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Die Wiederkehr der magischen Pilze

Manuskript zur Sendung

Von Arndt Reuning

Die 60er-Jahre schwelgten im psychedelischen Farbenrausch.
Die 60er-Jahre schwelgten im psychedelischen Farbenrausch. (NSF/Glenn Elert)

Die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Hochzeit der Halluzinogene - und das nicht nur, um einen Rausch zu bekommen. Doch der Einsatz der Pharmaka in der Psychiatrie kam schnell zum Erliegen, die Gefahren waren zu groß. Erst jetzt erwacht das Interesse an den Substanzen wieder.

Lucy – in the Sky – with Diamonds

L – S – D

Lysergsäurediethylamid – ein modifiziertes Mutterkornalkaloid und eines der stärksten Halluzinogene, die wir kennen.

"In den 60er-Jahren, könnte man jetzt verkürzt sagen, ging es gesellschaftlich darum, Konventionen zu überwinden, traditionelle Herrschaftssysteme zu überwinden. Und es gab relevante Gruppen in der Wissenschaft und in der Gesellschaft, die LSD und andere Substanzen benutzt haben, um das zu beschleunigen, zu befördern."

Auch Psychiater begannen damals verstärkt, mit LSD und anderen Halluzinogenen zu experimentieren. Doch dem Rausch folgte bald schon die Ernüchterung. Horrortrips und Psychosen waren oft die Folge des regellosen Drogengebrauchs. Und manch einer begab sich auf eine Reise auf die andere Seite, von der er nicht wieder zurückkehrte. LSD und andere psychoaktive Substanzen wurden verboten, ihr Gebrauch in der Psychotherapie geächtet. Erst jetzt, Jahrzehnte später, gibt es wieder erste zaghafte Versuche.

Die Zahl der Studien ist überschaubar: Ein paar in den USA, zwei in der Schweiz und wenige Vorhaben im Rest der Welt. Von einer Renaissance der substanzunterstützten Psychotherapie will Henrik Jungaberle, Drogenforscher an der Universität Heidelberg, daher nicht sprechen. Aber bemerkenswert sei es schon, dass nach Jahrzehnten des Stillstandes Drogen wie LSD oder Ecstasy wieder zum Gegenstand der klinischen Forschung werden.

"Es ist immer noch ein Randphänomen, und es wird ein Randphänomen bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Psychotherapie in den Mittelpunkt der psychotherapeutischen Behandlung treten wird. Das wird wahrscheinlich nie geschehen. Aber es gibt einige sehr interessante Behandlungsfelder, zum Beispiel die Therapie am Ende des Lebens."

"Und das hier ist ein Bild von der Pamela und mich. Wir sind in San Francisco, und es wurde aufgenommen ich denke in der ersten Woche von Oktober 2006. Den Tag sind wir herum fünfzehn Meilen, was ist das, rund 23, 24 Kilometer gegangen. Und sie hat noch das wunderbare Lächeln – und immer glücklich."

Norbert Litzinger, Amerikaner deutscher Eltern, zieht eine Handvoll Fotos aus einem braunen Umschlag. Seine Frau Pamela Sakuda war damals gerade 60, erinnert er sich. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie bereits, dass sie sterben würde. Krebstumore waren dabei, ihren Körper zu zerfressen. Es gab nichts mehr, was die Ärzte noch für sie tun konnten. Litzinger:

"Und so haben wir aufgehört, Pläne zu machen. Wir haben aufgehört, ins Theater zu gehen, zu Konzerte. Man kauft Karten auf sechs Monate oder vier Monate in die Zukunft. Weil wir wussten nicht, ob die Pam überhaupt lebt oder dass sie überhaupt gehen könnte. Und einfach alles langsam aber sicher hat angefangen zusammenzufallen. Nicht zwischen uns, nicht zwischen Pam und mir. Aber diese Hoffnung, die war weggenommen."

Die Patientin litt unter Angstattacken und verfiel in tiefe Depressionen, gegen die ihre Ärzte ihr Medikamente verschrieben. Litzinger:

"Die Anti-Depression-Drogen haben überhaupt keine Wirkung gehabt. Und dann die anderen Drogen haben einen bedrückt, so dass die Gefühle einfach hinunter gepresst sind. Und ein Mensch will nicht so leben. Und so das war auch keine Hilfe. Das war einfach ein Weg, sie näher und näher zum Tod zu bringen, so dass sie nichts mehr fühlt. Und so war wirklich nichts mehr, was wir machen konnten. Und alles hat einfach nicht mehr gearbeitet."

