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Marc Thörner: "Afghanistan Code". Edition Nautilus

Wofür kämpfen deutsche Bundeswehrsoldaten in Afghanistan? Die Frage wird nach dem Bombardement von Kundus auch in Deutschland immer drängender gestellt. Und immer wieder gibt es dieselben Antworten: Um die Freiheit des Westens - wie Verteidigungsminister Peter Struck es einmal formuliert hat - am Hindukusch zu verteidigen! Um das Land aus den Fängen der Taliban und Al-Kaida zu lösen! Um mehr Sicherheit in Afghanistan zu schaffen, damit die Afghanen dort einen halbwegs stabilen neuen Staat errichten können - einen Staat, in dem es nie wieder Steinigungen gibt oder öffentliche Auspeitschungen, und vor allem auch Bildung für alle gibt, besonders für Frauen!

Von Christoph Birnbaum

Marc Thörner im Gespräch mit einem paschtunischen Stammeschef, der mit ihm Beweismaterial für die Verfolgung und Ermordung von Paschtunen im Norden des Landes durchgeht (dradio.de)
Marc Thörner im Gespräch mit einem paschtunischen Stammeschef, der mit ihm Beweismaterial für die Verfolgung und Ermordung von Paschtunen im Norden des Landes durchgeht (dradio.de)

Das alles stimmt. Doch die Wirklichkeit, acht Jahre nachdem die Bundeswehr im Norden von Afghanistan stationiert wurde, sieht heute sehr viel anders aus. Präsident Karsai, einstmals gefeiert, fälscht heute Wahlen, die Taliban werden immer stärker, der Drogenhandel blüht und die Soldaten können den Sinn ihres Einsatzes mittlerweile selbst immer schwerer erkennen:

"Der Konvoi: ein Panzerfahrzeug 'Fuchs‘, der Führungs-‘Wolf‘, ein 'Störer‘ und ein weiterer Mannschaftstransporter, rollen an kleinen Märkten vorbei. Überall, wo Obst und Gemüse oder Kleidung den Besitzer wechseln, spielen sich auch andere Geschäfte ab: Taliban wandeln durch die Gassen. Von den fruchtbaren Anbauflächen Helmands bringen sie säckeweise Heroin. Die Drogen tauschen sie gegen Waffen ein: Fabrikneue russische Kalaschnikow-Gewehre. Ein Kilo Heroin gegen zehn Kalaschnikows und anderes Material aus russischen Beständen."

So kann man es in den Reportagen von Yacub Ibrahimi nachlesen, einem jungen afghanischen Journalisten. Marc Thörner, Jahrgang 1964, studierter Historiker und Islamwissenschaftler, berichtet über Ibrahimis Schicksal und vor allem das seines Bruders Pervez Kambaksh, der wegen Gotteslästerung vom afghanischen Inlandsgeheimdienst gefangen genommen wurde. Zunächst wurde er zum Tode verurteilt, letzten Endes aber zu einer Haftstrafe. Thörner geht dabei den wahren Hintergründen der angeblich religiös motivierten Verfolgung und Verurteilung auf den Grund. Vor allem der Behauptung Yacub Ibrahimis, die Inhaftierung seines Bruders und das Urteil diene nur dazu, ihn, den in Afghanistan weithin bekannten Journalisten mundtot zu machen, damit er nicht weiter über die Verstrickung der Regierung Karzai und ihrer Provinzgouverneure in den Drogen- und Waffenhandel berichtete, solange sein Bruder im Gefängnis sitzt. Thörner recherchiert - unmittelbar, vor Ort. Er geht - und dies zeichnete auch seinen vorherigen Reportageband über den Irakkrieg aus - auf die Menschen zu, lässt sie selbst sprechen und räumt ihnen in seinen Büchern auch dementsprechend viel Platz ein. Zum Beispiel den Aussagen des Chefredakteurs von "Kabul Weekly", der meint:

"Der Präsident zieht gegen die Meinungsfreiheit zu Felde und will die Journalisten an die Kette legen. Zumindest ist dem Präsidenten eines wohl bewusst: Diejenigen, die sich für Redefreiheit, Menschenrechte und liberale Frauengesetze engagieren, sind nicht diejenigen, die ihn wieder wählen werden. Deshalb sucht er den Schulterschluss mit allen Konservativen."

