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StartseiteBüchermarkt "Die Vereinigten Staaten sind das größte Gedicht"04.12.2009

"Die Vereinigten Staaten sind das größte Gedicht"

Jürgen Brocan (Hrsg.) "Grasblätter". Gedichtzyklus des amerikanischen Dichters Walt Whitman. Hanser Verlag.

"Er ist Amerika", sagte Ezra Pound über den Dichter Walt Whitman. Thomas Mann bezeichnete sein Werk als "wahres Gottesgeschenk". Stefan Zweig behauptete, Walt Whitman zu lesen, mache "lebenstrunken". Walt Whitman wollte eine Literatur der Straße und Moderne ins Leben rufen. So entstanden von 1850-1880 seine hymnischen Gesänge "Leaves of Grass". Der Lyriker und Übersetzer Jürgen Brôcan hat die Originalausgabe von 1891-92 erstmals vollständig übertragen.

Von Annette Brüggemann

Wer an Walt Whitman denkt, hat vermutlich das Bild eines friedlichen, alten Mannes mit großem Hut und weißem Rauschebart vor Augen. So zumindest posiert der Altvater der amerikanischen Dichtung auf einem Foto aus dem Jahr 1887, das um die Welt ging. Whitman wusste sich zu inszenieren und das auch schon in jungen Jahren. Für seine erste und legendäre Ausgabe der "Leaves of Grass" ließ er sich in Arbeitskleidung ablichten: offenes Hemd, grobe Wollhose und ein breiter Schlapphut. Vor allem der lässig in die Hüfte gestützte rechte Arm unterstreicht: An das Publikum heran tritt ein Mann, der zupacken will und kann.

Sein Debüt war ein "Do-it-yourself"-Projekt. Whitman edierte und druckte es selbst, ohne Verfasserangabe und mit einem Vorwort, das an Größenwahn grenzt. Der Dichter-Held Whitman betritt als "No-Name" die Bühne, als einer, der für alle Amerikaner, für die gesamte Menschheit spricht: als Stimme des Volkes, göttliches Sprachrohr und Verkünder einer neuen Zeit. Die Vereinigten Staaten seien das größte Gedicht, schreibt er. Und der Poet solle ein Seher sein, der vor keiner Bestimmung haltmache, er sei ein Mann der Einfachheit und Liebe, ein Mann der Weitsicht und Aufrichtigkeit, ein amerikanischer Barde, der die Arbeit von Priestern überflüssig mache. Denn eine erhabenere Rasse werde geboren, in der Propheten - und nun kommt Whitmans französische Lieblingsvokabel - "en masse" auftreten würden. Wenn wir nur an das Individuum glauben würden, ohne das der Staat kein Staat sei. Und so beginnt Whitman mit seiner berühmten Anrufung des Selbst:

Das Selbst sing ich, die schlichte Einzelperson, doch spreche ich das Wort demokratisch, das Wort en-masse. / Physiologie vom Kopf bis zu den Zehen sing ich, nicht Physiognomie allein, nicht Hirn allein ist würdig der Muse, ich sage, viel würdiger ist die Form insgesamt, / Das Weibliche dem Männlichen gleich sing ich, vom Leben, unermesslich in Leidenschaft, Puls und Kraft, frohlockend, fürs freieste Handeln geformt unter göttlichen Gesetzen, / Den modernen Menschen sing ich.

Große Worte, die sich nur vor der Folie der Zeit lesen lassen - da ist zum einen Whitmans geistige Nähe zum Transzendentalismus, der ihm den Weg zum göttlichen Selbst weist. Und zum anderen seine ganz handfeste Enttäuschung über die politische Realität Amerikas, ein Land, das sich in seinen Augen in einem "kadaver-haften" Zustand befindet.
Bei allem prophetischen Pathos hat Whitman vor allem ein Ziel vor Augen: die Verwirklichung demokratischer Ideale, die sich für ihn in der Einheit der Staaten niederschlägt. Das erklärt Whitmans penetranten Nationalismus in seinen Gedichten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Diesen sieht Whitman als geistige Reinigung, aus der die Staaten gestärkt und vereinigt hervorgehen sollen. Umso größer ist sein Schrecken, als die Folgen des Krieges spürbar werden. Sein Bruder George meldet sich freiwillig zur Armee und wird schwer verwundet. Sein Bruder Andrew stirbt an Tuberkolose. Sein Bruder Jesse kommt in die Psychiatrie.
Whitman selbst arbeitet während des Krieges als freischaffender Journalist und als Büroangestellter bei der Armee. Als er seinen Bruder im Lazarett besucht, beschließt er, während des Krieges immer wieder als Pfleger in Spitälern und Lazaretten auszuhelfen. Er gehört damit zu den wenigen Schriftstellern seiner Zeit, die sich aktiv am Kriegsgeschehen beteiligen. Und als Präsident Abraham Lincoln am 14. April 1865 ermordet wird, dichtet Whitman die viel zitierten Zeilen:

"Oh Käpt'n! Mein Käpt'n!"

Rund 40 Jahre hat Walt Whitman an seinem dichterischen Hauptwerk, den "Leaves of Grass" gearbeitet. Er hat sie regelmäßig revidiert, neu angeordnet, erweitert und einzelne Gedichte oder Passagen herausgestrichen. So träumt Whitman 1859 davon, eine neue Religion zu begründen, für die seine "Leaves of Grass" als heiliges Testament dienen sollen. Dafür unterteilt er seine Texte in 365 Psalme, von denen seine Leser einen pro Tag lesen sollen. Die didaktische Nummerierung verwirft er schließlich wieder und ergänzt stattdessen Titel und Überschriften. Neun Ausgaben sind zu Whitmans Lebzeiten bekannt.

Der deutsche Lyriker Jürgen Brôcan hat Whitmans neunte Ausgabe zum ersten Mal vollständig, mit den zwei originalen Anhängen, ins Deutsche übersetzt – nicht zuletzt, weil ihn bisherige Übersetzungen Whitmans wie die von Hans Reisiger nicht überzeugt haben.

"Sie sind langweilig in ihrer Monotonie. In der Einförmigkeit dieses doch sehr pathetischen und gehobenen Sprechens. Abgesehen davon, dass es den Leser langweilt, wird es Whitman insofern nicht gerecht, weil Whitman gerade diese Divergenz und Inkongruenz des Stils hat. Einerseits finden sich Elemente der Alltagssprache darin, es finden sich Neologismen darin, es finden sich aber auch sehr traditionelle Elemente darin. Whitman nimmt also diese verschiedenen Sprachebenen und vereint sie in seinem demokratischen Bemühen – man muss es wirklich so sagen: Es ist sein eigener Stil, diese ganzen Elemente zu vereinen, auch mit diesen ganzen fremdsprachlichen Einsprengseln, die in den bisherigen Übersetzungen auch nicht immer ganz klar wiedergegeben werden."

Jürgen Brôcan hat sich für eine Gratwanderung entschieden – er bleibt dicht am Text und erlaubt sich zugleich poetische Freiheiten, die vorherige Übersetzungen scheuen. Whitmans körperlich-erotische Metaphern überträgt Jürgen Brôcan eindeutiger und präziser, ebenso wie den mehrdeutigen Titel "Leaves of Grass". Dieser wurde bisher mit "Grashalme" übersetzt, dabei kommen die "leaves" – die "Blätter" – im Text mehrmals vor, in der Doppelbedeutung: Blätter der Natur und Blätter als Buchseiten.

"Whitman hat diesen Titel sehr bewusst gewählt. Die Zeitgenossen waren irritiert, sie haben ihn nicht verstanden und das ist natürlich von Whitman beabsichtigt. Unsere "Grashalme" wären ja im normalen englischen Sprachgebrauch "Blades of Grass" und Whitman entscheidet sich ja gerade dagegen, es so zu nennen. Insofern spielen bei dieser Titelauswahl mehrere Dinge hinein. Auch bedeutete "grass" in der damaligen Druckersprache – und ich darf kurz hinzufügen: Whitman hat bis zu einem gewissen Grad das Druckerhandwerk gelernt und wusste also, wovon er spricht – eine in den Mussestunden gesetzte, sagen wir mal, experimentelle Seite. Und das spiegelt dann natürlich auch schon wieder das Experimentelle und Neuartige des Buches selber wider."

Die Form der Texte ist Whitmans große poetische Revolution. Er löst sich aus einem starren Reimkorsett und dichtet in Hymnen über Seiten hinweg. Kaum ein Autor des 19. Jahrhunderts hat so viele Grenzen eingerissen wie Whitman: zwischen Autor und Leser, zwischen hohem lyrischen Ton und Slang, zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit, zwischen den sozialen Schichten. Er wollte, alles und jeden dieser Welt mit seiner Dichtung ans Tageslicht bringen.
Liest man Whitman laut, hört man, welche Musikalität er als Opernenthusiast in die Sprache gebracht hat. Jürgen Brôcan tut dem keinen Abbruch, lässt Brüche und Schroffheiten zu – sodass man meint, Whitman im Original zu hören. Auch fügt er erklärende Anmerkungen hinzu.
Nur fehlt etwas ganz Wesentliches: der Überblick für Nichtexperten.
Warum gibt es keine biografische Zeittafel? Warum keine zeitliche Übersicht der von Walt Whitman überarbeiteten Fassungen der "Leaves of Grass", ebenso wie eine Übersicht der bisherigen deutschen Übersetzungen? Warum keine Auswahlbiografie?
Doch vor allem eines ist schade: dass die erste Fassung der "Leaves of Grass" nicht abgedruckt wurde, ebenso wie das anfangs zitierte erste Vorwort Walt Whitmans - zumindest im Original. Ohne diesen Gründungsakt lassen sich der prophetische Gestus und die Textgenese der "Grasblätter" kaum vollständig erfassen. Und auch der bescheidene Ton fällt einem vielleicht nicht auf, wenn Whitman in seiner letzten Ausgabe in einem Brief an seine Leser mit 70 Jahren auf sein Leben zurückblickt. Nicht mehr Amerika ist es, das durch ihn spricht – was bleibt, ist er selbst, als Dichter und Mensch:

Die "Grasblätter" waren tatsächlich (ich kann es nicht oft genug wiederholen) in erster Linie das Zutagetreten meiner eigenen emotionalen und anderweitigen Natur – ein Versuch, von hinten bis vorne, eine Person, ein menschliches Wesen (mich selbst, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Amerika) freimütig, im Ganzen und wahrhaftig aufzuzeichnen.

Walt Whitman: "Grasblätter"
Die "Leaves of Grass" nach der Ausgabe von 1891-92 erstmals vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brôcan
Hanser Verlag
880 Seiten mit Abbildungen, Hardcover
ISBN: 978-3-446-23410-9
Preis: 39,90 Euro

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