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StartseiteBüchermarktEin belustigender Blick auf Halbreiche09.05.2012

Ein belustigender Blick auf Halbreiche

Peter Rosei: "Geld!". Residenz Verlag, 167 Seiten

Wer Geld hat, spricht nicht darüber, sagt man. Peter Rosei scheint mit seinem schönen, kleinen Roman dieses Sprichwort endlich einmal umdrehen zu wollen: Wer Geld hat und nur in und mit seinem Geld lebt, über den gibt es eigentlich nichts zu erzählen.

Von Martin Grzimek

Schnöder Mammon über alles! In "Geld" führt Peter Rosei belustigt Halb- und Neureiche vor. (Stock.XCHNG / Jorge Vicente)
Schnöder Mammon über alles! In "Geld" führt Peter Rosei belustigt Halb- und Neureiche vor. (Stock.XCHNG / Jorge Vicente)

"Georg Asamer hatte unlängst erst seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Wenn er es sich auch gern sagte und noch lieber es sich von anderen sagen ließ, dass er immer noch sehr jugendlich aussehe, überkam ihn doch bei Gelegenheit die niederdrückende, weil unabweisbare Gewissheit, er würde einmal sterben müssen. Nicht dass ihm der Gedanke nicht auch schon früher gekommen wäre. Die Vorstellung, sterben zu müssen, hatte aber eine Art von Direktheit und Unmittelbarkeit angenommen, die es ganz und gar ausschloss, die Sache von einem philosophischen und also überlegenen Standpunkt aus zu betrachten."

Mit dieser Darstellung des erfolgreichen Werbeagenturbesitzers Georg Asamer, beginnt der jüngste Roman des österreichischen Schriftstellers Peter Rosei, dem der 65-jährige Autor den schlichten Titel "Geld!" gegeben hat, "Geld" mit einem Ausrufezeichen wohlgemerkt. Peter Rosei hat eine ellenlange Liste von Büchern veröffentlicht, literarisch immer sehr engagiert und auf Österreich bezogen, unangepasst und kritisch. Daher darf man auch gleich diesem ausgewogenen, stilistisch einwandfreien, fast melodischen Anfang seines Romans misstrauen.

Will er uns wirklich die gutbürgerliche Geschichte eines wohlhabenden Emporkömmlings erzählen, oder spielt er nur damit? Da es noch eine Weile im Roman recht erzählerisch gediegen weitergeht und wir über das empfindsame Leben des Herrn Asamer und sein herrschaftliches Haus einige Details erfahren, kann man sich einer Irritation nicht entziehen, ob es in Roseis Roman tatsächlich nur um das schnöde Geld geht und nicht doch um eine romantische Geschichte.

Doch dieser Eindruck ändert sich bald, indem andere Figuren auftauchen. Da gibt es vor allem den Andy Sykora, aus einfachen Verhältnissen stammend, der durch Fleiß und Anpassungsfähigkeit zu Asamers rechter Hand aufsteigt. Später lernen wir Hansjoachim Falenbruck kennen, einen Schweizer, dessen Vater einen Pharmakonzern leitet, während der Sohn in der Südsee eine Ferienanlage betreibt. Und schließlich – zurück in der Wiener Burgtheater-Upperclass - gibt es noch die reiche junge Witwe Irma Wonisch und den Broker Tomas Loscheck, der sich aus den kleinsten aller Verhältnisse zum Geldadel empor gerackert hat.

Mit jeder dieser Figuren wird Roseis Erzählweise nun souveräner oder, im stilistischen Sinn, oberflächlicher. Er versetzt sich nicht mehr in sie hinein, lässt ihnen nur noch wenig Handlungsspielraum, sondern beurteilt sie gleichsam in Form von Statements, wie an dieser Stelle den jungen Andy Sykora.

"Ein gründlicher, tüchtiger und unermüdlicher Arbeiter, dieser Sykora. Einer, der in der Früh immer schon im Büro war und abends erst aufhörte, wenn die Putzfrauen mit ihren Staubsaugern bereits rund um seinen Schreibtisch kreisten. Dabei kein bisschen verbiestert und immer guter Laune! Oft telefonierte er noch auf dem Heimweg mit seinem Handy, um das eine oder andere für den nächsten Tag auf den Weg zu bringen."

In kleinen, gut miteinander verzahnten Kapiteln stellt uns Rosei die einzelnen Biografien seiner Protagonisten vor und wie sie jeweils in ihren Geschäften in einer Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs erfolgreich funktionieren. Dramaturgisch geschickt arrangiert gibt es nun Überkreuzungen und Überlappungen, die Protagonisten treffen sich, die Lebensläufe steuern aufeinander zu. Auch hier beherrscht Rosei die Auftritte und Verbandelungen perfekt, unterscheidet - jedem Klischee gerecht, den Personen gegenüber jedoch nie abschätzig werdend - die Hausbedienstete, die verwitwete Mutter der zu Sykoras Frau aufgestiegenen Sekretärin aus der Vorstadt und dessen arme Eltern mit ihrem sozialistischen Touch. Das alles wird flott in wienerischem Tonfall, durchsetzt mit jeder Menge Austriazismen erzählt, nirgendwo gibt es einen Widerhaken, der einen aufhorchen lassen könnte. So ist man schließlich nach hastigen Gängen durch die Geschäftswelt, Touren durch die Südsee, Ausflügen in die Wiener Künstlercafés und vielen wie im Fluge vergangenen Jahren, in denen der Georg Asamer längst das Zeitliche gesegnet hat, am Ende des Romans angelangt und liest Folgendes:

"Andy hob die Schultern und ließ sie langsam wieder sinken. In letzter Zeit fiel ihm öfter wieder einmal ein, dass er sterben werde müssen. Asamer geisterte durch seinen Sinn. – Sterben? Na und? Er hatte keine rechte Vorstellung davon, was Sterben bedeutet, und es war ja auch egal. Wer nicht gut aufgelegt ist, ist selber schuld."

Vergleicht man diese schnoddrig klingenden Sätze mit denen des Anfangs, wo es noch um die Differenzierung von Philosophie und Selbstreflexion ging, begegnet uns nun der Hohn der Selbstüberschätzung, dass das Unwichtigste am Leben das Sterben sei. Und was ist die Hauptsache? Das Geld natürlich, Geld mit Ausrufezeichen, versteht sich, denn das bedeutet nichts anders, als dass man es hat und daher auch nicht darüber zu reden braucht.

Das wird sich vielleicht ändern, da all denen, die hoch gepokert haben, mit einem Mal der Crash auf dem New Yorker Finanzmarkt bevorsteht. Doch auch davor haben Sykora und seine Geschäftsfreunde keine Angst, weil sie, wie Sykora zum Schluss mit einem amüsierten Grinsen sagt: "einfach gewinnen müssen".

Wäre das die Quintessenz des Romans, könnte man sich zu Recht fragen, warum Peter Rosei die Anstrengung unternommen hat, uns über etwas aufzuklären, was uns bereits leidlich bekannt ist. Es muss ihn etwas anderes getrieben haben, ein abgegriffenes Thema erneut zu präsentieren.

Beim genauen Hinsehen kommt man dem Autor auch leicht auf die Spur, mit welchen Mittel er es schafft, uns die Welt der Halb- und Neureichen, die niemandem schaden, nicht einmal sich selbst, als ganz normale Menschen vorzuführen, deren Leben im Grunde völlig uninteressant ist. Denn abgesehen von der Beschreibung der Protagonisten in diesem Roman und ihrer Stimmen, gibt es noch eine weitere Figur, die namenlos hinter allem zu stehen scheint. Es ist niemand anderes als der Autor selbst, der das Geschehen belustigt verfolgende Protokollant eines Zeitausschnitts unserer Gegenwart.

Wie einer, der die Fäden des Lebens seiner Figuren im Griff hat, mischt er sich mit Bemerkungen ein wie "an dieser Stelle soll angemerkt sein" oder "beschäftigen wir uns" erst einmal oder "wir wollen die Evaluierung dieser Frage fürs Erste (einmal) beiseite lassen" und so weiter.

Nicht nur solche immer wieder auftauchenden Bemerkungen durchziehen den Roman, um den souveränen Abstand des Erzählers zum Erzählten zu suggerieren. Der das Geschehen Beobachtende mischt sich auch ungeniert in die Gedanken seiner Figuren ein, wechselt unangekündigt vom er oder sie zum ich, als wolle er uns damit zeigen, wie sehr er entweder Herr der Lage ist oder andererseits, wie wenig ihn die Personen und ihr Leben, das er uns vorführt, als etwas Eigenständiges angehen. Wer Geld hat, spricht nicht darüber, sagt man. Peter Rosei scheint mit seinem schönen, kleinen Roman dieses Sprichwort endlich einmal umdrehen zu wollen: Wer Geld hat und nur in und mit seinem Geld lebt, über den gibt es eigentlich nichts zu erzählen. Doch um das zu zeigen, braucht es eben – einen Roman, mit Ausrufezeichen wohlgemerkt.

Peter Rosei: "Geld!"
Roman
Residenz Verlag, Salzburg 2011
167 Seiten, 19,90 Euro

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