Und Thörner sucht nach weiteren Zeugen, die ihm bestätigten, dass die Zeugen der Anklage gegen Ibrahimis Bruder gekauft worden waren. Er kann vielfach belegen, dass der Richter als korrupt gilt und dass der zuständige Provinzgouverneur in Nordafghanistan - Atta - , der zugleich der wichtigste Partner der Bundeswehr vor Ort ist, großes Interesse daran hatte, den Bruder des Verurteilten zum Schweigen zu bringen. Mit anderen Worten: Der Westen geht Koalitionen ein mit einer kleinen korrupten, machtgierigen Schicht ehemaliger Mudschaheddin-Generäle und Warlords, die genauso wenig wie ihre aus saudischen und pakistanischen Quellen geförderten Gegner davor zurückschrecken, den Islamismus als gewalttätiges Machtinstrument zu missbrauchen. Und so zitiert Thörner einen paschtunischen Nomaden:

"Wieso helfen uns die internationalen Truppen nicht? Wieso haben Sie alle Angst vor Atta, Dostum, einer kleinen Clique, einer Handvoll Leuten? Warum sagt ihr nichts? Wenn wir als Paschtunen und Nomaden aufmucken, heißt es: Wir seien gefährliche Taliban. Deutschland sollte uns stattdessen helfen."

So ist die Situation heute in Afghanistan. Zurück in Deutschland macht Marc Thörner ein Interview mit Verteidigungsstaatssekretär Kossendey mehr als nachdenklich, als der warnt, dass wir den Afghanen nicht etwas überstülpen, was weder zu deren Kultur, noch zu deren Religion passt.

Thörner fragt sich, was passiert, wenn sich der Westen wieder zurückzieht? Fällt das Land zurück in die alten Strukturen? Wird Afghanistan fundamentalistisch, weil es für alle Beteiligten praktisch ist? Praktisch - weil der Westen meint, die Lasten für den Aufbau Afghanistans - vor allem die militärischen - nicht mehr länger tragen zu wollen. Das aber wäre eine Bankrotterklärung der Politik des Westens. Und dann, so Thörner, ginge es am Ende in Afghanistan auch gar nicht um Religion und Kultur, um Rückständigkeit oder das Aufbegehren gegen die Besatzer. Nein, die vermeintliche afghanische Krankheit wäre dann in Wirklichkeit uralt und universal: die simple Gier nach Macht und Geld, die mit Gewalt durchgesetzt und mit ideologisch-religiöser Propaganda ummantelt und gerechtfertigt wird. Deshalb ist es auch für einen Mann wie Provinzgouverneur Atta, der seine Audienzen in einem vergoldeten Louis-XVI-Sessel abhält, so wichtig, dass die Taliban weiterhin Attentate im Land verüben: Sie sichern sein politisches Überleben als "Warlord" und als Garant einer vorgeblichen Sicherheit. Am Ende, so Thörners Fazit, könnte es deshalb sein, dass die Deutschen in Afghanistan auch noch die Polizisten für die Unterdrückerschwadronen geld- und machtgieriger Provinzgouverneure ausbilden:

"Könnte es also sein, dass Bundeswehr und Polizei nur auf den ersten Blick 'afghanische Polizisten‘ ausbilden, tatsächlich aber die Schwadronen des Gouverneurs?"

So beängstigend klar und so präzise hat man dies selten gelesen. Niemand weiß, wie der Westen irgendwann einmal aus diesem Konflikt herauskommen kann. Aber eins ist sicher: Wenn wir eine ehrliche und gut informierte Debatte über Deutschlands Rolle in Afghanistan führen wollen, dann kommen wir um dieses Buch nicht herum.

Marc Thörner: Afghanistan Code. Edition Nautilus, 156 Seiten, 16,00 Euro. ISBN: 978-3-89401-607-4.

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