Interview / Archiv /

 

"Dieser Perspektivwechsel hat etwas sehr Lehrreiches"

Produzent über den Dokumentarfilm "Deutschland von oben"

Freddie Röckenhaus im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Der Journalist und Dokumentarfilmer Freddie Röckenhaus (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Der Journalist und Dokumentarfilmer Freddie Röckenhaus (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Der Dokumentarfilm "Deutschland von oben" zeigt deutsche Städte und Landschaften aus der Vogelperspektive. Bei den Arbeiten habe man festgestellt, dass das Land "erschütternd schön" sei und auch industrielle Gebiete eine erstaunliche Ästhetik entwickeln, sagt Freddie Röckenhaus, Produzent des Films.

Tobias Armbrüster: Guten Morgen, Herr Röckenhaus!

Freddie Röckenhaus: Guten Morgen, Herr Armbrüster!

Armbrüster: Herr Röckenhaus, was ist so interessant daran, ein Land 110 Minuten lang von oben zu betrachten?

Röckenhaus: Ich fürchte es sind sogar noch zwei, drei Minuten mehr. Deutschland ist ein Land, das wahnsinnig vielseitig ist, das war uns neu. Wir haben das vorher, hätten uns das irgendwie ausrechnen können, aber von oben erlebt man das wirklich. Und deswegen hat man eigentlich, hätte man eigentlich das Bedürfnis, noch viel mehr zu zeigen. Also der Film könnte durchaus 140, 145 Minuten lang sein, wie er das im ursprünglichen Schnitt war. Ja, was sieht man von oben, was besonders ist? Das ist im Grund genommen diese alte Frage, warum klettern wir eigentlich auf irgendwelche Leuchttürme, warum wollen wir eigentlich auf Fernsehtürme, warum wollen wir diesen Blick von oben aus der obersten Etage aus dem Dach? Selbst kleine Kinder wollen schon auf den Schultern reiten, weil sie von oben anders gucken. Die Perspektive, dieser Perspektivwechsel hat etwas sehr Lehrreiches. Die Dimensionen verändern sich, man verändert sich vielleicht auch ein kleines bisschen, weil man auch Dinge in anderem Maßstab sieht. Und die Perspektive von oben ist natürlich auch ein großer Spaß, das muss man auch sagen.

Armbrüster: Von Astronauten kennt man ja immer diesen Satz, dass sie quasi erst im Weltraum gesehen haben, wie schutzbedürftig und wie zerbrechlich diese Erde ist. Kann man auch nach diesem Film zu so einer Erkenntnis kommen?

Röckenhaus: Das kommt immer darauf an, wo man hinkommt und wie man das sozusagen angeht. Wir haben grundsätzlich festgestellt, als wir angefangen haben mit den Arbeiten, dass das Land erschütternd schön aussieht von oben. Der Franz Beckenbauer hat, als er bei der Fußballweltmeisterschaft 2006, da werden sich die meisten dran erinnern, als er da auch ständig in jedem Fußballstadion war und als er dann mit dem Hubschrauber von einem Stadion ins andere geflogen worden ist, man hatte ja den Eindruck, der ist in drei Stadien gleichzeitig, da hat er eigentlich so etwas Ähnliches formuliert: Die Leute wissen gar nicht, dass sie im Paradies wohnen. Also ein bisschen kommt man dann auch in die Gefahr, dass man alles schön findet ...

Armbrüster: Was ist denn so schön an Deutschland von oben?

Röckenhaus: Es ist einfach ein unglaublich grünes Land und es hat eine große Vielseitigkeit. Und man könnte ja denken, wir sind ein zersiedeltes, industrielles Land, weil wir eine relativ hohen Bevölkerungszahl haben, ein industrielles Land sind. Das ist aber nicht so. Wenn man von oben schaut, dann merkt man, dass wir offensichtlich doch einigermaßen gut mit unseren Räumen gehaushaltet haben. Das heißt, es gibt schon sehr große Flächen, die grün sind, die zumindest Landwirtschaft sind, die zumindest Forstwirtschaft sind. Es gibt einiges, was mittlerweile auch wieder sich selbst überlassen bleibt und wirklich Natur ist, wie zum Beispiel in Elbtalaue, die mich am meisten überrascht hat. Und das sind solche Dinge, man muss irgendwo hingehen, wo man erwarten kann, dass es da gute Geschichten gibt, also beispielsweise Helgoland, da gibt es jetzt wieder Kegelrobben, weil da eine Fischfangzone eingerichtet worden um die Insel herum und sofort kommen die Tiere zurück. In den Alpen sind die Steinböcke wieder eingebürgert worden, sozusagen. Und das sind alles so kleine Erfolgsgeschichten, das sieht man natürlich von oben auch nur dann, wenn man weiß, wo man hingehen will.

Armbrüster: Sind das denn nur schöne Bilder, die man in diesem Film sehen kann, oder sehen wir da auch düstere Ecken?

Röckenhaus: Wir sind ganz bewusst dahin gegangen, wo wir eigentlich gemutmaßt haben, da müsste es jetzt mal einen Gegensatz, so einen Kontrast geben. Also Braunkohletagebau in der Lausitz, natürlich die Industrieschlote an Rhein und Ruhr, Ruhrgebiet Stahlwerke, Atomkraftwerke, die ihre riesigen Wasserdampffahnen in die Luft werfen. Überhaupt eine ganze Menge Industrie, Hafenanlagen, et cetera. Erstaunlicherweise entwickelt sich von oben dann immer noch eine Ästhetik, die man sehen will. Die hat etwas Spannendens, die ist dann vielleicht nicht mehr ungebrochen schön, aber sie hat eine große Ästhetik, eine große Energie. Und dann stellt man fest, selbst das sieht irgendwie dann doch auch faszinierend aus und es gehört ja auch zum Land.

Armbrüster: Was ist denn für eine Ausrüstung für einen solchen Film notwendig?

Röckenhaus: Der Peter Thompson hat das da ja gerade so ein bisschen in Englisch schon so ein bisschen erklärt: Die Kamera ist sehr stark gelagert, sodass also die Vibrationen und Turbulenzen des Fliegens rausgefiltert werden aus dem Bild. Das ist ja das was wir normalerweise an Luftbildern immer ein bisschen störend finden, dass die so zappeln. Das passiert bei uns gar nicht, weil das technisch herausgefiltert ist. Die Kamera sitzt unten am Bauch des Hubschraubers und ist von innen bedienbar, über so ein Bedienfeld und einen Joystick, also fast so ein bisschen wie ein kompliziertes Videospiel. Und deswegen ist es auch so wichtig, dass der Kameramann damit besonders gut umgehen kann. Der zoomt von innen, der schwenkt von innen und stellt das Bild insgesamt in allen Parametern sozusagen ein. Und deswegen kann man diese überraschenden Bilder machen. Wir haben am Montag Premiere gehabt in Essen, in der Lichtburg, und haben eigentlich generell immer diese Reaktion gehabt, es ist fast ein bisschen märchenhaft, wenn man da die ganze Zeit rumfliegt. Das ist auch ein bisschen gefährlich, als manchmal vielleicht zu viel des Guten wird ...

Armbrüster: Also, von oben sieht alles schöner aus?

Röckenhaus: Ja, wie gesagt, es hat zumindest eine Ästhetik. Ich glaube, dass die Widersprüche schon deutlich werden, da sind wir auch häufig drauf angesprochen worden. Das ist natürlich schon was anderes, ob ich eine Landschaft mit Tieren darin zeige, oder ob ich Industrie zeige. Das prallt ja bei uns auch auf einem relativ engen Raum alles aufeinander. Umso überraschter ist man über diese Koexistenz, die wir da hinkriegen. Und da sind wir Deutschen wahrscheinlich auch einfach besonders prädestiniert dafür, weil wir einerseits natürlich Nerds sind und uns für Industrie und Technik interessieren und andererseits sind wir dann natürlich die Naturromantiker. Und das versuchen wir unter einen Hut zu bekommen und dabei kommt so ein Land wie Deutschland dann offensichtlich heraus.

Armbrüster: Freddie Röckenhaus war das, der Produzent von "Deutschland von oben". Heute kommt dieser Dokumentarfilm in die deutschen Kinos. Herr Röckenhaus, vielen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Zukunft des Geldes"Bargeld ist ein Krisenindikator"

Zahlreiche Euro-Banknoten und Euromünzen, aufgenommen am 03.01.2014 in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Der Finanzwissenschaftler Aloys Prinz glaubt nicht, dass das Bargeld in absehbarer Zeit ganz verschwinden wird. Vor allem kleine Transaktionen seien einfacher und billiger mit Bargeld abzuwickeln, sagte Aloys Prinz im DLF.

Entscheidung zur Tarifeinheit"SPD verkommt zu Ersatz-FDP"

Rudolf Dreßler (SPD) in der ARD-Talkshow ANNE WILL am 30.07.2014 in Berlin (imago / Müller-Stauffenberg)

Das neue Gesetz zur Tarifeinheit bedeutet nach Ansicht des SPD-Politikers Rudolf Dreßler eine Einschränkung des Streikrechts. Der frühere Sozialexperte seiner Partei sagte im DLF, das Gesetz habe in Karlsruhe keine Chance. Vor allem aber richte es für die SPD enormen Schaden an.

Stegner zu Tarifeinheitsgesetz "So hatten wir das 50 Jahre lang"

Ralf Stegner (SPD) sitzt bei einer Pressekonferenz vor vielen Mikrofonen und schaut in die Kamera. (picture alliance / dpa/ Maja Hitij)

Bei dem neuen Tarifeinheitsgesetz gehe es der SPD "überhaupt nicht darum, das Streikrecht einzuschränken", sagte der stellvertretende Partei-Vorsitzende Ralf Stegner im Deutschlandfunk. Vielmehr solle bewirkt werden, dass Gewerkschaften sich nicht untereinander streiten. "Das hat Arbeitnehmern noch nie genutzt."

 

Interview der Woche

Kein Entgegenkommen für Griechenland"Das Problem muss gelöst werden"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beantwortet am 18.03.2015 während einer Pressekonferenz Fragen von Journalisten. (Wolfgang Kumm, dpa picture-alliance)

Finanzminister Wolfgang Schäuble ist nicht bereit, Griechenland mit einer Verlängerung der Fristen beim laufenden Hilfsprogramm entgegenzukommen. "Griechenland selbst hat sich zuletzt am 20. Februar auf die Erfüllung dieses Programms verpflichtet und deswegen brauchen wir nicht über Alternativen zu reden", sagte Schäuble im DLF.

Barbara Hendricks"Halte Klimaabgabe für ausgewogen und vorsichtig"

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks  (Deutschlandfunk/Bertolaso)

Bei der Suche nach einem geeigneten Atommüll-Zwischenlager strebe sie eine "ausgewogene Verteilung" an, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks im DLF. Es könnten bundesweit vier Standorte werden, so die SPD-Politikerin. Im Interview der Woche geht Hendricks auch auf die Einführung der Klimaabgabe und die neue Fracking-Gesetzgebung ein.

Ex-Knesset-Präsident BurgOffene Kritik an Israel gefordert

Avraham Burg, früherer iraelischer Parlamentspräsident (17.02.2015) (dpa / picture-alliance / Jim Hollander)

Der frühere israelische Parlamentspräsident Avraham Burg hat Europa und Deutschland zu offener Kritik an der israelischen Siedlungspolitik aufgefordert. Solange sich Deutschland fürchte, seine Meinung öffentlich zu äußern, werde sich nichts ändern, sagte Burg im DLF. Die israelische Führung fördere das Trauma der Schoah.