• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteBüchermarktEine Gesellschaft von Psychopathen30.06.2008

Eine Gesellschaft von Psychopathen

"Roter April" von Santiago Roncagliolo

Der Alfaguara-Preis, der alljährlich vom gleichnamigen Verlagshaus in Madrid für ein spanischsprachiges Prosawerk vergeben wird, gehört mit 148.000 Euro zu den höchstdotierten Literaturpreisen. 2006 ging der Preis an den bis dahin kaum bekannten peruanischen Autor Santiago Roncagliolo. Der 1975 geborene Schriftsteller, der heute in Barcelona lebt, war außerdem der jüngste Träger des Alfaguara-Preises. Ausgezeichnet wurde er für seinen Roman "Roter April", einen düsteren Politthriller über Ermittler, die Morde nicht aufklären wollen, und über den Bürgerkrieg im Peru der 80er Jahre.

Von Wera Reusch

"Ich wollte keinen Roman schreiben, der den Lesern erklärt, was sie glauben sollen, sondern einen, der zeigt, wie schwierig es ist, jemand zu glauben, wenn Krieg herrscht." (Stock.XCHNG / Pat-swan)
"Ich wollte keinen Roman schreiben, der den Lesern erklärt, was sie glauben sollen, sondern einen, der zeigt, wie schwierig es ist, jemand zu glauben, wenn Krieg herrscht." (Stock.XCHNG / Pat-swan)

Als Staatsanwalt Félix Chacaltana 1999 aus der Hauptstadt Lima in seine Heimatstadt Ayacucho zurückkehrt, erhofft er sich ein ruhiges Leben in der Provinz, denn der Krieg zwischen der maoistischen Guerilla und der peruanischen Regierung ist vorbei. Vor allem will er wieder bei seiner Mutter leben. Die ist zwar schon tot - doch hindert ihn dies nicht daran, ihr allmorgendlich die Kleider zurechtzulegen und ständig Zwiesprache mit ihr zu halten. Dies ist jedoch nicht die einzige Schrulle des Staatsanwalts: Er ist ein Paragraphenreiter, dem jeder Sinn für die Realität zu fehlen scheint. Eine rätselhafte Mordserie zwingt Chacaltana jedoch, seine Amtsstube zu verlassen und sich in der Provinz, die einst die Hochburg der Guerilla war, auf Spurensuche zu begeben. Santiago Roncagliolos Roman "Roter April" beginnt wie ein klassischer Krimi: Ein Ermittler versucht, einen Serienkiller zu finden. Der Verlag spricht von einem Politthriller vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs. Doch greift dies zu kurz. Tatsächlich benutzt der Autor das Genre, um sich mit dem bewaffneten Konflikt zwischen Regierung und "Leuchtendem Pfad" in den 80er Jahren zu beschäftigen.

" Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die vom Terrorismus stark in Mitleidenschaft gezogen war. Es gab ständig Stromausfälle aufgrund von Sabotageakten, es gab Ausgangssperren und Bomben. Explosionen waren für uns ein vertrautes Geräusch. Und es gab sehr viele Tote. Wir sind in dem festen Glauben groß geworden, dass der Terrorismus bedrohlich, tödlich und verabscheuungswürdig sei. Erst später, als sich die Situation beruhigt hatte, stellten wir fest, dass die Mittel des Staates im Kampf gegen den Terrorismus nicht viel besser waren. "

Roncagliolos Protagonist Chacaltana spiegelt diese Erfahrung in gewisser Weise wider. Die bizarr verstümmelten Leichen, mit denen er sich konfrontiert sieht, sollen offenbar eine Botschaft vermitteln. Er vermutet, dass versprengte Reste der Guerilla hinter den Morden stehen, doch wollen ihn weder Polizei, noch Militär und Geheimdienst bei der Aufklärung unterstützen, denn offiziell ist die ehemalige Unruheprovinz befriedet, die Guerilla aufgelöst.

" Staatsanwalt Chacaltana stellt sich dumm. Er ist möglicherweise der einzige Ermittler in der Literatur, der alles daran setzt, nicht zu ermitteln, die Fakten nicht zur Kenntnis zu nehmen. Er glaubt an das Gesetz, er glaubt, für die Guten zu arbeiten, da er für den Staat arbeitet. Doch dann stellt er fest, dass die Guten gar nicht so gut sind. Und er kann immer weniger zwischen Gut und Böse unterscheiden. "

Chacaltana befasst sich nur widerwillig mit dem Erbe des Krieges - mit den ungesühnten Verbrechen beider Seiten. Jeder könnte der Mörder sein - und im Gegensatz zum klassischen Krimi scheint niemand ein Interesse daran zu haben, den Täter zu finden. Santiago Roncagliolo scheut sich nicht, grausame Details explizit zu beschreiben, was dem Leser Einiges abverlangt. Die unfreiwillige Komik des hilflosen Staatsanwalts bildet da nur ein schwaches Gegengewicht. Sehr düster sind auch apokalyptische Texte, die unverbunden in die Erzählhandlung eingestreut sind und deren Urheber wahrscheinlich der Mörder ist. Dass Roncagliolo sehr genau recherchiert hat, und viele seiner Schilderungen einen realen Hintergrund haben, macht die Sache nicht leichter verdaulich.

" 70.000 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Maoisten in Peru getötet oder "verschwanden". Das sind so viele Opfer wie in Chile, Argentinien und Uruguay zusammen. Doch während die Ereignisse dort bekannt sind, weiß man über den Krieg in Peru so gut wie nichts. Vielleicht auch deshalb, weil die peruanische Gesellschaft sich nicht damit befassen will. Staatsanwalt Chacaltana ist so blind, wie wir gerne wären. "

Santiago Roncagliolo verzichtet in "Roter April" auf eine politische Einordnung des Konflikts, dagegen gibt es zahlreiche Verweise auf die religiöse Tradition der Region und deren Umgang mit dem Tod. So lässt er seinen Roman in der Karwoche spielen, während der in Ayacucho große Prozessionen voller Todes- und Blutsymbolik stattfinden.

" Es ist die christliche Feier des Todes als Übergang zur Auferstehung. Zudem verbinden sich in Ayacucho die katholische und die andine Tradition. Und in der Kultur der Anden gibt es einen Mythos, wonach der Inkakönig bei der Ankunft der spanischen Eroberer zerstückelt wurde und seine Körperteile an verschiedenen Stellen des Reichs begraben wurden. Diese werden sich eines Tages vereinigen, und dann wird der Inka-König zurückkommen. Der katholische und der andine Mythos sind also identisch. "

Dass der Massenmörder im Roman auf diesen Mythos anspielt, indem er seine Opfer in entsprechender Weise zurichtet, mag man für eine überzogene Volte halten, die den dramaturgischen Regeln des Genres geschuldet ist. Interessant ist aber zweifellos Roncagliolos Beobachtung, dass die Ideologie des "Leuchtenden Pfads", der für 40.000 Tote in Peru verantwortlich ist, stark religiöse Züge aufwies.

" Um Schrecken zu verbreiten, muss man den Tod in irgendeiner Weise verherrlichen. Die Terroristen des "Leuchtenden Pfads" waren Marxisten und Atheisten, aber ihre Vorstellungen von der historischen Entwicklung waren de facto religiös: Sie glaubten an ein heiliges Buch, den Marxismus, sie glaubten an einen Propheten, nämlich ihren Führer, und sie glaubten an das Paradies, den Sozialismus. Um massenhaft töten zu können, muss man an ein übergeordnetes Ziel glauben. Dein Leben und das der anderen wird unwichtig. Es ist nur ein Übergangsstadium zu einem höheren Zustand. Tatsächlich kamen viele der Terroristen aus dem Katholizismus und tauschten einfach ihren Glauben aus. Und einige sind später im Gefängnis wieder zum Katholizismus zurückgekehrt. "

"Roter April" kann die Brutalität des Konflikts in den 80er Jahren und die Zehntausende von Opfer nicht erklären. Das wäre auch zu viel verlangt. Was Roncagliolo jedoch mit seiner Zuspitzung erreicht, ist ein ungeschönter Blick auf die jüngste Vergangenheit seines Landes.

" Ich wollte keinen Roman schreiben, der den Lesern erklärt, was sie glauben sollen, sondern einen, der zeigt, wie schwierig es ist, jemand zu glauben, wenn Krieg herrscht. Ich wollte darüber schreiben, wie sich eine Gesellschaft in eine Gesellschaft von Serienmördern verwandelt, in eine Gesellschaft von Psychopathen, egal auf welcher Seite sie stehen. Und dafür ist das Serienmörder-Genre am besten geeignet. "

Bibliographie
Santiago Roncagliolo: Roter April. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008, 333 S., 19,90 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk