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StartseiteBüchermarkt Eier oder Leben11.08.2009

Eier oder Leben

David Benioff: "Stadt der Diebe", Blessing Verlag

Im Gefängnis von Leningrad droht den Jugendlichen Lew und Kolya die Todesstrafe. Doch der Geheimdienstchef will die beiden leben lassen, wenn sie für ihn zwölf Eier beschaffen. Nur woher, mitten im russischen Kriegswinter 1942?

Von Antje Deistler

In "Stadt der Diebe" bleibt der Humor trotzt der ernsthafen Rahmenhandlung nicht außen vor.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
In "Stadt der Diebe" bleibt der Humor trotzt der ernsthafen Rahmenhandlung nicht außen vor. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Ich hatte diese Idee, über zwei junge Männer zu schreiben, die zwölf Eier suchen in einer Stadt, in der es keine Eier gibt. Keine Ahnung, wo die herkam, aber sie setzte sich fest. Ich habe mich dann auf die Suche nach einem geeigneten Ort gemacht, zu allen Zeiten, von der Antike über das Mittelalter bis heute, und irgendwann über die Belagerung von Leningrad gelesen, und schließlich fuhr ich nach St. Petersburg, um dort zu recherchieren und mit Überlebenden der Belagerung zu sprechen. Aber ich wollte nie einen Roman über den Zweiten Weltkrieg schreiben, es ging mir nur um den richtigen Ort für die Geschichte mit den zwölf Eiern."

David Benioff hat aus seiner skurrilen Idee mit den Eiern einen modernen Abenteuerschmöker gemacht, halb Schelmenstück, halb Entwicklungsroman über zwei sehr unterschiedliche junge Männer und ihre Reise durch ein von den Nazis besetztes, klirrend kaltes Russland. Bisher wurde das Buch in 27 Sprachen übersetzt, ein weltweiter Bestseller. Was viele Leser an "Stadt der Diebe" besonders fasziniert, ist der Anschein von Authentizität. Der Ich-Erzähler heißt, wie der Autor, David Benioff, er ist - wie der Autor - Drehbuchschreiber in Hollywood, es gibt sogar Verweise auf Filme, an denen der echte David Benioff im wahren Leben gearbeitet hat. Diesem lyrischen Ich "David" erzählt dessen Großvater Lev von seinen Erlebnissen in Leningrad während der Belagerung. Aber er, sagt der Schriftsteller David Benioff, habe niemanden glauben machen wollen, dass es sich tatsächlich um einen Teil seiner Familiengeschichte handele.

"Es ist doch gute alte literarische Tradition, dem Ich-Erzähler den eigenen Namen zu geben. Das geht zurück bis zu Dantes Inferno, ich bin ziemlich sicher, dass der wahre Dante nie mit Vergil durch die Hölle gewandert ist. Mein Buch war immer Fiktion und ich wollte nie einen anderen Anschein erwecken, deshalb steht auch "Roman" drauf. ich glaube wirklich nicht, dass es bei Levs und Koljas Reise irgendeinen Unterschied macht, ob sie wahr oder erfunden ist, oder ob Lev ein Benioff oder sonst wer ist. Schon vor acht Jahren, als ich die Idee zu dem Buch hatte, lautete der erste Satz genauso, wie er jetzt da steht: 'Mein Großvater, der Messerstecher, tötete zwei Deutsche, bevor er 18 war'. Ich hatte immer diese Rahmenhandlung im Kopf von dem alten Mann, der seinem Enkel von der Belagerung Leningrads erzählt. Und es hätte für mich keinen Sinn gemacht, den Ich-Erzähler anders zu nennen als David Benioff. Keine Ahnung, ob der Roman schwächer wäre, wenn der Erzähler Daniel Bennington hieße, das müssen andere entscheiden. Mir hat es das Schreiben erleichtert, ich stellte mir diese Gespräche mit meinem Großvater vor und alles ging einfacher."

Sein Großvater, sagt Benioff, wurde in Wirklichkeit in den USA geboren, hat nie einen Fuß auf russischen Boden gesetzt und ist im Übrigen schon lange tot. Es gibt Leser, die sich emotional betrogen fühlen, wenn sie herausfinden, dass "Stadt der Diebe" keinesfalls auf einer wahren Begebenheit beruht, sondern hundertprozentig erfunden ist.

"Deshalb würde ich eigentlich mit Lesern am liebsten gar nicht darüber sprechen. Aber es ist ein Roman, wenn man seine Memoiren schreibt oder eine wahre Geschichte, dann geht man einen Pakt mit dem Leser ein, wenn man den bricht, ist man ein Lügner. Wenn man eine Geschichte erfindet und Roman drauf schreibt, gibt man zu, ein Lügner zu sein. Wenn die Leser diese Geschichte dann glauben wollen, ist das ihre Sache. Aber sie wurden gewarnt."

Der Erfolg dieser tragikomischen Saga aus dem Zweiten Weltkrieg bei einem breiten Publikum liegt sicher nicht nur an dem, was erzählt wird, sondern vor allem daran, wie erzählt wird. So flott und unterhaltsam, so süffig herunterzulesen, dass es manchen Kritikern ein bisschen zu gut flutscht. Und: Trotz aller beschriebener Grausamkeiten verzichtet David Benioff nicht auf Humor und Witz. Den habe er schließlich auch in vielen Tagebüchern von Überlebenden der Belagerung gefunden, verteidigt er sich.

"Ja, das ist das Überraschende. Als ich die Tagebücher las, kam für mich etwas Neues zu all diesen Berichten aus dem Krieg dazu. Es hätten ja auch endlose Aufzählungen von Katastrophen, Grausamkeiten, Düsternis sein können. Aber sie enthielten viel Humor. Und als ich mit den alten Menschen sprach, die die Belagerung Leningrads noch erlebt hatten, war ich überrascht, mit wie viel Humor sie ihre Geschichten erzählten. Mit einem für mich typisch russischen, galligen Humor. Völlig ohne Selbstmitleid oder Melodramatik, sehr sachlich, aber auch lustig. Einer hat mir erzählt, wie seine tote Großmutter noch tagelang im Sessel in der Wohnung saß, weil es keine Möglichkeit gab, sie zu beerdigen. Und so gab die Familie, jedes Mal, wenn sie Tee tranken, auch der toten Oma eine Tasse. Solche bizarren, aber auch unwiderstehlichen Geschichten waren das."

Unwiderstehliche Geschichten, ein gut kalkulierter Mix aus Dramatik, Gefühl und Humor – damit ist David Benioff in Hollywood in kürzester Zeit zu einem Star unter den Drehbuchautoren geworden. Der 38-Jährige, der selbst ein bisschen aussieht wie ein Filmstar, hat beispielsweise das Skript für "Troja" mit Brad Pitt geschrieben oder für die Superhelden-Blockbuster "X-Men" und "Wolverine". Die Karriere des ehemaligen Englischlehrers startete, als sein erster Roman, "25 Stunden", von Spike Lee verfilmt wurde. Ein Roman sei wie ein Marathon, Drehbücher zu schreiben dagegen ein kleiner Sprint, sagt Benioff. Warum dieser hochbezahlte Kurzstreckenläufer sich trotzdem wieder zu dem anstrengenden Marathon aufgerafft hat?

"Es ist viel schmerzhafter, einen Roman zu schreiben. Aber es ist dein Werk, jedes Wort gehört dir. Bei einem Drehbuch haben so viele Leute mitzureden, beim Film bist du längst nicht der wichtigste, der Regisseur ist am wichtigsten, dann die Schauspieler, und das macht Spaß, ich arbeite gern beim Film, aber ein Film, den ich geschrieben habe, ist nicht meiner. Das ist nicht derselbe Stolz. Wenn ich dieses Buch ansehe, weiß ich, jedes Wort, jede Stärke, jede Schwäche, ist meine. Das ist ein viel stärkeres Gefühl von Befriedigung und Vaterschaft."

Man könnte meinen, dass dieser stolze Vater mittlerweile an der Leinwandversion seiner Geschichte arbeitet, dass die Verfilmung von "Stadt der Diebe" bereits ausgemachte Sache ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. David Benioff hat während der jahrelangen Arbeit an seinem Buch einen starken Beschützerinstinkt für sein "Kind" entwickelt.

"Ich habe einige Angebote bekommen, aber ich habe entschieden, die Rechte nicht zu verkaufen. Sobald man sein Buch verkauft, verliert man jede Kontrolle. Über die Geschichte und vor allem über die Figuren. Wenn ich sie einem Studio gebe, sind sie nicht mehr meine, und Lev und Kolya werde ich nicht auf diese Weise verraten, ich habe zu lange mit ihnen gelebt. Die Regisseure hatten die unglaublichsten, erschreckendsten Ideen, mit welchen Schauspielern sie diese Rollen besetzen würden. Nein, nein, gerade weil ich weiß, wie so etwas läuft, möchte ich das bei diesem Buch verhindern."

David Benioff: "Stadt der Diebe", Blessing Verlag, 384 Seiten, 19.95 Euro

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