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StartseiteKultur heuteEine Literaturszene im Aufbruch11.08.2013

Eine Literaturszene im Aufbruch

Georgien und seine Schriftsteller

Der Kulturhunger in Georgien ist groß. Seit mehreren Jahren gibt der Staat viel Geld für die Förderung der heimischen Literatur aus. Zugute kommt das Schriftstellerinnen wie Tamta Melaschwili, deren Roman "Abzählen" in diesem Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist.

Von Mirko Schwanitz

Blick auf die georgische Hauptstadt Tiflis:  Fünf Kriege hat Georgien seit 1990 durchlitten (AP)
Blick auf die georgische Hauptstadt Tiflis: Fünf Kriege hat Georgien seit 1990 durchlitten (AP)
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Vom Erwachsenwerden zwischen den Fronten

"Das hier ist der Eliawa-Markt in Tiflis. Hier bekommt man alles, was man für den Alltag braucht. Ich wollte ihn Euch zeigen, weil es ein eigenartiger Ort ist, ein Ort, der sich sehr schnell transformieren kann."

Die Schriftstellerin Tamta Melaschwili führt durch Gänge, voll mit Lebensmitteln, Werkzeugen, dem Geruch geölten Metalls. Für die Autorin ist der Eliawa so etwas wie ein Sinnbild für Georgien – ein sich langsam ordnendes Chaos. Melaschwili erinnert sich, dass dieses Chaos sie zwang, ihre ersten Geschichten in die Lücken zwischen die Zeilen eines gebrauchten Schulheftes zu schreiben.

"Das war eine reine ökonomische Notwendigkeit; denn es gab kein Papier. Aufgrund der Armut, in die uns die Kriege gestürzt hatten, besaß ich nur drei Hefte, die ich für die Schule brauchte. Ich konnte sie nicht für mein kreatives Schreiben nutzen. Das waren meine größten Probleme für mich als Kind."

Fünf Kriege hat Georgien seit 1990 durchlitten. Den letzten 2008, als Präsident Saakaschvili meinte, die abtrünnige Provinz Südossetien mit Waffengewalt zurückholen zu müssen. Doch nun will das Land mit aller Macht zurück zur Normalität. .

"Herzlich willkommen im Haus der Schriftsteller. Es gehörte einst einem Magnaten, der es von dem deutschen Architekten errichten ließ und es schon Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem Zentrum von Kunst und Kultur machte. Zur Sowjetzeit gehörte es dem Schriftstellerverband, doch nach der Wende verfiel es. 2011 befand sich das Haus in seinem sehr kritischen Zustand. Im letzten Jahr haben wir mit der Rekonstruktion begonnen."

Natascha Lomouri, die junge Leiterin des Schriftstellerhauses, führt durch Räume, die schon bald in altem Glanz erstrahlen werden. Das Gebäude im Art-Nouveau-Stil mit seinen uralten Villeroy & Boch-Mosaiken, den Glasziegeln aus Marseille und geschnitzten Treppengeländern könnte schon bald Georgiens schönstes Kunstzentrum werden.

"Hier wird es eine Bibliothek geben, ein Literaturcafé, Ausstellungen, ein Museum. Und hier oben im ersten Stock werden wir fünf Wohnungen für Writers-in-Residence bauen. Als Vorbild für alles dienen uns deutsche Literaturhäuser wie das in der Berliner Fasanenstraße."

Vor Jahren wäre es angesichts der nach wie vor angespannten Haushaltslage noch undenkbar gewesen, für solche Projekte Geld zu bekommen. Und auch die Nominierung der Schriftstellerin Tamta Melaschwili und ihres Romans "Abzählen" für den deutschen Jugendliteraturpreis, zeigt, dass die Bemühungen um eine Wiederbelebung des kulturellen Lebens Früchte tragen. Die Übertragung des Buches ins Deutsche wurde nämlich erst durch ein spezielles Übersetzungsförderprogramm des georgischen Kulturministeriums möglich. Guram Odischaria, ist selbst Schriftsteller und heute Kulturminister Georgiens.

"Es ist eine unserer Prioritäten, dass wir unsere Literatur intensiver in der Welt bekannt machen wollen. Deshalb bereiten wir uns darauf vor, Gastland der Frankfurter Buchmesse zu werden. Das bedeutet aber, dass wir noch sehr viele Bücher übersetzen müssen. Wir Georgier sind ein Volk, in dem Literatur einen sehr hohen Stellenwert hat. Wir nennen uns selbst ein "Büchervolk". Tatsächlich sind wir eines der wenigen Völker mit einem eigenen Alphabet und umso mehr möchten wir unsere Literatur in der Welt bekannt machen."

Guram Odischarias setzt fort, was sein Amtsvorgänger bereits begonnen hatte. Sein Ministerium fördert aus einem schmalen Budget von gerade einmal 40 Millionen Euro, die Übersetzung georgischer Literatur jährlich mit einer halben Million Euro. Eine Summe, die trotz knapper Kassen noch einmal aufgestockt werden soll. Das ist dringend auch notwendig, denn bisher gibt es weltweit nur sehr wenige Übersetzer, die in der Lage sind, aus dem Georgischen, einer Sprache die von kaum mehr als 4,5 Millionen Menschen weltweit gesprochen wird, zu übersetzen. Dass es sich lohnt, davon sind die Georgier überzeugt. Wie sagte Tamta Melaschwili? Es ist besser mit Literatur, als mit Kriegen bekannt zu werden.

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