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StartseiteBüchermarktDie Zukunft des Terrorismus11.07.2002

Die Zukunft des Terrorismus

Zuklampen-Verlag, 169 S., EUR 17,-

Das Phänomen "Terrorismus" ist spätestens seit dem 11.9. letzten Jahres wieder zu einem emotionsgeladenen "heißen" Thema geworden - und soeben hat Sebastian Scheerer, Jahrgang 1950, Professor für Kriminologie in Hamburg, eine kühle Abhandlung mit dem Titel "die Zukunft des Terrorismus" vorgelegt. Sein Text scheint auf den ersten Blick geradezu wohltuend unaufgeregt, wird aber wahrscheinlich provozierend wirken, kann man doch hier Überlegungen finden wie die, es könne zukünftig vorteilhaft sein, Terroristen, anstatt sie zu dämonisieren, als Akteure im internationalen System zu begreifen. Es ist die soziologische Perspektive des "Verstehens", die Scheerer einnimmt, eine Perspektive, die ganz offensichtlich den Werten der Aufklärung verpflichtet ist. Der Text tritt bescheiden auf; die Gliederung ist unspektakulär gehalten, und die These des Buchs wirkt schlicht: Terrorismus funktioniert nur, wenn er einen heimlichen Komplizen in seinem Gegenüber hat. Die Sprengkraft des Buchs liegt im Versuch, Denkbarrieren aufzubrechen, die auch hierzulande nur zu oft den Blick auf Fakten verstellen.

Sabine Peters

Scheerer erklärt zunächst, die westliche Welt werde einerseits gern mit Werten wie Rationalität assoziiert, andererseits gebe es auch hier teilweise einen metaphysischen Glauben an "das Böse", das man etwa während des kalten Krieges in der ehemaligen Sowjetunion verkörpert sah. Spätestens seit dem 11. September 2001 sei das Phänomen Terrorismus zum Inbegriff des Bösen geworden, das heißt, Terrorismus werde auch von zahlreichen Intellektuellen pathologisiert, mythologisiert, irrationalisiert. Hans Magnus Enzensberger beispielsweise habe in der FAZ vom 18.9. eine "Phantasieerklärung" veröffentlicht, sofern er den Selbstmordattentätern bescheinigte, ihr, Zitat, "Todestrip" habe mit Politik oder Islam nichts zu tun. Einerseits finde also die theoretische Leugnung von möglichen Motiven für Terrorismus statt, andererseits sei die praktische, militärische Bekämpfung des internationalen Terrorismus zum obersten Ziel geworden.

Was aber ist Terrorismus? Die Vereinten Nationen konnten sich nicht auf eine verbindliche Definition einigen - was den Sicherheitsrat nicht daran hinderte, eine Resolution zu verabschieden, die alle UNO-Mitgliedsstaaten zu einer umfassenden Zusammenarbeit in der Sache verpflichtete. Scheerer merkt an, in der Politik, der es um Macht gehe, sei das Fehlen einer Definition nicht unbedingt ein Nachteil: Wo es keine verbindlichen Merkmale gebe, müsse man sich im Zweifelsfall auch nicht mit dem Vorwurf "tu quoque, du auch" auseinandersetzen.

Als erkenntnisfördernde, wertfreie, deskriptive Definition schlägt der Autor vor, sich an die Begriffsbestimmung des Soziologen Henner Hess zu halten. Demnach ist Terrorismus eine Reihe vorsätzlicher Akte direkter, physischer Gewalt, die punktuell und unvorhersehbar, aber systematisch, mit dem Ziel psychischer Wirkung auf andere als lediglich die physischen Opfer im Rahmen einer politischen Strategie ausgeführt werden. Scheerer diskutiert die einzelnen Punkte, etwa den, das sich Terrorismus also auch als eine Kommunikationsstrategie verstehen lasse, - also eben gerade nicht lediglich als monströse "l´art pour l´art".

Und er weist darauf hin, welche Unterschiede und Ähnlichkeiten sich zwischen dem "Staatsterrorismus" - etwa dem der Nazizeit - und dem "revoltierenden" Terrrorismus feststellen lassen. Wissend, das er sich damit auch in Fachkreisen auf vermintes Gelände begibt, plädiert er dafür, den revoltierenden Terrorismus nicht isoliert, als ganz Anderes wahrzunehmen, sondern ihn im Kontext mit seinem Gegenstück zu begreifen. Der staatlicherseits ausgeübte Terrorismus als Waffe der Macht, als "Zuviel an Macht", der "revoltierende" Terrorismus geboren aus einem "zuwenig an Macht". Staatsterrorismus als "erlaubtes", für den Einzelnen meist strafloses Vorgehen, revoltierender Terrorismus als auch für die Täter prinzipiell lebensgefährlicher Akt, der ihnen allerdings den Eindruck vermitteln könne, dem eigenen Leben Sinn zu geben. Der Behauptung, Terrorismus sei unfassbar, sei das unheimliche völlig Fremde, setzt Scheerer die Beobachtung entgegen, die terroristische M e t h o d e in ihrer Grundform als Herrschaftsinstrument sei, "ein überaus funktionales und effizientes, nicht seltenes, sondern gewöhnliches, und nicht abnormes, sondern normales Mittel der Machtausübung".

Angesichts solcher Sätze hört man schon die glühenden Vorwürfe, hier solle relativiert werden - aber wenn hier relativiert wird, dann, um den Diskurs über den Terrorismus zu de-eskalieren; denn schon die Frage, wer unter welchen Umständen als "Terrorist" oder als "Freiheitskämpfer" gilt, ist ja äußerst problematisch, sofern das Deutungs- und Definitionsmonopol über Anerkennung und Nichtanerkennung entscheidet, also durchaus praktische Folgen hat. Scheerer zeigt anhand historischer Beispiele, dass Terrorismus in einem Milieu fehlender Macht bei vorhandenem Angriffswillen gegenüber einer erdrückenden Übermacht entsteht; er entsteht als Versuch, die doppelte Randständigkeit - also die im eignen Lager und die im Gesamtkonflikt - zu überwinden.

Dem historischen Abriss folgt die Analyse der Gegenwart. Scheerer sieht eine irritierende Fixierung auf Technik anstatt auf Politik, auf Datensammlungen anstatt auf das Sinnverstehen; auf das Opportune gegenüber dem Prinzipiellen. Seine drei Zukunftsszenarien für sehen folgendermaßen aus: Zukunft eins, Titel "Erledigung", führt die Möglichkeit eines erfolgreichen Krieges gegen den Terrorismus vor. Was zuvor politisch-rechtlich nicht möglich ist, wird möglich gemacht. Taktische Erfordernisse zwingen die USA und ihre Verbündeten, sich der UN-Charta noch häufiger zu entziehen, als es bereits der Fall ist. Der Terrorismus ist Anlass einer fundamentalen Reorganisation und technologischen Innovation der US-Streitkräfte. Im Namen der Effektivität ist man bereit, unpopuläre Maßnahmen auch im eigenen Lager zu ergreifen und andererseits zu riskieren, ganze Religionsgemeinschaften und Drittstaaten zu diskriminieren. Auch nach dem Sieg über die Schurken X, Y, oder Z muss der tendenziell repressive status quo aufrecht erhalten werden, er muss institutionalisiert werden, so dass man auch in scheinbar ruhigen Zeiten jedes Instrumentarium verfügbar hat. Die Frage, ob und für wen diese Zukunft wünschbar wäre, bleibt offen.

Zukunft zwei mit dem Titel "Indienstnahme" führt im Grunde dieselben Maßnahmen vor, nur wird hier nicht die M ö g l i c h k e i t eines Sieges durchgespielt, sondern die W a h r s c h e i n l i c h k e i t des Scheiterns. Die Suche nach Verbündeten zwingt zu Allianzen mit repressiven Regimes, es findet also etwas wie "Anverwandlung" statt. Es kommt zum Verlust an Legitimation auch im eigenen Lager. Wo der eine terroristische Schurke geschlagen ist, stehen zehn neue auf. Fixiert auf den Sieg über den jeweiligen aktuellen Hauptfeind, blendet man "Nebensächliches" aus - was eine historische Parallele hat: Die USA wollten den Sowjets während des kalten Krieges ihr Vietnam in Afghanistan bereiten und sahen nicht, wen sie mit Al Qaida stärkten. Die "Zukunft zwei" zeigt, dass der unbesiegte institutionalisierte Terrorismus ein nützlicher Feind bleibt, der sich instrumentalisieren lässt. "Sicherheit" und "Terror" bilden hier ein einziges undurchschaubare System, für das die Bevölkerungen der Erde so oder so zu zahlen haben.

Zukunft drei schließlich trägt den provozierenden Titel "Anerkennung" und entwirft folgendes Bild: Nachdem die Misserfolge im Kampf gegen den Terrorismus sich häufen, begreifen amerikanische Politiker und ernstzunehmende Teile der Bevölkerung, dass sie keine Nutznießer des Krieges sind. Nichtregierungsorganisationen, die NGO´s, die den Staaten schon länger das Politikmonopol streitig gemacht haben, gewinnen an Einfluss. In den USA verschieben sich die Mehrheiten, es kommt zu einem grundlegenden Kurswechsel in der Außenpolitik. Und was die normative Kraft des Faktischen anlangt: Man begreift, dass auch das Monopol auf Kriegführung nicht mehr nur staatlich ist, begreift demnach Terroristen als Akteure im internationalen System; man wird pragmatisch. Das Ziel der Terrorismusbekämpfung ist dem Ziel der Befriedung von Gewaltkonflikten überhaupt untergeordnet, an die Stelle einer solitären, potentiell repressiven Macht tritt eine kooperierende, "weiche" Macht. Ein globaler Rechtsstaat wird konsolidiert, der alle Akteure an der Gestaltung des Weltgeschehens angemessen beteiligt. Die Probleme etwa in Nahost werden so bearbeitet, dass auch die arabische Welt zustimmt, allmählich verschwindet weltweit der Terrorismus, und zwar nicht nur der "revoltierende", sondern zugleich auch der staatliche.

Im Nachwort geht Scheerer auf die Vorwürfe ein, die seiner "verstehenden" Methode gemacht werden könnten: Selbst wenn man ihr nicht vorwirft, sie wolle den Terrorismus gutheißen, könnte man sagen, sie relativiere, sie verharmlose. In der Tat, sagt der Autor, Wissenschaft wolle Rätselhaftes, Unbekanntes in Bekanntes auflösen. Insofern sei der Prozess der Erkenntnis verharmlosend, eine Verharmlosung aber, die nicht entschärfe, sondern die den Gegner in seiner ganzen Ähnlichkeit mit uns zeige.

Nun kann man sagen, Scheerers Position ist nicht unbedingt neu; unmittelbar nach dem 11.9. konnte man hierzulande ähnliche Überlegungen in zahlreichen Feuilletons lesen, etwa den vieldiskutierten Artikel der indischen Autorin und Menschenrechtsaktivistin Arundhati Roy. Allerdings haben auch hierzulande die schrillen Töne bald zugenommen; etwa, wenn Vertretern aus dem Bereich der Friedens- und Konfliktforschung geistige Unterstützung vorgeworfen wird, oder wenn die Talibanisierung ganzer Kontinente an die Wand gemalt wird. Sofern es diese phantasiedurchsetzte, dramatische Rhetorik gibt, ist es gut, dass mit Scheerers Abhandlung ein unaufgeregtes, analytisches, übrigens auch stilistisch überzeugendes Buch vorliegt. Was die drei Szenarien angeht: Scheerers sorgfältige, differenzierte Argumentation, ein Sieg über den Terrorismus sei möglich, das Scheitern allerdings wahrscheinlich, wirkt plausibel. Dabei gibt es zu denken, dass der Sieg wie auch das Scheitern den zwei Seiten einer Münze gleichen, sofern beide Szenarien ein System vielfältiger und andauernder Repression vorführen. Zukunft drei allerdings, so wünschenswert sie sein mag, - fällt sie noch in den Bereich des Möglichen? Was ist denn die Vorstellung eines Systems globaler gegenseitiger rechtlicher, politischer, kultureller Anerkennung anders als die Idealbilder, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit Institutionen wie dem Völkerbund oder der UNO verbunden wurden oder werden? Wie weit reichte denn deren Durchsetzungskraft bisher? Die Zukunft drei lässt eine lernfähige Bevölkerung und eine kluge, weitblickende Regierung wie den Phoenix aus der Asche steigen. Dabei muss man kein Verschwörungstheoretiker sein, um festzustellen, wie einseitig auch in den liberalen Demokratien die Meinungsbildung oft stattfindet. Man könnte also auch nur die Möglichkeit eines Gesinnungswandels bezweifeln. Und was in der Abhandlung Scheerers insgesamt zu kurz kommt, ist der Blick auf ökonomische Interessen.

Diese Einwände sollten einen keinesfalls verführen, dieses äußerst komplexe Buch zu unterschätzen. Die "Verharmlosung", die Scheerer in sympathischem Understatement und auch ein bisschen sophistisch für sich in Anspruch nimmt, erweist sich als produktive Beunruhigung, im Grunde als philosophische Forderung nach einem Umdenken im Bereich des Politischen: Terrorismus wird nur wirksam begrenzt, indem man auf strukturell ähnliche Deutungsmuster und Machtmittel verzichtet.

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