In einem Internet-Forum wurde Norbert Litzinger dann auf eine medizinische Pilotstudie aufmerksam: eine Psychotherapie gegen Angststörungen bei Menschen mit Krebs im Endstadium. Das besondere daran: Unterstützt werden sollte die Behandlung mit der Pilzdroge Psilocybin.

Psilocybin. Gehört zur Substanzklasse der Tryptamine, von denen einige auch als Botenstoffe im menschlichen Körper eine wichtige Rolle spielen. Kommt in der Natur in verschiedenen Pilzarten vor, zum Beispiel im spitzkegeligen Kahlkopf und in anderen Spezies der Gattung Psilocybe. Der Schweizer Pharmafirma Sandoz gelang es im Jahr 1957, Psilocybin zunächst aus Pilzen zu isolieren und dann auch synthetisch im Labor zu erzeugen. Rund sechzig Forschungsprojekte zur Wirkung der berauschenden Substanz führte das Unternehmen durch. Weltweit entstanden bis zum Jahr 1969 schätzungsweise 1000 wissenschaftliche Publikationen. Als die meisten Länder Anfang der 1970er-Jahre die Substanz verboten, kam die Forschung zunächst einmal zum Erliegen.

Kalifornien, Los Angeles. Zwischen Einfamilienhäusern, Einkaufszentren und Schnellimbiss-Restaurants liegt das Harbor-UCLA Medical Center. Hinter dem achtstöckigen Krankenhaus erstreckt sich ein weitläufiges Areal mit Nebengebäuden und hölzernen Barracken. In einer davon arbeitet Charles Grob, der die Studie an den Krebspatienten leitete, von der Norbert Litzinger gelesen hatte.

"Wir haben hier ein Therapiemodell entwickelt, das mit Halluzinogenen arbeitet. Damit behandeln wir Krebspatienten, die wegen ihrer Krankheit unter massiven Ängsten leiden. Wir behandeln die Angststörung, nicht den Krebs."

Insgesamt zwölf Probanden waren an der Studie beteiligt. Jeder von ihnen nahm an zwei Therapiesitzungen teil. Bei einer davon erhielten sie eine moderate Dosis synthetisches Psilocybin, bei der anderen ein Placebo. Weder die Patienten noch die Ärzte wussten, bei welcher der beiden Sitzungen der Wirkstoff oder das Scheinpräparat verabreicht wurde. Im Hauptgebäude der Klinik war ein Raum speziell für diese Studie eingerichtet worden – behaglich wie ein Schlafzimmer. Grob:

"Eine Sitzung hat sechs Stunden gedauert. Während der ganzen Zeit waren mein Studienkoordinator und ich bei dem Patienten. Sie trugen eine Schlafmaske und hatten Kopfhörer auf, über die sie Musik hören konnten. Sie sollten so tief wie möglich in dieses Erfahrung eindringen."

Die Wirkung des Psilocybin setzt üblicherweise nach 30 bis 60 Minuten ein. Wer die Droge genommen hat, erlebt ein Gefühl von Wohlbehagen und Euphorie. Er gleitet hinüber in einen traumartigen Zustand. Die Substanz verzerrt die Wahrnehmung, lässt farbige, kaleidoskopartige Muster im Blickfeld entstehen. Die Muster verdichten sich zu dreidimensionalen Figuren. Empfindsamkeit und Einfühlungsvermögen sind erhöht. Das Denken findet in Assoziationen statt. Und viele Konsumenten berichten von spirituellen Erlebnissen – so wie auch einige Patienten der kalifornischen Psilocybin-Studie unter Charles Grob.

"Unsere Probanden haben von traumähnlichen Visionen berichtet. Und viele von ihnen erzählten, sie hätten einen tiefen Einblick in ihre persönliche, autobiographische Geschichte erhalten. Sie sagten, sie seien endlich dazu in der Lage gewesen, ihre Diagnose einer tödlichen Krankheit zu akzeptieren - zu einem gewissen Grad. Und es hatte den Anschein, dass sie im Alltag wesentlich besser zurecht kamen als vor der Behandlung."

Inzwischen haben Neurowissenschaftler einen gewissen Einblick in die Wirkweise der Drogen bekommen. Substanzen wie LSD und Psilocybin binden im Körper an dieselben Molekülschalter wie auch das Hormon Serotonin. In tieferen Regionen des Gehirns docken die psychoaktiven Substanzen an die Serotonin-Schalter an und verändern die Filterfunktion des Thalamus. Dieses Areal wird auch als das Tor zum Bewusstsein bezeichnet. Hier laufen äußere Informationen von den Sinnesorganen zusammen mit inneren Reizen aus dem Körper oder dem Gedächtnis. Der Thalamus filtert die Eindrücke und leitet die Nervenimpulse weiter an die Großhirnrinde. Halluzinogene verschieben dieses Gleichgewicht, die Aktivität in frontalen Regionen des Gehirns nimmt deutlich zu. Vergangenheit und Gegenwart, Inneres und Äußeres sind nicht mehr klar zu trennen. Den Patienten kann das bei der Klärung ihrer Lebensfragen helfen. So konnte auch die krebskranke Pamela Sakuda eine neue Perspektive gewinnen. Ihr Ehemann erinnert sich, wie er sie nach der Psilocybin-Sitzung antraf.

"Ich bin hinein gekommen, da waren sie dort. Und da war meine Pammy. Sie war auf dem Bett dann sitzen und ein Lächeln von Ohr zu Ohr. Tränen, aber Tränen von Glücklichkeit. Es war als wie die schrecklichste Last von ihren Schultern, von ihren Herz von ihrem Körper genommen war."

Nicht die Droge selbst entfaltet die entlastende Wirkung. Die Verfechter dieser Schule beschreiben sie vielmehr als eine Art Katalysator, welcher dem Therapeuten einen beschleunigten Zugang zu verdrängten beziehungsweise unbewussten Bereichen der Persönlichkeit ermöglicht. Oder als ein Vergrößerungsglas, das die zentralen Themen im Leben eines Menschen sichtbar machen kann. Den Patienten versetzten Substanzen wie Psilocybin und LSD in Zustände, wie sie auch in meditativer Versenkung erlebt würden. Norbert Litzinger:

"Es war als wie die schrecklichste Last von ihren Schultern, von ihren Herz von ihrem Körper genommen war. Und sie hat einfach gesagt: Norbert, ich lieb dich. Natürlich, Pam, ich lieb dich auch. Natürlich lieb ich dich. Aber sie hat gesagt: ich habe gelernt, dass meine Angst von der Zukunft, von was ich weiß passieren wird, ruiniert diesen Tag, das Heutige. Heute fühle ich gut, heute bin ich gesund, heute lache ich. Und ich habe erlaubt, dass diese Zukunft, die ich weiß kommen wird, dieses Heute ruiniert. Und das passiert nicht mehr."

So positiv sich das alles anhört – eine Studie an zwölf Patienten ist nicht gerade aussagekräftig. Und Wissenschaftler wie Charles Grob werden von der etablierten Szene eher als Exoten angesehen – wenn sie überhaupt wahrgenommen werden. Was diese Studien so bemerkenswert macht: Sie sind die ersten Untersuchungen nach Jahrzehnten, die sich wieder mit dem medizinischen Nutzen von psychoaktiven Substanzen auseinandersetzen.

"Wir sollten die Ergebnisse solcher Studien auch nicht überbewerten. Ich möchte aber unterstreichen, dass wir weitere Untersuchungen brauchen – unter kontrollierten Bedingungen und offiziell genehmigt."

Bezahlt werden muss die Forschung an Halluzinogenen meistens aus privaten Töpfen. Vor allem zwei Vereinigungen sind es, die solche Projekte finanzieren: Zum einen das Heffter Research Institute in Santa Fe, welches auch die Psilocybin-Studie in Los Angeles unterstützt hat. Und zum anderen die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies, kurz MAPS. Diese Organisation konzentriert sich auf andere Wirkstoffe, wie ihr Sprecher Randolph Hencken erläutert.

"Hier bei MAPS laufen einige Studien, welche die Wirksamkeit von psychedelischen Drogen als ein therapeutisches Werkzeug erproben sollen. In unserem Hauptprojekt geht es darum, Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung mit MDMA zu behandeln. Das ist ein Stoff, der oft in Ecstasy-Pillen zu finden ist. Wir haben eine Studie mit LSD an Patienten mit lebensbedrohlichen Krankheiten. Und wir untersuchen Menschen, die den Pflanzenstoff Ibogain einnehmen. Der kann einen Drogenentzug unterstützen, vor allem beim Missbrauch von Opiaten."

Alle Forschungsprojekte haben bisher mit einer kleinen Zahl von Probanden stattgefunden. Trotzdem glaubt Randolph Hencken, dass sich das bald ändern könnte.

"Unserer Meinung nach stehen wir vor einer Renaissance der psychedelischen Forschung – nachdem sie 40 Jahre lang auf Eis gelegen hat. Doch die Ironie dabei war ja: Das Verbot hat es den Wissenschaftlern unmöglich gemacht, ernsthafte Forschung an diesen Substanzen zu betreiben. Aber auf der Straße wurden die Drogen weiterhin verkauft und konsumiert."

Das Ziel von MAPS ist es, innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Zulassung der Substanz MDMA zu erlangen. Gerade viele US-Veteranen kehren mit einer posttraumatischen Belastungsstörung aus dem Irak oder Afghanistan nach Hause zurück. Eine Psychotherapie, die durch die psychoaktive Substanz unterstützt wird, könnte ihnen dabei helfen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Und nicht nur ehemalige Soldaten sollen profitieren.

Posttraumatische Belastungsstörung, kurz: PTBS. Oft die Langzeitfolge eines extrem belastenden Erlebnisses. Tritt bei rund zehn bis 15 Prozent jener Personen auf, die solch eine Situation durchlebt haben, etwa Naturkatastrophen, Gewalttaten, schwere Unfälle. Kann sich in einer Vielzahl von Symptomen äußern. Die Betroffenen erleben die Situation in der Vorstellung immer und immer wieder. Sie leiden unter Alpträumen, ziehen sich sozial zurück. Zu den gängigen Behandlungsmethoden gehört zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie, bei der die Betroffenen auf behutsame Weise mit der Situation konfrontiert werden, durch die das Trauma ausgelöst worden war. Doch immer wieder gibt es Patienten, bei denen eine herkömmliche Therapie nicht hilft.

"Ich habe über die Jahre Therapien gemacht, vorwiegend Gesprächstherapien, um meine Geschichte aufzuarbeiten. Und das ist mir nicht gelungen."

Die Schweizerin Karin Ryffel. In ihrer Kindheit und Jugend war sie wiederholt sexuell missbraucht worden – von Menschen, denen sie vertraut hatte. Und wie es so oft ist: Den Tätern war es gelungen, dem Mädchen, das sie damals war, die Verantwortung für die Taten einzureden. Unter dieser vermeintlichen Schuld litt sie bis ins Erwachsenenalter.

"Es gab immer wieder gute Phasen, aber mehrheitlich schlechte, mit Depressionen, lange depressive Zustände und wieder diese bekannten Panikattacken nachts und Schlafstörungen. Und da habe ich mich entschieden: ja, ich gehe wirklich die Geschichte tiefer an und somit habe ich mich entschieden."

Das Städtchen Biberist in der Nähe von Solothurn. Am westlichen Rande des Ortes, jenseits von einigen Bauernhöfen, liegt ein aufgeräumtes Neubaugebiet. Am Ende einer Stichstraße betritt man durch ein Rosenspalier die Praxis von Peter Oehen. Der Psychiater hat eine Schweizer Studie geleitet, in deren Mittelpunkt die psychoaktive Substanz MDMA stand. Die Untersuchung sollte zeigen, ob sich mit der chemischen Verbindung eine psychotherapeutische Behandlung von PTBS-Patienten unterstützen lässt. In dem Haus führt eine Treppe zum Dachgeschoss. Ein einzelner, großer Raum mit einem Oberlicht und vielen Fenstern. An den weiß gestrichenen Wänden hängen bunte Gemälde und gebatikte Stoffe.

"Also das ist unser Gruppenraum. Der Raum ist etwa 70 Quadratmeter groß, schaut ins Grüne hinaus, hat einen kleinen Balkon, ist angenehm eingerichtet, sehr viel Licht. Die Patienten lagen da auf einer Matratze, meine Co-Therapeutin und ich saßen zu beiden Seiten, während der Sitzung wurde Musik gespielt. Sie durften dann auch hier übernachten. Die Musik ist sozusagen ein Tool, mit dem man die Sitzung begleiten oder auch leiten kann. Musik beruhigt, Musik aktiviert, gibt ein Geländer, woran sich die Leute halten können, wenn es schwierig wird."

Zwölf PTBS-Patienten, unter ihnen auch Karin Ryffel, haben an der Studie teilgenommen. Acht von ihnen erhielten den Wirkstoff in der vollen Dosis, vier von ihnen zum Vergleich in einer sehr niedrigen Dosis. Jeder Proband nahm an einem vollen Therapiezyklus teil. Das begann mit der Vorauswahl. Die Studienteilnehmer durften nicht an einer wesentlichen Krankheit leiden. Und auch gewisse psychiatrische Störungen wurden ausgeschlossen. Auf zwei einführende Sitzungen ohne psychoaktive Substanzen folgten drei MDMA-Behandlungen im Abstand von rund vier Wochen. Dazwischen fanden Gesprächssitzungen statt, in denen Peter Oehen mit seinen Patienten das Erlebte diskutieren konnte – die Erfahrungen, die sie unter dem Einfluss der Droge MDMA gemacht hatten.

MDMA – kurz für 3,4-Methylen-Dioxy-N-Methylamphetamin. Einer der häufigsten aktiven Bestandteile in Ecstasy-Pillen. Im Jahr 1912 von der Firma Merck in Darmstadt zum Patent angemeldet. Die Substanz verändert das Empfinden – hin zu einer friedvollen, harmonischen Stimmung. Die Gedanken kreisen um Beziehungs- und Lebensfragen. Viele Konsumenten berichten über einen Zustand bedingungsloser Liebe. In den 1970er Jahren wurde MDMA als Hilfsmittel in der Psychotherapie verwendet. Gleichzeitig eroberte es die Clubszene. Meist jugendliche Konsumenten nahmen es auf Techno-Partys ein und tanzten stundenlang unter dem Einfluss der Droge. Es kam zu Todesfällen, Mitte der 80er wurde MDMA in den meisten Ländern verboten.

Karin Ryffel hatte bis zu der Studie keinerlei Affinität zur Technoszene. Ecstasy kannte sie nur vom Hörensagen.

"Die erste Sitzung, da bin ich einfach in ein wunderbares Wohlgefühl eingetaucht. Meine Geschichte hat mich nur so am Rand gestreift. Ich bin aber wirklich in dieser Sitzung zum ersten Mal, soweit ich denken kann, meinem Herz begegnet. Also habe Liebe gespürt und Erwachen von dass ich gerne leben möchte, weiterleben möchte und dass das nicht nur Arbeit sein soll. So habe ich die erste Sitzung erlebt. Und die zweite und dritte war dann wieder meine Geschichte sehr aktiv. Ich bin Gefühlen begegnet, die ich schwer ausgehalten habe. Und trotzdem ist es mir gelungen, wie man so sagt, zu seinem Ursprung zu gelangen. Also auch zu meinem Herz. Und auch zu meiner Liebe. Diese zwei, drei Sitzungen, da hat sich eine entscheidende Tür bei mir jetzt aufgemacht."

Mediziner gehen davon aus, dass ein Mensch, der unter PTBS leidet, die traumatischen Erlebnisse nicht ordentlich in sein Gedächtnis integrieren konnte, so dass diese Inhalte übermäßig aktiv bleiben. In der Therapie kommt es darauf an, den Patienten mit den früheren Geschehnissen zu konfrontieren. Das MDMA kann ihnen dabei helfen. Denn die Substanz stärkt das Vertrauen in den Therapeuten und mindert die Angst, so dass die aktiven Inhalte ins Langzeitgedächtnis integriert werden können. Für die 43-jährige Schweizerin hat sich die Veränderung als dauerhaft erwiesen.

"Es ist mir bewusst fast jeden Tag, wie gut es mir im Moment geht mit natürlich Einbrüchen, wo Schlaflosigkeit auch dazu gehört. Es ist auch so, dass ich nicht ganz ohne Medikamente lebe, aber die Zeiten, wo ich jede Nacht noch ein beruhigendes, Angst lösendes Medikament plus Schlafmedikamente plus Antidepressiva [nahm], das ist vorbei. Und ich kenne nach wie vor schlaflose Nächte, aber das kann ich nicht mehr vergleichen. Und diese Ängste, schlimmen Ängste, und diese Panikzustände, die habe ich jetzt schon ziemlich lange nicht mehr erlebt."

Allerdings: Auch wenn Karin Ryffel die Therapie für sich als hilfreich erlebt hat, so kommt die Auswertung der Gesamtstudie zu keinem signifikanten Ergebnis. Beurteilt wurde der Effekt der Therapie durch einen unabhängigen Experten anhand von semistrukturierten, klinischen Interviews auf Grundlage der "Psychiaterbibel" DSM-IV. Die kleine Zahl der Probanden machte es schwierig, eine eindeutige Wirksamkeit nachzuweisen. Bei den Fragebögen zur Selbstbeurteilung der Probanden sah es jedoch etwas anders aus, sagt Peter Oehen.

"Dort in der Selbsteinschätzung zeigte sich ein signifikantes Resultat. Und in der Einjahresnachkontrolle zeigten sich noch größere Verbesserungen."

Auf der anderen Seite stehen die Risiken und Nebenwirkungen der Droge MDMA. Besonders da diese Probanden im Gegensatz zu den Krebspatienten nicht am Ende ihres Lebens stehen und daher auch mögliche Spätfolgen berücksichtigt werden müssen. Tierversuche deuten darauf hin, dass die MDMA bestimmte Nervenzellen unumkehrbar schädigen kann. Und viele Mediziner glauben, dass die Substanz bei Freizeitkonsumenten auf lange Sicht zu Gedächtnisstörungen und Stimmungsschwankungen führen kann. Das Risiko im Rahmen einer Psychotherapie sei jedoch vertretbar, urteilt der Psychologe Jörg Daumann. Seine Arbeitsgruppe an der Uniklinik Köln hat untersucht, welche gesundheitlichen Folgen der Konsum von Ecstasy haben kann – vorwiegend an Probanden aus der Techno-Szene.

"Es gibt tatsächlich gute Hinweise, dass MDMA toxisch wirkt, aber nicht mit diesen ein oder zwei Einnahmen. Um einmal eine Größenordnung zu nennen: Vor zehn, fünfzehn Einheiten zum Beispiel wird meines Erachtens da nicht viel passieren. Das heißt, was da in einer Psychotherapie passiert, sprich eine Einnahme, zwei Einnahmen, sind recht risikoarm."

MDMA wirkt im Körper auf andere Weise als zum Beispiel LSD und Psilocybin. Die Droge sorgt dafür, dass in den Kontaktstellen von Nervenzellen Serotonin ausgeschüttet wird – und nicht wieder aufgenommen. Die Synapsen werden mit dem Botenstoff förmlich geflutet. Manche Menschen erleben daher nach Abklingen der akuten Wirkung eine depressive Phase oder auch Angstzustände. Nicht für jeden Betroffenen könne MDMA die Therapie der ersten Wahl sein. Daumann:

"Ich glaube, dass, wenn ich eine gute psychotherapeutische Ausbildung mache, und entsprechend danach handele, dann kann ich schon sehr, sehr viel erreichen, ohne dass ich diese Substanzen einsetze. Ich habe aber auch Patienten gesehen, wo ich schon mal gedacht habe: Die würden davon profitieren, so glaube ich. Nur: Ich muss ja in irgendeiner Form eine allgemeine Grundlage und ein allgemeines Gesetz schaffen, das das irgendwie regelt. Und ich fürchte, dass eben, ja, nicht immer die Richtigen sich davon angesprochen fühlen, um das eben einzusetzen."

Es war am Samstag, den 19. September 2009. Ein Arzt hatte zwölf Patienten in seiner Praxis in Berlin Hermsdorf zur einer Gruppensitzung versammelt. Sie wollten bildhaft gesprochen gemeinsam auf eine Reise gehen. Ein Drogencocktail sollte ihnen dabei helfen. Auch der Therapeut hatte eine gewisse Menge LSD geschluckt, weil ihn das – wie er sagte – besonders einfühlsam mache. Unter dem Einfluss des Rauschmittels dosierte er aber die Wirkstoffe, die für seine Patienten bestimmt waren, viel zu hoch. Zwei der Teilnehmer starben, ein weiterer Patient lag lange Zeit im Koma. Obwohl die Forschung an den psychoaktiven Substanzen zum Erliegen gekommen ist, gibt es weiterhin Menschen, die auf eigene Faust mit den Stoffen experimentieren, sagt Rolf Verres, Professor am Universitätsklinikum Heidelberg.

"Zum einen gibt es eine sehr große Szene, die illegal, heimlich solche Substanzen einsetzt, und zwar auch von Ärzten und Psychotherapeuten aller Art, die das sowohl mit Patienten weiter praktizieren, heimlich, als auch intern als Selbsterfahrung in Gruppen praktizieren."

Im Rahmen eines Forschungsprojektes hat Verres diese Szene näher unter die Lupe genommen. Außerdem eine Gruppe von Ärzten und Therapeuten aus der Schweiz, die von 1988 bis 1993 solche Therapien legal durchführen durften. Gerade ihnen bescheinigt er ein hohes Maß an Achtsamkeit und Verantwortungsgefühl. Aber Ausnahmen habe er auch kennen gelernt.

"Natürlich gibt es in dieser Szene der Psychoaktive-Substanz-Nutzer auch Kritiklosigkeit, ja? Es gibt Guru-Verhalten. Es gibt Therapeuten, die sich selbst überschätzen, die nicht genug Selbstkritik ausüben und auf diese Weise das ganze Konzept in Verruf bringen können und die vielleicht auch dann gefährlich werden können."

Henrik Jungaberle, der das Forschungsprojekt in Heidelberg zusammen mit Rolf Verres durchgeführt hat, betont den Unterschied zwischen einer kontrollierten Studie und der Behandlung im Untergrund.

"Natürlich ist es kaum oder gar nicht möglich, im Untergrund Regeln, Standards einzuhalten. Jeder Therapeut, der im Untergrund mit diesen Substanzen arbeitet, macht sich in gewisser Weise abhängig oder erpressbar im therapeutischen Kontakt. Zweitens ist die Gefahr sehr groß, dass geschludert wird. Das heißt, was in Berlin passiert ist, da wurden Substanzen genommen und verabreicht, die nicht hinreichend kontrolliert waren. Und außerdem hat der Therapeut ja einen unglaublichen Messfehler gemacht. Er hat viel zu hohe Dosierungen verwendet. Das würde in einer standardisierten Therapie kaum möglich sein."

Die Hypothek, mit der diese Form der Behandlung heute noch zu leben hat, stamme vor allen aus den 60er-Jahren, als vor allem LSD als Mittel zur Bewusstseinserweiterung propagiert wurde, sagt der Psychiater Peter Gasser, Vorsitzender der "Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie". Doch aus den Erfahrungen von damals habe man gelernt.

"Also, es gab eine riesige Bewegung, die, glaube ich, auch als gesellschaftliche Bedrohung wahrgenommen wurde, und LSD wurde als riesige Gefahr gesellschaftlich wahrgenommen und so wurde es dann als Medikament verboten. Und dass man da irgendwie reagieren musste, das verstehe ich ja noch. Das Tragische daran war, dass auch jede medizinische und Forschungsanwendung gleich auch mit verboten wurde. Und dafür gab es wirklich keine Begründung."

In Solothurn leitet der Therapeut eine Studie, in der untersucht wird, ob sich eine Psychotherapie bei Patienten mit lebensbedrohlichen Krankheiten durch LSD unterstützen lässt. Das Verbot der Substanz in der Medizin sieht er als politische Entscheidung an.

"Das war gesellschaftspolitisch notwendig, das war wissenschaftlich in dieser Art überhaupt nicht notwendig. LSD gilt heute als Betäubungsmittel ohne jeglichen medizinischen Nutzen, also es ist auf der obersten Stufe der Betäubungsmittel eingereiht und dort müsste es meines Erachtens überhaupt nicht stehen. Man hätte das anders einschränken können, zum Beispiel ähnlich wie Morphium. Das ist auch ein Betäubungsmittel, das aber unter bestimmten Bedingungen von Ärzten auch verschrieben werden kann."

Ähnlich sieht es auch Henrik Jungaberle:

"Eine verantwortungsvolle Therapie ist möglich. Dazu ist auch wichtig, dass neben der Legalisierung im ärztlichen Kontext, dass eine fundierte Ausbildung bei der Behandlung durchgeführt wird. Ich sehe das nicht so optimistisch, dass das in den nächsten Jahren passieren wird. Aber durch die weltweit jetzt größere Anzahl von Studien wird auch hier in Deutschland etwas beginnen."

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