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StartseiteKultur heuteDie tausend Plateaus der Einsamkeit26.06.2011

Die tausend Plateaus der Einsamkeit

Tran Anh Hungs Literaturverfilmung "Naokos Lächeln"

"Naokos Lächeln" ist die überaus erotische Dreiecksgeschichte einer Tokioter Studentenliebe und eine Etüde über Einsamkeit. Ein Film, der von einem Windstoß erzählt, der durch ein Kleid fährt, von Regen im Haar, Sonnenlicht auf der Haut, von der Farbe der Blumen und der Form der Autos, von vielen Lieben, die sich verpassen oder einfach nicht erfüllen und von mindestens einer, die gelingt.

Von Rüdiger Suchsland

Die vier Beatles Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison: Ihr Song "Norwegian Wood" spielt im Film eine große Rolle. (AP Archiv)
Die vier Beatles Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison: Ihr Song "Norwegian Wood" spielt im Film eine große Rolle. (AP Archiv)

Ein paar Hippies sitzen am Lagerfeuer, eine junge Frau hat zur Gitarre gegriffen und singt den Song "Norwegian Wood" von den Beatles. Da ist dieser Film schon 46 Minuten alt, und die Szenerie eigentlich längst nicht so gelassen, sondern viel angespannter, als sie wirkt. Am nächsten Morgen wird Watanabe Toru, der 19-jährige Held dieses Films, das von ihm angebetete Mädchen namens Naoko bei einem Spaziergang in den Bergen bei Kyoto zum letzten Mal sehen. Von da an wird ihn ihr Lächeln durch sein weiteres Leben begleiten und eben dieses Lied der Beatles. "Diese Melodie macht mich manchmal so traurig", sagte Naoko über ihr Lieblingslied "Norwegian Wood", "Ich weiß nicht, warum, aber ich stelle mir vor, ich würde in einem dunklen Wald umherirren..."

"Norwegian Wood" heißt im Original auch der Roman von Haruki Murakami, der bei uns "Naokos Lächeln" heißt. In diesem Roman kondensiert der japanische Kultschriftsteller ein ganzes Leben in einer Melodie und in den Zeilen eines Lieds von John Lennon und Paul McCartney. Es geht darin natürlich um die Liebe, eine Liebe, die sich verfehlt und die verflogen ist.

Japan 1968. Die Studenten demonstrieren auch hier auf der Straße, schütteln ihn ab, den Muff von tausend Jahren, und dabei helfen ihnen die tausend Schallplatten der Musikcharts jenes Jahrzehnts.

Haruki Murakami ist Jahrgang 1949, war 1968 also 19 Jahre alt, genau wie sein Romanheld, und gehört damit zu jener ersten japanischen Nachkriegs-Generation, die nur noch die Folgen der Kriegsniederlage des Kaiserreichs kennt, zu der neben Trümmern und atomarem Fallout auch die amerikanische Besatzung gehört, und das, was sie mitbringt: Zigaretten, Hollywoodfilme, Schallplatten mit Jazz, Rock und Pop und Detektivstorys und natürlich die vielen Widersprüche, die zur Popkultur selbstverständlich dazugehören. Die tausend Schallplatten sind wie die tausend Plateaus der Erkenntnis.

Auch davon handelt diese autobiografisch geprägte Geschichte: von einer Zeit des Aufbruchs und der Hoffnung, die im 20 Jahrhundert ohnegleichen ist. Vom morbiden Nachkriegs-Japan und dem Trost, den Popkultur spendet, dem ganz persönlichen Befreiungspotenzial von Musik und Schönheit.

Denn man kann die Geschichte dieses Films auf zweierlei Art erzählen: Einerseits handelt sie von drei Schulfreunden, von denen einer sich noch zur Schulzeit umbringt, wodurch er das Leben der beiden anderen für lange Zeit so schwer beschädigt, dass sie selbst, in jahrelange Trauerarbeit verstrickt, kaum leben können. Und zugleich geht es gerade um die Kunst des Überlebens und um einen Mann zwischen drei Frauen.

"Naokos Lächeln" ist die überaus erotische Dreiecksgeschichte einer Tokioter Studentenliebe und eine Etüde über Einsamkeit. Ein Film, der von einem Windstoß erzählt, der durch ein Kleid fährt, von Regen im Haar, Sonnenlicht auf der Haut, von der Farbe der Blumen und der Form der Autos, von vielen Lieben, die sich verpassen oder einfach nicht erfüllen und von mindestens einer, die gelingt.

Denn Watanabe trifft nicht nur Naoko, sondern auch Midori. Grün bedeutet ihr Name, wie die Hoffnung. Sie liebt Euripides, ist aber eine weniger tragische, sondern eine lässige, pragmatische, also absolut moderne Figur.

Verfilmt hat das Ganze der Vietnamese Tran Anh Hung, der vor Jahren mit "Der Duft der grünen Papaya" einen der schönsten Kinofilme des Jahrzehnts drehte. Auch hier gelingt ihm wieder wunderbares, elegisches, schmerzhaft schönes Kino - und kurzum einer der besten Filme dieses Jahres.

In weich gezeichneten, schwingenden, aber niemals kitschigen Bildern zeigt Tran Anh Hung, das jeder Ort seinen Moment hat, seine Erinnerungen - und Musik ist einer der besten Wege, uns in die verlorene Zeit zurückzuführen, ohne die Vergangenheit je wirklich zurückzubringen. Trotzdem kann Schönheit, kann die Musik und das Kino Trost spenden, und natürlich auch Erkenntnis.

Denn nach jenem Abend und dem Beatles-Lied am Feuer geht der Film noch über eine Stunde weiter, und das ist keine Sekunde zu lang - eher wünschte man sich, er würde noch viel länger dauern. Am Ende ist Watanabe Naoko dann auch ein wenig losgeworden, und frei geworden für Midori.

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