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Diffuse Liebessehnsucht

Michael Wallner: Kälps Himmelfahrt. Luchterhand Literaturverlag

Von Katja Lückert

Autor Michael Wallner lebt im Schwarzwald und in Berlin.
Autor Michael Wallner lebt im Schwarzwald und in Berlin. (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)

International bekannt wurde Michael Wallner mit seinem Bestseller "April in Paris", der Geschichte von der Liebe eines Wehrmachtssoldaten zu einer jungen Französin. Sein neuer Roman entführt den Leser in ein fiktives Schwarzwalddorf, in die mönchische Lebenswelt eines Landarztes.

Als Tierarzt in einem Bergdorf versteht Kälp etwas von Körpern. Von menschlichen und von tierischen. Er weiß, dass Mastschweine ganz plötzlich sterben können, wenn sie in Stress geraten, oder wie man bei einem Pferd eine Schlundverstopfung kuriert, und er ahnt auch, dass mit dem kleinen Mädchen, das eines Tages mit seiner Mutter als Feriengast in das fiktive Schwarzwalddorf Attensach kommt, etwas nicht stimmt. Tabea bewegt sich zu langsam für ihr Alter: eine seltene Bewegungsstörung, diagnostiziert er. Michael Wallner über seinen Protagonisten, der keinen Vor- oder Nachnamen hat, sondern immer nur Kälp genannt wird.

"Ich denke, dass Kälp eine Figur ist, die sich ganz dem Kreatürlichen hingibt. Der mag das Kreatürliche, Direkte und Natürliche mehr, als er das Komplizierte schätzt, das mit Sprache zu tun hat. Der will dem eher ausweichen, kann es aber nicht, als dann das Phänomen Liebe auf ihn zu kommt."

Die intimen Einblicke, die Michael Wallner in die Arbeitswelt eines Landarztes gewährt, sind eigentlich fast das Beste, das dessen neuer Roman: "Kälps Himmelfahrt" zu bieten hat.

Das verschneite Bergdorf, die Stille in der Höhe und die Zurückgezogenheit seiner Bewohner, diese spezifische Atmosphäre einzufangen, gelingt dem Autor. Ist Michael Wallner zuweilen vorgeworfen worden, die Ingredienzien einer guten Geschichte allzu gut zu kennen und Nazizeit, Agenten, Sex, Gewalt und spektakuläre Schauplätze geschickt, aber oberflächlich zusammenzurühren, so trifft das für "Kälps Himmelfahrt" nicht zu. Keine Metropole in Nachkriegszeiten, sondern ein kleines Dorf der Jetztzeit ist hier der Schauplatz: Michael Wallner scheint angekommen in einem Milieu, das er aus seiner Wahlheimat, dem Schwarzwald, wirklich kennt.

"‘Kälps Himmelfahrt‘ ist eigentlich das erste Buch, wo ich Erlebtes pur einfließen lasse in einen Text, nichtsdestotrotz ist es etwas Angehobenes, etwas Formales. Das heißt, ich verwende Figuren, die ich kenne, forme sie sprachlich und gebe ihnen Emotionen, die sie aus dem Alltag eines Schwarzwaldweilers herausheben. In den anderen Romanen, kenne ich den Ort sehr gut, fühl mich aber da nicht heimisch. Und den Ort, den ich in 'Kälps Himmelfahrt' beschreibe, ist ein Ort, an dem ich mich sehr heimisch fühle, weil wir etwa halbe, halbe in Berlin und im Schwarzwald leben."

Dabei ist es diesmal nicht die ganz große Liebe, sondern eher eine kleine Leidenschaft, deren mögliches Scheitern dem Helden sehr wohl bewusst ist. Seit sein Bruder, ein anerkannter Theologe und Schürzenjäger, der häufig zu Gast im örtlichen Kloster war, gestorben ist, hat sich Kälp vollends zu einem Sonderling entwickelt. Er versorgt Schweine und Hasen und nimmt seine Mahlzeiten mangels anderer Gesellschaft häufig zusammen mit ihnen im Stall ein. Aber recht schnell wird klar: Der Mann hat eine diffuse Liebessehnsucht, die sich bald Bahn brechen wird. Und dann klafft der Roman auf merkwürdige Weise auseinander: Hatte man gerade noch das Gefühl, den Tierarzt und seine raue Welt ein wenig näher kennenzulernen, wird man von dessen sentimentalen Gefühlen überschwemmt, die seitenlang ausgebreitet werden und in ihrer Schnulzigkeit schwer erträglich sind.

Auch ich träume von Wildheit, dachte Kälp, und bin doch gefangen im Eispanzer meiner Ängstlichkeit. Ich flüchte in die Ausgeglichenheit meines mönchischen Lebens, obwohl ich Verrücktes tun will, suche das Eremitentum, weil ich mich nicht zu leben getraue. Mein Bruder hat mir das Lebendigsein vorgemacht und ist am Leben gestorben. Ich dagegen werde eingehen an Mutlosigkeit. Mutlosigkeit ist die am weitesten verbreitete Seuche, keine hat so viele Opfer zu verzeichnen, kein Menschenschlag ist so zahlreich wie der der Mutlosen.

Die burschikose Kfz-Mechanikerin Birgit aus Wolfsburg hat es ferienhalber und besonders auch wegen zunehmender Zerrüttung der eigenen Familie in den Weihnachtstagen nach Attensach verschlagen. Sie nimmt Kälps Liebesansturm gelassen auf, gibt sich ihm einmal hin, ein anderes Mal nicht, ganz so, als ob ihr Gefühle nach der gescheiterten Ehe nicht mehr so wichtig wären.

"Vergessen wir nicht, dass es nur seine Wahrnehmung ist, die wir hören, und die Wahrnehmung von jemandem, der liebt und ab einem bestimmten Zeitpunkt unglücklich liebt, ist immer verschoben, verrückt. Die Frau wünscht sich wahrscheinlich etwas völlig anderes, als Kälp ihr geben kann."

Was die Frau sich wünscht, davon erfährt der Leser wenig, denn Michael Wallner hat sich vorgenommen, "Kälps Himmelfahrt" fast ausschließlich aus der Perspektive seiner Hauptfigur zu erzählen. Indirekte Rede ersetzt die meisten Dialoge, Kälps Gedankenwelt wird in zuweilen etwas ermüdenden Konjunktiv-Reihungen transportiert.

Er hatte angenommen, es gebe nur männliche Herzensbrecher, nur Männer würden mit den Gefühlen des anderen Geschlechts jonglieren, während Frauen nach dem Echten und Dauerhaften suchten. In dieser Frau saß ihm ein weiblicher Jongleur gegenüber, der seine Macht, diese Mischung aus Abstoßung und Anziehung, perfekt dosiert und mit Kälp spielte.

Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Wallner versteht etwas von Spannung und geschickter Inszenierung. Nur in einem einzigen Satz auf der zweiten Seite des Romans zeigt sich plötzlich, dass es noch um etwas anderes gehen soll als um die flüchtige Affäre zwischen einem etwas einsiedlerischen Dorfarzt und einer flotten Städterin.

Er hatte gerade einen Mann zu Tode stürzen sehen.

Der Schreiner des Dorfs ist in seinem Haus die Treppe hinuntergestürzt und wurde tödlich verletzt. Doch bis fast zum Ende des Romans weiß man eigentlich nicht, was Kälp mit der Sache zu tun hat. Ob Wallner schon eine mögliche Verfilmung als Krimi im Blick hatte?

"Ich glaube, dass es kein gutes Drehbuch wäre, weil es sehr stark aus einer Innenwelt heraus erzählt wird. Drehbücher brauchen Handlung im On. Es muss im ON was passieren. Das heißt, ich muss die Innenwelt ins Außen verlegen, und mit hat es Spaß gemacht, ein Buch zu schreiben, das so aus dem Phänomen Gehirn herausgeschrieben ist, also aus dem Ding heraus, aus dem wir alles glauben feststellen zu können, es ist aber halt fürchterlich subjektiv."

Tatsächlich ist "Kälps Himmelfahrt" ein vergleichsweise handlungsarmer Roman, in dem Wallner nahezu alle Facetten einer Beziehung ausleuchtet, die eigentlich ganz leicht zu verstehen ist: Sie will eine Urlaubsaffäre und er glaubt, die große Liebe gefunden zu haben.

"Ich finde, es ist ein Buch über das Phänomen, wie oft die Liebe ein Wunschdenken ist, gerade von einer Figur, die damit nicht gut umgehen kann oder sie noch kaum kennt, wie oft Liebe Projektionsfläche ist und wie selten zwei Liebende auf der gleichen Stufe des Liebens stehen und wie oft dadurch Missverständnisse ausgelöst werden. Das Missverständnis ist sehr wahrscheinlich der Hauptdämon in einer Welt, die sich so stark über Sprache definiert."

Es kommt, wie es kommen muss, sie reist ab, er kommt wieder zur Vernunft und auch nicht ins Gefängnis, denn der hitzköpfige Schreiner stürzte nach einem Handgemenge mit seinem halbwüchsigen Sohn. Kälp war nur Zeuge. Insgesamt: Eine nette Geschichte, spannend erzählt, aber ohne großen Tiefgang.

Michael Wallner: Kälps Himmelfahrt.
Luchterhand Literaturverlag, 224 Seiten, 18,99 Euro

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