• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kultur nach 3
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturEin Vordenker für Deutschland11.07.2011

Ein Vordenker für Deutschland

Bodo Morawe: "Citoyen Heine. Das Pariser Werk." Aisthesis Verlag

1830, im Alter von 33 Jahren, ging Heinrich Heine nach Paris. Trotz der steten Sehnsucht nach Deutschland kehrte er nie wieder dauerhaft in seine Heimat zurück. Heines Pariser Jahren hat der Journalist Bodo Morawe ein zweibändiges Werk gewidmet.

Von Cordula Echterhoff

Heinrich Heine - skizziert von Ludwig Emil Grimm im Jahr 1827.  (AP Archiv)
Heinrich Heine - skizziert von Ludwig Emil Grimm im Jahr 1827. (AP Archiv)

Wenn die Franzosen in dieser Woche auf der Champs Elysée wieder ihre Militärparaden abhalten, dann feiern sie nicht den Sturm auf die Bastille. Und auch nicht die Revolution. Was sie feiern, ist der 14. Juli 1790 – das Föderationsfest, ein Jahr später. Das Fest für Einheit und Freiheit: Ein Zeichen für das erwachende Selbstbewusstsein der Franzosen. Wäre der deutsche Schriftsteller Heinrich Heine zu diesem Zeitpunkt schon in Paris gewesen, hätte er die neue Einheit wohl nicht so bejubelt wie es die Franzosen taten. Denn sie wäre ihm nicht weit genug gegangen - schließlich träumte er von einer Universalrevolution.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - die während der französischen Revolution proklamierten Menschenrechte - ein entscheidender Schritt auf dem Weg dahin. Und dafür wurde 1831 immer noch gekämpft. Da hatte sich Heine dazu entschieden, fortan in Paris zu leben. Und so revoltierten ein Jahr später die französischen Republikaner wieder; dieses Mal gegen den amtierenden König Louis Philipp. Nicht nur aus Heines Sicht ein absolutistischer Tyrann, der die Volkssouveränität sträflich missachtete.

"Heine wird heute ein bisschen bagatellisiert. Der ist Liebkind für jedermann. Der ist keine Provokation mehr. Seinem Wesen nach ist er aber eine Provokation gewesen. Und man muss einfach diese subversive Energie, die in dem Text verborgen ist und die vermittelt ist mit dem Zeitkontext, dies muss man wieder deutlich machen, um Heine gerecht zu werden."

In seinem zweibändigen Buch "Citoyen Heine" widmet sich der Journalist Bodo Morawe den Schriften, die Heinrich Heine zwischen 1831 und 1856 in Paris verfasst hat. Und auch wenn sie unterschiedliche, disparate Werke umfassen: Für Bodo Morawe können sie trotzdem als ein Werk gelesen werden - mit einer Programmatik. Denn Heine sah sich stets der Revolution verpflichtet, berichtete als Journalist für die Augsburger Allgemeine Zeitung von den Aufständen in Frankreich. Sein Ziel: Auch im rückständigen Deutschland einen "réveil de la vie politique" – ein politisches Erwachen – zu bewirken. Und die Zeichen standen gut. Denn auch in Deutschland hatte sich eine nationalliberale, demokratische Opposition formiert, die immer lauter nach Verfassungen in den Ländern des Deutschen Bundes verlangte. Im Mittelpunkt aller gesellschaftlichen Veränderungen – für Heine stets der Citoyen, der mündige Bürger, der selbstdenkend sein Recht auf Widerstand ausübt. Genau dieser Unterschied von Untertanen und Citoyen ist für Bodo Morawe entscheidend:

"Der Untertan ist derjenige, der unterwürfig ist, der kriechende Mensch, der kein Selbstbewusstsein hat, der nicht kritisch denken kann. Und der Citoyen ist derjenige, der im Sinne der französischen Revolution und im Sinne des französischen Jakobinismus den Anspruch erhebt, selbst bestimmen zu können."

Und diesen Geist des Citoyen will Heine mit seinen Worten hervorrufen, um autoritäre Strukturen zu zersetzen, so die These Bodo Morawes. Das Werk Heines ist – laut Autor - nur zu verstehen, wenn es in den Kontext seiner Zeit gerückt werde. Dabei zeigt er detailliert auf, wie sich die Gedanken der französischen, radikalen Republikaner und die der radikalen Aufklärer in Heines Pariser Werk wiederfinden. Den vom Jakobiner Maximilien Robespierre während der französischen Revolution reklamierten Menschenrechte fügt Heine mit der radikalen Pariser Linken das Recht zu essen und zu wissen hinzu. Denn für ihn soll die Befreiung nicht nur eine politische, sondern auch eine soziale sein; alle Lebensbereiche umfassen und das Ende der Ausbeutung beinhalten. Das Volk habe ein Recht auf Widerstand. Es ist die Masse, die handeln solle. Und die Voraussetzung für deren Aufstand ist für Heine das Ende des Glaubens.

"Die Vernichtung des Glaubens an den Himmel hat nicht bloß eine moralische, sondern auch eine politische Wichtigkeit: Die Massen tragen nicht mehr mit christlicher Geduld ihr irdisches Elend und lechzen nach Glückseligkeit auf Erden."

Heine ist Schnittstelle. Vordenker für Deutschland. Den politischen Radikalismus, der in Paris frei flottiert, trägt er in seinen Schriften zurück in sein Heimatland. Die Frühsozialisten, Marx, Nietzsche müsse man in dieser Traditionslinie sehen, so Morawe. Manche ihrer Gedanken seien von Heine vorweggenommen. Nur, so konsistent sich die Programmatik Heines hier auch anhört, in seinem Werk ist sie es nicht. Vieles ist da doppeldeutig, fragmentarisch, widersprüchlich und oft anders ausgelegt worden, als dies Bodo Morawe tut. Der Autor erklärt:

"Heine ist unter den Bedingungen der Zensur gezwungen, den herrschenden Anschauungen Rechnung zu tragen, um als programmatischen Subtext das zu transportieren, worauf es ihm im wesentlichen angekommen ist. Das ist für mich auch die eigentliche Intention, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Weil ich glaube, dass dieser Rätselcharakter aufgelöst werden muss. [ ... ]"

Und so widmet Bodo Morawe den zweiten Teil seines Werkes der Poetik Heines. Er zeigt auf, wie der mit Verschleierungen, Dopplungen, Appellen und Dementis operiert, um das zu transportieren, was er wegen der in Deutschland herrschenden Zensur nicht offen aussprechen kann. Es ist das Verdienst Morawes, eine Fülle an Querverweisen und Anspielungen zusammen getragen zu haben, um so sein Bild von dem programmatischen, revolutionären Heine zu belegen. Die Ideen der Zeit bis ins Kleinste durchforstet zu haben auf Parallelen, die sich im Werk Heines finden. Und in der Tat gelingt es dem Autor, die Gedanken Heines in all ihrer Sprengkraft deutlich zu machen. Leider gelingt es Morawe weniger, mit der Wucht seiner eigenen Schrift zu überzeugen. Denn angesichts der Größe seines Vorhabens verläuft er sich an vielen Stellen in der Methodenvielfalt der Germanistik. Dem Phänomen Heine als Citoyen nähert er sich in Schleifen. Ein schöner schlanker Text, weniger redundant und mit mehr Mut zur Fußnote, hätte dem hier geballten Wissen mehr Struktur verliehen und die zentralen Thesen des Buches klarer herausgearbeitet. Doch das wird wohl die Arbeit der nachfolgenden Heine-Experten sein. Die Grundlage ist gemacht.

Bodo Morawe: "Citoyen Heine. Das Pariser Werk"
Band 1: "Der republikanische Schriftsteller". 402 Seiten,38 Euro, ISBN:
78-3-89528-766-4

Band 2: "Poetik, Programmatik, Hermeneutik"
430 Seiten, 38 Euro, ISBN: 978-3-89528-775-6
Aisthesis Verlag

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk