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"Eine absolute Fünf-Sterne-Luxusproduktion"

Debussys "Pelléas et Mélisande" an der Oper Frankfurt

Fragen von Stefan Koldehoff an Jörn Florian Fuchs

Blick auf die Oper Frankfurt
Blick auf die Oper Frankfurt (Rui Camilo)

Die Inszenierung von Friedemann Layer und Claus Guth von Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" sei phänomenal gut, meint Kulturkritiker Jörn Florian Fuchs. Das Orchester harmonisiere perfekt mit den Szenen und streiche klanglich das Rätselhafte an den Figuren heraus. Seine Empfehlung: Hingehen, unbedingt!

Stefan Koldehoff: Irgendwann ging's gar nicht mehr um die Musik, sondern um die Frauen. Maurice Maeterlinck, von dem die Textvorlage zur Oper "Pelléas et Mélisande" stammte, wollte in der weiblichen Hauptrolle seine junge Ehefrau sehen. Claude Debussy als Komponist hatte aber einer anderen Besetzung zugestimmt – und was folgte waren ein früher Medienkrieg mit Vorwürfen der Textverfälschung und eine Generalprobe, bei der Maeterlinck-Anhänger, als Mélisande auf der Bühne "Ich bin nicht glücklich" sang, höhnisch antworteten: "Wir auch nicht". Nach der Premiere zwei Tage später gab es dann allerdings ausverkaufte Aufführungen über Monate. Ob das nun auch an der Oper Frankfurt der Fall sein könnte, das möchte ich gern von Jörn Florian Fuchs wissen. Herr Fuchs: Gestern Abend war Premiere der Inszenierung von Friedemann Layer und Claus Guth. Wie geht man denn in Frankfurt mit dem 110 Jahre alten mystischen, symbolistischen Stoff um Eifersucht und unerfüllte Liebe um?

Jörn Florian Fuchs: Wer den Namen Claus Guth hört und dann auch noch liest, Christian Schmidt Bühnenbild, wie üblich dieses Team, das hier zusammengearbeitet hat wieder in Frankfurt, der weiß schon, dass wir keine Märchen- und Zauberwelt hier erleben, sondern es gibt ein mehrstöckiges Haus mit vielen Zimmern, mit Gängen, mit Fluchten, mit alten Möbeln eingerichtet, etwas altertümlich sind die Figuren auch gekleidet. Und dieses Haus, das ist auf einer Drehbühne. Das heißt, es wird immer mal das eine oder andere Zimmer fokussiert, beleuchtet, manchmal gibt es auch Parallelhandlungen. Außerhalb dieses großen Gebildes herrscht wirklich rabenschwarze Nacht. Da sind dann Pelléas und Mélisande des Öfteren draußen in dieser Nacht und es regnet einfach nur ein paar Blätter vom Himmel, wobei ich denke, dieser Baum, der muss eigentlich schon im Jenseits stehen wahrscheinlich.

Koldehoff: Zwei Brüder, eine Frau – das sind die Hauptakteure in dieser Oper. Wie sind sie besetzt und wie wurden die Rollen umgesetzt?

Fuchs: Sie sind phänomenal gut besetzt durch Christian Gerhaher und Christiane Karg, zwei Rollendebüts. Gerhaher, der ja eigentlich eher als ein Liedsänger bekannt ist und hier wirklich einen Rollenwechsel macht, der die ganze melancholische Tiefe, die es für diese Partie braucht, wirklich hat, Christiane Karg ebenfalls sehr überzeugend, und sie sind einerseits dargestellt durch die Regie sehr konkret. Man hat eigentlich zwei Figuren mit psychischen Defekten: Mélisande, die ein bisschen lasziv ist, die auch Interesse an Fesselspielen offenkundig hat und auf der anderen Seite traumverloren immer in die Dämmerung, ins Nichts starrt, Pelléas, der autistisch ist, den man nicht genau zuordnen kann, wie auch übrigens die anderen Figuren in dieser Inszenierung alle psychische Defekte haben, vielleicht Borderliner auch sind weitestgehend, der kleine Junge irrt immer durch die Gegend auch noch. Aber – und das ist der eigentliche Kunstgriff von Claus Guth, der wirklich phänomenal ist: Es gibt immer ein etwas Mehr. Das Rätselhafte, dass die Figuren doch nicht in psychischen Defekten aufgehen, das wird durch Lichtwechsel, durch zeitlupenhafte Geschichten dort, durch eine gewisse Skulpturalität in dieser Inszenierung immer wieder dargestellt, sodass wir das Konkrete und das Abstrakte in einer wunderbaren Balance haben. Jetzt müssen wir aber unbedingt mal hören, wie dieses wirkliche Traumpaar gesungen hat in Frankfurt:

O-Ton Musik:

Koldehoff: Das ist, Herr Fuchs, eine interessante Interpretation, den Symbolismus, also die Darstellung des Nichtsichtbaren in der Kunst, als psychischen Defekt zu interpretieren. In welcher Weise kann ein Orchester zu so was beitragen?

Fuchs: Ja man braucht einfach diesen ganz organischen Klangfluss, die vielen Farben und den Duft, den diese Partitur hat. Den muss ein Orchester umsetzen, und das ist durch Friedemann Layers Dirigat wirklich perfekt gelungen, wenn man von den ersten 15 bis 20 Minuten absieht, wo mir das ein bisschen zu blockhaft war. Dann hat sich dieser Klangfluss eingestellt und er harmonierte perfekt zur Szene, die ja wie gesagt nicht nur jetzt reduziert auf den psychischen Konflikt, sondern auch so einen Schwebezustand letztendlich realisiert. Ich denke, das ist wirklich die mit Abstand stärkste Arbeit von Claus Guth und Christian Schmidt in den letzten Jahren und es ist in der Harmonie jetzt noch mit der musikalischen Gestaltung, auch den anderen Sängern, die alle sehr, sehr gut besetzt sind, muss ich wirklich sagen, eine absolute Fünf-Sterne-Luxusproduktion, die man in Frankfurt hat. Das ist in einem Wort eine Empfehlung: Hingehen unbedingt.

Koldehoff: Das heißt, das, was bei der Premiere stattgefunden hat, monatelang ausverkauftes Haus, würde man sich hier auch wünschen?

Fuchs: Ja. Ich denke, auch der Run auf die Karten wird in Kürze einsetzen – einfach, weil wir diese beiden Stars jetzt haben -, und ich denke, dass ich nicht der Einzige bin, der das so positiv bewertet.

Koldehoff: Pelléas und Mélisande von Debussy an der Frankfurter Oper – Jörn Florian Fuchs war das und offensichtlich begeistert. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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