• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:10 Uhr Marktplatz
StartseiteBüchermarktEine deutsch-französische Freundschaft23.10.2008

Eine deutsch-französische Freundschaft

Pascale Hugues: Marthe und Mathilde. Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland, Rowohlt Verlag

Die in Straßburg geborene Autorin Pascale Hugues schildert in "Marthe und Mathilde" die Freundschaft ihrer Großmütter. Fast ein Jahrhundert verbrachten die beiden im elsässischen Colmar, mussten die abwechselnde Besetzung der Region durch Deutsche und Franzosen ertragen. - Ein sehr anrührendes, sehr persönliches Buch, das Familiengeschichte mit der "großen" europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts geschickt verknüpft.

Von Günter Beyer

Von Freundschaft, die trotz der Widrigkeiten der Geschichte überdauert, erzählt der Roman "Marthe und Mathilde". (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Von Freundschaft, die trotz der Widrigkeiten der Geschichte überdauert, erzählt der Roman "Marthe und Mathilde". (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die beiden Frauen sind keine berühmten Politikerinnen. Sie haben keine Karriere gemacht als Wissenschaftlerinnen oder Künstlerinnen. Aber: Marthe und Mathilde sind zwei Freundinnen, in deren Lebensläufen sich die Geschichte Deutschlands und Frankreichs und vor allem die des Zankapfels Elsass wie in einem Brennglas bündelt. Marthe und Mathilde wurden beide 1902 geboren. Fast ein Jahrhundert lebten sie im elsässischen Colmar, wo sie auch beide im selben Jahr 2001 gestorben sind.

Erzählt wird ihre Geschichte von ihrer gemeinsamen Enkelin, der in Berlin lebenden Journalistin Pascale Hugues. Ihr Buch, schreibt Hugues, sei auch eine Hommage an eine sehr französische Einrichtung: das Mittagessen.

"Diese Mittagessen, das war mindestens einmal die Woche, und das dauerte vier, fünf Stunden. Immer bei Marthe, Mathilde war ein bisschen die Prinzessin in der Familie, also hat Marthe gekocht und Mathilde hat die Konversation gemacht. Aber es ist auch ein Ort, diese Mittagessen, wo diese Familiengeschichten, also die Alten sprechen und die Jungen spielen, und peu à peu, wenn man größer wird, hört man mehr zu, versteht man mehr. Ich glaube, hätten diese Mittagessen nicht stattgefunden, dann hätte ich diese ganzen Geschichten nicht gesammelt."

Mathildes Vater Karl Georg Goerke war ein Deutscher aus Memel und verdiente sein Geld als Vertreter für Champagner und Kaffee. 1906 siedelte er mit seiner Brüsseler Frau und zwei Töchtern nach Colmar über. Das sogenannte "Reichsland Elsass-Lothringen" war nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 vom Wilhelminischen Reich annektiert worden.

"Wie viele Deutsche hat mein Urgroßvater gedacht: Im Elsass gibt es Hoffnung für einen neuen Start, es ist ein großer Markt, also: Man hat Frankreich, man hat die Schweiz, hat Deutschland, es ist eine sehr reiche Region immer gewesen, und der hat sich erhofft, zu viel Geld zu kommen oder ein schönes Leben zu haben."

In Colmar mietet er eine Wohnung in bester Lage bei den Eltern von Marthe.

"Marthe kommt aus einer richtig, richtig elsässischen Familie. Der Vater war Lehrer, Französischlehrer, Henri Réling, und hat immer, auch in der Zeit, als das Elsass deutsch war, französisch mit seinen Töchtern gesprochen. Das war ihm sehr, sehr wichtig."

Als Mathilde bei Marthe einzieht, sind die Mädchen vier Jahre alt. Die Nachbarskinder freunden sich an, werden schier unzertrennlich. Doch der erste Weltkrieg stellt die Freundschaft auf eine harte Probe. Deutsche und Franzosen stehen einander unversöhnlich gegenüber. 1918 ziehen die Franzosen als Sieger in Colmar ein, Elsass-Lothringen wird wieder französisch. Die deutsche Oberschicht - Beamte, Offiziere - muss Colmar verlassen.

"Man nennt das im Elsass 'l´éblouissement patriotique', patriotische Verblendung, und in diesem Klima hat man angefangen, die Deutschen rauszuwerfen. Die hatten drei Tage, um das Land zu verlassen, dreißig Kilo Gepäck und ein bisschen Geld. Als die Deutschen gingen, kamen viele Elsässer, haben die Deutschen gespuckt und mit Pferdeäpfeln beworfen."

Sehr genau hat Pascale Hugues die Ausweisung der Deutschstämmigen recherchiert, sie zitiert die barschen Anweisungen des Präfekten, die Zeitungsannoncen, in denen die als Deutsche klassifizierten Elsässer versuchen, ihr Hab und Gut zu Geld zu machen. Mathildes Familie darf nur bleiben, weil sich Marthes Vater, der frankofone Vermieter und Freund in einer Person, für sie einsetzt.

"Der Vater war der erste, der in die Präfektur gegangen ist und hat für seinen Nachbarn und alten Freund Herr Goerke gesprochen und gesagt: 'Das ist ein anständiger Bürger, der ist nie frankreichfeindlich gewesen, der hat seine Miete immer bezahlt und der sollte hier bleiben.'"

In den zwanziger Jahren heiraten die Freundinnen zwei Franzosen: Marthe einen Offizier, Mathilde einen Ofenfabrikanten. Marthes Sohn Pierre wird nach dem Zweiten Weltkrieg Mathildes Tochter Yvette heiraten, die beiden sind die Eltern der Autorin Pascale Hugues.

Zuvor aber wiederholt sich die Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen: 1940 ziehen deutsche Soldaten ins Elsass ein, für vier Jahre gehört die Region zu Hitlerdeutschland. Deutsch wird wieder Amtssprache, Mathildes Tochter Yvette wird umgetauft und heißt nun offiziell Margarete Marie Magdalena. Marthe dagegen, die ihren Offiziersgatten bei Kriegsbeginn verloren hatte, muss mit ihren beiden kleinen Söhnen Colmar verlassen. Wieder sind es dreißig Kilo Gepäck, die die Vertriebenen mitnehmen dürfen ins von der Wehrmacht besetzte Frankreich.

Leider erfahren wir nicht, wie Mathilde, die Großmutter mit den deutschen Wurzeln, die Re-Germanisierung des Elsass erlebt hat. Für ihre deportierte Freundin Marthe jedenfalls hat sie sich offenbar nicht eingesetzt.

"Ich hab sie nicht richtig gefragt, und ich habe mich selbst gefragt: War sie irgendwo auch froh, dass die Deutschen wieder da waren 1940? Hat sie realisiert, was für ein Regime das war?"

1945 kehrt Marthe mit ihren Söhnen nach Colmar zurück und wird von den Nachbarn begeistert empfangen. Zwei Weltkriege, vier Nationalitäten haben die Frauen erlebt. Für die deutschstämmigen Elsässer wie Mathilde sind die Umstände der Nachkriegsjahre äußerst heikel. Viele Franzosen betrachten sie als Kumpane der Nationalsozialisten. Unvergessen bleibt, dass junge Elsässer völkerrechtswidrig zur Wehrmacht eingezogen wurden.

"Die Geschichte des Elsass ist sehr, sehr schmerzvoll, sehr schizophren, sehr kompliziert. Also wahrscheinlich die Region in Frankreich, die die komplizierteste Geschichte hat."

Pascale Hugues, 1959 in Straßburg geboren, ist ein sehr anrührendes, sehr persönliches Buch über den gelebten Alltag, aber auch über Tabus und Schattenseiten der liaison franco-allemande gelungen. Darin wird Familiengeschichte mit der "großen" europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts geschickt verknüpft. Liebevoll, oft mit feinem Humor, folgt sie der fast hundertjährigen Freundschaft ihrer Großmütter, ohne zu beschönigen oder zu idealisieren.

Pascale Hugues: Marthe und Mathilde. Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland
Deutsche Übersetzung von Lis Künzli
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 287 Seiten

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk