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StartseiteInterview "Diktatur der leeren Kassen"03.02.2010

"Diktatur der leeren Kassen"

Griechenland-Experte: Sparprogramm geht nicht weit genug

Martin Knapp sieht die Ursache der wirtschaftlichen Probleme Griechenlands im staatlichen Sektor. Der "gesunde Kern" der Privatwirtschaft dürfe nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Dazu müsse Ministerpräsident Papandreou das Sparprogramm jedoch ausweiten.

Martin Knapp im Gespräch mit Silvia Engels

George Papandreou muss sparen. (AP)
George Papandreou muss sparen. (AP)

Silvia Engels: Griechenland ist und bleibt das Sorgenkind im Euro-Raum. Im vergangenen Herbst hatten Rating-Agenturen die Bonität griechischer Staatsanleihen abgewertet, es drohte die Pleite eines Euro-Landes und damit eine Belastung der gemeinsamen Währung. Und die Gefahr ist noch nicht vorbei. Die griechische Neuverschuldung beispielsweise entsprach im vergangenen Jahr 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach dem europäischen Stabilitätspakt sind drei Prozent erlaubt. Nun hat Athen der EU Sparpläne vorgelegt und heute erklärt die EU-Kommission, was sie davon hält. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag betreibt weltweit ein Netz von Auslandshandelskammern. Es soll Unternehmen helfen, neue Märkte zu erschließen und zuverlässige Informationen über die Wirtschaft in anderen Ländern zu erhalten. Folglich gibt es auch eine Deutsch-Griechische Handelskammer in Athen und der Geschäftsführer ist Martin Knapp und nun am Telefon. Guten Morgen, Herr Knapp.

Martin Knapp: Guten Morgen, Frau Engels.

Engels: Sie haben tagtäglich mit der griechischen Wirtschaft zu tun. Ist diese Wirtschaft reformierbar?

Knapp: Ja, das ist sicher der Fall. Es gibt auch einen gesunden Kern der griechischen Wirtschaft und was wir jetzt beachten müssen ist, dass dieser gesunde Kern nicht in Mitleidenschaft gezogen wird von der derzeitigen Krise. Das ist eines der Hauptziele auch unserer Kammer.

Engels: Wo würden Sie denn diese gesunden Kernbereiche ansiedeln?

Knapp: Nun, es gibt mittelständische Unternehmen, hauptsächlich mittelständische Unternehmen, die im Prinzip bis vor Kurzem die internationale Finanzkrise sehr gut weggesteckt hatten. Das war gar nicht so das Problem hier im Land. Die Probleme stammen hier fast ausschließlich vom staatlichen Sektor.

Engels: Da sprechen Sie es an. Die griechische Regierung hat nun ein Sparprogramm angekündigt. Greift das Ihrer Ansicht nach an den richtigen Stellen?

Knapp: Das Sparprogramm geht vielleicht nicht weit genug. Das hat man ja auch schon in dem Beitrag Ihrer Kollegin aus Brüssel (MP3-Audio)Ihrer Kollegin aus Brüssel gesehen. Da wird sicher noch was nachzulegen sein und das hat der Ministerpräsident gestern Abend in einer Ansprache an die griechische Nation auch schon angekündigt, dass es dabei vermutlich nicht bleiben wird.

Engels: Gehälter im Öffentlichen Dienst kürzen und Neueinstellungen stoppen. Ist es denn realistisch, dass die griechische Führung diese Vorstellungen der EU-Kommission tatsächlich umsetzt?

Knapp: Es gibt ja so was wie die Diktatur der leeren Kassen. Wenn nichts mehr da ist, dann gibt es auch keine Möglichkeit, irgendetwas anders zu machen. Das ist, glaube ich, wohl nicht zu vermeiden.

Engels: Sie beobachten die Entwicklung in Griechenland schon sehr lange. Nun hat sich bislang noch keine Regierung in Athen getraut, tatsächlich hart in den öffentlichen Sektor, der ja in der Tat viel Geld kostet, einzuschneiden, weil sie dann ihre Ablösung riskiert. Wird sich das ändern?

Knapp: Bisher, muss man sagen, scheint zumindest Giorgos Papandreou und ein Teil seiner Regierungspartei bereit zu sein, diese politischen Kosten, wie man es so schön sagt, auch zu bezahlen.

Engels: Herr Knapp, ein Problem der letzten Jahre bestand immer darin, dass die Zahlen über die Wirtschaftsentwicklung Griechenlands oder auch die Verschuldung, die nach Brüssel gemeldet wurde, gefälscht waren. Sie haben ja in Ihrer Eigenschaft als Geschäftsführer der Handelskammer auch immer die Branchen und Statistiken der griechischen Wirtschaft im Blick. Sind das auch Ihre Erfahrungen, falsche Zahlen?

Knapp: Statistik hängt ja immer von der Erhebung eigentlich der Grunddaten ab, die vor Ort praktisch geschieht in den einzelnen Behörden, auch auf dem Lande und so weiter. Schon da gibt es Schwierigkeiten, sodass wir hier als Kenner der Szene den Statistiken nie so eine große Bedeutung beigemessen haben. Ich möchte aber noch kurz, wenn Sie schon die Vergangenheit ansprechen, noch ein paar Dinge erklären, die in der deutschen Presse oft nicht so sehr gesehen werden. Da sieht man so schöne Geschichten über Korruption und Verschwendung, aber das ist ja nicht die einzige Ursache der Probleme. Griechenland ist der EU 1981 beigetreten und die Griechen haben damals geglaubt, jetzt kommen die Investitionen, jetzt werden wir zum Industrieland. Das ist überhaupt nicht passiert, sondern das Gegenteil hat stattgefunden. Viele Unternehmen waren eben hier tätig, weil das Land hinter Zollmauern sich verschanzt hatte und man den griechischen Markt eben nur aus Griechenland selbst heraus bearbeiten konnte. Der Grund fiel dann weg, der Markt selbst war klein, abgelegen, damals war der Eiserne Vorhang noch im Norden, dadurch sind dann viele Firmen weggegangen, und es hat eine Deindustrialisierung stattgefunden.
Der zweite Schlag war dann in den 90er-Jahren. Als dann die Länder des Balkans offen waren, ist vor allen Dingen die hier sehr wichtige Bekleidungsindustrie abgewandert. Innerhalb von zwei, drei Jahren war dann Schluss und an die Stelle dieser Branche ist nichts getreten, sodass Griechenland irgendwie zwischen den Stühlen saß. Es gab keine neuen Investoren und die alten gingen weg und am Ende wurde das Land in den letzten Jahren nur noch als Absatzmarkt gesehen, und das kann natürlich auf die Dauer nicht gut gehen.

Engels: Das sind also andere Blicke auf Griechenland. Wenn man Sie so erzählen hört, dann hat es möglicherweise Griechenland doch gar nicht so gut getan, erstens EU-Mitglied zu werden und dann auch noch Teilnehmer des Euro-Raums zu werden?

Knapp: Gut, dazu gibt es natürlich eine ganze Menge zu sagen. Die alten Griechen haben immer gesagt, es gibt kein Übel, dem nichts Gutes beigemischt war, und umgekehrt. In Europa gab es vor der Währungsunion Länder mit weichen Währungen und Länder mit harten Währungen. Dann gab es Ende der 90er-Jahre so eine Momentaufnahme, wo die Werte praktisch zusammengefallen waren, und dann hat man gesagt, jetzt macht man eine Währungsunion. Die Mechanismen, die dazu geführt haben, dass es weiche und harte Währungen in Europa gab, die waren dadurch aber nicht plötzlich weg. Also die Grundprobleme sind geblieben und da hat Griechenland auch versäumt, seine Politik anzupassen.

Engels: Herr Knapp, dann schauen wir noch kurz nach vorne. Die EU-Kommission hat ja nun angekündigt, die Umsetzung des griechischen Reformprogramms streng kontrollieren zu wollen. Kann das Ihrer Erfahrung nach überhaupt klappen, oder bleibt Griechenland zwangsläufig ein Problemkandidat?

Knapp: Wir versuchen natürlich, ein bisschen weiter zu blicken. Wichtig ist, dass es Investitionen gibt. Auch in Zukunft kann der griechische Staat, auch wenn er es schafft abzuspecken, nicht existieren ohne eine entsprechende Basis in der Wirtschaft, und dazu brauchen wir vor allen Dingen Investitionen. Das bedeutet, dass das Investitionsklima verbessert werden muss, und das wiederum ist eine Aufgabe der Regierung. Es geht nicht nur um die Reduzierung der Staatsdefizite, sondern es geht auch darum, eine Basis für die Zukunft zu schaffen.

Engels: Martin Knapp, der Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen. Vielen Dank für das Gespräch.

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