• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:05 Uhr Kalenderblatt
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEin Zustand zwischen Leben und Tod18.07.2013

Ein Zustand zwischen Leben und Tod

Ethik-Forum stellt die Hirntod-Diagnose auf den Prüfstand

Forscher befassen sich seit Langem mit der Frage, ob der Hirntod gleichzusetzen ist mit dem Tod eines Menschen. Ein Diskussionsforum in Bonn zeigt: Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.

Von Ingeborg Breuer

Wann ist ein Mensch tot?, fragten sich die Forscher. (picture alliance / dpa / Sami Belloumi)
Wann ist ein Mensch tot?, fragten sich die Forscher. (picture alliance / dpa / Sami Belloumi)

Seit der Antike, führte Professor Daniel Schäfer vom Kölner Institut für Geschichte und Ethik der Medizin aus, beschäftigten sich die Menschen damit, wo der Sitz des Lebens sei. Im Herzen, lautete die naheliegende Antwort, denn das ist sinnlich greifbar.

"Auch war zu sehen, dass das schlagende Herz entscheidend ist für das Leben. Und wenn das Herz nicht mehr schlägt, wenn man den Puls nicht mehr spürt, dass dann das Leben aufhört."

Wenn das Herz zu schlagen aufhört, stirbt der Mensch. Es folgen Leichenstarre, Blässe, Totenflecken, der Körper verfällt. So erfahren Menschen seit Urgedenken den Tod. Doch Ende der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts brachten die Fortschritte der Medizin ein neues Phänomen hervor. Da gab es Menschen, deren Gehirnfunktionen vollständig ausgefallen waren. Unter "natürlichen" Umständen bedeutete das zugleich den Stillstand aller Herz- und Kreislauftätigkeit. Mit künstlichen Beatmungsgeräten allerdings konnte man das verhindern.

Anders gesagt: Das Hirn ist tot, das Herz schlägt – intensivmedizinisch manipuliert - weiter. Eine neues Todeskriterium war entstanden: der Hirntod. Man braucht es, wenn man einem Menschen Organe entnehmen will, um das Leben eines anderen schwer kranken Menschen zu retten. Denn dazu muss der Spender tot sein – zugleich aber muss sein Herz-Kreislauf-System weiter funktionieren.

"Die Transplantationsmedizin entwickelte sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es gab die erste Nierentransplantation. Es gab die Frage: Kann man auch von Leichen lebensfrische Organe entnehmen, um auch die Probleme der Lebendspende zu umgehen, die ja sowieso beim Herz völlig unmöglich ist. Und deshalb ging man quasi auf diese Überlegung, dass ein Hirntodkriterium notwendig sein wird."

Seitdem es die Hirntoddiagnose gibt, sind die Diskussionen darüber nicht verstummt. Sie diene nur der Organbeschaffung, so der Philosoph Hans Jonas bereits in den 70er-Jahren, der Hirntote sei gar nicht "richtig" tot. Und äußerlich unterscheidet sich ein künstlich beatmeter Hirntoter nicht von einem tief bewusstlosen Menschen. Seine Haut ist rosig, er kann erröten oder schwitzen, die Brust hebt und senkt sich durch künstliche Beatmung. Erst nach Organentnahme, wenn alle Geräte abgeschaltet werden, kommt es zum Erlöschen aller vitalen Funktionen. Professor Dieter Sturma, Direktor des Instituts für Wissenschaft und Ethik in Bonn:

"Die Brisanz liegt darin, dass wir eine Hirntoddiagnose haben, gleichzeitig aber rein phänomenologisch einen Körper vor Augen haben, der noch lebt und bei dem der Desintegrationsprozess noch nicht eingesetzt hat. Das ist ja typisch, auf den Tod zu schauen, der Tod wird festgestellt und der Verfall setzt ein und das ist unter den Bedingungen moderner intensivmedizinischer Versorgung eben nicht der Fall."

