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Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarktDurch die Augen einer Frau02.12.2008

Durch die Augen einer Frau

Willa Cather. Meine Antonia. Roman. Diogenes Verlag

Aus der Rezension von Alain Claude Sulzer: "Während sie eine Meisterin ist, wenn es darum geht, die große Weite, in der sich ihre Figuren bewegen, mit starken Düften, Temperaturen, Licht und Schatten zu füllen, ist ihr Können im Verfassen von Dialogen beschränkt, was immer wieder zu einer merkwürdigen Disproportionalität führt."

Rezensiert von Alain Claude Sulzer

Willa Cather gehört – wenngleich bei uns längst nicht so bekannt wie Hemingway, Faulkner oder Steinbeck - zu den modernen Klassikern der USA. Sie hat ein reichhaltiges Werk hinterlassen, in dem der Roman "Meine Antonia" eine besondere Stellung einnimmt, da er in jener Gegend angesiedelt ist, in der die Autorin ihre Jugend verbrachte.
Willa Cather wurde 1873 in Virginia geboren und zog mit ihrer Familie – genau wie Jim Burden, der Ich-Erzähler ihres Romans - als Zehnjährige nach Nebraska; dorthin also, wo auch Jim Burden seiner "Antonia" begegnet.
Nebraska befindet sich ziemlich genau im Zentrum der Vereinigten Staaten; es ist weder mittlerer Westen noch mittlerer Osten, sondern mittlere Mitte und war, als Willa Cather ihre Jugend, Schul- und Universitätszeit dort in einem kleinen Ort namens Red Cloud und später in Lincoln verbrachte, so, wie sie es in "Meine Antonia" beschrieb; fruchtbar im Sommer, sofern man bereit und kräftig genug war, hart dafür zu arbeiten; kalt und unwirtlich während der langen Wintermonate, in denen der Wind

sein schmerzliches Lied sang, als wollte er sagen: 'All die Flatterhaftigkeit des Sommers, Licht und Schatten, die lebendige grüne Fassade, die über allem rauschte, das alles waren Lügen, und darunter lag nur dies. Dies war die Wahrheit.' Es war, als sollten wir dafür bestraft werden, dass wir die Lieblichkeit des Sommers so liebten.

Wer in diesen Sommern erfolgreich gearbeitet hatte, konnte damit rechnen, dass bereits die Nachfolgegeneration seiner Familie, die oft völlig mittellos ins Land gekommen war, wohlhabender war als die Kaufleute in der Stadt, die eben noch verächtlich auf die unter schwierigsten Bedingungen lebenden Fremdlinge herabgeblickt hatten, die nicht einmal der englischen Sprache mächtig gewesen waren. Willa Cather hat diesen Menschen und der Landschaft, in der sie lebten und die sie sich untertan machen mussten, Stimmen, Körper und Gesichter gegeben, vor allem aber Geschichten. All dies zusammen vermittelt uns heute ein aufschlussreiches, lebendiges Bild europäischer Auswanderer und Siedler; in "Meine Antonia" sind es hauptsächlich Böhmen und Schweden.
Dass sich Willa Cather 1906 – bereits mit 23 also – endgültig in NY City niederließ, hatte übrigens weniger damit zu tun, dass sich Nebraska grundlegend verändert hatte (wie es manchmal heißt), sondern damit, dass sie in Manhattan so leben konnte, wie sie es in Nebraska offen nie hätte tun können: gemeinsam mit der Frau, die sie liebte und mit der sie bis zu ihrem Tod 1947 jahrzehntelang zusammenlebte.
Dass Willa Cather die Worte ihrer Liebeserklärung an "Meine Antonia" – denn vor allem das ist dieser Roman - einem Mann in den Mund legte, ist naheliegend, sie selbst hätte es nicht tun können. Dieser Mann – Jim Burden – wirft übrigens einen eher weiblichen Blick auf die Welt, durch ihn spricht deutlich Willa Cather. Der in der Literatur bewährte und legitime Rollenwechsel war die einzige Möglichkeit, mit der eine Frau, die Frauen liebte, ihre Gefühle für das eigene Geschlecht offenbaren (oder verschleiern) konnte, ohne sich selbst und ihr "Geheimnis" zu verraten. Elke Schmitter weist in ihrem Nachwort zur Neuübersetzung mit Recht darauf hin. Außer der für ihn unerreichbaren Antonia – sie ist unwesentlich älter als er - spielen Frauen in Jim Burdens Leben – oder jedenfalls in seinem Bericht - eine eher untergeordnete Rolle. Der einen, die ihn zu dominieren versucht, entzieht er sich durch Flucht (das wird im Roman ausführlich beschrieben), die andere, die er heiratet, ist eine reiche Frau mit modernen Ideen, die völlig unabhängig von ihm handelt (von ihr erfahren wir lediglich im Vorwort).
Aber tatsächlich geht es hier um Antonia, nicht um den mal nahen, dann wieder fernen Begleiter und Chronisten ihres einfachen Lebens. Es geht zu Beginn um das kleine Mädchen, das – nichts im Gepäck als ein paar Brocken Englisch - mit ihren Eltern und Geschwistern nach Black Hawk, Nebraska, reist (sie fährt in derselben Kutsche wie Jim), wo Antonias Familie zunächst einmal feststellen muss, dass sie gewaltig übers Ohr gehauen wurde. Das Haus, das man ihrem Vater für viel Geld verkauft hat, stellt sich als feuchte Erdhöhle heraus.
Während der Waisenjunge Jim Burden behütet im Haus seiner Großeltern aufwächst, hat er genug Zeit, Antonias Leute, zu denen man freundschaftlich-distanzierten Kontakt hält, zu beobachten: Die ewig klagende, von Argwohn und Missgunst zerfressene Mutter etwa, den weltfremden Vater, einen Musiker aus Prag, der sich in der neuen Welt, in die er sich nur widerwillig begeben hat, und in der niemand nach seiner Kunst fragt, fremd und verloren fühlt. So fremd und so verloren, dass er sich eines Tages erschießt.
Es gibt viel Prärie, viel leere Fläche in diesem Roman und gegen Ende – wenn wir Antonia als glückliche Mutter vieler glücklicher Kinder wieder begegnen – manchmal auch ein Zuviel an biedermeierlicher Genremalerei, mit der sie hin und wieder schmerzhaft an die Grenzen des Kitschs stößt. Während sie eine Meisterin ist, wenn es darum geht, die große Weite, in der sich ihre Figuren bewegen, mit starken Düften, Temperaturen, Licht und Schatten zu füllen, ist ihr Können im Verfassen von Dialogen beschränkt, was immer wieder zu einer merkwürdigen Disproportionalität führt.
Als Willa Cather "My Antonia" 1918 veröffentlichte, schaute sie – mit und durch Jim Burden - zurück auf eine "kostbare Vergangenheit, die keine Schilderung je fassen konnte". Während sie paradoxerweise behauptete, die Schilderung nicht fassen zu können, war es doch genau das, was sie unternommen hatte, als sie den Roman in Angriff nahm, den sie mit eben diesem Satz beendete, der gewiss eher von Zweifeln als von Koketterie kündet. Auf oftmals großartige Weise war es ihr gelungen, die Trockenheit, den Wind, den Staub, den Regen, den Schnee, Kälte und Einsamkeit einer Landschaft zum Leben zu erwecken. Auf der Fläche, die sie schuf (oder nach der Natur bildete), bewegten sich unterschiedliche Charaktere, denen eines gemeinsam war: Sie alle hatten keine Wahl, an eine Rückkehr nach Europa war nicht zu denken, was hier begonnen worden war, musste zu Ende geführt werden, gleichgültig, welche Opfer es forderte, gleichgültig ob Glück oder Unglück in diesem überwogen.

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