• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:10 Uhr Sport am Sonntag
StartseiteInterviewEHEC: Tackmann fordert "epidemiologische Zentren"08.06.2011

EHEC: Tackmann fordert "epidemiologische Zentren"

Linke wollen Lebensmittelkontrolle umstrukturieren

Kirsten Tackmann von der Linkspartei regt die Zusammenlegung der Behörden für Nahrungsmittelkontrolle und Tierseuchenbekämpfung an, um besser auf "Zoonosen" - Erkrankungen, die vom Tier zum Menschen überspringen - reagieren zu können.

Kirsten Tackmann im Gespräch mit Martin Zagatta

Tackmann: Die Strukturen, die wir jetzt haben, die sind im Wesentlichen unter Rot-Grün entstanden. (Linksfraktion im Bundestag)
Tackmann: Die Strukturen, die wir jetzt haben, die sind im Wesentlichen unter Rot-Grün entstanden. (Linksfraktion im Bundestag)

Martin Zagatta: Kirsten Tackmann, Obfrau der Linken im Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucher. Der Ausschuss tagt im Moment und Frau Tackmann ist dankenswerterweise kurz vor die Tür gekommen, um mit uns zu sprechen. Guten Tag, Frau Tackmann!

Kirsten Tackmann: Ja, hallo, ich grüße Sie!

Zagatta: Frau Tackmann, ich nehme an, dass der Ausschuss sich bei dem Thema EHEC jetzt mit denselben Fragen beschäftigt, die auch das Sondertreffen der Gesundheits- und Verbraucherschutzminister bestimmt haben. Wie ernst wird denn die Kritik genommen, dass es sich bei der Suche nach den EHEC-Erregern, bei den Warnungen der Bevölkerung, dass es da ein ziemliches Kompetenzdurcheinander gibt?

Tackmann: Also ich glaube schon, dass das unterdessen wahrgenommen wird, dass man da etwas stringenter und klarer agieren muss, und es ist auch zum Beispiel gesagt worden, dass man überlegen muss, ob man nicht doch Erfahrungen zum Beispiel aus der Tierseuchenbekämpfung mit Task-Force-Strukturen jetzt auch in die Lebensmittelsicherheit integrieren muss, also es ist schon so, dass wir uns natürlich darauf jetzt nicht konzentrieren dürfen, die Strukturen zu debattieren, weil es geht tatsächlich um Menschenleben und um die Suche nach dem Erreger, aber es muss auch da begonnen werden, über uns nachzudenken, wie wir Lebensmittel produzieren und ob das noch ein sicheres System ist.

Zagatta: Die Grünen und die SPD haben die Bundesregierung ja heftig kritisiert. Machen Sie selbst, macht Ihre Partei sich diese Kritik auch zu eigen?

Tackmann: Na ja, ich bin da ein bisschen unsicherer, weil die Strukturen, die wir jetzt haben, die sind ja unter Rot-Grün im Wesentlichen entstanden, also insofern müssten eigentlich Rot und Grün sich dann auch selber kritisieren. Wir haben als Linke schon immer gesagt, dass wir eigentlich einen strategischeren Ansatz brauchen für die Tierseuchenbekämpfung oder Zoonosenbekämpfung in diesem Fall, also Erkrankungen von Tier auf Menschen übertragen, und dass wir zweitens auch überlegen müssen, ob wir nicht konzentriertere Strukturen brauchen, die sich damit beschäftigen, also zum Beispiel epidemiologische Zentren, die sich also dann mit verschiedenen Fachleuten und so weiter zusammenführen und damit natürlich dann viel kräftiger sich bewegen können und auch klarer strukturiert die Kommunikation und die Koordinierung vornehmen können. Also insofern – ja, die Kritik ist nicht unberechtigt, aber ich glaube, hier ist auch ein bisschen Selbstkritik dann angebracht.

Zagatta: Was halten Sie denn von der Forderung jetzt, die aufgekommen ist, eine Superlebensmittelbehörde zu schaffen, also das Robert-Koch-Institut, das Bundesinstitut für Risikobewertung und das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, diese drei Institute zusammenzulegen?

Tackmann: Also ich sage schon seit Längerem, dass wir in der Risikoforschung neue Ansätze brauchen, in der Risikoforschung, also in dem, was wir präventiv tun müssen, um zu wissen, wo eventuell Risiken entstehen und sie auch rechtzeitig zu erkennen. Und da hat es schon gewissen Charme, darüber nachzudenken, bei Zoonosen durchaus die Seite, die die Menschen betreut und die Seite, die die Tiere betreut, zusammenzuführen. Was ich glaube ich nicht zielführend finde, ist die Zusammenführung von Risikobewertung und Risikomanagement, weil da gibt es international auch sehr intensive Diskussionen dazu. Ich glaube, dass Risikobewertung unabhängig davon wissenschaftlich erfolgen muss, ohne dass man schon darüber nachdenkt, wie kann man denn das umsetzen, weil Umsetzung und Risikobewertung müssen glaube ich auch weiter getrennt bleiben. Aber darüber muss man natürlich nach den Erfahrungen jetzt bei EHEC auch neu nachdenken.

Zagatta: Was sagen Sie zur Kritik aus der EU? Da gab es ja jetzt Forderungen, erst Warnungen auszusprechen, wenn tatsächlich wissenschaftliche Beweise vorliegen, das Ganze verbunden mit heftiger Kritik an Deutschland. Ist das berechtigt?

Tackmann: Also es ist natürlich dann immer sehr schwierig zu bewerten. Also nach dem, was ich heute im Ausschuss gehört habe, scheint ja die Indizienkette zu den Sprossen in Niedersachsen durchaus ziemlich belastbar zu sein, ohne dass man das jetzt verifizieren konnte. Und es ist natürlich eine Sache, wo ich sage, da muss man vorsichtig sein: Wenn man zu spät warnt, kriegt man natürlich auch Kritik. Das ist im Einzelfall dann wirklich schwierig zu bewerten, und man muss da ein gewisses Maß an Sensibilität entwickeln. Ich habe aber auch im Ausschuss gesagt, dass die Risikokommunikation von draußen betrachtet schon einen sehr chaotischen Eindruck macht und dass man da glaube ich auch ein bisschen konzentrierter die Menschen mitdenken muss, die solche Meldungen hören.

Zagatta: Also Sie verstehen dann auch den Unmut in der EU?

Tackmann: Ja, natürlich, und vor allen Dingen finde ich, die Kritik, dass wir das möglicherweise nicht alleine hinkriegen, ist schon nicht ganz unberechtigt. Wir haben in dem Bereich der Risikoforschung und überhaupt der Agrar-Forschung in den letzten Jahren sehr viel Personal abgebaut, also vielleicht auch hier ein bisschen deutlich überzogen in den Kapazitätsreduzierungen, und ich finde, da muss man jetzt auch mal ernsthaft drüber nachdenken, ob man da in den letzten Jahren wirklich den richtigen Weg gegangen ist, weil die Kritik ist nicht unberechtigt. Andererseits muss man natürlich auch sagen: Das ist ein völlig neuer Erreger, mit dem man es hier zu tun hat. Es war vielleicht wirklich nicht gleich erkennbar, welche Dramatik sich daraus entwickeln könnte. Insofern bin ich auch für einen fairen, aber durchaus kritischen Blick auf die Geschehnisse.

Zagatta: Frau Tackmann, den Lautsprecher haben wir schon gehört, wahrscheinlich werden Sie gleich wieder reingerufen in den Ausschuss. Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben! Das war Kisten Tackmann, die Obfrau der Linken im Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucher, der im Moment, Sie haben das gehört, der im Moment tagt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk