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StartseiteBüchermarktEin Rausch von Liebe14.04.2004

Ein Rausch von Liebe

Christian Gailly über einen Abend im Club

Zehn Jahre sind seit dem Schlussstrich des erfolgreichen Pariser Pianisten Simon Nardis vergangen. "Nie wieder Jazz" - das war sein Schwur, als ihn Suzanne aus dem Alkohol-und-Drogen-Sumpf der Clubs gerettet hatte. Mit ihr lebt er seither als Ingenieur in geregelten Bahnen. Bis zu jenem Tag, als es ihn in die Provinz verschlägt, ans Meer. Nach Reparaturarbeiten in einem Industriebetrieb bleibt noch Zeit bis zum Abendzug nach Paris. Mit einem Kollegen geht Simon auf ein letztes Glas in den einzigen Jazz-Club am Ort - und verpasst den Zug.

Christoph Vormweg

Christian Gailly, "Ein Abend im Club", Coverausschnitt (Berlin Verlag)
Christian Gailly, "Ein Abend im Club", Coverausschnitt (Berlin Verlag)

Die Ironie des Schicksals oder die Macht des Zufalls: für mich ist das dasselbe. Es geht hier um einen Zufall, der so starke Auswirkungen hat, dass er ironisch wirkt. Ich wollte zeigen, dass man im Grunde nie wirklich das tut, was man will. Die Frage der Berufung: Man denkt für etwas geschaffen zu sein, und dabei ist man es, wie ich in meinem Roman zeige, für etwas anderes. Selbst wenn man auf seiner Überzeugung beharrt, können einen Zufälle vom Weg abbringen, aus der Bahn werfen, einen zwingen, seine Vorhaben aufzugeben.

In wenigen Stunden bricht Simons künstlich aufgesetzter Le-bensentwurf in sich zusammen. Seine Leidenschaft für die Jazz-Musik sprengt die Sicherheitsraster der Vernunft, die spontane Liebe zur Club-Besitzerin lässt ihn die vermeintlichen Geborgenheitsgarantien des Ehehafens aufs Spiel setzen. Es sind zweifellos eigene Erfahrungen, die Christian Gailly in seinem Roman "Ein Abend im Club" verarbeitet. Denn bevor er Psychoanalytiker und später Schriftsteller wurde, hat er sich als Jazz-Saxofonist durchgeschlagen.

Das spiegelt sich, wie schon in seinem Roman Bebop, in der Musikalität seiner Prosa, in ihrer Verspieltheit, ihrem Variantenreichtum, ihren Ironien. Christian Gailly sieht sich hier ganz in der Tradition seines Verlages, der Pariser Éditions de Minuit, wo einst Samuel Beckett und viele Vertreter des sogenannten nouveau roman entdeckt wurden und wo seit den 80er Jahren Autoren wie Jean Echenoz und Jean-Philippe Toussaint den Ton angeben.

Gemeinsam ist ihnen vor allem das Spiel mit den Konventionen des Erzählens. So ist Eine Nacht im Club auch eine verdeckte Parodie auf den "allwissenden Erzähler". Denn nicht Simon Nardis erzählt seine Erlebnisse, sondern sein Freund und einstiger Trauzeuge, der eigentlich Schriftsteller werden wollte, aber Maler geworden ist. Seine Sprunghaftigkeit, seine Neigung zur Willkür verwandelt die emotionsgeladene Geschichte in eine subtile, anspielungsreiche Tragikomödie, in ein Konzert ironischer Zwischentöne.

Die Ironie ist eher der Humor der Verlierer - ganz im Gegensatz zum aristokratischen Humor, der in einer Siegerhaltung gründet, ganz gleich, wie dramatisch die Umstände sind. Wer einen aristokratischen Humor hat, gibt nicht auf, nicht einmal im Angesicht des Todes. Der Ironiker dagegen ist eher ein Dauerverlierer, er neigt zur Verbitterung, zur Traurigkeit, zur Melancholie, er verspottet sich selbst. Die Ironie ist wirklich sehr präsent in meinen Büchern. Sie ist eine Instanz, die mich sowohl vor allzu heftigen Gefühlsaufwallungen schützt als auch vor den Auswüchsen des Lächerlichen. Ich greife auf die Ironie zurück, um eine Bremse, etwas Mäßigendes zu haben. Sie mildert die Dinge ab, macht sie leichter.

Der Reiz von Christian Gaillys Roman Ein Abend im Club liegt gerade in den altersmelancholischen Nuancen. Denn Simon Nardis, der in die Jahre gekommene Ex-Pianist, will es nicht nur sich, sondern auch der Jugend noch einmal zeigen, die seinen Stil so perfekt zu kopieren versteht. Noch einmal lässt er sich von den eigenen Improvisationen mitreißen, vom Alkohol, von einer neuen Liebe. Das Risiko, am Ende vielleicht alleine dazustehen, nimmt er in Kauf. Denn das Abstreifen der Zwangsjacke des Vernünftigseins gleicht einem Rausch.

Christian Gailly, der in diesem Jahr 60 geworden ist, hat diesem Rausch einen ganz eigenen Rhythmus gegeben: mal besinnlich, mal furios, mal komisch, mal gebrochen. Ob sein Roman den Rückfall eines Süchtigen beschreibt oder Simons Wiedergeburt - diese Frage hält er bis zuletzt in der Schwebe. Überraschungen jedenfalls, so der Tenor des Romans, gibt es auch im Alter: wenn man nur bereit ist, sich ihnen zu öffnen.

Christian Gailly
Ein Abend im Club
Berlin Verlag, 142 S., EUR 16,-

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