & Ky: Die Flucht" (Deutsch von Stefanie Schäfer, Fischer Jugendbuch, 464 S., 16.99 Euro)

Mittelbände von Trilogien haben meist ein Problem mit der Spannungskurve, dieser aber ist ein totaler Durchhänger: Die Handlung lässt sich damit zusammenfassen, dass Cassia und Ky sich ganz doll lieb haben, leider aber getrennt sind. Das Ganze in einer Sprache, die restringiert zu nennen untertrieben wäre:

Ich schließe die Augen. Ich liebe Ky. Aber ich verstehe ihn nicht. Er lässt mich nicht an sich heran.

Das ist nicht Prosa für die Generation SMS, das ist SM-Prosa.

Platz 8: Jussi Adler-Olsen: "Erlösung" (Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 592 S. 14.90 Euro)

Der dritte Fall des Sonderdezernats Q der Kopenhagener Polizei ist im Milieu evangelikaler Sektierer angesiedelt und strahlt dieselbe nervenzerfetzende Spannung aus wie ein Weltmeisterschaftsfinale im Pfahlsitzen.

Platz 7: Jussi Adler-Olsen: "Schändung" (Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 464 S., 14.90 Euro)

Der zweite Fall mit Inspektor Carl Mork und dessen Assistenten Hafez al-Assad ist ein abstrus konstruierter Gewaltporno um eine machttrunkene Clique von Internatsschülern, die Menschenhatzen veranstalten. Jahre später sind aus den jugendlichen Blutsäufern Angehörige der dänischen Oberschicht mit dem Moralempfinden spätantiker Circusbesucher geworden. Adler-Olsen schreibt ganz so, wie sich viele Neidgeplagte gern die Welt der Reichen vorstellen: spannungslos und moralisch unterkomplex.

Platz 6: Stephen King: "Der Anschlag" (Deutsch von Wulf Bergner, Heyne Verlag, 1056 S., 26,99 Euro)

Dies ist ein blendender Roman, der beste von Stephen King seit Jahrzehnten, ein Meisterwerk auf Augenhöhe mit "Es", "The Stand", "Sie" oder "Christine". "Der Anschlag" erzählt eine Zeitreisegeschichte, in der sich einem amerikanischen Englischlehrer die Möglichkeit bietet, 1963 das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern. Stephen King ist der Charles Dickens des 21. Jahrhunderts, sein neuer Roman ein herzzerreißender nostalgischer Abgesang auf all die verpassten Chancen der Supermacht USA, sich tatsächlich als Land der Freien und Heimat der Tapferen zu erweisen.

Platz 5: Dora Heldt: "Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt" (Dtv, 336 S. , 14.90 Euro)

Aus Angst vor der angeblichen biografischen Wasserscheide ihres 50. Geburtstags verschanzt sich eine Frau in einem Wellnesshotel, weil sie

keine Lust

hat

auf eine Familienfeier mit gemischtem Braten und Nachtisch.

Niederschmetternd an diesem auf die weibliche Leserschaft schielenden Unterhaltungsroman ist, wie er die Vielfalt menschlicher Möglichkeiten auf den Handlungsspielraum devoter Hausmäuse zusammenschnurren lässt.

Platz 4: Paulo Coelho: "Aleph" (Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, Diogenes, 309 S. 19,90 Euro)

Er ist wieder da: Paulo Coelho, unangefochtener König des Esoterikschunds, ein Autor, dessen in der Literaturgeschichte ganz und gar beispielloser grotesker Dilettantismus in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu seinem Erfolg steht. Und Coelho ist in seinem neuen Werk tatsächlich noch verlogener und abgeschmackter denn je: in "Aleph" beschreibt er eine Lesereise mit der Transsibirischen Eisenbahn, die er in Begleitung eines türkischstämmigen Groupies antritt, das Coelho - die Seelenwanderung macht's möglich - vor rund 500 Jahren schon mal dem Scheiterhaufen überantwortet hat. Ansonsten übt sich Coelho aber in Enthaltsamkeit; Höhepunkt seiner Russlandreise bildet eine Audienz beim damaligen Präsidenten Putin. Da haben sich die Richtigen beiden gefunden: Lupenreiner Demokrat trifft lupenreinen Literaten.

Platz 3: Daniel Glattauer: "Ewig Dein" (Deuticke, 208 S. 17.90 Euro)

Ein kurioses, weil sein Genre abrupt wechselndes Buch: was beginnt wie ein konventioneller Liebesroman, wird zu einem unter die Haut gehenden Psychothriller. Eine Frau Mitte 30 lernt im Supermarkt ihren vermeintlichen Traummann kennen. Dieser entpuppt sich im Fortgang der Handlung erst als Klammeraffe, dann als fieser Stalker. Weil Glattauer es lange schafft, in seinen Lesern Zweifel zu säen, wer von den Liebenden denn nun durchgedreht ist, verzeiht man diesem Unterhaltungsroman manch krude Ausgewalztheit und sein abruptes Ende. Ein Hitchcock könnte aus diesem Stoff sogar Kunst machen.

Platz 2: Jonas Jonasson: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (Deutsch von Wibke Kuhn, Random House, 416 S., 14,99 Euro)

Woody Allens "Zelig" und Winston Grooms "Forrest Gump" sind die Paten für Herrn Karlsson, der sich an seinem hundertsten Geburtstag aus seinem Altersheim aus dem Staub macht, an einen Koffer voller Mafiamoneten gerät und auf seiner Reise kreuz und quer durch Schweden den Lesern seine Lebensgeschichte enthüllt, die unter anderem Begegnungen mit Stalin, Franco, Mao, de Gaulle und Harry S. Truman bereithält. Ein amüsanter Crashkurs über Sinn und Irrsinn von Geschichte und Gegenwart.

Platz 1 der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste Belletristik:

Jussi Adler-Olsen: "Das Alphabethaus" (Deutsch von Hannes Thiess und Marieke Heimburger, dtv, 592 S., 14.90 Euro)


Zwei während des Zweiten Weltkriegs abgeschossene englische Piloten schlüpfen in die Identitäten von SS-Offizieren, die 1944 von der Ostfront in ein psychiatrisches Pflegeheim bei Freiburg im Breisgau verlegt werden. Obwohl einer von ihnen kein Wort Deutsch spricht, bemerkt das dort über Monate hinweg kein Meinssch. Allerdings geraten die beiden mit einer Clique anderer Simulanten aneinander. Der eine Engländer kann fliehen, der andere bleibt 27 Jahre in Deutschland und simuliert einfach weiter - bis ihn sein Kamerad 1972 auf eigene Faust zu befreien versucht. Offenbar schwebte Adler-Olson eine Art "Rambo" vor deutscher Kulisse vor. Aber herausgekommen ist ein unglaubwürdiges und sagenhaft blödes Machwerk, weil für Adler-Olsen Nazis, SS und Zweiter Weltkrieg bloß literarische Spielmarken sind wie Kasperle, Godzilla oder King Kong. Dieses 15 Jahre später als das dänische Original veröffentlichte Debüt von Jussi Adler-Olsen ist ein heißer Anwärter auf den dämlichsten Nazi-Thriller aller Zeiten.

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