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StartseiteKultur heuteEin Prachtexemplar von Weib02.05.2009

Ein Prachtexemplar von Weib

Die Wiesbadener Maifestspiele eröffnen mit Alban Bergs Oper Lulu

Die Eröffnungspremiere der Internationalen Maifestspiele 2009 in Wiesbaden war wieder eine Literaturoper der Klassischen Moderne: Nach Woyzeck, Lady Macbeth und Salome in den vergangenen Jahren, stand nun Alban Bergs Lulu auf dem Programm. Generalmusikdirektor Marc Piollet und Regisseurin Konstanze Lauterbach haben den Aufstieg und Fall eines "Prachtexemplars von Weib" auf die Bühne gebracht.

Von Frieder Reininghaus

Die Internationalen Maifestspiele 2009 starten mit der Oper Lulu. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Die Internationalen Maifestspiele 2009 starten mit der Oper Lulu. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Am Anfang steht bei der Wiesbadener "Lulu" nicht der Wedekindsche Zirkus, sondern in einer gewissen Allgemeinheit das Theater: Die Orchesterleute dudeln durcheinander. Sänger singen sich in klassischer Weise warm. Statisten laufen geschäftig über die Bühne. Der Maler wirkt bereits im Hintergrund mit breitem Quast an einem riesigen blutroten Bild - Nachtigall, so muss da auch der letzte im zweiten Rang denken: Ick hör dir trapsen.

Die vielbegehrte junge Frau - in Gestalt von Emma Pearson tatsächlich eine schlanke junge Frau mit appetitlicher Stimme und durchaus erotischer Ausstrahlung - liegt in einem Kinderbett. Der als Kindheitsmustermann ins Stück tretende Schigolch, der nicht zufällig auch den Tierbändiger gibt, kratzt ihr ein Schlaflied auf der Geige vor. Der Theaterdirektor lädt mit der Baumstammstimme in die Manege. Später, im Paris-Bild, ist diese halbseidene Figur - und auch das ist wieder tief symbolisch - der Bankier, der die ganze feine Gesellschaft mit seinem Jungfrau-Aktienhandel um die Ersparnisse bringt.

Konstanze Lauterbach setzt vor den rasch auswechselbaren halbhohen Vorhängen von Andreas Jander auf ein Theater der didaktischen Deutlichkeit. Die Regisseurin zeigt ohne genaue Zeit- oder Ortsbestimmungen die Konstellationen zwischen Menschen, die Frank Wedekind ins erotisch-sexuelle Beziehungs- und Gewaltgeflecht gesetzt hat. In der Wohnung des alternden Medizinalrats regiert und erigiert der Pinsel des Nächsten, der auf Lulus improvisierter Agenda steht.

Die Männer benennen die eigentlich Namenlose - Nelly, Mignon, Eva; aber keiner kann sie wirklich erkennen. Und keiner von ihnen vermag sie in den Griff zu bekommen. Die Personen in dieser Produktion sind, getreu dem Libretto, genau gezeichnet. Die so zart wie sauber singende Emma Pearson in der Titelpartie, das mit der äußerlichen Passivität kokettierende Landschaft-Kind-Weib, erscheint allerdings oft zu geschäftig: Mit mechanischen Handbewegungen reizt und heizt sie hyperaktiv die jeweiligen Objekte ihrer Begehrlichkeit auf. Der vom Generalmusikdirektor Marc Piollet sorgfältig verwaltete Bergsche Tonsatz spricht da mitunter ein anderes Idiom.

Vorsorglich trägt diese Lulu keine Unterwäsche unter dem leichten Sommerkleid. Von den vielen Akt-Gemälden, die mit ihr entstehen, nimmt sie keine sonderliche Notiz. Sie bohrt sich fest an der Frage der bevorstehenden Verlobung ihres langjährigen Liebhabers, des Chefredaktors Dr. Ludwig Schön, mit Fräulein Brigitte - und sie wird ihn zu seinem eigenen Erstaunen dann erschießen. Der für die Rolle fast noch zu junge Claudio Otelli bestreitet die dominierende Männergestalt souverän und mit demonstrativer Willensstärke. Angus Wood, der betriebsblind auf seine bescheidene Künstlerschaft fixierte Maler, erscheint ihm hilflos ausgeliefert und singt so schön ins Leere.

Konstanze Lauterbach aus Leipzig kann mit der Glimmer- und Glamourwelt von Paris theatralisch nichts anfangen und zeigt sie als nicht enden wollende Seifenschaum- und Tortenschlacht. Und die triste Londoner Vorstadt - dort lassen die Männer Lulu im Regen stehen und sie wird in der Gosse erstochen - mutet an wie der steppentrockene Stadtrand von Lagos. Fortdauernd changiert die Wiesbadener Produktion zwischen Anspielungen auf die Entstehungszeit des Textes vor gut hundert Jahren und der Gegenwart. Aber der Einsatz von Handy und das Verschicken einer SMS statt eines Verlobungs-Kündigungsbriefs verbürgt noch nicht die Modernität einer Inszenierung. Möglicherweise war die auch gar nicht anvisiert. Sondern ein einvernehmlich goutierbarer historischer Kompromiss.

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