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StartseiteCampus & Karriere"Mindestens zwei Semester Allgemein- und Persönlichkeitsbildung"09.08.2017

Diskussion um "Turbo-Abitur""Mindestens zwei Semester Allgemein- und Persönlichkeitsbildung"

Viele Bundesländer haben sich von einer verkürzten Schulzeit mit dem sogenannten Turbo-Abitur abgewendet. Der Vorsitzende des Aktionsrates Bildung, Hamburgs Uni-Präsident Dieter Lenzen, hält das für falsch - und plädierte im DLF dafür, stattdessen beim Bachelorstudium anzusetzen und dieses zu verlängern.

Dieter Lenzen im Gespräch mit Kate Maleike

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Der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, im Porträt. Er stützt eine Hand im Gesicht auf, im Hintergrund ist ein rotes Plakat zu sehen. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Der Präsident der Universität Hamburg und Bilungspolitiker Dieter Lenzen (Archivbild) (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
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Kate Maleike: Wie viel Zeit Schülerinnen und Schüler bis zum Abitur haben sollen, darüber ist in den letzten Jahren in Deutschland viel und sehr hitzig gestritten worden. Das Festhalten an G8 hat in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel mit dazu beigetragen, dass die Landesregierung im Mai nicht wiedergewählt wurde. Inzwischen sind viele Bundesländer wieder zurück auf dem Weg zu G9, und das hält der Vorsitzende des Aktionsrates Bildung, Professor Dieter Lenzen, gleichzeitig Uni-Präsident in Hamburg, für falsch. Guten Tag, Herr Lenzen!

Dieter Lenzen: Guten Tag!

Maleike: Warum sagen Sie jetzt, wo alle wieder zurück zu G9 gehen, das sei der falsche Weg?

Lenzen: Also zunächst mal gehen nicht alle zurück zu G9. In dem Osten Deutschlands wird das anders gesehen, weil es auch immer anders gesehen wurde. Ich glaube, man muss das Gesamtsystem betrachten und die gesamte Lernzeit betrachten. Wenn wir mal davon ausgehen, dass das Gymnasium dazu da ist, allgemeine Hochschulreife herzustellen und dass der Normalfall das Studieren ist, dann stellt sich ja die Frage, kann das Gymnasium die Studierfähigkeit noch herstellen. Die Antwort heißt nein. Das hat nichts mit acht oder neun Jahren zu tun, sondern das Gymnasium ist in den 70er-Jahren hoch spezialisiert worden und bietet die Möglichkeit nicht mehr einer allgemeinen Bildung, auf die heute viel Wert gelegt werden muss, übrigens auch seitens der Industrie und der Unternehmen.

Ich habe unlängst mit einem großen Versandhandel darüber gesprochen: Die Antwort hieß, wir haben sehr selbstbewusste junge Leute, die sich aber nicht durch Kenntnisse auszeichnen und schon gar nicht durch Persönlichkeit. Das bedeutet also, dass wir diesen Aspekt der Persönlichkeitsbildung und der Studierfähigkeit in den Vordergrund bringen müssen. Deswegen mein Vorschlag, unser Vorschlag, nämlich das Bachelorstudium nicht mit sechs Semestern anzusetzen – das macht keiner –, sondern wie in den USA, wo es herkommt das Modell, mit acht Semestern und darin mindestens zwei Semester Allgemeinbildung, Persönlichkeitsbildung zum Thema zu machen und vor allen Dingen eine Phase der Studienfachfindung. Die jungen Leute wissen gar nicht, was auf sie zukommt, und das Gymnasium kann es ihnen auch nicht mitteilen, weil sie es selber nicht wissen können, denn sie verfügen nicht über 200 Fächer, wie das eine große Universität tut.

Maleike: Lassen Sie uns da vielleicht doch noch mal ein bisschen kleinteiliger werden. Also Sie sagen, dieses eine Jahr, was gewonnen würde, das könnten wir wunderbar nutzen, um diese Persönlichkeitsentwicklung dann nachzuholen und die Studierfähigkeit zu steigern, und darüber beschweren sich ja auch die Hochschulen, dass sie oft Abiturienten im Studium haben, die gar nicht geeignet sind.

Lenzen: Ja, genau das ist aber der Grund dafür zu sagen, diese fehlende Eignung, diese fehlende Studierfähigkeit muss ja irgendwie hergestellt werden. Es handelt sich ja nicht um minderintelligente Menschen, sondern in der Tat um solche, die eine solche Brücke brauchen. Wir machen das hier in Hamburg mit unserem Universitätskolleg für alle möglichen Defizite, die das Gymnasium hinterlässt, seien sie in Mathematik, seien sie in Fremdsprachen, eine Übergangslösung zu finden. Nur ist die freiwillig und nicht verpflichtend, sodass der Einzelne auf sich gestellt ist und möglicherweise scheitert, weil er sagt, nö, das mache ich nicht. Für die, die überhaupt nicht studieren wollen, sind die anderen Einrichtungen natürlich zuständig. Also zum Beispiel die Berufsschule, wenn sie eine Lehre machen oder eine Vollzeitberufsausbildung. Die Berufsschulen haben aber einen allgemeinbildenden Teil, nämlich in Politik, in Deutsch, in Fremdsprache. Dort ist man vernünftig und macht das auch so.

Maleike: Also wir gehen davon aus, Sie jetzt sagen, wir brauchen dieses eine Jahr, um diesen Reifeprozess voranzutreiben. Wenn wir jetzt aber sagen, die Hochschulen sollen dieses Jahr nutzen, um dieses Kolleg, so wie Sie es in Hamburg haben, vielleicht auch anderweitig zu etablieren, dann trifft das auf eine Hochschullandschaft, die gerade stöhnt, dass sie eigentlich viel zu viel Studierende hat. Wie soll das denn dann gelingen?

"Was hier bildungspolitisch insgesamt schiefgelaufen ist" 

Lenzen: Die politische Ansage ist ja die, jedem, der im Prinzip dazu in der Lage ist, eine Chance zu geben, auch ein Studium nicht nur an einer Universität, sondern auch an einer Fachhochschule zu absolvieren. Solange diese Ansage gilt – und sie ist ja auch nachvollziehbar, weil sie Chancengerechtigkeit realisiert –, muss es so sein, dass wir nicht einfach die Standards senken, sondern, dass wir jedem auch die Möglichkeit geben, auf dem Niveau, was die Hochschule verlangt, das zu tun. Wir können nicht hergehen, und es ist nicht die Aufgabe der Universität die Zahl der Studienanfänger zu reduzieren dadurch, dass sie Schwellen aufbaut, die nicht überwindbar sind.

Maleike: Also dieses Mehr an Zeit, dieses eine Jahr, über das sich übrigens ja auch viele Schülerinnen und Schüler und auch viele Lehrkräfte freuen, das würden Sie gerne an die Hochschule verlagern, das nehmen wir jetzt mal mit. Warum kommen Sie denn eigentlich jetzt erst mit dieser Idee?

Lenzen: Nein, dieser Vorschlag ist sehr alt. Der Aktionsrat Bildung hat dieses schon vor vielen Jahren mehrfach gesagt. Da war G8 noch der Normalfall, und deswegen haben wir gesagt, ja, das ist richtig so, dann bitte aber eine Eingangsstufe nach internationalem Vorbild, denn G8 war eine Adaption im Grunde des High-School-Modells. Das ist ein anderes Modell. Wenn man es kürzt, das kann man machen, aber dann muss man es an anderer Stelle natürlich realisieren. Was hier schiefgelaufen ist, bildungspolitisch insgesamt, ist ja dieses, dass zum gleichen Zeitpunkt, ohne, dass man miteinander geredet hat, das Gymnasium verkürzt worden ist, das Hochschulstudium verkürzt worden ist und auch noch die Wehrpflicht ausgesetzt worden ist, sodass im Grunde mindestens drei, wenn nicht vier Jahre – in Anführungsstrichen – "gewonnen" wurden, die früher Lernjahre waren, denn auch die Wehrpflicht oder vor allen Dingen auch der Ersatzdienst waren natürlich ein Reifungsprozess. Wenn das alles wegfällt, muss man sich nicht wundern, wenn man 21-, 22-jährige junge Leute hat, die im Grunde gerade dem Jugendlichkeitsalter entwachsen sind, wenn denn überhaupt schon.

Maleike: Viele Bundesländer haben sich jetzt aber nun mal von der verkürzten Gymnasialzeit sozusagen abgewendet. Was sagen Sie denn dann der Politik? Was empfehlen Sie, auch in Ihrer Funktion als Vorsitzender des Aktionsrates Bildung?

Lenzen: Es ist nicht Aufgabe der Politik, wie soll man sagen, emotionalen Strömungen, die ja hier sehr stark im Hintergrund stehen, einfach zu folgen, in der Hoffnung, dass die Wahlergebnisse entsprechend ausgehen. Man kann nicht rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln und sich dann immer wieder was Neues ausdenken. Es hatte einen Grund, so zu verfahren. Der Grund ist nicht fortgefallen, sondern was hinzugekommen ist, ist die Behauptung, dass das Gymnasium jetzt unter Vollstress stünde. Ich bekomme auch Briefe von Eltern, die Ähnliches schreiben. Dann hat das Gymnasium etwas falsch gemacht. Es war nicht die Idee in G8, das gesamte Curriculum von G9 abzubilden. Wenn eine Schule dieses tut, macht sie etwas falsch, oder wenn ein Bundesland das tut. Dass das jetzt in einigen Bundesländern passieren wird, lässt sich wahrscheinlich nicht ändern mit dem Schielen auf Wahlergebnisse. Trotzdem ist es nicht richtig.

Maleike: Meint Professor Dieter Lenzen, der Präsident der Uni Hamburg und Vorsitzender des Aktionsrates Bildung. Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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