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StartseiteInterviewEichinger: Traditionelle Vorurteile in gewisser Weise bestätigt17.06.2009

Eichinger: Traditionelle Vorurteile in gewisser Weise bestätigt

Mannheimer Institut für deutsche Sprache veröffentlicht Studie über Dialekte

Das Mannheimer Institut für deutsche Sprache hat in einer repräsentativen Studie Veränderungen der Sprache und die Einschätzung von Dialekten und Akzenten untersucht. Professor Ludwig Eichinger hat festgestellt, dass eine Tendenz besteht, Dialekte grundsätzlich eher positiv zu bewerten. Gleichzeitig würden durch Ausgleichstendenzen traditionelle Dialekte verdrängt.

Ludwig Eichinger im Gespräch mit Jochen Spengler

Bayrisch hören viele Leute gerne.  (AP)
Bayrisch hören viele Leute gerne. (AP)

Jochen Spengler: Was halten wir eigentlich vom Dialekt? Wie empfinden wir überhaupt die deutsche Sprache - wir, die wir sie nutzen, weil wir in diesem Land leben, also Deutsche, aber durchaus auch Zuwanderer? Was halten wir von ausländischen Akzenten und mögen wir die Veränderungen der Sprache? All das untersucht das Mannheimer Institut für deutsche Sprache in einer repräsentativen Studie. Das Institut widmet sich seit 1964 der Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache und Direktor des Instituts ist Professor Ludwig Eichinger, den ich jetzt in unserem Berliner Studio begrüße. Guten Morgen, Herr Eichinger.

Ludwig Eichinger: Guten Morgen, Herr Spengler.

Spengler: Ist Deutsch denen, die es sprechen, sympathisch?

Eichinger: Deutsch ist denen, die es sprechen, überraschend sympathisch. 87 Prozent unserer Befragten haben immerhin mitgeteilt, dass sie zum Deutschen positiv oder sehr positiv stehen, dass es ihnen sehr gut gefällt.

Spengler: Gibt es dafür Gründe?

Eichinger: Eigentlich keine so richtigen. Allerdings es werden bestimmte objektive Dinge genannt. Das Deutsche gilt als schön und als logisch, andererseits gilt es auch als schwierig und als etwas hart. Man kann, glaube ich, diesen Wert schon als Zustimmung insgesamt zu der Sprache und auch zu dem, dass man sich als Deutscher einigermaßen fühlt, verstehen.

Spengler: Sehen das Einwanderer eigentlich ähnlich?

Eichinger: Vielleicht auch überraschenderweise: Auch die Einwanderer sehen das ähnlich in der Mehrheit. Einwanderer haben wir ungefähr 8,4 Prozent in der Studie. Das sind ungefähr so viele, wie es Einwanderer gibt, aber das sind dann logischerweise nicht mehr ganz so viele. Aber so weit man das sehen kann, kann man sagen, ist deren Sprachbewusstsein eher fast noch etwas höher, so dass sie auf ähnliche Werte wie die muttersprachlichen Deutschen kommen.

Spengler: Wie wird denn umgekehrt von den Deutschen der Akzent von Einwanderern beurteilt? Haben Sie da irgendwas erhoben?

Eichinger: Ja, ja. Dazu haben wir auch gefragt. Es gibt ja traditionelle positive und negative Vorurteile zu fremdsprachlichen Akzenten. Die haben sich in gewisser Weise bestätigt. Am positivsten bewertet ist bei weitem ein französischer Akzent, mit deutlichem Abstand gefolgt von einem italienischen. Am negativsten bewertet wird ein russischer Akzent, wobei man allerdings sagen muss, dass nur 14 Prozent einen russischen Akzent negativ bewerten, und das ist der höchste Wert. Man hat ganz wenig negative Vorstellungen gegenüber fremden Akzenten. Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass die jüngeren Befragten deutlich eine gewisse negative Akzentuierung, aber auch bloß so 10 Prozent, gegenüber dem Türkischen haben, die jüngeren mehr als die älteren gegen einen türkischsprachigen Akzent.

Spengler: Das müssen wir wahrscheinlich einfach so stehen lassen, weil eine Erklärung dafür haben Sie vermutlich nicht untersucht?

Eichinger: Nicht so richtig und wie ich schon sagte, bei den Zuwanderern sind die Zahlen zum Teil so klein, dass man es nicht überinterpretieren sollte. Aber logischerweise - das stimmt auch übrigens bei den positiven Bewertungen -, wenn man einer Sache näher ist, hat man eine intensivere Bewertung. Zum Beispiel wird Italienisch im Süden Deutschlands deutlich positiver bewertet als im Norden, und ähnlich ist es sicher so, dass die Auseinandersetzung etwa mit einem türkischen Akzent bei Jugendlichen in inneren Städten stärkere Emotionen hervorruft als auf dem Lande, sage ich mal, bei älteren Menschen auf dem Lande.

Spengler: Wir haben ja nicht ohne Absicht Peter Frankenfeld an den Beginn unseres Gesprächs gestellt. Kommen wir mal auf das große Thema der deutschen Dialekte zu sprechen. Gibt es da Dialekte, die man toll findet, und welche, die man nicht so toll findet?

Eichinger: Ja. Auch hier haben sich gewisse Erwartungen bestätigt. Unter den Dialekten, die man toll findet, ist immer ziemlich weit vorne das Bayerische.

Spengler: Da haben Sie ja Glück, will ich mal so sagen.

Eichinger: Das stimmt. Daher wage ich, auch so zu sprechen. - An der Spitze der negativ bewerteten steht das Sächsische. Für das Sächsische stimmt das auch bei unserer Umfrage. Allerdings der beliebteste Dialekt ist überraschenderweise das Norddeutsche. Da das Norddeutsche eigentlich im strengen Sinn kein Dialekt ist, sondern allenfalls eine regional gefärbte Umgangssprache in der Mehrheit der Sprecher, ist das eigentlich was Neues, was sich aber in gewisser Weise erklären lässt. In den letzten 10, 15 Jahren beobachten wir, dass sich die Menschen sehr deutlich an standardorientierten Aussprachen annähern und sehr mit regionalen Sprechmerkmalen anreichern, so dass diese Sprachform, also ein sogenanntes Norddeutsch, sicher an Bedeutung gewonnen hat.

Spengler: Würden Sie denn so weit gehen zu sagen, wenn das Norddeutsche gar nicht so ein richtiger Dialekt ist, sondern doch dem Hochdeutschen sehr nahe kommt, und dies der beliebteste Dialekt ist, dass die Leute Dialekte eigentlich gar nicht mögen?

Eichinger: Ganz harte Dialekte würden die Leute normalerweise nicht verstehen - das muss man so sehen -, so dass wenn man Leute fragt, lieben sie Dialekte, meistens etwas gemeint ist, was im harten sprachwissenschaftlichen Sinn vermutlich eine regional gefärbte Sprache in verschiedener Abstufung ist. Diese regionale Färbung scheinen die Menschen zu lieben und. 40 Prozent der Befragten haben immerhin angegeben, dass ihnen gar kein Dialekt unsympathisch ist. Das heißt, es gibt eine gewisse Neigung, regionale Sprachformen nicht schlecht zu finden.

Spengler: Dann erklären Sie uns doch mal den Unterschied zwischen der regionalen Färbung und einem wirklichen Dialekt? Wie unterscheiden Sie das?

Eichinger: Als Dialekte betrachten wir sozusagen historisch in gewisser Weise stark ländlich, kleinräumig strukturierte Sprachformen. Ich könnte Ihnen auch vormachen, dass ich jetzt kurz mal in meinen bayerischen Dialekt falle und das klingt dann ungefähr so, und jetzt kehre ich wieder zurück und versuche, etwas zu sprechen, was Hochdeutsch ist.

Spengler: Aber heißt Dialekt auch, dass man eigene Wörter hat, die ein Außenstehender gar nicht versteht?

Eichinger: Ja und man hat eben auch zum Beispiel ein eigenes phonologisches System.

Spengler: Was ist denn ein phonologisches System?

Eichinger: Ein Lautsystem. Zum Beispiel hat man im Hochdeutschen nur ein A, so was wie Katze in etwa - ich muss das künstlich machen -, und im Bayerischen etwa hat man zwei A-Typen, eine Maas Bier und ein Katzel, eine kleine Katze, also ein enges und ein offenes A. Dialektsprecher tun sich sehr schwer, auch beim Hochdeutschen dann das auszugleichen. Dialekte sind tatsächlich systematisch von der Hochsprache mehr oder minder stark unterschieden.

Spengler: Und werden verdrängt von der Hochsprache?

Eichinger: Und durch Ausgleichstendenzen in der Moderne werden diese traditionellen Dialekte verdrängt.

Spengler: Sie haben auch die Hochsprache untersucht. Kann man sagen, gibt es Entwicklungen der letzten 10, 20 Jahre, die man nachvollziehen kann?

Eichinger: Ja. Wenn Sie auf unsere Umfrage Bezug nehmen, den meisten Leuten fällt auf ein fremdsprachlicher Einfluss allgemein gesprochen, wobei normalerweise der Einfluss des Englischen gemeint ist, und das spielt zweifellos eine Rolle. Was auch eine Rolle spielt, das haben wir fast schon angesprochen gehabt, ist sicher der Einfluss der Medien, denn dass sich viele Sprecher nun der Standardsprache annähern, hat ganz sicher damit zu tun, dass vor allem das Fernsehen gesprochenes Deutsch in dieser Form doch sehr ausdrücklich darbietet, und zwar etwa, um irgendwelche öffentlichen Sender zu nennen, wenn man so was wie die Harald-Schmidt-Schau anschaut oder auch so was wie Anne Will. In solchen Sendungen wird gesprochenes Hochdeutsch produziert, das viele Menschen für musterhaft für sich erachten, und daher geht die Entwicklung in der Sprechsprache sicher in so eine Richtung.

Spengler: Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, Professor Ludwig Eichinger, über Veränderungen der Sprache und über die Bedeutung der Dialekte. Danke für das Gespräch.

Eichinger: Ich danke auch. Auf Wiederhören!

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