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StartseiteKultur heuteEin einzelnes Schicksal als Ablenkung18.08.2010

Ein einzelnes Schicksal als Ablenkung

Iranische Intellektuelle im Exil kritisieren Steinigung von Frauen im Iran

Sakineh Mohammadi Ashtiani droht die Steinigung. Politiker, Schauspieler und Künstler forderten den Iran auf, die Frau nicht zu töten. Die Regierung in Teheran verbittet sich aber jegliche Einmischung des Westens. Der Exil-Iraner Daryush Shokof sieht darin ein Ablenkungsmanöver, das die anderen Machenschaften des Regimes vergessen lässt.

Daryush Shokof im Gespräch mit Dina Netz

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad duldet keine Einmischung. (AP)
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad duldet keine Einmischung. (AP)

Dina Netz: Vergangene Woche wurde im iranischen Fernsehen eine Frau gezeigt, die zugab, dass ihr Liebhaber ihr vorgeschlagen habe, ihren Mann zu töten. Das habe er dann gemacht und sie sei bei dem Mord dabei gewesen. Die Frau ist Mutter zweier Kinder, heißt Sakineh Mohammadi Ashtiani und sorgt seitdem für diplomatische Verwicklungen, denn sie soll gesteinigt werden. Es mehren sich nun Stimmen, die vermuten, dass das Geständnis erzwungen sei, möglicherweise unter Folter. Politiker, Intellektuelle, Künstler aus der ganzen Welt appellieren an den Iran, die Frau nicht zu töten. Diese Einmischung kommt allerdings nicht gut an; ein Sprecher des iranischen Außenministeriums verbat sich Eingriffe in die Souveränität.
Daryush Shokof ist iranischer Filmemacher und heftiger Kritiker der iranischen Regierung. Er ist selbst im Mai im Iran entführt worden, lebt seitdem in Deutschland, und ich habe ihn am Rande einer Pressekonferenz zum Thema erreicht und gefragt: Herr Shokof, was denken Sie über den Fall Sakineh Mohammadi Ashtiani?

Daryush Shokof: Ja, wenn ich sagen darf: diese gesamte Situation ist ein ganz neuer Trick aus Iran, dass die ganze Welt sich jeden Tag mit einem neuen Fall beschäftigt, und ist ein ganz neuer Fall von einem Fall, wo einfach die gesamten anderen 70 Millionen oder 60 Millionen Iraner, die unter einem wahnsinnigen und barbarischen Regime leben, überhaupt vergessen werden. Dieser Fall ist auch nicht ein besonderer Fall. Wieder Frauen werden wieder angegriffen, wieder Frauen, und dann sollen wir jetzt von diesem besonderen Fall erfahren. Frau Sakineh, die etwas Uneheliches gemacht hatte, sollte jetzt gesteinigt werden. Die ganze Welt redet jetzt über Frau Sakineh, natürlich. Die werden jetzt der Welt einen Gefallen tun.

Netz: Herr Shokof, wenn ich noch mal kurz nachfragen darf: Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie sagen, dass das alles ein Ablenkungsmanöver ist, damit die Weltöffentlichkeit über eine einzelne Person und nicht über iranische Politik, Lebensumstände der Bevölkerung und so weiter im Allgemeinen spricht?

Shokof: Absolut! Es ist nicht eine Theorie von heute gewesen; ich habe das schon vor zwei, drei Jahren erwähnt, dass die jetzt neue Methoden gefunden haben, wie engagiert man die ganze Welt und Presse und so weiter, dass man von uns die Hände wegnimmt und über unsere nuklearen Probleme oder über menschliche Probleme, alle diese anderen barbarischen Methoden dieses Regimes, diktatorischen Regimes, was dies 30 Jahre lang mit einem so zivilisierten Menschen getan hat, dass das überhaupt im Hintergrund bleibt, dass die noch 30 Jahre bleiben.

Netz: Herr Shokof, die iranische Regierung hat ja sehr trotzig fast reagiert auf Kritik aus dem Ausland, hat sich also verbeten, dass sich da jemand einmischt. Wie sollten denn jetzt westliche Intellektuelle und Politiker sich verhalten zu diesem Fall? Sollten sie sich diplomatisch äußern, oder sehr klar? Denn schließlich geht es ja, selbst wenn es nur ein Signal ist, doch um ein Menschenleben.

Shokof: Ja. Der ganzen Welt und den ganzen Regierungen, der ganzen politischen Situation der Welt sollte wirklich jetzt klar sein, es gibt einen Dialog. Ich verstehe es nicht, wie die ganzen Regierungen der Welt davon profitieren können, mit Iran und einem Regime wie im Iran weiter sich ökonomisch und finanziell kräftigen. Wir haben ein globales Problem: Menschenrechte sollen adressiert werden. Wenn die wirklich das ernst meinen, sollen die wirklich endlich sagen, hört mal auf damit, nicht nur einfach bloß ökonomische Blockade, es bringt nichts. Es hat 30 Jahre nichts gebracht.

Netz: Seien Sie doch so gut und schildern uns noch mal kurz, was Ihnen damals zugestoßen ist. Sie sind im Mai entführt worden. Vielleicht beschreiben Sie kurz, was da eigentlich passiert ist. Das hat nämlich bisher in der deutschen Öffentlichkeit so abschließend richtig niemand erfahren.

Shokof: Ja, leider. So wie das aussieht, ich habe mit den ganzen Zeiten und Genauigkeiten nichts so haargenau, weil bitte verstehen Sie mich richtig: Ich habe es nicht alles im Kopf. Aber so wie das jetzt in meiner Erinnerung noch bleibt: Am 24. Mai bin ich entführt worden von vier Arabisch sprechenden Leuten. Diese Leute brachten mich in eine Zelle, in einen Raum rein. Ich bin zwischen 12 und 14 Tagen weg gewesen. Das Ganze scheint mir, dass es nicht mehr als drei oder vier Tage gewesen wäre, weil ich immer unter Drogen war. Diese zwei Filme dürften nicht mehr der Welt gezeigt werden. Wenn schon, dann werde ich getötet. Mit den Konditionen, dass ich diese Filme nicht zeige, haben die mich freigelassen.

Netz: Und natürlich zeigt er sie inzwischen im Internet. Hitlers Grave und Iran Zendan heißen die jüngsten Filme von Daryush Shokof.

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