Und dennoch: Allem Schein des Lebendigen zum Trotz sei der Hirntote tot, eine Leiche, so der naturwissenschaftlich-medizinische Befund. Professor Gereon Fink, Direktor der Klinik für Neurologie an der Uniklinik Köln:

"Der Hirntod ist der irreversible Ausfall aller Funktionen unseres Gehirns einschließlich des Hirnstamms. Er kann eindeutig festgestellt werden. In den meisten Ländern unserer Erde ist der Hirntod akzeptiert als der Zeitpunkt, an dem ein Individuum tot ist. Ich als Neurologe und Naturwissenschaftler teile diese Ansicht. Wenn mein Gehirn tot ist, dann mag noch ein Teil meines Körpers funktionieren, für mich ist es so, wenn mein Hirn tot ist, bin ich auch tot."

Eine Neubelebung erfuhr die Debatte um den Hirntod vor einigen Jahren durch ein Grundlagenpapier des amerikanischen President’s Council, dem US-Pendant zum deutschen Ethikrat. Neue bildgebende Verfahren, so hieß es da, gäben Hinweise darauf, dass sich bei einigen vermeintlich Hirntoten durchaus noch Aktivitäten in einzelnen Arealen des Gehirns finden ließen. Und zudem könne - anders als bislang angenommen – der Körper eines Hirntoten bei massiver apparativer Unterstützung noch geraume Zeit weiter funktionieren. Gereon Fink sieht solche Einwände skeptisch:

"Ein westlicher Teil der Debatte ist befeuert worden durch Missverständnisse. Wenn man sich die Veröffentlichungen anschaut, die so viel Aufsehen erregt haben, dann muss man unterscheiden zwischen Personen, die gar nicht hirntot waren, wo man dann noch teilweise Hirnaktivität nachgewiesen hat, beziehungsweise auch Personen, die durchaus hirntot gewesen sind, wo aber zum Beispiel noch Reflexe erhalten sind, also Reflexe, die zum Beispiel rein durch das Rückenmark weiter gegeben werden, die nichts mit den Kriterien des Hirntods zu tun haben."

Doch die Diskussion darüber, wie tot der Hirntote ist, geht vor allem bei Bioethikern weiter. Ist er vielleicht ein irreversibel Sterbender, wie der evangelische Theologe Professor Peter Dabrock in Bonn ausführte? Dies allerdings würde zu erheblichen juristischen Problemen führen. Denn eine Organentnahme darf ja nur bei einem Toten erfolgen. Andere Bioethiker schlagen deshalb vor, diese "Tote-Spender-Regel" aufzuheben, da es ja auch für einen irreversibel Sterbenden keinen Weg zurück ins Leben gebe. Auch der Philosoph Professor Dieter Birnbacher plädierte eine Weile für die Aufhebung dieser Regel, nimmt aber mittlerweile aus juristischen Erwägungen Abstand davon.

"Ich tendiere gegenwärtig dazu, es bei der Hirntoddefinition, wie wir sie gegenwärtig haben, zu lassen. Nur um den Eindruck zu zerstreuen, dass es sich hier um eine wissenschaftlich belegte oder auch nur belegbare Setzung handelt. Sondern mein Vorschlag ist ganz offen, von einer pragmatisch motivierten, also politisch gewollten Festsetzung zu sprechen."

Letztlich ist die Frage, ob es ein Sterbender oder ein Toter ist, dem die Organe entnommen werden, eine Frage der Interpretation und der gesellschaftlichen Konvention. Eine Tatsache ist dagegen, dass Organspende für Schwerstkranke ein Segen ist. Das sehen auch die meisten so, die sich kritisch mit dem Hirntod auseinandersetzen. Insofern, so Dieter Sturma, müsste man der Diskussion um den Hirntod auch noch eine andere Wendung geben.

"Im Zentrum muss natürlich der naturwissenschaftliche Befund stehen und der ist mit dem Hirntodkriterium gegeben. Und man muss natürlich auch bei der Diskussion etwas bedenken, was bei den vielen abwehrenden Diskussionen zu kurz kommt. Es kann ein durchaus sinnvoller ethischer Zug sein zu sagen, zum Lebensende möchte ich, dass mein Ableben in irgendeiner Hinsicht nützlich ist für die Leidensverminderung anderer. Und wenn man das mit bedenkt, glaube ich auch, dass viele Kontroversen ganz pragmatisch geführt werden können."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk